Hass im Netz! Dagegen halten – Mund aufmachen!

Es wird wohl nie wieder ein Tagesschau-Kommentar näher an ein gepflegtes “Fuck You!” kommen als dieser großartige Kommentar von Anja Reschke, der heute im ganzen Internet die Runde macht. Genau das hat er auch verdient, so wie die ganzen Rassistenärsche das damit transportierte Fuck You! verdient haben. Diesem schließe ich mich hiermit mal vollumfänglich an.

Hass im Netz: “Dagegen halten – Mund aufmachen” – Anja Reschke | NDR via Schlecky

Deutschrap und so #24: Pyranja – Fremdkörper

Ey, wie Pyranja – und auch mir – dieses joviale Gendermarkieren auf den Sack geht! Eine der besten deutschsprachigen weiblichen MCs? Fuck off! Pyranja ist einer der besten deutschsprachigen MCs. Pyranja ist eine der besten MCs. Punkt. Die Rostockerin dropt ihre nach vorne peitschen Rhymes derart smooth und real, dass auch der Auftritt beim Bundesvision Songcontest, Labelgründung, Diplomarbeit und Babypause nichts an ihrer Rap-Credibility ändern können. Mit dem 2001er Brett Fremdkörper hat sie ihre Wut gegenüber der sexistischen Jovialität im Genre dazu noch so gekonnt der konservativen Hip Hop Bagage ins Gesicht geschissen, dass man sich vor so viel Attitude nur verbeugen kann.

Feinste Line:

So hör’ ich oft: Ey Pü, verzeih’, Du leistest Dir zwar gerad’ ‘n Hype, / doch muss schon sagen, Show war tight und auch in Sachen Flow und Style, für ‘ne Braut ganz nice und cool, dass Du Texte selber schreibst. / Mit anderen Worten: Baby, willkommen im Mittelalter! Und ich nur: Danke für die Blumen, doch Du starrst gerade auf meine Titten, Alter! / Oops! Zu harte Worte? Für die harten Jungs im harten Biz? Die mit Schulterklopfen ankommen und mir dann erklären, was Hip Hop ist? / Ich mein’, man lernt nie aus, doch falls es jemand’ interessiert: Ich hab’ mir erst ma’ “Keep it real” dick auf meinen Hintern tättowiert!

Würde / αξιοπρέπεια

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Es gibt derzeit wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob ein GREXIT den Niedergang Griechenlands in ein drittes (oder gar viertes) Welt Land bedeuten würde oder doch zu einer wundervollen Wiederauferstehung des Staates führen könnte. Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, inwiefern die Wirtschaftskrise Griechenlands selbstverschuldet ist, oder inwiefern die gesamte EURO-Gruppe, allen voran Deutschland, Mitschuld an der Misere trägt. Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob die Vorschläge der Troika die sinnvollste Lösung der Probleme bedeuten, oder ob Alternativen in Betracht gezogen werden können. Das sei an dieser Stelle den Volkswirtschaftlern überlassen.

Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob das von Tsipras vorgeschlagene Referendum tatsächlich ein demokratischer Paukenschlag ist oder doch nur ein verzweifeltes oder gar manipulatives Manöver, um sich aus der eigenen Entscheidungspflicht herauszuwinden. Es lässt sich wahrscheinlich viel darüber reden, ob mit der antikapitalistischen SYRIZA und der rechtspopulistischen ANEL gerade die richtigen Parteien in der griechischen Regierung sitzen, um die aktuelle Krise zu handlen. Genau so, wie man viel darüber reden kann, ob es in Griechenland derzeit besorgniserregende Tendenzen Richtung Nationalismus und Anti-Intergouvernementalismus gibt.  Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob Europa in diesem Fall ein Exempel statuieren muss, dass ein Verschleppen von Schulden nicht akzeptiert wird, oder ob Europa nicht viel mehr so dasteht, wie es heute dasteht, weil das Verschleppen von Schulden ein wesentlicher Bestandteil seiner Geschichte ist. Darüber dürfen gerne die Historiker und Politikwissenschaftler diskutieren.

Indiskutabel ist aber, wie grotesk herablassend ein ganzes Land derzeit sowohl von weiten Teilen der politisch und ökonomisch Elite als auch leider immer stärker von großen Teilen der einfachen Bevölkerung behandelt wird. In diesem Fall werden Paternalismus, Elitarismus, Erpressung, Herablassung bis hin zum Rassismus zum politischen Stilmittel erhoben. In diesem Fall werden Werte wie Solidarität, Respekt, Achtung und Empathie komplett aus dem Diskurs ausgeklammert. Die Art wie im Moment größtenteils über Griechenland – oder schlimmer noch DIE Griechen – geredet wird, widerspricht allen Regeln des Anstands und Humanismus und ist schlicht und ergreifend von Asozialität geprägt. Ein Europa, das sich so über einen seiner Teile das Maul zerreißt, verdient die Bezeichnung “Gemeinschaft” nicht. Und gegen diese Form und diesen Inhalt, der sich derzeit im Diskurs etabliert, muss aufgestanden werden. Gegen diese Behandlung verdient Griechenland, verdienen die Griechen jede denkbare Solidarität, jede denkbare Verteidigung. Und genau das geht eben nicht nur die politischen und ökonomischen Köpfe etwas an, sondern uns alle.

Die griechische Zeitung Εφημερίδα των Συντακτών zeigt auf ihrer aktuellen Titelseite die Zeichnung eines Mannes, der trotzig schweigend ein Banner mit dem Wort “Würde” den Lesern entgegenhält. Ob Griechenland den Weg der Insolvenz gehen muss, ob es das beste ist, wenn das Land aus dem EURO-Raum ausscheidet, ob es gezwungen werden sollte, einem harten Sparpaket zuzustimmen, oder ob es noch dritte, alternative Wege, Pläne B und C, gibt… ganz ehrlich ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Griechenland – wie jeder andere Staat – es verdient, seine Würde zu wahren und zu verteidigen. Was ich weiß, ist, dass die Griechen – wie alle anderen Menschen – die Unantastbarkeit ihrer Würde verdienen. Diese Würde ist im aktuellen Diskurs viel zu oft gefährdet. Und jeder, der derzeit meint, über Griechenland – oder schlimmer noch DIE Griechen – urteilen zu müssen, sollte sich zuvor zumindest kurz die Worte Kants ins Gedächtnis rufen: Der Mensch als „Zweck an sich“ darf nie nur „Mittel zum Zweck“ sein. Niemand verdient es, so behandelt zu werden, so be- und verurteilt zu werden, wie es den Griechen derzeit geschieht. Diesbezüglich nehme ich dann auch gerne den Pathos in Kauf, der sich in meine Sätze schleicht: Ehrlich Leute, lasst das nicht so unwidersprochen zu!

Deutschrap und so #12: Sookee und Tapete – Pro Homo

Ladies and Gentlemen, Transgenders and Drags, Intersex and Gender Neutral People, Polygenders, F2Ms and M2Fs: Wie befürchtet und wie angekündigt, der soziologische, studierte Intellektuellenrap.Es gäbe durchaus einiges darüber zu sagen, dass Sookees Texte manchmal hölzern und manchmal zu belehrend klingen, vielleicht zu didaktisch sind, dass die Botschaft hier meterhoch über dem Ästhetischen thront etc. pp…

Ich will mich an dieser Stelle aber einfach nur mit der Feststellung begnügen, dass der deutsche Hip Hop genau so etwas verdammt nötig hat (so wie die Videospielszene eine Anita Sarkeesian oder Zoe Quinn verdammt nötig hat; ist aber ein anderes Thema); und dass selbst wenn politisch aktivistischer Rap Bauchgrummeoln hinterlässt, es genau diese Art von Aktivismus innerhalb der deutschen Hip Hop Kultur noch viel zu selten vorkommt. Feinste Line: “wenn es gott wirklich gibt, dann liebt er alle menschen / wenn es gott wirklich gibt, dann sieht sie keine grenzen”.

Und dann war da noch der Künstler, der 2 1/2 cm von Englands höchstem Berg gestohlen hat.

Santillan_plinth_3246352c2Mit 978 Metern ist der Scafell Pike der höchste Berg Englands. Das hielt den ecuadorianischen Künstler Oscar Santillan allerdings nicht davon ab von diesem Symbol der geografischen – und damit verbunden wohl auch nationalen oder zumindest regionalen – Größe des Königsreich einfach mal einen Inch (etwas mehr als 2,5 Zentimeter) zu klauen und auf einer Londoner Ausstellung zu präsentieren. Stimmigerweise nannte er das entsprechende Kunstwerk dann auch gleich “The Intruder” (zu deutsch: “Der Eindringling”) und bezeichnete es als Auseinandersetzung mit der Art und Weise wie die Menschen ihre kulturellen Kategorien der Natur überstülpen bzw. aufzwingen.

Artist who took 1in rock off Scafell Pike’s summit ‘vandalised’ England’s highest mountain via boing boing

Kurzfilm der Woche: Im Internetcafé gestrandete, obdachlose Japaner

Eindringlicher Kurzdokumentarfilm über Japaner, die sich keine Miete leisten können und daher im Internetcafé leben. Der Film ist ein Teil der Reihe Japans Disposable Workers von Shiho Fukada.

via boing boing

I see my Mural and I want to paint it black – Blu zeigt der Gentrifizierung den Stinkefinger

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Das BLU-Mural an der Curvystraße gehörte nicht nur zu den ikonischsten Urban Art Stücken Berlin, darüber hinaus zauberte es auch mir, selbst beim hundertsten Vorbeigehen, immer wieder ein Lächeln auf die Lippen. Das war Kreuzberg, das war Berlin… und nun ist es weg, für immer. Vom Meister selbst beauftragt, einmal komplett mit schwarz überzeichnet, so dass nur noch – für kurze Zeit – ein Stinkefinger zu sehen war, der der schwarzen Tapezierung letztendlich aber auch zum Opfer fiel.

Hintergrund der Aktion ist, dass ein Münchner Investor die Curvy-Branche bebauen wollte und schon länger klar war, dass Blus urbanes Meisterwerk dieses Bebauungsplänen im Weg stand. Es gab ne Petition bei Change.org, das Werk unter Denkmalschutz zu stellen, es gab Proteste, es gab das bekannte Aufbäumen gegen die Gentrifizierung. Und nun hat Blu selbst einen Schlussstrich unter die Sache gezogen. Breit, schwarz, konsequent… und vor allem nicht zu übersehen. Die ganze Aktion hat schon etwas von einer Beerdigung: Ein dunkler, trauriger Moment für Street Art Freunde.

The Pessimism, Despair and Hypocrisy of Berlin’s Street Art via Kotzendes Einhorn und Nerdcore

CIA-Folter im Stile der Gemälde von George W. Bush

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Großartige, beklemmende Meta-Fuckup-Gemälde zwischen Politik- und Kunstkritik von Prachi Gupta von AnimalNY. Wie würden die Verhörmethoden der CIA wohl aussehen, wenn sie in George W. Bushs infantiler Wohlfülromantik gemalt wären…? So ungefähr, und damit ist wirklich schon verdammt viel über die Selbstwahrnehmung und das Wesen des konservativen Kerns der amerikanischen Terrorismusbekämpfung gesagt.

Since President Bush never fully looked into the details of the program he put into action, we thought it might be helpful to illustrate some of the gruesome examples of torture mentioned in the report and have him bear witness to them. In recent years, Bush has brushed away his crimes and revamped his public image with silly, innocent paintings. To be sure the president can understand the atrocities committed under his watch, we’ve represented them in an approximation of his own child-like painting style. This is what torture might look like through Bush’s eyes.

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HERE’S WHAT THE CIA’S TORTURE TECHNIQUES WOULD LOOK LIKE IF GEORGE W. BUSH PAINTED THEM via Nerdcore

Filmabriss (Science Fiction, 2014): Under the Skin, Elysium, Edge of Tomorrow, Transcendence

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So es ist mal wieder an der Zeit für einen kleinen Filmabriss, der sich tatsächlich konsequent aktuellen Filmen widmet: 2014 scheint wie bereits 2013 auf den ersten Blick ein ganz hervorragendes Jahr für das SciFi Genre sein. Nachdem ich vor ziemlich genau einem Jahr meine Begeisterung für Oblivion und Ender’s Game und vor knapp einem halben Jahr meine Begeisterung für Her, Lucy und den Planet der Affen kundgetan habe, sind in den letzten Monaten noch ein paar weitere interessante Genre-Beiträge durch mein Heimkino gerauscht, und das dann auch gleich in den unterschiedlichsten Variationen: Zum einen das Genre als Leinwand für artifizielles, eskapistisches Kunstkino in der Scarlett Johansson One-Woman-Show Under the Skin, zum Zweiten das Genre als Leinwand für dystopische Gesellschaftskritik in Elysium, zum Dritten das Genre als Hintergrund einer philosophischen Auseinandersetzung mit KI und Digitalität in Transcendence und last but not least, das Genre als Vorwand für Big Budget Kriegs- und Actionkino in Edge of Tomorrow. Welcher der Beiträge was taugt, lest ihr nach dem Klick.

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Cement Eclipses von Isaac Cordal

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Sie verstecken sich in Bordsteinritzen und in kleinen Kanalrohren. In den kleinen unscheinbaren Einbuchtungen von Mauern und hinter den Überresten der letzten Pflanzen im urbanen Raum sind sie zu Hause. Mitunter wagen sie sich auch auf die Straße, waten durch Pfützen, huschen über Straßen und suchen sich neue Verstecke, während sie die Einsamkeit der Großstadt von unten betrachten.

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Die Cement Eclipses von Isaac Cordal sind beeindruckende, düstere und durch und durch deprimierende Gestalten, die sich im Gegensatz zur üblichen Street Art den urbanen Raum nicht erschließen, die ihn nicht erobern und sich zu eigen machen, sondern ganz im Gegenteil, sich in ihm verstecken, Schlupflöcher suchen und – wie es scheint – ständig Gefahr laufen, in ihm verloren zu gehen. Die Geschichten, die um sie entstehen sind pessimistisch, defätistisch, sie zeichnen Tod und Verfall in den öffentlichen Raum, zwingen zum Innehalten und zum Überdenken der eigenen Perspektive auf die Öffentlichkeit. Isaac Cordal dazu:

Men and women are suspended and isolated in a motion or pose that can take on multiple meanings. The sympathetic figures are easy to relate to and to laugh with. They present fragments in which the nature, still present, maintains encouraging symptoms of survival. The precariousness of these anonymous statuettes, at the height of the sole of the passers, represents the nomadic remainders of an imperfect construction of our society. These small sculptures contemplate the demolition and reconstruction of everything around us. They catch the attention of the absurdity of our existence.

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Cement Eclipses via colossal und pokingsmot

Vulva-Künstlerin für 3D-Modellierung ihrer Vagina verhaftet

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Die Meldung ist zwar schon eine Woche alt, hier drin haben wollte ich sie aber auf jeden Fall noch. Also erst einmal zur Künstlerin: Die Japanerin Megumi Igarashi macht ganz und gar herausragende Arbeiten, in denen immer ein 3D-Abdruck ihrer Vagina im Vordergrund Hintergrund steht. Um die Anatomie des weiblichen Geschlechts entwirft sie dabei Landschaften, Dioramen, Roboter oder auch mal ein ganzes 1:1-Kanu, das selbst für den praktischen Einsatz tauglich ist. Die Arbeiten sollten nicht nur eine Verarbeitung der Selbstzweifel bezüglich der eigenen Anatomie sein, sondern darüber hinaus auch eine Auseinandersetzung mit Mystifizierungen oder gar Verteufelungen des weiblichen Geschlechts in einem Land, das ansonsten eine ziemlich florierende Porno-Kultur besitzt. Ziel war es dabei ein Stück Gewöhnlichkeit, ein Stück “Pop” in der Betrachtung und Reflexion der weiblichen Genitalien zu etablieren.

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Da die Realität ein Arschloch ist, hat sie Megumi Igarashi mittlerweile eingeholt. Letzte Woche wurde die Künstlerin für das Versenden eines digitalen 3D-Modells ihrer Vagina verhaftet, da es sich dabei um obszönes, pornografisches Material handeln würde. Es gibt bereits eine Petition, die sich für die Künstlerin einsetzt, die mit ihrer Aktion die Doppelstandards im japanischen Pornographie-Verständnis enttarnt hat und nun auch noch (unfreiwillig) als Exempel für die rigide, regressive Durchsetzung dieser Standards herhalten muss.

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via Spoon & Tamago

Lying in your own Garbage

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Großartiges Fotoprojekt von Gregg Segal: In “7 Days of Garbage” liegen Menschen in ihrem eigenen Müll, den sie über eine Woche lang angestaut haben. Eigentlich finde ich Kunstprojekte mit Holzhammer-Öko-Botschaft immer eher so meeh… das hier funktioniert aber sehr gut, zum einen weil es inszenatorisch auf eine all zu große Wertung verzichtet, zum anderen, weil die Bilder wunderbar zwischen Tragik und schulterzuckendem Alltag oszillieren: We’ve made our bed and in it we lie. 

7 Days of Garbage at The Fence via Dangerous Minds

I Hate Poetry!!!

Ich kann den Hass des Fünftklässlers verstehen, dem in seinem Rant über Poetry lustigerweise selber einer der besten Gedichte ever gelungen ist.

Panajotis, du hast mein Herz erobert und mich von dem ekelhaften Gesülze von Julia Engelmann befreit! Diese eklige Fast Food Poetry mit Tonnen an Feenstaub ruft bei mir immer noch in regelmäßigen Abständen Schüttelkrämpfe hervor.

Die Transkription des Textes gibt es übrigens hier.

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#NotABugSplat – Kunst für die Drohnen-Krieger

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Es gab einmal eine Zeit, da war es Common Sense, dass Krieg ein schmutziges Geschäft ist, bei dem es sowohl zu militärischen als auch zivilen Opfern kommt, bei dem man, wenn man eine Waffe in die Hand nimmt, auch dazu bereit ist, Menschen womöglich Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, kurz bevor man sie tötet. Ein Geschäft, bei dem man nach vollbrachter Tat das Blut an seinen Händen – mitunter im wortwörtlichen Sinne – noch sehen, den gebrachten Tod noch riechen kann. Diese erzwungene Rezeption für den Soldaten wird im Krieg des 21. Jahrhunderts sukzessive aufgeweicht: Die postmodernen Drohnenkrieger können ihren Krieg wie ein Videospiel steuern, die Leichen auf den Schlachtfeldern werden “Bug Splats” genannt, werden enthumanisiert. Wie soll der Mordende auch anders als mit Zynismus reagieren, wenn von seinen Opfern nicht viel mehr zu sehen ist als ein Fleck auf einem pixeligen Videobildschirm, der einen Ort zeigt, den der Drohnenflieger möglicherweise nie in Realität besucht oder gesehen hat?

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Es gab einmal eine Zeit, in der war Urban Art oder Street Art noch so etwas wie ein Hack der Öffentlichkeit, ein politisches oder soziales Statement, direkt hineingebrannt in den öffentlichen Raum, mit dem Impetus, die Welt tatsächlich zu etwas besserem zu verändern oder zumindest die Menschen aufzurütteln, ohne dass die sich dagegen wehren können, mit der Kunst und ihren Aussagen konfrontiert zu werden. Auch diese Zeit scheint vorbei, wenn Street Art mehr und mehr zum selbstreferenziellen Spiel oder zur von den Galeristen geliebten und geförderten Kunst wird.

#NotABugSplat ist ein großartiges Urban Art Projekt, das nicht im urbanen Raum stattfindet, sondern mitten in der Kampfzone Pakistans. In der permanent von Drohnen angeflogenen und beschossenen Khyber Pukhtoonkhwa Region hat ein Künstler Kollektiv ein riesiges Banner mit einem Kindergesicht installiert. Der Blick von oben, sprich aus einer Drohne, macht deutlich, dass auch dieser ferngesteuerte Krieg alles andere ist als ein Fucking Video Game. Die Drohnenkrieger werden gezwungenermaßen mit ihrem Ziel konfrontiert und die zuvor kleinen Pixel werden rehumanisiert. Öffentliche Kunst als Hack mit tatsächlichem, direkten Impact und Krieg als tatsächliche, direkte Erfahrung des eigenen Mordens. Groß!

In military slang, Predator drone operators often refer to kills as ‘bug splats’, since viewing the body through a grainy video image gives the sense of an insect being crushed.

To challenge this insensitivity as well as raise awareness of civilian casualties, an artist collective installed a massive portrait facing up in the heavily bombed Khyber Pukhtoonkhwa region of Pakistan, where drone attacks regularly occur. Now, when viewed by a drone camera, what an operator sees on his screen is not an anonymous dot on the landscape, but an innocent child victim’s face.

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#NotABugSplat via Nerdcore