Filmabriss: Die Haut in der ich wohne, Womb, Wrecked

Dreimal das Sujet Identität, jedes Mal auf vollkommen andere Weise verarbeitet: Während der neue Film von Pedro Almodóvar Die Haut in der ich wohne (2011) auf ästhetizistische, hocherotische Bilder setzt, bewegt sich Womb (2010) in den kargen, minimalistischen Gefilden klassischer Arthaus-Dramen. Und die Direct-to-DVD-Produktion Wrecked (2011) wiederum versucht sich in der Tradition, dunkler, verwobener amerikanischer Mindfuck- und Survival-Thriller. In welchem Genre hat die Thematik die Nase vorn, welchem Film gelingt es, dem Stoff neue Blickwinkel abzutrotzen, und welches Werk geht mit dem schweren Thema baden? Drei Filme, drei Rezensionen, ein Motiv: Cineastische Identitätssuche und Selbstfindung nach dem Klick…

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Schluss mit lustig! – Rezension zur fünften Stromberg-Staffel

Das ging dann alles doch schneller als vermutet. Im Überschwang der Vorfreude habe ich mir letzte Woche die Limited Pop-Up Edition zur fünften Stromberg-Staffel bestellt und deren Ankunft eigentlich erst die kommende Woche erwartet. Naja, Amazon hat mich bereits am Freitag mit dem Päckchen überrascht und das Wochenende war gerettet. Am Samstag Abend war ein Stromberg-Marathon angesagt: Immerhin 10 Folgen à 20 Minuten warteten darauf entdeckt und abgefeiert zu werden… Und es hat sich wieder einmal gelohnt. Nur soviel im Voraus: Die fünfte Staffel gehört mit zum Besten, was es von der großartigen Comedyserie – die ja alles andere als arm an Höhepunkten ist – bis dato zu sehen gab. Ich versuche die folgende Review so spoilerfrei wie möglich zu halten, was bei einer Serie natürlich immer etwas schwieriger ist. Wer Stromberg, Staffel 5 also so unbefleckt wie möglich sehen will, sollte gar nicht erst weiter lesen… wem ein kleiner, leicht verspoilerter Vorgeschmack nichts ausmacht, here we go.

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The Meth Project: Kampagnen-Spots von Darren Aronofsky

Mit der cineastischen Verarbeitung von Drogen hat Regisseur Darren Aronofsky (Black Swan, Requiem for a Dream) ebenso viel Erfahrung wie mit der Darstellung des Extremen, mit krassen Inszenierungen und dunklem, dem Zuschauer die Kehle zuschnürenden Pathos. Insofern macht es auch Sinn, dass er vom Meth Project für die Kampgane “What do you know about Meth” als Regisseur angeheuert wurde, mit der Vorgabe, dabei so schockierend wie möglich zu sein, um Jugendliche mit maximaler Effizienz von Crystal Meth fernzuhalten. Anhand der entstandenen Kurzfilme könnt ihr nun selbst ganz gut beurteilen, wie nah er diesem Ziel dabei gekommen ist… Sehr nah, würde ich sagen: Die gnadenlose Inszenierung vom Inneren zum Äußeren, das Unmittelbare, die schockierende Offenlegung der Meth-Folgen, der Pathos zwischen klinischer Helligkeit und dunklen Abgründen… das alles haut schon ganz schön rein. Weitere Spots nach dem Klick.

The Meth Project is a large-scale prevention program aimed at reducing Meth use through public service messaging, public policy, and community outreach. Central to the integrated, research-based campaign is MethProject.org—a definitive source for information about Meth for teens—supported by hard-hitting TV, radio, print, online, mobile, and social media campaigns that communicate the risks of Meth use.

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…Wie im Himmel so auch auf Erden. – Rezension zu “The Tree of Life” von Terrence Malick

Der Pathos, der Ästhetizismus und das Epische haben Einzug gehalten im internationalen Arthaus-Kino. Einen großen Anteil daran dürfte unter anderem Lars von Trier haben, der in den 00er Jahren erst sukzessive, später immer radikaler von seinem minimalistischen, naturalistischen Dogma95-Konzept abgerückt ist, zu Gunsten von großen Kamerafahrten, epischen Slow-Speed-Zeitlupen und großen Opern-Arien. Das Wunderkind des New Hollywood Terrence Malick indes war schon immer pathetisch. Egal ob in seinem elegischen 70er Jahre Klassiker Badlands (1973), in der schwelgerischen Gegenüberstellung von Krieg und Natur in Der schmale Grat (1998) oder zuletzt im metaphysischen Bilderbogen The New World (2005). Der mittlerweile fast 60jährige Regisseur kann in seiner Vita gerade mal sechs Langfilme aufweisen, die allerdings auch allesamt – jeder auf seine eigene Weise – eine Transzendentalisierung des Sujets, Mediums und Publikums versprechen. Da scheint es nur konsequent, dass er seinen neusten Streich, sein “persönliches Werk” The Tree of Life (2011) mit einem metaphysisch, religiösen und holistischen Rahmen ausstattet, der wiederum alle Grenzen des traditionellen Erzählkinos sprengen soll. Ist er dieses Mal zu weit gegangen? Ist seine Religion/Natur-Exegese zu stilverliebt, zu metaphysisch, universalistisch? Im Gebet hoffen wir auf eine Antwort…

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Filmabriss: Dogtooth, Beautiful, Bedingungslos

Nachdem es im letzten Filmabriss das volle Blockbuster-Programm mit Harry Potter, Super 8, und Planet der Affen Prevolution gab, verlassen wir dieses Mal die vorgewärmten Kinosessel und schauen uns im Videotheken-Regal in der Arthaus- und Independent-Film-Abteilung um. Ich weiß gar nicht, ob einer von den drei hier rezensierten Filmen eine Kinoauswertung hatte. Tendenziell wohl eher nicht. Auf jeden Fall liegen sie derzeit (relativ) frisch in der Videothek meines Vertrauens und bilden ein gutes Kontrastprogramm zu lauten, mainstreamigen Blockbuster-Orgien: Dogtooth eine verstörende, surreale Parabel in der Tradition des europäischen Autorenkinos, Beautiful ein düsterer Mysterythriller, der gerne das Blue Velvet des neuen Jahrtausends wäre, und Bedingungslos, in dem Ole Bornedahl (Nightwatch) mit perfider Montagetechnik den Zuschauer in einem alptraumhaften Sog gefangen nimmt. Was können die drei filmischen Ausreißer und lohnt sich für sie der Gang zur Videothek?

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Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts VI

Einen haben wir noch… den Letzten, versprochen. Dieses Mal geht es vor allem tief hinein in die weniger hellen und geradezu dunklen Facetten der amerikanischen Gesellschaft. In Dead Man Walking wird mit den Konsequenzen der Todesstrafe gehardert. In The Hurricane und Die Verurteilten wird das Leben der amerikanischen Gefängnisse und der zu Unrecht Angeklagten mit ergreifendem Pathos dokumentiert. Um ganz konkrete Schuld dagegen geht es in dem bitteren und dunklen Copdrama Bad Lieutenant, ebenso wie im pessimistischen Nazidrama American History X. Und wer glaubt, nur die Amerikaner hätten einen an der Klatsche, darf sich in Lars von Triers Idioten eines Besseren belehren lassen.

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Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts V

90er Filmdrama die Fünfte… Auch dieses Mal geht es auf eine Reise durch Länder und deren Mentalitäten. Im ersten Teil der Drei Farben Blau sucht Krzysztof Kieślowski in Frankreich nach dem Motiv der Freiheit und findet es in einer ästhetizierten Entwicklungsgeschichte. In Hitlerjunge Salomon sucht Agnieszka Holland nach den Gesichtern der Deutschen im Nationalsozialismus gesehen durch die Augen eines Juden, und in den beiden Independent-Dramen My private Idaho und Good Will Hunting versucht Gus Van Sant, sich den Außenseitern der amerikanischen Gesellschaft anzunähern. Gesellschaftliche Strukturen werden auch in Festen und Wiedersehen in Howards End aufgedeckt, in Rote Laterne führt die Unterdrückung des Ichs direkt in die Katastrophe und in Ein Herz im Winter gibt es trotz aller Fremd- und Selbstgeißelung doch wieder so etwas wie Hoffnung. Große Dramen vom Indie-Kino bis zum Historienepos, nach dem Klick.

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Kurzfilm der Woche: Sommersonntag

Bedrückendes unglaublich gut gespieltes Drama, in dem ein klassisches theoretisches Dilemma grausame Realität wird. Der Film mit Axel Prahl in der Hauptrolle hat 2008 zahllose Kurzfilmpreise gewonnen – unter anderem bei den Bamberger Kurzfilmtagen – und wurde mit dem Prädikat “besonders wertvoll” ausgezeichnet.

SOMMERSONNTAG ist die dramatische Geschichte von Bruno Hansen, einem Brückenmeister an der gigantischen Rethehubbrücke im Hamburger Hafen.
Er muß innerhalb von Sekunden entscheiden, ob er einen außer Kontrolle auf die Brücke zurasenden Zug mit etwa 300 Menschen an Bord entgleisen läßt oder das Leben seines gehörlosen Sohnes opfert.

Sommersonntag (Deutschland 2008)

Regie: Fred Breinersdorfer, Siegfried Kamml

Darsteller: Janos Giuranna, Axel Prahl

http://www.sommersonntag.com

Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts IV

Auf ein Weiteres… Im vierten Teil unserer Dramen-Retrospektive genießen wir noch einmal emotionale Feste der großen Traumfabrik. Mit Was vom Tage übrig blieb und Der englische Patient fallen die besten Eigenschaften Hollywoods und des britischen Erzählkinos zusammen. Mit Quiz Show und Apollo 13 breitet das amerikanische Kino seine Flügel aus und findet doch zum Menschen zurück. Dazwischen haben sich die europäischen Arthaus-Filme eingeschlichen: Dänemark, Island, Frankreich und Spanien liefern große Geschichten, die mal subtil und leise, mal in atemberaubender Länge, mal in drückender Schwere dem Publikum präsentiert werden. Neben den dunklen Seiten des Menschlichen in Amantes, Engel des Universums und Breaking the Waves darf in Die schöne Querulantin auch einfach nur das Leben, die Kunst, der Künstler und die Schönheit des Menschen gefeiert werden. Und am Ende werden alle ein wenig glücklicher sein… oder zumindest ahnen, was Glück bedeuten kann.

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Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts III

Wo waren wir noch gleich stehen geblieben…? Genau! Die besten Dramen der 90er Jahre gehen in die dritte Runde. Mit Jonathan Demme und Steven Spielberg fahren wir noch einmal Hollywood-Geschütze auf. Zwei sensible Themen – einmal HIV in Philadelphia, einmal die Vernichtung der europäischen Juden in Schindlers Liste – die für Hollywood-Verhältnisse erstaunlich sensibel, wenn auch nicht ohne Traumfabrik-Pathos, umgesetzt wurden. Aber auch die kleinen Filme abseits des großen Geschäfts kommen zu ihrem Recht: Das furiose Psychogramm Shine, das sarkastische Familiendrama Der Eissturm und Mike Leighs düstere Großstadtapokalypse Nackt beweisen, dass auch jenseits des großen Budgets herausragende Filme produziert werden. Und mit David Lynchs The Straight Story hat sich gar ein Regisseur im Dramen-Genre verirrt, den man dort so gar nicht vermuten würde. Alle Filme, inklusive Kurzreview und Trailer nach dem Klick.

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Zur Pukkelpop-Tragödie

Irgendwas zu einem Unglück zu bloggen hat irgendwie immer was moralisch Anrüchiges und lässt sich einen wie die Bild-Zeitung fühlen. Ich möchte auch nicht allzu viel Worte über das Unglück in Belgien verlieren, aber wenn man eben selber schon auf dem Pukkelpop war und mit so vielen positiven Eindrücken, nicht nur die Musik betreffend, nach Hause kam macht es einen persönlich sehr betroffen. 2009 habe ich zusammen mit ein paar Bekannten das große Festival bei unseren belgischen Nachbarn besucht und dort ein extrem nettes und zuvorkommendes Festival-Publikum getroffen, das sowohl Newcomern als auch großen Acts eine faire Chance gibt. Man musste sich auch direkt vor der Bühne nie fürchten gleich zerquetscht zu werden. Party ja, aber nicht auf Kosten anderer, so war mein Eindruck von diesem in meinen Augen sehr gut organisierten Festivals. Wir alle waren sicher, sowas in der Form bei den meisten deutschen Festivals nicht erlebt zu haben, allen voran natürlich bei “Assis Liebling” Rock am Ring. Es ist einfach schade, wie sehr das Pukkelpop wieder einmal in die Schlagzeilen für Geschehnisse kommt, die es einfach nicht beeinflussen konnte, so wie dem Selbstmord des Ou est Le Swimming Pool Sängers, kurz nach seinem Festival-Auftritt 2010. Das Festival wird aufgrund der Ereignisse nicht mehr fortgesetzt, hier noch einmal die Mitteilung der Organisatoren im Wortlaut:

Pukkelpop is in deep mourning. We truly sympathise with the families and friends of the victims.

Words are not enough. We have struggled with the decision to continue the festival. Therefore we have decided to cancel Pukkelpop 2011.

What has happened is very exceptional and could not have been predicted. We are deeply moved by all the spontaneous support the festival goers and the organisation have received.
We call on all Pukkelpoppers to return home calmly. Extra buses and trains have been organised to bring everybody home.

Undoubtedly many of you have many practical questions. That is why we ask you to direct them to info@pukkelpop.be.

We ask everyone to understand that this decision was extremely difficult to make.

Auf Facebook wurde eine Kondulenz-Seite namens “Pay Your Respects” eröffnet.

Die 90er Jahre: Die extremen, polarisierenden und kontroversen Filme des Jahrzehnts II

Hier kommt sie, die zweite Ladung der provozierenden und extremen Filme der 90er Jahre. Düstere Destruktionen der amerikanischen Gesellschaft in Gummo, eine verstörende Mischung von Sex und Gewalt in David Cronenbergs Crash, politischer Aktivismus im verschwörungstheoretischen Gewand von Oliver Stone in JFK – Tatort Dallas, bewusster Dilettantismus und die Reduktion des Filmischen auf das Notwendige bis hin zur vollkommenen inszenatorischen Nacktheit bei Lars von Triers Idioten und schließlich Perdita Durango, der Mitreiter auf der Welle des Tarantinoesken Kinos, der mit seiner zugespitzten, ungebrochenen Sympathie für die gewalttätigen Protagonisten aus dem Gangsterkino der 90er heraussticht.

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Die 90er Jahre: Die besten Tragikomödien des Jahrzehnts III

Ja… wir haben noch ein paar Tragikomödien, die das cineastische Jahrzehnt der 90er entscheidend mitgeprägt haben und auch heute noch unbedingt sehenswert sind. Wie schon die letzten Male aufgefallen sein dürfte, ist in diesem Genre vieles möglich: mal kippt es fast komplett zur Tragödie um, mal obsiegt das Lachen eindeutig, mal hält es die Waage und ein anderes Mal flirtet es mit surrealen, grotesken Momenten. So jedenfalls in der australischen Farce Bad Boy Bubby und Woody Allens sarkastischem Biopic Harry außer sich. Friedvoller, traditioneller geht es dagegen in den humanistischen Tragikomödien Grüne Tomaten und EDtv zu, auch wenn diese beiden ebenso eine ordentlich gesellschaftskritische Komponente besitzen. Diese spielt ohnehin in fast allen Filmen dieses Artikels eine Rolle. Egal ob als sarkastische Vorstadtsatire wie in Happiness oder als schillernde Auseinandersetzung mit Transgender-Topoi wie bei Priscilla – Königin der Wüste. Die besten Tragikomödien sind eben auch oft politisch oder zumindest gesellschaftskritisch motiviert, jedoch ohne, dass sie von ihren Themen inhaltlich erschlagen werden…

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Die besten Filme der 90er: Zumindest beachtenswert – “The Brave” (1995) von und mit Johnny Depp

Vielleicht nicht gerade einer der besten Filme der 90er, aber allemal sehens- und erinnerungswert ist das Regiedebüt von Johnny Depp, in dem der talentierte Allrounder nicht nur die Inszenierung sondern auch gleich die Hauptrolle übernahm und somit eine gediegene und interessante One-Man-Show ablieferte. Wer bei One-Man-Show in Verbindung mit dem Namen „Johnny Depp“  nur an Fluch der Karibik oder Dead Man denkt, sollte sich durch „The Brave“ von 1997 umgehend eines Besseren belehren lassen. Der von Depp verkörperte Protagonist dominiert auf eine originelle – dem Sterbenden in Dead Man nicht ganz unähnliche Art und Weise – den gesamten Film. Sprich, wir sehen hier den ruhigen, sensiblen, melancholischen,  Johnny Depp, der zugleich als aufopferungsvoller Kämpfer für das Wohl seiner Familie agiert.

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Animated Short der Woche: Chernokids

Puh… das ist schon ganz schön düster, nicht nur wegen der Aktualität des Stoffes. Neben der tragischen, unheimlichen und poetischen Komponente überrascht Chernokids im letzten Drittel allerdings auch mit einem kurzen – dafür umso radikaleren – ästhetischen Bruch, der zumindest für einen kurzen Moment jegliche Intentionalität des Films aus den Angeln zu heben scheint.

Chernokids (Frankreich 2010)

Macher: Matthieu Bernadat, Nils Boussuge, Florence Ciuccoli, Clément Deltour und Marion Petegnief

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