FFO ART

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Wow! Einfach nur wow! Es ist echt verflucht lange her, dass ich aktuelle, derart beeindruckende, alles wegknallende Bildende Kunst gesehen habe. FFO’s Thema sind menschliche Beziehungen in allen erdenklichen Formen. Wie der anonyme Künstler, die anonyme Künstlerin dies in ihrem/seinem Tumblr umsetzt, sprengt aber jeglichen körperlichen und mentalen Rahmen:

Is this real? Or has this been happening inside my head?” 
Of course it is happening inside your head, but why on earth should that mean that it is not real?”

Körper werden destruiert und dekonstruiert, zerfließen mit der Umgebung, mit den Mitkörpern, werden aufgesprengt und in anatomisch nackte Monstren verwandelt. Surrealismus und Romantik treffen sich zum gemeinsamen Walzer, Erotik, Morbidität, Sehnsucht und Zynismus geben sich ein Stelldichein und dazwischen weiß der Betrachter nie, ob er sich gerade in einem Pop-Universe, einer pittoresken postmodernen Modenschau oder doch nur im Gehirn eines extrem dissoziativen Künstlers befindet. Anyway, ganz ganz große Kunst und mit das beste was mir in letzter Zeit auf Tumblr über den Weg gelaufen ist.

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FFO ART via doktorsblog

Zombiefilm-Abriss: The Returned, Ben & Mickey vs. the Dead, Mutants, World War Z, White Zombie

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Genau so schwer wie seine Protagonisten ist das Genre des Zombiefilms totzukriegen. Nach dem großen Revival der 00er Jahre und einer wahren Blütezeit an Remakes/Fortsetzungen/Neuerfindungen ist der Zombiefilm auch im Jahr 2014 quickuntot. Und ich habe das Gefühl, gerade in den ersten beiden Quartalen mehr Film rund um Zombies gesehen zu haben als im gesamten Jahr davor. Also ist es mal wieder an der Zeit einen klar fokussierten Filmabriss zu schreiben, unter den Tags: Zombies, Untote, Infizierte… Neben neuen Vertretern wie den klassischen Fantasyfilmfest-Flicks The Returned und Ben & Mickey vs. the Dead werfe ich einen kurzen Blick auf den schon etwas älteren französischen Horror Nouvelle Vague Mutants aus dem Jahr 2009 und den letztjährigen Hollywoodbeitrag zum Subgenre World War Z. Und da die Zeit gerade da ist, schadet es auch nichts, sich kurz mit dem Klassiker überhaupt auseinanderzusetzen. White Zombie aus dem Jahr 1932, der gemeinhin als der erste Zombiefilm überhaupt gehandelt wird.

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Zarathustra die fette Katze infiltriert klassische Gemälde

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Die Künstlerin Svetlana Petrova lässt ihren dicken Kater Zarathustra auf Gemälde los… und der macht dabei natürlich das, was Katzen am besten können: Raum für sich beanspruchen: Egal ob während der Geburt der Venus, im Beharren der Erinnerung oder in den Armen der Mona Lisa, Zarathustra weiß, wie man Aufmerksamkeit auf sich zieht und schmiegt sich brutal aber auch perfekt in die klassischen Gemälde ein.

Großartige Remix-Kunst in der Catconten-Camouflage, irgendwo zwischen Kreischen, Lachen und begeistertem Staunen. Petrova selbst über ihre Arbeit:

I’m a professional artist, and I was fond of Internet memes, and I thought maybe I can make an Internet meme who would at the same time [be] a work of art. And I did this.

Leute! Groß! Surft da hin!

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petrovacollage2Fat Cat Art via Beautiful/Decay

Die Schönheit “böser” Menschen – Zeichnungen von Sean Lewis

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Ja, ich sehe es eigentlich ganz ähnlich wie Amber Frost von Dangerous Minds: Allein wenn ich schon höre, dass jemand Serienkiller oder sonstige Gewaltverbrecher auf Gemälden verewigt, setzt bei mir ein bestimmter Widerwille ein. Es geht nicht darum, dass ich ein Problem damit hätte, mit der Ästhetisierung des Bösen könnte eine Gewalt-Apologie oder gar -Glorifizierung einhergehen, viel mehr birgt diese Form der Kunst bereits im Ansatz die Gefahr zu irgendeinem Dark Gothic Kitsch Schmu ohne Substanz zu werden. Bei den Zeichnungen von Sean Lewis sieht das anders aus. Dieser versucht nämlich gar nicht erst eine kitschige Ästhetik des Bösen, Dunklen, metaphysisch Abgründigen zu entwerfen, sondern konzentriert sich stattdessen voll und ganz auf die Einsamkeit, Traurigkeit, die Melancholie und daraus auch resultierend die allermenschlichste Schönheit seiner Vorlagen und Sujets.

Die Bandbreite seiner Motive reicht von anarchistischen Paranoikern wie dem Una-Bomber (oberstes Bild) über psychotische Killer wie Andrea Yates (Bild Nr. 2) oder Phil Spector (Bild Nr. 3) und klassische Serienkiller wie Ed Gain oder Aileen Wuornos (Bild Nr. 4) bis hin zu historischen Gewalttätern wie der Ku Klux Klan Koryphäe George Gordon (Bild Nr. 5). Bei Juxtapoz findet sich noch ein ziemlich spannendes Interview mit dem mMn. äußerst humanistischen Künstler:

Most of the figures I focused on are bastardized figures in society and adding to that condemnation didn’t seem like a particularly interesting angle to take. Especially after researching their lives I came away feeling sorry for them and their circumstances. Unchecked mental illness, negligent and manipulated upbringings, they’re all sad stories and I felt it was really important to step back and show some empathy for people that never really got any.

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Sean Lewis’ Blog via Dangerous Minds

Wissenschaftliche Arbeit: Motivik der Improvisation im Spätwerk Kleists

Ich glaube, ich habe es schon mal kurz angekündigt: Ich wollte meine Magisterarbeit über die Motivik der Improvisation im Spätwerk Heinrich von Kleists auf jeden Fall auf irgendeine Weise der Öffentlichkeit zugänglich machen. Und da ich weiß, dass es utopisch ist, davon auszugehen – ohne finanzielle Investition bei einem obskuren Zuschussverlag – die Arbeit tatsächlich gebunden veröffentlichen zu können, da ich keine Lust habe, damit bei BOD Cent-Beträge zu sammeln und weil ich doch wissenschaftlich relativ idealistisch unterwegs bin, werde ich sie an dieser Stelle einfach mal für lau online publizieren. Wie gesagt, es handelt sich “nur” um eine Magisterarbeit, in der allerdings dennoch viel Herzblut steckt und für die ich immerhin die Bestnote bekommen habe. Vielleicht gibt es ja den ein oder anderen da draußen, der Interesse an dem Inhalt hat, oder ihn auf die ein oder andere Weise für sich verwerten kann.

Fragt mich aber bloß nicht, wie ihr am besten aus einer Onlinequelle zitiert… Wenn ihr in einem wissenschaftlichen Text auf etwas aus der Arbeit zurückgreifen wollt, empfehle ich als Quellenangabe: “Bayer, Florian: Die Verfertigung des Menschen Im Handeln. Motivik im Spätwerk Kleists. Berlin, 2013.” und zusätzlich als Quelle vielleicht den Permalink auf diese Seite, inklusive letztem Abrufdatum. Stellt euch dabei aber auf ein leichtes Stirnrunzeln eurer Prüferin oder eures Prüfers ein. Falls ihr trotzdem Gedanken davon verwerten könnt, oder ihnen vielleicht auch widersprechen wollt, freue ich mich total, wenn ihr mich anschreibt oder mir eine Kopie eurer eigenen Arbeit schickt. Und damit genug der einleitenden Worte. Hier ist das 116-Seiten Dokument:

Die Verfertigung des Menschen im Handeln. Motivik der Improvisation im Spätwerk Kleists (PDF)

Art X Smart – Gadgets in klassischen Kunstwerken

Verdammt… das ist sowas von Hipster-Kultur, das es mir fast schon peinlich ist, das an dieser Stelle zu teilen: Der koreanische Illustrator Kim Dong-Kyu verpflanzt iPhones und iPads in klassische Meisterwerke der Bildenden Kunst und dürfte damit voll und ganz den Nerv des urbanen, ironischen Trendsetters treffen. Ich würde die Bilder auch tatsächlich dann erst einmal als das nehmen, was sie sind: Schicke Mashup-Spielereien ohne größeren Hintergrund, ohne große Relevanz…

….Wäre da nicht dieses eine fantastische Bild dabei, auf dem Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer (1818) ganz zeitgemäß mit einem iPhone in der Hand auf dem monumentalen Berg thront und das beeindruckende Nebelmeer mit seinem Device digitalisiert.

Es ist lange her, das ich derart prägnant den Zeitgeist des digitalen Zeitalters auf ein Bild gebannt gesehen habe: Gerade dieser Bruch, die monumentale Weite des romantischen Gemäldes gebrochen durch ihre eigene Medialisierung, indem sie zu einem digitalen Abbild auf einem Gadget zusammenschrumpft, lässt dieses Bild fast schon erhaben wirken. Man könnte hier natürlich den einfachsten Weg gehen und das ganze als Kritik an der medialen Vermittlung unserer Zeit lesen, ich finde eine Deutung des Bildes ohne Zeigefinger aber weitaus spannender: Wie medialisiert ist unsere Welt? Was gewinnen, was verlieren wir dadurch? Und wie ist es möglich das schönegutewahre digital zu reproduzieren? Wird durch den ironischen Bruch innerhalb des Bildes nicht vielleicht sogar deutlich, wie anmaßend die romantische Kunstära war, wie sie in ihrem Pomp ästhetische Auren zurechtkonstruierte, wie sie ihren eigenen Repräsentationen einen Wert gab, der die Kunst geradezu ins Metaphysische übersteigerte? Und ist dieser “laxe” Umgang mit Kunst in unserer Zeit nicht auch ein Stück Erlösung des Werkes, da es durch die digitale Reproduktion von all dem metaphysischen Ballast vergangener Kunstepochen befreit wird? Wir digitalisieren, teilen, reproduzieren… und ehren dadurch endlich wieder das Kunstwerk als solches; nicht irgendein zurechtgebasteltes Phantasma von transzendentaler Wahrheit in der Einzigartigkeit des Mediums. Was der Wanderer auf diesem Bild macht ist in gewissem Sinne auch eine Demokratisierung der Kunst, eine Zerstörung des Despotismus der Romantik, eine Befreiung des Augenblicks von ästhetischen Fesseln die Ewigkeit postulieren, ein Zurückführen des Bildes zum Bild.

Anyway, ein fantastisches Mashup. Die anderen Bilder von Kim Dong-Kyu sind zwar eher so nette Spielereien, trotzdem soll an dieser Stelle nicht auf ihre Verlinkung verzichtet werden.

Art X Smart via Visual News

Filmabriss: Stoker, Lore, Ginger & Rosa, Vielleicht lieber morgen

Mal wieder ein kleiner Überschlag an Filmen, die ich in den letzten Tagen, Wochen, Monaten gesehen habe. Was die vier Filme eint: Sie fallen allesamt irgendwie – mitunter auf sehr merkwürdige Weise – in den Bereich des Coming-of-Age Dramas: Teenagernöte, Teenagersorgen, Teenagergefühle… in allen vier Filmen relativ erfolgreich auf erfrischend klischeefreie Weise erzählt: So nutzt Stoker die Adoleszenz als Leinwand für einen düsteren Psychothriller, Lore setzt sich in ihr mit der deutschen Geschichte auseinander, Ginger & Rosa versucht sich gleich in einem universellen Generationenporträt der 60er Jahre, und last but not least entfaltet Vielleicht lieber Morgen auf dem Hintergrund einer rührenden Indie-Komödie die kraftvolle Erzählung eines Traumas und dessen Konsequenzen.

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Breaking Bad: Season 5 (Final Episodes) Teaser

Die wahrscheinlich beste TV-Serie des – zugegebenermaßen noch recht jungen – neuen Jahrtausends startet am 11. August mit der Folge Ozymandias ihre letzte Runde. Zu sehen ist ein Teaser, der zwar nur aus Stock-Footage besteht, das allein macht jedoch schon mehr als heiß auf das Staffelfinale, Dank der großartigen Landschaftsaufnahmen New Mexikos, die uns seit der ersten Staffel begleiten. Richtig groß wird der Teaser dann durch Bryan Cranston (Walter White), der in seiner unverwechselbaren Stimme Percy Bysshe Shelley’s Ozymandias (1817) rezitiert. Kurze Wikipedia-Info hierzu: Das Gedicht handelt von einem Wanderer, der in der Wüste auf die Trümmer einer Statue des Königs Ozymandias erblickt, in denen sich der Zerfall der Erinnerung an einen großen Herrscher offenbart… Verdammt, bin ich geil auf diese letzten Episoden!

I met a traveller from an antique land
Who said: — Two vast and trunkless legs of stone
Stand in the desert… Near them, on the sand,
Half sunk, a shattered visage lies, whose frown,
And wrinkled lip, and sneer of cold command,
Tell that its sculptor well those passions read
Which yet survive, stamped on these lifeless things,
The hand that mocked them, and the heart that fed:
And on the pedestal these words appear:
‚My name is Ozymandias, king of kings:
Look on my works, ye Mighty, and despair!‘
Nothing beside remains. Round the decay
Of that colossal wreck, boundless and bare
The lone and level sands stretch far away.


via Seriesly awesome

Papier-Anatomien von Lisa Nilsson

Großartige Quilling-Arbeiten der Papierkünstlerin Lisa Nilsson, fotografiert von John Polak. Für das Quilling-Verfahren – nicht zu verwechseln mit der traditionellen amerikanischen Quillarbeit – gibt es tatsächlich keine deutsche Übersetzung und ich kann mich auch nicht erinnern, hierzulande schon ähnliches erspäht zu haben. Beim Quilling wird Papier geschnitten, gerollt und zusammengeführt. Heraus kommen bei Lisa Nilsson auf diese Weise herausragende anatomische Studien, die durch Detailversessenheit, kalte transzendentale Romantik und eine obskure Form von Supranaturalismus glänzen. Irgendwo zwischen Jugendstil, Renaissance und expressivem Körperkult… auf jeden Fall ungemein verzaubernd und in ihrer Sprödigkeit betörend.

via

Trailerprogramm: Evil Dead, Hansel and Gretel: Witch Hunters, A Good Day to Die Hard, To the Wonder, Ginger & Rosa, The Canyons, Slender

Evil Dead [Fede Alvarez]

Soso, ein Evil Dead Remake also. Im Gegensatz zu manch anderem Fan des Kult-Horrorflicks von 1981 kann ich für das Remake allerdings nicht so große Euphorie entwickeln. Klar, das sieht schon schick aus: Düstere Bilder, nette Jumpscares, offensichtlich ziemlich viel Splatter und Gore… halt so ein klassischer postmoderner Horrorschinken des neuen Jahrtausends. Trotz der berühmten Trademarks – Kettensäge, Falltür-Gefängnis, Baumvergewaltigung – hat das ästhetisch aber so gut wie nichts mit dem Original gemein. Es fehlt einfach diese dreckige, ätzende, schwarzhumorige gritty Note, die Sam Raimis Meisterwerk auszeichnet. Und Ash fehlt natürlich auch. Also versuche ich das ganze nicht als Erfüllung meiner feuchten Nerd-Horrorträume zu betrachten, und dann kann es sich tatsächlich durchaus sehen lassen. Wird bestimmt ein netter Horrorflick, der einen ungemütlichen Kinoabend ordentlich versüßen kann. Nichts für die Ewigkeit, nichts Notwendiges und nichts um den Nerd in mir zu befriedigen. Aber offensichtlich immerhin anständige Horror-Unterhaltung.

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Hörenswertes Herbst 2012 III: Rival Sons, Godspeed You! Black Emperor, Max Richter, Brockdorff Klang Labor, Dreamscape

Herbst… und Sonne! Zumindest hier in Berlin. Und dennoch das Bedürfnis nach wohltuenden, wärmenden, angenehmen Klängen. Naja, wenn ich diesen musikalischen Schnell-Check überblicke, bleibt von Lagerfeuer-Romantik nicht viel übrig. Godspeed You! Black Emperor bereiten uns stattdessen mit ihrem Comeback auf den nahenden Weltuntergang vor, die Rival Sons reiten retroaktiv rockend in den Sonnenuntergang und Max Richter zerfleddert gleich alle vier Jahreszeiten so, dass kaum noch an einen gemütlichen Herbst-Abend zu denken ist. Immerhin lädt das  Brockdorff Klang Labor zu entspannten und selbstironischen deutschen Electro-Pop-Eskapaden ein… und ja: Kaum gekannt, fast vergessen, wieder aufgetaucht, sind sie doch noch zu hören: Die schmeichelnden, warmherzigen und zugleich traurigen Shoegaze-Klänge der frühen 90er Jahre, die perfekt zum aktuellen Herbst passen. Trotz ihres immensen Alters sind Dreamscape die große Entdeckung dieses Hörenwertes-Checks: Verträumt, verliebt, verloren und dabei einfach wunderschön. Alles wird gut.

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Poetisches für den Sonntag: Gedruckte Skulpturen von Eric Van Straaten

Dass 3D-Drucker als Schnittstelle zwischen digitaler und analoger Welt seit mindestens einem Jahr DAS Thema überhaupt sind, muss wohl nicht extra betont werden. Ebenso wenig, dass immer mehr Digital Artists dieses neue Spiel- und Werkzeug für sich entdecken. Eric Van Straaten nutzt es für wunderbar verspielte, entzückende und zugleich grotesk verschnörkelte 3D-Skulpturen, die Decadence mit Pop mit Disney mit Art déco mit Lolita-Fantasy-Romantik kreuzen. Schick.

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Dramatik des 19. Jahrhunderts: Restauration, Biedermeier und Vormärz

Zwei wesentliche Aspekte spielen sowohl beim Drama als auch Theater der Zeit von 1815 bis 1848 eine wesentliche Rolle: Das erste wäre die Frage nach Identität und Persönlichkeit, die Auseinandersetzung mit dem Genie und Individuum und die Entfremdung des Menschen von sich selbst. Der zweite Aspekt ist der des Historischen, die Auseinandersetzung mit der (real nicht vorhandenen) Nation als historisch gewachsenes Gebilde, die Postulierung eines Nationalstaates, die Betrachtung der Geschichte als schicksalshaftes Geschehen und die identitätsstiftende Kraft, die von dieser ausging. Beide Momente sind eng mit den Geschehnissen der damaligen Zeit verknüpft: Seien es die Erfahrungen der jungen Generation, die in den Befreiungskriegen gemacht wurden, die Konfrontation mit Krieg und Gewalt, die Enttäuschung über den Wiener Kongress, seien es die späteren Ereignisse wie die rigide Zensur in der Restaurationsepoche, der Patriotismus und Nationalismus, die deutsche Frage und schließlich die Kulmination dieser Motive in der Revolution von 1848… Immer ist es das außerdramatische Geschehen, der außertheatralische Kontext, der Formen der Dramaturgie und Theatralität bedingt und konstituiert. Insofern können wir in dieser Zeit durchaus von einem sich radikal mit der Außenwelt auseinandersetzenden Drama sprechen, vollkommen unabhängig davon, ob es für sich nun eine ästhetische Autonomie fordert, die Geschichte affiziert und zur Flucht nutzt oder das Zeitgeschehen reflektieren oder gar beeinflussen will. Während die Dramatik der Aufklärung und des Sturm und Drang immer wieder auf theoretischen Motiven der Philosophie und Gesellschaftskritik fußte und diese meist zur Erziehung des Publikums – losgelöst von der aktuellen politischen Situation – auf die Bühne brachte, sind die Dramaturgen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tief in die Geschehnisse ihrer Zeit involviert oder zumindest von diesen  maßgeblich beeinflusst.

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Dramatik des 18. und 19. Jahrhunderts: Heinrich von Kleist der Grenzgänger

Wenn wir uns Heinrich von Kleist (1777 – 1811) zuwenden, kommen wir um zwei wichtige Eigenschaften nicht herum, die ihn als klaren Grenzgänger zwischen den Epochen charakterisieren. Offensichtlich ist zum einen, dass Kleists Veröffentlichungen allesamt nach der Jahrhundertwende stattfanden. Sowohl seine Dramen als auch prosaische Werke entstanden nach dem Jahrhundertwechsel, fast alle wurden in einem engen Zeitraum zwischen 1805 und dem Jahr 1811 kurz vor seinem Selbstmord veröffentlicht. Gleichsam starb Kleist aber vor der großen Niederlage Napoleons, vor dem Wiener Kongress und damit auch vor dem Beginn der Restauration und Biedermeier-Zeit, die gemeinhin als Beginn des 19. Jahrhunderts markiert werden. Als zweites fällt auf, dass sich Kleist nicht so richtig einordnen lässt: Zeitlich fällt er irgendwie in die klassisch/romantische Epoche, bei der die Klassik einerseits als Abschluss des 18. Jahrhunderts gelesen werden kann, während die Romantik andererseits bereits den Beginn des 19. Jahrhunderts trägt. Kleists Dramen weisen zwar durchaus eine Nähe zu den Dramen Goethes und Schillers auf, scheinen aber zugleich über diese hinauszugehen, mitnichten den optimistischen Universalismus der Klassik zu tragen. Ich schlage daher vor Kleist nicht nur als epochalen Grenzgänger zu betrachten sondern ebenso als dezidierten Anti-Klassiker, der gerade in seiner Dramatik bereits Motive und Topoi der literarischen Moderne antizipiert.

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Dramatik des 18. und 19. Jahrhunderts: Heinrich von Kleist – Ein Gewitter-Leben

Der Kleist-Text ist im Prinzip fertig und muss nur noch korrigiert werden. Bis dahin empfehle ich den großartigen dctp.tv-Beitrag: Ein Gewitter-Leben mit Jens Bisky.