Franz Kafkas Verwandlung gespielt von einem Androiden

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Roboter verwandelt…

Regisseur und Dramatiker Oriza Hirata hat gemeinsam mit dem Robotiker Hiroshi Ishiguro Franz Kafkas Parabel “Die Verwandlung” in einer Adaption für das digitale Zeitalter auf die Bühne gebracht. Der Protagonist Gregor Samsa wird in dieser Variante – La Metamorphose version Androide – von einem weißmaskierten, nackten Androiden verkörpert, während die restliche Besetzung aus menschlichen Schauspielern besteht. Das Stück soll auf französisch mit japanischen Untertiteln zuerst in Yokohama, später aber auch in Frankreich aufgeführt werden… und natürlich passt dieses Konzept der Reinterpretation des Kafka-Stoffes perfekt in das beginnende “Cyborg”-Zeitalter.

Hiroshi Ishiguro ist übrigens kein Unbekannter, wenn es um die Auslotung des Uncanny Valley und die Menschlichkeit der Robotik geht. Überzeugen könnt ihr euch davon in dem dctp-Beitrag “Doppelgänger und Avatare”, in dem es unter anderem um Ishiguros “Bühnen-Roboter” Maximal Human geht.

via The Telegraph

Full Nerd Jacket: Fail Compilation – Inszeniertes Scheitern und Kapitalismus

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Ist inszeniertes Scheitern Scheitern? Ist es nicht vielmehr etwas Geglücktes? Ein Anti-Fail? Spiegelt sich dieses Verhältnis nicht im Kapitalismus wieder? Sind geplante Obsoleszenz und Börsenblasen nicht Sinnbild für dieses Verhältnis? Erfolgreiche Geldakkumulation auf der einen Seite und Arbeitslose, Armut und Schrott auf der anderen. In einem interdisziplinären und kulturtheoretischen Move blicke ich zunächst  auf das (nicht-) Versagen in Kunst und Kultur. Davon dann ableitend wird deutlich, dass das Scheitern nicht nur ein weit größeres Ausmaß hat als uns lieb ist, sondern darüber hinaus uns alle angeht, weil das Failen nicht selten systemimmanent ist.

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Mark Lombardi – Kunst und Konspiration (Doku auf Arte+7)

So der Titel einer Doku über den Künstler Mark Lombardi, die von der Regisseurin Mareike Wegener realisiert wurde und noch bis kommenden Mittwoch auf Arte+7 zu denken gibt. Lombardi visualisierte Geldströme und stellte so internationale Geflechte von Banken, Ölfirmen, Verbrechern, Mafiosi, der Familien Bush und bin Laden, Mudschaheddin (den späteren Taliban) etc. usw. grafisch dar. Seine Kunst ist auf mehreren Ebenen überaus interessant. In ästhetischer Hinsicht zum Beispiel definierte er eine literarische Institution des 19. Jahrhunderts, das Gesellschaftsgemälde, völlig neu, indem er es auf das wesentliche reduzierte. In seinen Werken gibt es reale Protagonisten, die in realen (zumeist Geschäfts-) Beziehungen zueinander stehen (standen), was reale Folgen zeitigte. Die Beziehungen, in Pfeildiagrammen dargestellt, werden jedoch nicht auserzählt, sondern es wird nur auf diese aufmerksam gemacht. So entzieht er sich dem heiklen Thema der Verschwörungstheorie und weist nur auf Tatsächliches hin. Die Ausdeutung dieser “narrativen Strukturen”, wie er selbst seine Grafiken nannte, wird dem Rezipienten überlassen. Das finde ich besonders interessant: Das Kunstschaffen wird gewissermaßen in den Rezipienten verlegt, wodurch es selbst virtuell wird und eine ungeheure Potenzialität entfaltet. Das Schaffen wird dadurch zu etwas Uneigentlichem, etwas zunächst Verborgenem, welches (nur) durch das Darüber-Sprechen, durch den Diskurs ständig im Entstehen begriffen ist. IMHO deutet das, vor allem im Zusammenhang mit Lombardis mysteriösen Selbstmord, auf das Bestehen, vielleicht sogar einen Tanz, von verborgenen Macht- und Gewaltstrukturen hin. Ich erkenne darin eine entfernte Verwandschaft mit Kafka. Beiden Künstlern ist gemeinsam, dass in ihren (Kunst-) Welten ein leeres transzendentales Signifikat, welches von Rezipienten gefüllt wird, Herrschaft ausübt. Zur weiteren Information und auch weil die Doku bald off sein wird sei hier auf den tollen Artikel von Frank Steinhofer vom Kunstblog DARE verwiesen. Hier der Link zum Video auf Arte+7.

Die Kunst von Jeremy Geddes

Der Körper in der Kunst. Ich hab einfach ein Fable dafür. Zum Beispiel Kafkas physische Metamorphosen, seine Motivik des Verrats des Körpers am Geist, die Gravur der Haut  in der “Strafkolonie” , oder die überall anzutreffende Gestik. Oder Francis Bacons gemalte Deformierung der äußeren Physiognomie, wodurch Gesichter plötzlich aussehen wie Gedärme, das Innere nach außen gekehrt. Ganz zu schweigen von Cronenberg, in dessen Werk das Körperliche und Organische eine zentrale Stellung einnimmt, wenn nicht gar das Hauptmotiv darstellt und der mit Kafka viel gemein hat: die Metamorphose, der Verrat des Körpers, die Vulnerabilität. Auch in Jeremy Geddes Gemälden spielen Körper eine besondere, narrative Rolle.

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Animated Short der Woche: Good Books – Metamorphosis

Hunter S. Thompson trifft auf Franz Kafka in diesem großartigen, visuell und inhaltlich beeindruckenden Short, der zwar nur ein Commercial für den Online Buchhandel Good Books ist, dafür aber ungemein künstlerisch und anspruchsvoll daher kommt. Good Books gehört dann auch tatsächlich, wie der Name schon sagt, zu den Guten, gehen doch 100% ihres Retail Profits an Charity Projekte von Oxfam International. Was es zu sehen gibt, ist also große Unterhaltung für eine tolle Sache… und das ist jetzt doch echt Mal ne Aufnahme in die Animated Shorts der Woche wert.

It is not very often that we have the opportunity to create a graphic equivalent of a drug fueled rant bringing all of our collective skills to bear. And it is almost unfathomable that we could actually do something like this and benefit a good cause.

The Buck team dug deep, channeling our inner gonzo, to direct and produce this homage promoting Good Books, the online bookseller that passes all its profits through to Oxfam. A big thanks to String Theory in NZ for bringing us this script, Antfood for their amazing audio stylings, to Thor for giving his voice and to all the artists who made this something we are proud of.

via Open Culture

Kurzfilm der Woche: Doodlebug (Christopher Nolan)

KLASSIKER! So irgendwie. Doodlebug stammt aus dem Jahre 1997 , ein Jahr bevor Christopher Nolan mit  Following (der es vollkommen zurecht auch in unseren 90er Kanon geschafft hat) ein beachtenswertes Langfilmdebüt hinlegen sollte. Und das hier lässt spätere Großtaten schon sehr schön erahnen. Funktioniert auch ohne den berühmten Namen ‘Nolan’ wunderbar, ist schön weird und abgefuckt, hat ein bisschen Kafka mit an Bord und bietet ein herrlich fieses, bissiges Ende. Und wenn man genau hinschaut, kann man durchaus inszenatorische Stilmittel erkennen, bei denen sich Nolan auch später noch reichlich bedienen sollte.

Doodlebug (Großbritannien 1997)

Regie: Christopher Nolan

 

90er vs. 00er – Battle of the Kinojahrzehnts IV: Horror, Mystery und Surreales

Nachdem das knisternde und r0mantische Kino sich als Stärke der 00er Jahre entpuppte und dieses sogar kurzfristig in Führung brachte, wenden wir uns an dieser Stelle den dunklen Seiten der cineastischen Jahrzehnte zu. Horror, Mystery, Surreales, fernab von dieser Welt und doch inmitten unserer Wirklichkeit beheimatet: Verzerrt, abseitig, erschreckend, absurd, beängstigend und der Realität auf grausame Weise ein Schnippchen schlagend. Die Besten der Bösartigen treffen sich hier zum Duell. Welches Jahrzehnt hat uns mehr und besser Angst gemacht? Welches hat uns besser verwirrt und zur Verzweiflung getrieben? Welches hat die stärkeren Rätsel aufgeworfen, die mächtigeren Paradoxien erschaffen? Im Angesicht der Geister, Dämonen und des Wahns wollen wir sehen, wie lange das brüchige Unentschieden (5:5) im Zweikampf der Filmjahrzehnte noch aufrecht zu halten ist.

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Die 90er Jahre: Die besten surrealen Filme und die besten Mysteryfilme des Jahrzehnts

Das Mystery-Genre war in den 90ern – ebenso wie der Surrealismus seit jeher – eine filmische Gattung die eher an der Peripherie stattfand. Für ein Massenpublikum waren die Themen der Filme meist zu obskur, die Erzählhaltungen zu distanziert. Aber abseits von Hollywood gelang es dem Genre dennoch sich eine treue Fangemeinde zu erarbeiten. Insbesondere die Filme von David Lynch – der auch in den 00er Jahren überfleißig war – haben sich zu echten Kultfilmen der Szene entwickelt. Und dann gab es da natürlich noch den berühmten Mysteryboom in der zweiten Hälfte der Dekade: Angestachelt durch die TV-Erfolge von Akte X und schließlich den Höhepunkt mit dem Kassenschlager und Instantklassiker “The sixth Sense” erlebend. Ironischerweise brachte die folgende Schwemme an Mystery-Epigonen keinen einzigen herauragenden Genrebeitrag hervor, stattdessen nicht viel mehr als ein müde Reihe an Plagiaten, die in die 00er Jahre hinüberschwappten, um das Publikum dort zu langweilen. Anyway, trotz des subkulturellen Flairs des Mystery, trotz der praktischen Nichtvorhandenheit des Surrealismus in den Kinosälen, gibt es hier auch in den 90ern so manches Entdeckenswertes. Wir haben es gesammelt…

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Animated Short der Woche: Kafkas "Ein Landarzt"

Kongenial wird hier eine der schönsten Kafka-Erzählungen animiert, eine Erzählung die selbst Kafka für gelungen hielt, scheiterte er doch sonst stets an seinem eigenen Anspruch. Dem Traumhaften und Surrealen des Textes wird Gestalt verliehen und die Japanische Sprache unterstreicht nochmal die groteske Note. Ein Anime aus einer anderen Welt.

Teil 1

Teil 2

Franz Kafka: Ein Landarzt (Kafka: Inaka Isha. Japan 2007)

Drehbuch, Animation, Produktion: Koji Yamamura

Laufzeit: 20 Minuten

http://www.imdb.com/name/nm0945520/