Hörenswertes, Januar 2016: David Bowie, Tortoise, Savages, Fjørt

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Der Januar ist fast vorbei und ich kann erst einmal hinter mein Vorhaben, 2016 wieder mehr musikalische Neuveröffentlichungen zu hören, einen Haken setzen. Im Januarrückblick feiere ich das neue Savages-Album Adore Life, genieße das jüngste Werk der Postrock-Inititalzünder Tortoise und entdecke mit Fjørt eine Band, deren Namen ich bis dato noch überhaupt nicht gehört habe. Und dann gibt es noch David Bowie… und der durfte mich kurz vor seinem Tod noch einmal richtig wegpusten. …Ja, der Januar war ein verdammt guter musikalischer Monat. Und ein “Hört euch das mal an!” kann ich hinter jede der folgenden Besprechungen setzen.

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Deutschrap und so #26: Casper – Der Druck steigt

Ob dass denn jetzt noch Hip Hop sei, hat man sich gefragt. Ob das nicht einfach nur altbackener Crossover im vermeintlich frischen Düstergewand sei, hat man sich gefragt. Ob dieser Casper nicht einfach mit Emo, Pop und Mainstream flirtet, hat man sich gefragt. Und dieser deutsch-amerikanische Rapper hat – das Album XOXO kommentierend – den Fragenden so wütend einen dogmatischen Knochen hingeworfen…

Wir hatten im Studio viele kleine Zettel hängen. Regel 1: ‚Crossover ist der Feind‘. Alles, was auch nur annähernd nach Crossover erinnerte, haben wir sofort weggeschmissen. Regel 2: ‚Wie-Vergleiche sind verboten‘. Dieses Rappertum wollten wir komplett entfernen.

…dass man sich gar nicht mehr traute mit einem selbstbewussten “Jein” zu antworten. An dieser Stelle sei dieses “Jein” – Caspers Trotzhaltung zum Trotz, Hah! – nachgeliefert. Natürlich ist Der Druck steigt kein klassischer Hip Hop, aber mit seinem aggressiven Sprechgesang stark im ursprünglichen Rap-Gedanken verwurzelt. Natürlich steht der Song mit seinen Samples, seinen harten Gitarren, seinem Pathos, seinem Wechsel aus Metal-Geshoute und Hip Hop Lines in der Traditionslinie des Crossovers. Aber um dieses Jein zu vervollständigen, nicht nur der Opener, sondern das gesamte Album, ist soviel mehr: Die Nachdenklichkeit der Hamburger Schule im Gepäck, den Wut des Punk in den Knochen, die Attitude des Metals in den Beinen, die Monumentalität des Postrock im Herzen, ja sogar den Lidschatten des Emos in den Augen… und dennoch weit entfernt von jeglichem sinnbefreiten Remix, vom unselbständigen Eklektizismus und von der postmodernen Langeweile. Casper macht – und das sollte einmal deutlich honoriert werden – trotz aller Wurzeln, trotz aller Anleihen etwas vollkommen Neues.

Und so seien alle Rezensenten, Feuilletonisten – und der Musiker selbst – verstanden, wenn sie sich nicht trauen, das Ergebnis Hip Hop, Crossover, Indie oder sonstwie zu nennen. Postrap wäre vielleicht eine ganz gute Kategorie – Schubladen rocken halt doch! -, bei Post Emo Hip Hop Core könnte man das ganze mit einem kleinen Augenzwinkern auch einordnen… ich bleibe dann doch beim Deutschrap, denn sonst könnte ich diesen fantastischen Song in dieser Serie nicht posten. Und das wiederum würde ich mir nicht verzeihen.

PS.: Falls hier gerade ein paar PeDüBerLeiGIDA-Deppen hereinstolpern, weil sie sich fragen, was für ein großartiges Hip Hop Werk sie bei ihrem letzten Sonntagsspaziergang begleitet hat, sei denen der keine Frage offen lassende Kommentar des Interpreten selbst entgegengeschmettert:

immer wieder höre ich, dass die pegida-leute »der druck steigt« auf ihren sogenannten abendspaziergängen spielen. grundsätzlich freue ich mich natürlich über jeden, der meine musik mag und hört, aber hiervon möchte ich mich eindeutig distanzieren. denn es ist ja zum glück so: »der druck steigt« tatsächlich, aber nicht so, wie pegida sich das vorstellt. überall in deutschland regt sich widerstand – gegen pegida und ihre ideologie. für ein faires und tolerantes miteinander der ethnien und religionen. kein mensch ist illegal! schreibt und singt eure eigenen lieder, meine bekommt ihr nicht.

Verpisst euch!

Feinste Line: “Der Druck steigt, Atem blockiert. / Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil! / Haben nicht viel! Ausgenommen, Leitfiguren. Auf davon! / Sind nicht schön, sind nicht reich, wird harter Kampf da rauszukommen!”

SAFI – Sagen und Denken

Einer meiner Vorsätze für das Jahr 2015: Mal wieder etwas mehr neue Musik kennenlernen. Von SAFI habe ich bis dato noch nie gehört (obwohl sie wohl schon etwas länger dabei sind) und der Vorbote ihres kommenden Albums “Sagen und Denken” klingt verdammt spannend. Irgendwo zwischen Postcore, deutschem Indie-Rock mit leicht kryptischen Texten und verträumter Noise-Attitüde… Die großartige Stimme von Sängerin Safi scheint immer ein bisschen zu brüchig, zu fragil, sowohl für die eindringlichen Lyrics als auch das sie begleitende Saiteninferno. Genau dadurch schafft sie aber eine unheimlich enervierende Spannung, die sich konsequent durch diesen fantastischen Shoegaze/Rock/Core-Song zieht. Erscheinen soll das Album im Mai… Man darf gespannt sein.

SAFI via Plattentests