…Und dann war da noch das ebenso merkwürdige wie faszinierende Phänomen des musikalischen Orgasmus

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Ein Phänomen, das von der Violinistin und Pianistin Psyche Loui zusammen mit ihrem Schüler Luke Harrison untersucht wird, seitdem sie ein orgiastisches Erlebnis beim Hören von Rachmaninows Piano Concerto No. 2 erlebt hatte.

Tatsächlich scheint es keine große Rolle zu spielen, ob man musikalisch besonders begabt ist, um die extremen physische Reaktionen auf bestimmte Musik zu zeigen, die von Loui “Frission” (Schauer) genannt werden und dem Gefühl eines sexuellen Orgasmus sehr nahe kommen. Entscheidender ist wohl eher die Beschaffenheit der entsprechenden Musik: Dynamische Sprünge, eine Dramaturgie von sanft zu laut und dissonante Töne, die mit der Hauptmelodie kollidieren, sind wohl die wesentlichen Ingredienzen für ein orgastisches Musikerlebnis. Als Wenig-Klassikhörer käme mir da als erstes die gesamte Montrealer Postrock-Ecke in den Sinn. Und tatsächlich, die Erregung die sich bei so manchem GY!BE-Song aufbauen kann, hat schon etwas für sich. Den gesamten Bericht zu dem Phänomen (inklusive einer “einladenden” Playlist) findet Ihr bei BBC Future.

The strange phenomenon of musical skin orgasms 

Wie sehen die Hände berühmter Komponisten aus?

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Schönes Teil von reddit-User Andrea G.: Hands according to Composers. Wie müssten menschliche Hände aussehen, um jeweils die Stücke von Bach, Beethoven oder Cage spielen so spielen zu können, wie sie von ihren Schöpfern gedacht wurden? Vieles davon scheint mir ziemlich logisch, bei anderem musste ich ein wenig über Kreuz denken und einige waren mir bis dato komplett unbekannt. Daher gibts nach dem Klick noch die aufschlussreiche Erklärungsliste von NeokratosRed, inklusive Youtube-Links.

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Klassische Gemälde im urbanen Setting

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Diese Mashups von Personen von Gemäldeklassikern und aktuellen urbanen Räumen sind schon länger in meiner Internetbubble unterwegs und ich stolpere immer wieder in Feeds und Tweets über sie. Nachdem ich echt lange mit mir gekämpft habe, ob ich sie nun cool oder platt finden soll, gebe ich mich final geschlagen und klebe sie in unser Blog:

Alexey Kondakov hat es aber auch wirklich drauf, das pittoreske Moment der Malerei vergangener Jahrhunderte mit einer spezifischen Großstadteinsamkeit zu kreuzen. Herausragend sind dabei mit Sicherheit nicht alle seiner Mashup-Werke, einige von ihnen sind aber schlicht genial, insbesondere dann wenn sie weniger ironisch und viel mehr tragikomisch, wenn nicht gleich ganz komplett tragisch daherkommen. Und genau diese kleinen Remixperlen will ich dann doch nicht ungepostet lassen.

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Alexey Kondakov (Facebook) via detailverliebt

Fotoshooting in der größten Klosterbibliothek der Welt

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Der Fotograf Benjamin Van Wong hatte die Möglichkeit ein kreatives Fotoshooting in der Bibliothek des Stift Admond (Österreich), der größten Klosterbibliothek der Welt, abzuhalten. In den ehrwürdigen Hallen der 1776 vollendeten Stiftbibliothek gingen er und sein Model Jen Brook den disney’schen Inszenierungsweg und produzierten dabei Fotos in denen das pittoreske Moment der Aufklärung und Klassik auf das pittoreske Moment der filmischen Märchenerzählung des 20. Jahrhunderts trifft. Das Ergebnis sind ganz und gar wundervolle Fotos, zwischen romantisiertem Trickfilmkitsch, epischer Raumentfaltung und selbstironischer Märchenreminiszenz. Ein Fest für Bibliophile und Cinderella-Fans gleichermaßen.

And at the end, we not only have fantastic imagery to share with the world… but a story to laugh and remember for the rest out our lives.

Dream big, anything is possible.

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What it’s like to shoot in a real life Disney library – Stift Admont via bookpatrol

Wissenschaftliche Arbeit: Motivik der Improvisation im Spätwerk Kleists

Ich glaube, ich habe es schon mal kurz angekündigt: Ich wollte meine Magisterarbeit über die Motivik der Improvisation im Spätwerk Heinrich von Kleists auf jeden Fall auf irgendeine Weise der Öffentlichkeit zugänglich machen. Und da ich weiß, dass es utopisch ist, davon auszugehen – ohne finanzielle Investition bei einem obskuren Zuschussverlag – die Arbeit tatsächlich gebunden veröffentlichen zu können, da ich keine Lust habe, damit bei BOD Cent-Beträge zu sammeln und weil ich doch wissenschaftlich relativ idealistisch unterwegs bin, werde ich sie an dieser Stelle einfach mal für lau online publizieren. Wie gesagt, es handelt sich “nur” um eine Magisterarbeit, in der allerdings dennoch viel Herzblut steckt und für die ich immerhin die Bestnote bekommen habe. Vielleicht gibt es ja den ein oder anderen da draußen, der Interesse an dem Inhalt hat, oder ihn auf die ein oder andere Weise für sich verwerten kann.

Fragt mich aber bloß nicht, wie ihr am besten aus einer Onlinequelle zitiert… Wenn ihr in einem wissenschaftlichen Text auf etwas aus der Arbeit zurückgreifen wollt, empfehle ich als Quellenangabe: “Bayer, Florian: Die Verfertigung des Menschen Im Handeln. Motivik im Spätwerk Kleists. Berlin, 2013.” und zusätzlich als Quelle vielleicht den Permalink auf diese Seite, inklusive letztem Abrufdatum. Stellt euch dabei aber auf ein leichtes Stirnrunzeln eurer Prüferin oder eures Prüfers ein. Falls ihr trotzdem Gedanken davon verwerten könnt, oder ihnen vielleicht auch widersprechen wollt, freue ich mich total, wenn ihr mich anschreibt oder mir eine Kopie eurer eigenen Arbeit schickt. Und damit genug der einleitenden Worte. Hier ist das 116-Seiten Dokument:

Die Verfertigung des Menschen im Handeln. Motivik der Improvisation im Spätwerk Kleists (PDF)

Handygebimmel kann Haydn nichts anhaben!

Bewusst überspitzte Gegenüberschrift zu dem Titel des Videos, den dann u.a. auch der Seitvertreib so in seinem Artikel übernommen hat: Jepp, ich wäre an Christian Zacharias’ Stelle in diesem Moment auch angepisst. Jepp, es gibt nichts Nervigeres, als in einem Moment der wundervollen Kontemplation durch nerviges Handygeklingel herausgerissen zu werden… und ich will mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich dieser Zwischenfall für die hier spielenden Musiker gewesen sein muss. ABER: Die wahre Schönheit dieser Geschichte offenbart sich erst am Ende des Videos, wenn die Störung vorbei ist und Zacharias und seine Musiker wieder beginnen zu spielen, sich von der Musik wieder wegtragen lassen, zu genau jenem Moment, an dem sie zuvor waren. Turns off: Das Handy hat Haydn nicht getötet, es hat ihn nur kurz verstummen lassen. Danach ist er aber umso stärker zurückgekehrt.


via Seitvertreib

Sculpture Surgeries by Cao Hui

Arghhh… ist das jetzt Prokrastination oder ein wichtiges Abarbeiten von favorisierten Feeds? Egal, die gr0ßartigen, sezierten Skulpturen von Cao Hui muss ich gerade einfach an dieser Stelle posten. Genau jetzt! Denn ähnlich wie auf den Bildern fühlt sich auch mein Kopf derzeit an, nachdem ich mich die letzten Tage mit Nietzsche, Husserl, Waldenfels, Gehirnen im Tank und postmodernen Moderne-Interpretationen auseinandergesetzt habe: Seziert, verschoben, dissoziiert… und nächste Woche dann hoffentlich wieder frei. Wo ist ein Skalpell?

via whokilledbambi?

Woodkid – The Golden Age (Full Album Stream)

Gääähn! Sry, ich bin einfach vieeel zu früh wach und höre mir nun einfach das neue Album von Woodkid im Stream an. Danach gehe ich bestimmt entspannter in die RE 3 nach Gelsenkirchen.

Stream

Die Thomaner – Herz und Mund und Tat und Leben (online auf arte)

Pünktlich zum Fest läuft auf Arte online derzeit einer der meiner Meinung nach spannendsten Dokumentarfilme des Jahres. In Die Thomaner (2012) begleiten Paul Smaczny und Günter Atteln ein Jahr lang die Schüler des Thomanerchores durch Schule, Internat, Chorproben und Alltag. Ein selten intimer Einblick in eine Welt, die sich in vielerlei Dingen von der Erlebniswelt anderer Kinder radikal unterscheidet und doch zugleich in so vielen Dingen ähnelt. Gerade zu Beginn läuft der Film – dem sich Internat und Chor überraschend offen präsentierten – Gefahr etwas zu unkritisch, zu unreflektiert das Geschehen der Thomaner zu beobachten, aber nach einer Weile fallen dem Zuschauer dann doch die leisen, subtilen und berührenden Zwischentöne auf, mit denen Paul Smaczny und Günter Atteln der Spagat zwischen empathischer Beobachtung und kritischer Distanz hervorragend gelingt. Die Thomaner ist sowohl von einer uninspirierten Standard-Dokumentation als auch von effektheischerischer Radikalkritik meilenweit entfernt und stattdessen sowohl berührend als auch faszinierend, neugierig, empathisch und dennoch reflektiert genug, um nicht zur bloßen Exegese des Chorjungen-Daseins zu verkommen. Unbedingt sehenswert.

Pünktlich zum Jahrhundert-Jubiläum ist der Chor nun erstmals in dem abendfüllenden Dokumentarfilm “Die Thomaner – Herz und Mund und Tat und Leben” zu erleben. Die Filmemacher begleiten den Chor und seinen Kantor Georg Christoph Biller – den 43. Thomaskantor nach Bach – über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Durch ihre persönlichen Geschichten entsteht ein sensibles Porträt dieses einzigartigen Chores, das der Frage nach der Faszination des Traditionsensembles nachgeht.
Der packende und anrührende Film gewährt einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen dieses Ausnahmechores und zeigt die Möglichkeiten, die eine intensive Beschäftigung mit Musik für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen leisten kann. Ungewöhnlich offen können die Filmemacher eine einzigartige Welt zwischen Motette, Internat und Fußballplatz zeigen; ein Leben, das geprägt ist von Erfolg und Leistungsdruck, Zweifeln und Stolz, Heimweh und Freundschaft. Und in und über allem: die unsterbliche Musik Johann Sebastian Bachs.

Die Thomaner auf Arte

Hörenswertes Herbst 2012 III: Rival Sons, Godspeed You! Black Emperor, Max Richter, Brockdorff Klang Labor, Dreamscape

Herbst… und Sonne! Zumindest hier in Berlin. Und dennoch das Bedürfnis nach wohltuenden, wärmenden, angenehmen Klängen. Naja, wenn ich diesen musikalischen Schnell-Check überblicke, bleibt von Lagerfeuer-Romantik nicht viel übrig. Godspeed You! Black Emperor bereiten uns stattdessen mit ihrem Comeback auf den nahenden Weltuntergang vor, die Rival Sons reiten retroaktiv rockend in den Sonnenuntergang und Max Richter zerfleddert gleich alle vier Jahreszeiten so, dass kaum noch an einen gemütlichen Herbst-Abend zu denken ist. Immerhin lädt das  Brockdorff Klang Labor zu entspannten und selbstironischen deutschen Electro-Pop-Eskapaden ein… und ja: Kaum gekannt, fast vergessen, wieder aufgetaucht, sind sie doch noch zu hören: Die schmeichelnden, warmherzigen und zugleich traurigen Shoegaze-Klänge der frühen 90er Jahre, die perfekt zum aktuellen Herbst passen. Trotz ihres immensen Alters sind Dreamscape die große Entdeckung dieses Hörenwertes-Checks: Verträumt, verliebt, verloren und dabei einfach wunderschön. Alles wird gut.

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Dramatik des 19. Jahrhunderts: Nachmärz und Gründerzeit

Ich habe vor der Diversifizität der Dramatik des 19. Jahrhunderts gewarnt… und im so genannten Nachmärz schlägt sie mit aller Brutalität zu. Außer Friedrich Hebbel, mit dem ich mich bereits im letzten Artikel auseinandergesetzt habe und dem österreichischen Schriftsteller Ludwig Anzengruber ist aus dieser Zeit dramatisch tatsächlich nicht viel herauszuholen. Es scheint regelrecht eine riesige Lücke aufzuklaffen zwischen dem Spätwerk Hebbels und dem Beginn des Naturalismus 1889. Die damals in der deutschen Literatur tonangebende Strömung, der Realismus, präferierte die Novelle oder den Roman. Wenn man sich die “großen” Namen anschaut, mit denen sich unsere heutige Literaturwissenschaft befasst, ist im Grunde genommen kein Dramatiker dabei zu finden: Storm, Fontane, Droste-Hülshoff… Nope, nichts, kein Drama. Stattdessen Prosa, Prosa, Prosa. Ein bisschen anders sieht es beim theatralen Betrieb aus. Hier finden wir immerhin die Meiniger, die mit ihren realistischen, akribischen Stücken zumindest in der Aufführungspraxis den Weg zum Naturalismus weisen. Ebenso markant in dieser Zeit, sowohl in Theorie als auch Praxis ist die Verklärung der großen deutschen Dichter: Kleist, Schiller, Goethe, Grabbe… sie werden in dieser Zeit wieder- oder teilweise zum ersten Mal entdeckt, oft gekoppelt an einen deutschen Mythos, in engem Zusammenhang mit der Reichsgründung. Und diesbezüglich kann man natürlich noch zumindest kurz auf Richard Wagner und seine Opern hinweisen. Well, es bleibt dennoch chaotisch und ohne klare Linie. Der folgende Text wird daher relativ kurz sein, soll aber dennoch nicht in allzu große Larmoyanz über eine nicht stattfindende dramatische Epoche ausarten.

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Dramatik des 18. und 19. Jahrhunderts: Heinrich von Kleist der Grenzgänger

Wenn wir uns Heinrich von Kleist (1777 – 1811) zuwenden, kommen wir um zwei wichtige Eigenschaften nicht herum, die ihn als klaren Grenzgänger zwischen den Epochen charakterisieren. Offensichtlich ist zum einen, dass Kleists Veröffentlichungen allesamt nach der Jahrhundertwende stattfanden. Sowohl seine Dramen als auch prosaische Werke entstanden nach dem Jahrhundertwechsel, fast alle wurden in einem engen Zeitraum zwischen 1805 und dem Jahr 1811 kurz vor seinem Selbstmord veröffentlicht. Gleichsam starb Kleist aber vor der großen Niederlage Napoleons, vor dem Wiener Kongress und damit auch vor dem Beginn der Restauration und Biedermeier-Zeit, die gemeinhin als Beginn des 19. Jahrhunderts markiert werden. Als zweites fällt auf, dass sich Kleist nicht so richtig einordnen lässt: Zeitlich fällt er irgendwie in die klassisch/romantische Epoche, bei der die Klassik einerseits als Abschluss des 18. Jahrhunderts gelesen werden kann, während die Romantik andererseits bereits den Beginn des 19. Jahrhunderts trägt. Kleists Dramen weisen zwar durchaus eine Nähe zu den Dramen Goethes und Schillers auf, scheinen aber zugleich über diese hinauszugehen, mitnichten den optimistischen Universalismus der Klassik zu tragen. Ich schlage daher vor Kleist nicht nur als epochalen Grenzgänger zu betrachten sondern ebenso als dezidierten Anti-Klassiker, der gerade in seiner Dramatik bereits Motive und Topoi der literarischen Moderne antizipiert.

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Dramatik des 18. und 19. Jahrhunderts: Heinrich von Kleist – Ein Gewitter-Leben

Der Kleist-Text ist im Prinzip fertig und muss nur noch korrigiert werden. Bis dahin empfehle ich den großartigen dctp.tv-Beitrag: Ein Gewitter-Leben mit Jens Bisky.

Dramatik des 19. Jahrhunderts: Versuch einer allgemeinen Strukturierung

Shew… dann habe ich es doch tatsächlich geschafft, so wie es der Plan war, das 18. Jahrhundert in rund zehn Tagen hinter mich zu bringen. Abgesehen von Heinrich von Kleist, der mit seinem frühen Tod so ein bisschen zwischen die Epochen gefallen ist (und daher auch verdientermaßen einen eigenen Artikel als Schwellen-Dramatiker spendiert bekommt), können wir eigentlich frohgemuts weiter ins 19. Jahrhundert vorrücken. Und das wird erst einmal stressig. Dank der Aufklärung als maßgebliches Fundament für die Dramatik lässt sich das 18. Jahrhundert recht gut strukturieren. Klar, dabei reicht es nicht, der klassischen Schuldenke von den rationalistischen Aufklärern, die von den empfindsamen Stürmern und Drängern abgelöst werden, die wiederum von der Klassik beerdigt werden, abzuspulen. Aber immerhin lassen sich anhand der Eckpunkte Normative Ästhetik, Rationalismus, Emanzipation des Bürgertums, Autonomes Subjekt, Universelle Versöhnung sowie der großen Namen wie Lessing und Schiller doch zumindest grobe Gattungsgrenzen ziehen. Im 19. Jahrhundert sieht das anders aus: Nicht weil es derlei Topoi zu viele gäbe sondern ganz im  Gegenteil. Im Grunde genommen ist das Deutschland des 19. Jahrhunderts dramatisch ein ziemliches Brachland. Während zwar die Dramatik von Hegel, Schopenhauer und selbst Nietzsche zu DER edlen Literaturform schlechthin erklärt wird und das Theater partiell eine beispiellose Blütezeit erlebt, machen sich wirklich wesentliche Dramen in der Zeit ziemlich rar. Die Romantiker bevorzugen den Roman, die Realisten die Novelle, die Jungdeutschen die Lyrik oder die Kampfschrift und die Biedermeier die Jagdidylle und Klassikerexegese. Und dann sind wir auch schon bei den einzigen eine klare Gattung konstituierenden Naturalisten und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts. Wie leicht fiele es da, sich zurückzulehnen, zu lamentieren und die Epoche auf die großen Außenseiter Kleist, Büchner – vielleicht noch Grillparzer – zu reduzieren. Ganz so leicht will ich es mir nicht machen und wage im Folgenden zumindest eine grobe Strukturierung, die für die folgenden Themen mindestens hilfreich sein sollte.

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Dramatik des 18. und 19. Jahrhunderts: Die Weimarer Klassik als Epochenübergang?

Bereits in meinem Text zum Sturm und Drang habe ich von der grundsätzlichen Schwierigkeit einer epochalen Kategorisierung und Eingrenzung gesprochen. Die Diversifizität dieser Generation zwingt geradezu die Kategorie selbst als solche in Frage zu stellen, nicht zuletzt auch, weil wir von einem relativ engen Zeitraum und einer überschaubaren Anzahl an Autoren reden. Mit der Weimarer Klassik wird es nicht einfacher. Wie beim Sturm und Drang geht es schon mit der zeitlichen Einordnung los: Wo anfangen? Bei der beginnenden Arbeit Goethes in Weimar 1775? Bei seiner Italienreise 1786 – 1788 und der damit verbundenen Fertigstellung der Iphigenie auf Tauris? Bei dem Zusammentreffen Schillers mit Goethe ab dem Jahre 1794? Ähnliche Frage, selbes Problem: Wo aufhören? Knallhart mit dem Jahrhundertwechsel? Mit dem Tod Schillers 1805? Mit dem Tod Goethes 1832? Ebenfalls problematisch, dass sich die Weimarer Klassik qua Definition vor allem aus der gemeinsamen Arbeit Goethes und Schillers speist. Aber eine Epoche aus gerade einmal zwei Akteuren konstruieren? Ganz zu schweigen davon, dass zeitgleich immer noch Sturm und Drang ähnliche Werke veröffentlicht wurden, bürgerliche Dramen der Aufklärung und die Romantik bereits im Entstehen begriffen ist. Trotz dieser Vorbehalte, die sich auch aus der geradezu dreisten Instrumentalisierung der Klassik im 19. und 20. Jahrhundert ergeben, schlage ich eine genauere Betrachtung der Klassik als Epochenübergang vom Zeitalter der Aufklärung zum – großteils konservativen – 19. Jahrhundert vor, weniger als klar eingegrenztes Normativ, als viel mehr ein literarisches Exempel an Aufklärungsdialektik und Wandel hin zum klassisch/romantischen Zeitalter… vielleicht auch als großer Endpunkt der Dramatik des 18. Jahrhunderts, da diese Gattung in den folgenden Jahren – trotz theoretischer Emporhebung zur größten aller literarischen Künste – praktisch sträflich vernachlässigt wurde.

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