Literarische Klassiker, nacherzählt von Jan Böhmermann und der bildundtonfabrik

In die Sommerpause verabschiedet sich das „Neo Magazin Royale” mit vier Kurzfilmen, mit denen sie Klassiker der deutschen Literatur nacherzählen. Das mit „Letzte Stunde vor den Ferien” betitelte Projekt ist eine kaleidoskopische Melange an Literatur- , Popkultur- und Film- und Fernsehzitaten, das selbstreferenzielle Pirouetten dreht und auch ein bisschen sozialkritisch ist. Herausgekommen sind dann so tolle Lines wie:

„Dieser medienreferenzielle Kram interessiert außerhalb der Sparte niemanden.”

 

aus Böhmermanns „Faust”, den Ihr Euch hier anschauen könnt:

Oder noch besser, wenn es in „Effi Briest” plötzlich heißt:

Instetten: „Ich saß zwei Stunden im Knast und du hast mich nicht rausgeholt. Ich verstoße dich.”

Effi: „Ab wann gilt das?”

Instetten: „Das tritt… nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich.”

Effi: „Gut.”

Instetten: „Das Kind bleibt bei mir, denn Hauptsache Alessio geht’s gut.”

 

„Die Verwandlung” ist so gut getroffen! Kafkas Themen Fremdheit und Vaterkonflikt treffen auf eine Version von Ekel-Alfred, der aus einer RTL-Doku-Soap zu stammen scheint. Großartig.

Dramatik des 18. und 19. Jahrhunderts: Die Weimarer Klassik als Epochenübergang?

Bereits in meinem Text zum Sturm und Drang habe ich von der grundsätzlichen Schwierigkeit einer epochalen Kategorisierung und Eingrenzung gesprochen. Die Diversifizität dieser Generation zwingt geradezu die Kategorie selbst als solche in Frage zu stellen, nicht zuletzt auch, weil wir von einem relativ engen Zeitraum und einer überschaubaren Anzahl an Autoren reden. Mit der Weimarer Klassik wird es nicht einfacher. Wie beim Sturm und Drang geht es schon mit der zeitlichen Einordnung los: Wo anfangen? Bei der beginnenden Arbeit Goethes in Weimar 1775? Bei seiner Italienreise 1786 – 1788 und der damit verbundenen Fertigstellung der Iphigenie auf Tauris? Bei dem Zusammentreffen Schillers mit Goethe ab dem Jahre 1794? Ähnliche Frage, selbes Problem: Wo aufhören? Knallhart mit dem Jahrhundertwechsel? Mit dem Tod Schillers 1805? Mit dem Tod Goethes 1832? Ebenfalls problematisch, dass sich die Weimarer Klassik qua Definition vor allem aus der gemeinsamen Arbeit Goethes und Schillers speist. Aber eine Epoche aus gerade einmal zwei Akteuren konstruieren? Ganz zu schweigen davon, dass zeitgleich immer noch Sturm und Drang ähnliche Werke veröffentlicht wurden, bürgerliche Dramen der Aufklärung und die Romantik bereits im Entstehen begriffen ist. Trotz dieser Vorbehalte, die sich auch aus der geradezu dreisten Instrumentalisierung der Klassik im 19. und 20. Jahrhundert ergeben, schlage ich eine genauere Betrachtung der Klassik als Epochenübergang vom Zeitalter der Aufklärung zum – großteils konservativen – 19. Jahrhundert vor, weniger als klar eingegrenztes Normativ, als viel mehr ein literarisches Exempel an Aufklärungsdialektik und Wandel hin zum klassisch/romantischen Zeitalter… vielleicht auch als großer Endpunkt der Dramatik des 18. Jahrhunderts, da diese Gattung in den folgenden Jahren – trotz theoretischer Emporhebung zur größten aller literarischen Künste – praktisch sträflich vernachlässigt wurde.

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Dramatik im 18. Jahrhundert: Empfindsamkeit, Subjektivismus, Sturm & Drang und die Geniezeit

Spätestens jetzt, wenn wir zu den Empfindsamen, den Stürmern, den Drängern und den Verfechtern eines radikal autonomen Subjekts kommen, wird es ganz schön schwer, die Strukturierung der Epoche einigermaßen aufrecht zu halten. Das beginnt schon mit der Kategorisierung: Sturm und Drang? Geniezeit? Genieepoche? Subjektivismus? Anything Else? Das geht weiter mit der Datierung dieser Epoche: Wo setzen wir an? Bei der empfindsamen Literatur eines Klopstock? Bei den Irrationalisten? Bei der Philosophie und Ästhetik Herders? Oder greifen wir ganz weit zurück und finden den Appell an die Leidenschaften und die Ablehnung des Gottsched’schen Formbegriffs schon bei Nicolai und Mendelssohn (exemplarisch im Briefwechsel über das Trauerspiel mit Lessing)? Nicht minder kompliziert wird es, wenn wir uns die Gleichzeitigkeit der Ereignisse anschauen: Der Beginn des Sturm und Drang wird gerne auf Goethes Reise nach Straßburg im Jahre 1770 datiert, gerne auch ein bisschen vorgegriffen auf die Jahre 1767 oder 1768. In dieser Zeit etablierte sich gerade das Hamburger Nationaltheater, das voll und ganz dem Sinne der bürgerlichen Dramatik und des bürgerlichen Lust- und Trauerspiels diente. Lessing veröffentlichte Emilia Galotti 1772, seinen Nathan gar 1779 als der eigentliche Sturm und Drang schon fast am Ausklingen war. Ferner veröffnetlichten die Stürmer und Dränger auch bürgerliche Trauerspiele, der Spät-Stürmer Schiller zum Beispiel Kabale und Liebe (1784), Lenz den Hofmeister und die Soldaten. Im Folgenden will ich versuchen diesem Kuddelmuddel ein wenig Herr zu werden. Über Schiller (der einen eigenen Text spendiert bekommt) will ich mich dann zur Klassik und zum Ende des Jahrhunderts vorwurschteln.

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