Filmabriss (Science Fiction, 2014): Under the Skin, Elysium, Edge of Tomorrow, Transcendence

scifi2014

So es ist mal wieder an der Zeit für einen kleinen Filmabriss, der sich tatsächlich konsequent aktuellen Filmen widmet: 2014 scheint wie bereits 2013 auf den ersten Blick ein ganz hervorragendes Jahr für das SciFi Genre sein. Nachdem ich vor ziemlich genau einem Jahr meine Begeisterung für Oblivion und Ender’s Game und vor knapp einem halben Jahr meine Begeisterung für Her, Lucy und den Planet der Affen kundgetan habe, sind in den letzten Monaten noch ein paar weitere interessante Genre-Beiträge durch mein Heimkino gerauscht, und das dann auch gleich in den unterschiedlichsten Variationen: Zum einen das Genre als Leinwand für artifizielles, eskapistisches Kunstkino in der Scarlett Johansson One-Woman-Show Under the Skin, zum Zweiten das Genre als Leinwand für dystopische Gesellschaftskritik in Elysium, zum Dritten das Genre als Hintergrund einer philosophischen Auseinandersetzung mit KI und Digitalität in Transcendence und last but not least, das Genre als Vorwand für Big Budget Kriegs- und Actionkino in Edge of Tomorrow. Welcher der Beiträge was taugt, lest ihr nach dem Klick.

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Les Revenants / The Returned – Review, Staffel 1

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Seit der ersten Staffel der Sopranos und der daraus resultierenden, tatsächlich überwältigenden, Welle an fantastischen Tripple A Serien aus den USA gehört es vor allem in Deutschland zum beliebtesten Volkssport der Feuilletonisten, über die vor sich hindarbende Serienlandschaft in Europa zu lästern. Mag das angesichts der miserablen Lage im deutschsprachigen Raum seine Berechtigung haben (Oh yeah! Noch ein Tatort-Klon), so haben andere europäische Länder in den letzten Jahren das ein oder andere mal bewiesen, dass auch der alte Kontinent dazu in der Lage ist, mit High Quality Serien zu punkten. Erinnert sei an dieser Stelle nur an die herausragende Roboterserie Real Human, die mittlerweile in die zweite Staffel gegangen ist und die sich weder ästhetisch noch inhaltlich vor den großen US-Serien verstecken muss.

2014: Bühne frei für das nächste, große, potentielle Serienmeisterwerk, fabriqué aux Europe: Les Revenants alias The Returned aus dem französischsprachigen Raum. Ein faszinierender Hybrid aus Drama, Mystery, Grusel und sozialer Parabel, den sich der aufgeschlossene Serienfreund keinesfalls entgehen lassen sollte.

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Liebe – Glaube – Hoffnung –
Die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl

Ulrich Seidl gehört zu den letzten großen Avantgardisten des deutschsprachigen Kinos, er ist ein Extremist mit Kamera, der hinter nacktem, bisweilen brutalem Naturalismus große Themen versteckt, der sich nicht zu schade dafür ist einen pseudodokumentarischen Überbau zu benutzen, um dahinter große gesellschaftliche, politische und philosophische Themen zu verhandeln. So gelang es ihm in Hundstage (2001) Wien und seine Einwohner bis auf den menschlichsten allzu menschlichsten Kern zu entblättern und anhand trister Lebensbilder ein großes, urbanes Panorama zu entwerfen. Und so konnte er auch in Import Export (2007) einen Clash of the Cultures als Bühne für tiefe humanistische Fragen benutzen. Auch in seiner Paradies-Trilogie verfolgt Seidl dieses Prinzip und geht dabei bereits titeltechnisch in die Offensive: Das hier “Größeres” erzählt werden soll, steht wohl außer Frage, wenn die drei Filme mit dem Paradies-Präfix gemeinsam den ersten Korintherbrief des Paulus zitieren, als Dreierbund die traditionellen christlichen Tugenden benennen und zudem noch Richtung Ödön von Horváth und dessen Drama Glaube Liebe Hoffnung (1932) schielen. Aber gibt es auch eine Verbindung zwischen den Filmen jenseits der Verbundenheit der Titel? Und wie funktionieren sie als einzelne Werke? Ein Blick auf einen cineastischen Kosmos zwischen Dokumentation und Transzendenz, zwischen Porträt und Satire, zwischen tristem Alltag und großen Drama:

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Only God Forgives: Ein offener Brief an Nicolas Winding Refn

Nein, lieber Herr Refn, wirkliche Freunde werden wir in diesem Leben wohl nicht mehr. Dabei will ich Ihnen nicht einmal vorwerfen, dass sie der wohl überbewertetste Regisseur unserer Tage sind. Schließlich können sie dafür nun wirklich nichts, oder? Okay, die ein oder andere ästhetizistische Hipster-Masturbation haben Sie in ihren letzten Filmen schon verbrochen, von kalkulierter Jagd nach Stimmvieh (bei der Wahl um den größten lebenden Regisseur) ist das dennoch weit entfernt. Nein, ich nehme Ihnen den Hype um sie wirklich nicht übel, im Grunde genommen mag ich Ihre Filme ja auch: Den düsteren transzendentalen Trip, Valhalla Rising, der ist wirklich großes Kino, das Slow Motion Actiondrama Drive, ja auch das hat seine Momente… und ja, auch die Pusher-Filme und Bronson sind düstere Action-Bastarde, in denen verdammt viel Kreativität steckt. Ich glaube Ihnen sofort, dass sie mit Herzblut dabei sind und ihre Filme tatsächlich – ohne jede Kalkulation – anders erzählen wollen. Aber um Gottes Willen, müssen sie dabei immer so dick auftragen? Müssen sie dabei immer so sehr den Style- und Design-Göttern huldigen, sich derart in ihren glänzenden und zugleich schmutzigen Bildern verlieren, dass sie drumherum vollkommen vergessen, irgendetwas mit Substanz zu erzählen?

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Les Voyageurs – Zerschredderte Skulpturen

Faszinierende Arbeiten des französischen Künstlers Bruno Catalano. In ihrer Menschlichkeit zerrissen, innerlich und äußerlich fragil wirken die unvollständigen, im wahrsten Sinne des Wortes unvollkommenen, Skulpturen, die Catalano selbst als Les Voyageurs bezeichnet: Wohin reisen diese zerschredderten Menschen? Sind sie auf der Suche nach sich selbst, nach Vervollkommenung. Oder haben sie auf ihrer Reise viel mehr ein Stück von sich selbst verloren oder gar freiwillig aufgegeben, um zu neuen Menschen zu werden? Mehr dieser einsamen, verlorenen und suchenden Kreaturen gibt es bei My Modern Metropolis zu sehen.

via Neatorama

Filmabriss (2012er Recap III): Drive, Keyhole, Django Unchained, Cosmopolis

Joa… weiter gehts mit der Aufarbeitung des Kinojahres 2012: Die folgenden Reviews möchte ich dann mal unter dem Banner zusammenfassen: “Hipsters get, what hipsters want!” Sprich, Filme, die auf irgendeine Weise diesen Hipster-Link haben, sei es, weil sie sich besonders originell geben, sei es, weil sie besonders stylish sind, sei es weil sie als abstrakte Nerd-Kunstwerke daherkommen oder sei es einfach weil sie aus der Feder eines Hipster-Lieblings stammen. Das muss per se erst einmal kein Qualitätsmerkmal sein. Ein Film kann sehr wohl wie z.B. Drive voll im Trend liegen und dennoch über seine Zeit hinaus eine cineastische Wirkkraft entwickeln, ein Film kann wie Guy Maddins Keyhole als anspruchsvoller Ritt durch Genres daherkommen und trotzdem eine leere, nichtssagende Hülle bleiben. Filme können wie Tarantinos Django-Interpretation oder David Cronenbergs Cosmopolis ordentlich Namedropping betreiben und dennoch alle Erwartungen unterbieten, das Publikum unterwältigen. Und in jedem dieser Fälle ist selbstverständlich auch immer das jeweilige Gegenteil möglich. Welcher der folgenden Filme über Hipsters Liebling hinausreicht und welcher womöglich schnell vergessen gehört, erfahrt ihr in den Rezensionen nach dem Klick.

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Filmabriss: Red State, Sleeping Beauty, Chronicle, Monsters, The Hunger Games

So…  ich habe mal wieder Lust auf einen kleinen Filmabriss. Deser Artikel liegt schon seit Januar 2012 ohne größere textuelle Bestückung bei unseren Entwürfen rum und wartet geradezu darauf, endlich mit Lob und Verriss gefüllt zu werden. Dementsprechend gibt es hier keinen großen neuen Stoff zu finden. Kinogänger können gleich weiter wandern, das Haltbarkeitsdatum für die Leinwand ist bei diesen Filmen längst abgelaufen. Aber gerade Leute wie ich, die eine sympathische Videothek ihres Vertrauens in der Nähe haben und am Überlegen sind, was sie sich aus dem Filmprogramm der letzten 12 Monate als nächstes ausleihen könnten, dürften hier fündig werden: Tarantinoeskes von Kevin Smith in Red State, Arthausiges in Sleeping Beauty, Sci-Fi-Action mit einem Schuss Gesellschaftskritik in Chronicle und Monsters… und der große Teenager-Hype The Hunger Games. Ich versuche die entsprechenden Rezensionen ein wenig rough zu halten: Keine großen Inhaltsangaben, keine tiefschürfenden Analysen, stattdessen just my two cents zu dem DVD-Kram, den ich mir aus dem aktuellen Programm in letzter Zeit so gegeben habe. Viel Spaß.

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In der Freiheit gefangene Körper

Das vom holländischen Design Kollektiv Dutch Invertuals entwickelte und von Raw Color für die Dutch Design Week umgesetzte Projekt Invertuals 3 ist eine abstrakte Auseinandersetzung mit Grenzen und Gefahren der individuellen Freiheit. Menschliche Körper sind in ihrer eigenen, in weißer Unschuld gefärbten, Blase als Unberührbare eingesperrt. Ihre Bewegungen scheinen wie eine Suche nach dem Sinn, das verzweifelte Ringen nach etwas Greifbaren in dem indifferenten, glasigen Nebel. Und dabei sind es immer der Selbstverlust, die Selbstaufgabe, die als greifbare Gefahr im endlosen, abstrakten Raum als Gefahr offensichtlich werden. Großer Symbolismus, eindringlich pointierter Minimalismus und wundervolle, ausdrucksstarke Performance- und Bildkunst.

Dutch Invertuals are responding to the prevailing spirit of uncertainty and the downside of freedom. Through research and experiment, the group of designers translated the theme of vulnerability to contemporary designs.
Raw Color created the photo-series for this years exhibition expressing each participants vulnerability.

Invertuals 3 via benhammer

Browsergame: Personal Trip to the Moon

Lust auf ein ungewöhnliches Spielerlebnis? Personal Trip to the Moon ist ein ungewöhnlicher Trip, der irgendwie zwischen metaphysischer Reise, interaktiver Geschichte und nostalgischem, schwarz-weißen Retrogame oszilliert. Ist natürlich Kunst… also so richtig Kunst. Medium Spiel als Experimentierraum und so weiter. Und an manchen Stellen für meinen Geschmack etwas zu sehr nebulös, transzendental selbstverliebt. Unabhängig davon ist der Trip zum Mond aber ein faszinierendes, interaktives Abenteuer mit netten SciFi-Reminiszenzen und einer schönen, poetischen Gesamtatmosphäre.

Personal Trip to the Moon via Pixellevel

The Social Network

Nicolas Ritter, Student der Visual Communication, hat mit The Social Network eine ziemlich elegante Foto-Serie inszeniert, in der alltägliche, profane Handlungen auf Facebook als surreale, skurrile Choreographie performt werden. Dabei werden die beteiligten Darsteller und Models auf ziemlich unheimliche Weise anonymisiert und in grotesken Szenarien arrangiert, die auch einem Franz Kafka gefallen hätten. Die morbiden, düsteren Seiten der Sozialen Netzwerke, jedoch nicht ohne ein gehässiges Augenzwinkern. Oben seht ihr die Allegorie für das Fan-Werden. Unten als erstes “People you may know…” gefolgt von der Änderung des Beziehungsstatus. Alle weiteren Fotos gibt es bei Nicolas Ritter selbst zu sehen…

“The Social Network”
is a series of humorous
photographic illustrations
about facebook specific
vocabulary and staging
of banal things in social
networks.

The Social Network via Ignant

Animated Short der Woche: OBEN

Wow! Ich habe selten einen animierten Kurzfilm erlebt, der so gekonnt mit der Kadrierung des Mediums arbeitet. Gerade in den ersten Minuten ist dieser schwindelerregende Wechsel von Cinemascope zu Vertical Video zu 16:9 schon über-episch. Aber auch darüber hinaus ist Oben einfach nur fantastisch: Dramaturgie, Storytelling, die Bilder, das Sounddesign…. einfach nur groß und mitreißend. Unbedingt im Vollbildmodus genießen und entführen lassen.

Erzählt wird die Geschichte eines Sterbenden in einer großartigen Montage aus Krankenhaus-Szenen und Bergbesteigung, allegorisch für den Weg zum Ende des Tunnels. Mag abgedroschen klingen, aber dank der fantastischen Umsetzung mehr als würdevoll und ehrfurchtseinflößend.

OBEN (Frankreich, 2012)

Graduation film of EMCA (animation school/ FRANCE) by

Thierno Bah - bahthierno.blogspot.fr/
Noé Giuliani - coprolitre.blogspot.fr/
Pierre Ledain - lamaingauche.blogspot.fr/
David Martins da Silva - martinsdasilvadavid.blogspot.fr/

Sound design by Prince N’Gouda Ba
EMCA 2012

via

Kurzfilm der Woche: Fragments

Shewwww… da hat jemand die poststrukturalistischen Theorien des fragmentierten Subjekts aber ziemlich wörtlich genommen. Hugo Bravos Fragments ist ein spannend umgesetzter, minimalistisch inszenierter Kampf zwischen zwei Menschen, in einer Welt, die zerfällt und dabei die Subjekte permanent mit sich mitreißt. Klingt zu abstrakt? Ist es auch… aber gerade deswegen entsteht aus dem minimalistischen Setting, trotz der Kürze, eine unfassbar epische Auseinandersetzung mit Ich, Anderem und Welt.

Realisierung und Konzept: Hugo Bravo.
Produktion : Dimitri Cohen-Tanugi, Alexis Laffaille, Pierre Razetto, Morgane Souris.
Schauspieler: Pierre Razetto und Mehdi Leffad.

via Seitvertreib

Kranke Figurationen von Olivier de Sagazan

Puh… da bewirbt sich jemand für die Regie der kommenden Tool oder Nine Inch Nails Videos… oder für das Art-Design des kommenden Lynch-Streifens… oder für einen Innenarchitekten-Job direkt in der Hölle. Sowohl Bilder als auch Videos von Olivier de Sagazan sind zutiefst verstörende Trips in die Abgründe des menschlichen Individuums: Destruktive, dekonstruktive Metamorphosen, Bodyhorror zwischen Verfall und Mutation, zwischen Ästhetik des Hässlichen und surrealer, pathologischer Selbstentortung. Ist das jetzt poetisch oder einfach nur böse? Faszinierend ist es allemal.

Weitere Werke von Olivier de Sagazan via Robotmafia

Neue Bücherwelten von Guy Laramée

Den Buch-Künstler Guy Laramee habe ich an anderer Stelle zuvor schon ordentlich abgefeiert. Daher spare ich mir das an dieser Stelle und verweise nur kurz auf sein neues Projekt Guan Yin, das er – beeindruckt von dem Tode seiner Mutter – den geheimen Kräften hinter der Welt widmet. Die textliche Ummantelung des Projekts mag für meinen Geschmack ein wenig zu esoterisch sein, ändert aber nichts daran, dass die dabei entstandenen Werke wieder wundervollste Objektkunst vom feinsten sind. Schaut es euch an…

Everything we know, everything we did, everything we think we are, everything and everyone we love, all this will be wiped out. We would like to think that something will remain, culture, knowledge, or call it “life” if you don’t want to call it God, but of this also, we have no certitude. “No certitude” seems to be the only one we have, but even this is a concept, and concepts are the first thing to go down the drain, aren’t they ?

This project is dedicated to the mysterious forces thanks to which we can traverse ordeals.

Guan Yin by Guy Laramee via Colossal

Poetisches für den Sonntag: Reality Rearranged, René Magritte Revitalised

Eine der schönsten Reminiszenzen an den großen, modernen surrealistischen Künstler René Magritte, die ich je gesehen habe: In der schwarz-weißen fotografischen Reihe  Reality Rearranged entwirft der schwedische Künstler Tommy Ingberg die faszinierende Reise eines kopflosen, huttragenden Jedermanns durch die Wirren einer poetisch verkürzten supranaturalistischen Welt: Bilder, Symbole, Träume und ein angenehm nostalgischer Touch von Hommage an die Kunst des klassischen Surrealismus. Verträumt, verwegen, poetisch… und einfach nur wunderschön.

Reality Rearranged via My Modern Metropolis