Schlagwort-Archiv: Panorama

Liebe – Glaube – Hoffnung –
Die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl

Ulrich Seidl gehört zu den letzten großen Avantgardisten des deutschsprachigen Kinos, er ist ein Extremist mit Kamera, der hinter nacktem, bisweilen brutalem Naturalismus große Themen versteckt, der sich nicht zu schade dafür ist einen pseudodokumentarischen Überbau zu benutzen, um dahinter große gesellschaftliche, politische und philosophische Themen zu verhandeln. So gelang es ihm in Hundstage (2001) Wien und seine Einwohner bis auf den menschlichsten allzu menschlichsten Kern zu entblättern und anhand trister Lebensbilder ein großes, urbanes Panorama zu entwerfen. Und so konnte er auch in Import Export (2007) einen Clash of the Cultures als Bühne für tiefe humanistische Fragen benutzen. Auch in seiner Paradies-Trilogie verfolgt Seidl dieses Prinzip und geht dabei bereits titeltechnisch in die Offensive: Das hier “Größeres” erzählt werden soll, steht wohl außer Frage, wenn die drei Filme mit dem Paradies-Präfix gemeinsam den ersten Korintherbrief des Paulus zitieren, als Dreierbund die traditionellen christlichen Tugenden benennen und zudem noch Richtung Ödön von Horváth und dessen Drama Glaube Liebe Hoffnung (1932) schielen. Aber gibt es auch eine Verbindung zwischen den Filmen jenseits der Verbundenheit der Titel? Und wie funktionieren sie als einzelne Werke? Ein Blick auf einen cineastischen Kosmos zwischen Dokumentation und Transzendenz, zwischen Porträt und Satire, zwischen tristem Alltag und großen Drama:

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Beeindruckende vertikale Kirchenpanoramen von Richard Silver

Punkt 1: Ich bin Atheist. Und zwar durch und durch. Ich versuche gar nicht erst den Umweg über halbgaren Agnostizismus oder seine Derivate. Wenn es um Glauben geht bezeichne ich mich liebend gerne als gottlos, nicht glaubend, glaubend, dass es keinen Gott gibt… und jede terminologische Spielerei, ob das eine denn nun gleich dem anderen ist, kann mir dabei gestohlen bleiben. Maximal, sobald ich mich auf dem wissenschaftlichen Parkett bewege – und damit so weit weg vom Glauben, wie es nur irgendmöglich ist – greife ich ganz gerne auf die Selbstbezeichnung Ignostiker zurück. Das sind die Agnostiker, die eine Diskussion über Gott sinnlos halten, bis der Begriff  “Gott” überhaupt klar sprachlich eingegrenzt ist (ein gutes Mittel gegen die pantheistischen Schwärmer, für die Gott einfach alles ist, womit der Gottesbegriff schlicht zur leeren Hülle wird und durch beliebige andere spirituelle Begrifflichkeiten ersetzt werden könnte). Aber da ist auch immer viel Koketterie dabei. Im Grunde genommen bin ich Atheist und es müsste schon sehr viel passieren, dass sich das in diesem Leben noch ändert.

Punkt 2: Trotz meines Atheismus liebe ich Kirchen. Ich kann nicht genug bekommen von diesen opulenten, oft größenwahnsinnigen Orten, in denen Menschen Tempel für ihren eigenen Glauben errichtet haben. Meinetwegen sind es Gefängnisse oder Gräber Gottes, meinetwegen Symbole des pervertierten Glaubens und der Dekadenz des Christentums… beeindruckend sind sie dennoch. Und wenn ich unterwegs bin, egal ob in Deutschland, Europa oder sonstwo, komme ich an diesen Gebäuden einfach nicht vorbei, ohne zumindest kurz einen Blick hineinzuwerfen: Diese erhabene Atmosphäre, das Alter, die Detailverliebtheit, die mitunter schwindelerregende Höhe… und der Geruch. Gott, allein dieser fantastische Geruch! Und als Kirchenliebhaber muss ich einfach mal konstatieren: Ich habe noch keine so beeindruckenden fotografischen Impressionen der Gotteshäuser gesehen wie die vertikalen Panoramen von Richard Silver. Es ist so naheliegend, Kirchen genau in dieser Form auf das Medium Bild zu bannen, wandert bei einem Besuch in einer Kirche der Blick doch automatisch viel eher von oben nach unten als von links nach rechts. Schwindelig kann einem bei diesen Panoramafotos dann freilich auch werden, ein gottesfürchtiger Mensch würde ihnen vielleicht sogar eine transzendentale Kraft zuschreiben. In diesem Fall begnüge ich mich einfach mit dem ästhetischen Urteil: Fantastisch! Näher kann man einem realen Kirchenbesuch fotografisch wohl kaum kommen.

Bei my modern metropolis gibt es weitere Bilder + ein spannendes Interview mit Richard Silver.

Website von Richard Silver

Das Fenster zum Hof als Diorama-Loop

Schon ziemlich groß, was Visual Artist Jeff Desom mit Alfred Hitchcocks Klassiker Das Fenster zum Hof (1954) gemacht hat. Aus den zahllosen voyeuristischen Entdeckungen des Protagonisten hat er sämtliche Fenster-Impressionen aus- und wieder zusammengeschnitten. Die verschiedenen alltäglichen (und weniger alltäglichen) Handlungen, die es dabei zu bestaunen gibt, hat er in ein gigantisches dreidimensionales Diorama gepackt, dessen Entstehungsprozess und Endergebnis in folgendem bestaunt werden kann. Panorama-Kunst, wie sie schöner nicht sein könnte und ein weiterer Beweis dafür, was mit Mashup- und Supercut-Mechanismen Großartiges gestaltet werden kann…

I dissected all of Hitchcock’s Rear Window and stiched it back together in After Effects. I stabilized all the shots with camera movement in them. Since everything was filmed from pretty much the same angle I was able to match them into a single panoramic view of the entire backyard without any greater distortions. The order of events stays true to the movie’s plot.

via KFMW

Interaktiver, virtueller Bibliophilen-Porno

40GB-Pixel Panoramfoto der Philosophieabteilung der Strahover Bibliothek in Prag… Bei 360Cities lässt sich in dem gigantischen Panorama dann auch ganz fein rumschwenken und in das Bild reinzoomen. Die Buchrücken sind einwandfrei zu erkennen, die Titel teilweise problemlos zu lesen. Und auch das Deckenfresko versteckt keines seiner Details.

Im Wired-Magazin gibt es dann noch Bilder von Jeffrey Martin und seinem gigantomanischen Photoshooting in der Bibliothekshalle und ne Menge technischer Details, die mich im Moment gerade mal so gar nicht interessieren. Cooler sind dann schon diese Fakten:

In other regards, viewing Martin’s web-based panorama might actually be better than an actual visit, especially when it comes to exploring the fresco high above the books. Completed in 1794, Franz Anton Maulbertsch’s trompe l’oeil ceiling depicts dozens of historical and religious figures, ranging from Noah and Moses to the French encyclopedists.

From inside the library, you can see why historians, scholars and travelers would flock here. A giant, four-volume set marked Musée Français, contained in a standalone, statue-topped wooden case, is believed to be one of only four extant copies. It’s a gift from Marie Louise, the second wife of Emperor Napoleon.

Beyond the rare tomes, guests who look carefully at the bookshelves might spot two hidden doors, masked with fake book spines, that lead to secret stairways

Wenn ich groß bin, will ich auch so ne Bibliothek besitzen…

via Interfilm