Deutschrap und so #17: Haftbefehl – Lass die Affen aus’m Zoo

Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, war Haftbefehls Ruf in der deutschen Gangster Rap Szene lange Zeit eher umstritten. Egal, was ich vor allem mitbekommen habe, war die Tatsache, dass der Offenbacher mit seinem letzten Album Russisch Roulette im deutschen Feuilleton extrem hofiert wurde. Plötzlich schien das Bildungsbürgertum seinen Vorzeige-Bösen-Bubi (bzw. Baba) der deutschen Hip Hop Szene gefunden zu haben, und kein akademisches Superlativ war zu akademisch, um in den Babo aus Mainhatten hereingelesen zu werden.

Die Songs, die sich auf dieser urbanen antigöttlichen Tragödie finden, sind aber auch ein Brett vor dem Herrn: Astreiner, derber Sozialdarwinismus, inklusive Nihilismus und existenzialistischer Verzweiflung. Antiironisch, brutal und direkt in die Fresse des Publikums, begleitet von den fettesten Beats, die es in den letzten Jahren in dem Genre zu hören gab. Das ist real bis zur Schmerzgrenze, gerade in Lass die Affen aus’m Zoo gnadenlos zwischen Narration, Affirmation und resignativem Zynismus pendelnd, und hat trotzdem immer noch genug Platz musikalisch allen klar zu machen, wer hier der wahre Babo ist. Feinste Line: “Die Freiheitsstatue ist ‘ne Hure und ich fick sie / Blanco pumpt den Beat, ich erschieß’ diesen Swizz Beatz / Sie trinken Hennessy und denken, sie sind 50 Cent / MCs in Germany blasen in Michigan”

Filmabriss: Only Lovers Left Alive, Grand Budapest Hotel, Der Schaum der Tage, Das jüngste Gewitter

Only Lovers Left Alive (screenshot)

Filmaufriss, könnte ich auch titeln, da wir einen analytischen Blick auf (bzw. in) jüngere Filmwerke werfen werden. Filmästhetik und Erzähltechnik stehen da ebenso im Fokus wie philosophischer Gehalt. Da ich wenig Sinn darin sehe über irrelevante Filme zu schreiben, kann ich schon im Vorhinein alle hier behandelten Titel uneingeschränkt empfehlen. Have some fun.

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Die 80er Jahre: Die besten Teenager-Filme des Jahrzehnts II

Ein zweiter Blick auf die Jugendfilme der 80er Jahre. Ich war ja kurz in Versuchung Revenge of the Nerds (1984) aufzunehmen, habe dann aber doch zurückgezogen, denn der spielt erstens im College-Milieu (ist also trotz Teenie-Zielpublikum eher weniger ein Teenager-Film) und ist zweitens dann doch ein wenig zu trashy, um hier wirklich als Meisterwerk aufgeführt zu werden (ganz zu schweigen vom dämlichen deutschen Titel “Die Rache der Eierköpfe”). Nee, hier soll es hochwertig bleiben und so gibt es statt alberner College-Komödien (von denen die 80er echt mal überfüllt waren) sensible Wohlfühlromantik aus Frankreich in La Boum – Die Fete, schräge Musical-Unterhaltung mit ordentlich Hairspray, den Club der toten Dichter minus Pathos in Heaven Help us und auch zweimal die dunklen Seiten des Teenager-Lebens: Einmal vertreten in der pechschwarzen Killer-Satire Heathers, hierzulande auch als Lethal Attraction bekannt, und einmal in Form des authentischen – und ziemlich pessimistischen – Punk-Teenager-Porträts Das Messer am Ufer. Der Sprung vom angenehmen Feel-Good-Movie über das problembewusste Drama bis hin zur düsteren Komödie sollte klappen, nach dem Klick.

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Screenshots of Despair: “Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.”

Lieblingsblog für den Rest des Abends: Auf Screenshots of Despair offenbaren düstere Screenshots die ganze Perfidie der Social Networks und die dunklen Botschaften, die es im Internet und auf dem eigenen Computer zu finden gibt, irgendwo zwischen schwarzen Humor und tatsächlicher Verzweiflung. Ein paar Favoriten folgen noch nach dem Klick. Und das Zitat in der obigen Überschrift stammt von Albert Camus. Ich gehe davon aus, dass auch er dieses Tumblr geliebt hätte…

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Die 90er Jahre: Die besten Death Metal Alben des Jahrzehnts II

Nachdem es im ersten Teil der Death Metal Retrospektive um die Auslotung der Grenzen des Genres zwischen Thrash, Hardcore, Progressive und Avantgarde ging, stehen in Teil zwei die klassischeren Alben des Todesstahls im Mittelpunkt. Und bei Death Metal bedeutet das nichts anderes, als dass es hart wird. Mitunter fast unhörbar hart. Und auch immer grenzwertig: Zwischen Friedhofsgatter und Höllenpforten, zwischen Nihilsmus und Misanthropie, zwischen Leichengestank und dämonischer Transzendenz. Tiefe Growls begleiten den Hörer in die Abgründe, schnelle Tempowechsel schütteln ihn durch, High Speed wechselt sich ab mit schleppendem Zombiegang und brutale Vocals zerreißen den Körper. Und über allem thronen der Doublebass, die tiefgestimmten Gitarrenwände und gutturalen Schmerzensschreie. Musik als sadistische Form der Therapie. Mit Sicherheit nicht immer und nicht für jeden bekömmlich, aber mit einem festen und verdienten Platz in der Metal-Geschichte. Deicide, Bolt Thrower, Unleashed, Dismember und Six Feet Under blasen zum musikalische Angriff… und wir gehen nicht in Deckung sondern ergeben uns dem maschinellen, brutal walzenden und blitzschnell zuschlagenden Sound.

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Die 90er Jahre: Die polarisierenden, extremen und kontroversen Filme des Jahrzehnts I

Wenn man diese Kategorie mit der selben der 00er Jahre vergleicht, stellt man fest, dass die Kinozuschauer und vor allem Kritiker in den 90ern weitaus dünnhäutiger waren als im 21. Jahrhundert. Scheinen die extremen und kontroversen Filme der letzten Dekade tatsächlich infam bis zur berechtigten Wut vieler Zuschauer, wirken die 90er dagegen fast schon handzahm; oft genug scheinen die provokanten Filme wie Basic Instinct dem Prinzip “Viel Lärm um nichts” zu folgen. Aber das ist retrospektiv natürlich leicht zu sagen und wer weiß schon, wie das Publikum in zehn Jahrenüber die Aufreger unserer Zeit schmunzeln wird… Egal, auch die 90er waren für so manche cineastische Provokation, für so manchen Tabubruch gut. Und mitunter hatte die Aufregung um den jeweiligen Film auch eine gewisse Berechtigung. Auch an dieser Stelle gilt wie beim letzten Mal: Nicht alle hier auftauchenden Filme sind Meistwerwerke, manche fallen sogar eher in die Kategorie ‘unterdurchschnittlich’. Aber durch ihren Mut beziehungsweise ihre Dreistigkeit oder eben auch ihre offene Infamität haben sie sich ihren Platz im Filmkanon verdient… und sei es nur, um daran zu erinnern, dass das Kino auch immer ein Ort der Skandale und Skandälchen sein kann.

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Links fürs Wochenende

Sven Regener: “Kunst ist nicht verhandelbar”

Audiointerview von Johnny Haeusler mit Sven Regener (Element of Crime) über Musik, Pop, Kultur und Blogs… Also irgendwie alles, was uns hier auch interessiert. Hörenswert!

Das Phänomen Rollenspiel

Jörg von 4Players über aktuelle Rollenspiel-Derbys, die Vielschichtigkeit des Genres und das, was aktuellen Genrevertretern fehlt. Inklusive nostalgischem Rückblick auf die gute alte Pen&Paper-Zeit. Signed!

The 11 best Concert Films

There’s nothing quite like a great live show. But thanks to concert films, we’re able to document and revisit some of our favorite performances.

Inszenierte Gefechte?

Replik der SZ auf den Text von Helmut Scheben über die Inszenierung von Kampfbildern (Hatten wir letzte Woche als Linkempfehlung)

Erdbebenkatastrophe als geschmackloses Musikvideo?

Das Fragezeichen stammt von uns, nicht vom recht kurzen Carta-Artikel über die Ästhetisierung der Katastrophe im Heute Journal. Denn tatsächlich ist die entsponnene (und hoffentlich weitergehende) Diskussion um Stilisierung von Nachrichtenbildern weitaus spannender als der eigentliche Beitrag.

Rassismus gegen Grenzregime?

Und auch hier stammt das Fragezeichen von uns. Und auch hier ist die Diskussion mindestens genau so spannend wie der eigentliche Artikel. Darf Satire in dieser Form rassistische Bilder und Stereotype reproduzieren? Konkret geht es um Alexander Lehmanns “Lieber Afrikaner”. Und die Diskussion zieht ihre Kreise über Spreeblick zurück zu Alexander Lehmann selbst. Zweimal äußerst lebendige Debatten in den Kommentarspalten. Beide im Crossover lesenswert. Stein des Anstoßes ist übrigens dieses Video:

Zum Tod von Nate Dogg: Die glücklose Seele des Gangsterrap

Er war die soulige Stimme, die zahllose HipHop-Klassiker veredelte: Nate Dogg gehörte zu den Begründern des Gangsta-Raps. Doch während Freunde wie Snoop Dogg und Dr. Dre Karrieren machten, blieb ihm der Erfolg als Solo-Künstler versagt. Das änderte selbst der Welthit “Regulate” nicht.

Simpsons: Die Musiker-Auftritte bei den Gelben

Von den White Stripes über Metallica und Michael Jackson bis hin zu Tom Jones und so ziemlich allen Ex-Beatles. Laut.de hat mal gesammelt…

“Ich habe Lust glücklich zu sein, bevor ich sterbe.”

Die Zeit über den frazösischen Autoren Michel Houellebecq und seinen neuen Roman “Karte und Gebiet”

Letztes Jahr auf Seite360

Weiter gehts mit den vergessenen Alben der 00er Jahre… Florian beginnt seine Schlingensiefretrospektive mit der Satire Terror 2000, rezensiert Salman Rushdies Wut und erfreut sich zusammen mit Rinko an den besten Popalben des Jahrzehnts. Dieser hört darüber hinaus die Dum Dum Girls, Electro-Pop auf Goldfrapps Head First und elegischen Black Metal von Alcest. Marcus geht weiterhin dem selbstreferenziellen Kino nach und entdeckt dabei die vergessene Perle The Last Movie von Dennis Hopper. Außerdem steht die Leipziger Buchmesse an und es gibt endlich neue South Park Folgen.

Lyrik der Woche: Friedrich Nietzsche – Das trunkene Lied

Der Unregelmäßigkeit ein Schnippchen schlagen… Passend zum Wochenende ein hedonistischer Wehgesang Friedrich Nietzsches aus “Also sprach Zarathustra”:

O Mensch! Gib Acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

“Ich schlief, ich schlief -,

“Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –

“Die Welt ist tief,

“Und tiefer als der Tag gedacht.

“Tief ist ihr Weh -,

“Lust – tiefer noch als Herzeleid:

“Weh spricht: Vergeh!

“Doch alle Lust will Ewigkeit -,

“- will tiefe, tiefe Ewigkeit!”

Die 00er Jahre: Die extremsten, polarisierendsten und kontroversesten Filme des Jahrzehnts

Extrem ist natürlich ein ziemlich dehnbarer Begriff… und mit den besten Horrorfilmen und auch den besten surrealen Filmen haben wir diese Sparte bereits ganz gut bedient. Aber es gab noch Krasseres als das bisher Vorgestellte: Hartes, Gewalttätiges, an der Schmerzgrenze Balancierendes. Filme die sadistisch waren, oder auch masochistisch; Filme die ihren Zuschauern einiges abverlangten und nicht zuletzt auch immer wieder für abgebrochene Kinobesuche oder Empörungen bei diversen Festivals gut waren. Dabei sind es nicht zwangsläufig gute Filme, mitunter sind sie einfach nur hart, schwer verdaulich oder tatsächlich polarisierend und kontrovers bis zur Ärgernis. Dennoch haben alle die vorgestellten Filme ihre Existenzberechtigung. Sie haben dem Medium seine Grenzen aufgezeigt, indem sie diese überschritten haben, indem sie mit diesen gespielt haben, indem sie bewusst den Weg des größten Widerstandes gingen. Die härtesten, die kontroversesten, die am meisten diskutierten… die extremsten Filme der Dekade. Wie immer nach dem Klick.

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Endgültig allerletzte Geschichten>

In einer vom Wasserstoffbombenkrieg zerstörten Gesellschaft gehen die Frauen im heiratsfähigen Alter in einen futuristischen Zoo und paaren sich in den Käfigen mit verschiedenen deformierten und nichtmenschlichen Lebensformen. In diesem Bericht hier paart sich eine Frau, die zusammengesetzt worden ist aus den zerstörten Leibern mehrerer Frauen, mit einer weiblichen Außerirdischen und wird, mit Hilfe futuristischer Technik, kurz darauf schwanger. Das Kind wird geboren, und sie und die weibliche Außerirdische in dem Käfig kämpfen darum, wer es bekommt. Die junge Menschenfrau gewinnt und frißt, ohne zu zögern, das Kind mit Haut und Haar auf. Gerade als sie damit fertig ist, entdeckt sie, daß das Kind Gott ist.

(Philip K. Dick – Die endgültig allerletzte Geschichte)

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50’s, Pulp und Psychiatrie – Martin Scorseses "Shutter Island"

Martin Scorsese gehört zu jenen Regisseuren des New Hollywood, die sich ohne großen Qualitätsverlust in die 80er, 90er und schließlich sogar 00er Jahre retten konnten. Zudem gehört er zu jenen Regisseuren, die am ehesten das Erbe Alfred Hitchcocks in unsere Zeit gerettet haben. Er ist Autorenfilmer und zugleich Genrefilmer. Ebenso wie er vom Feuilleton für seine raffinierten inszenatorischen Einfälle gelobt wird, wird er auch vom Publikum für beinharte, kompromisslose Thrillerkost geschätzt und von den Studios für immer wieder erfolgsversprechende Projekte angeworben. Mit der Romanadaption “Shutter Island” setzt er nun seinem Vorbild Hitchcock ein kleines Denkmal des neuen Jahrtausend. Nie war Scorsese offensiver psychologisierend, nie war er verspielter und nie war er trashiger.

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