Schlagwort-Archiv: Expressionismus

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John Bramblitt, der blinde Maler

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Mit 30 Jahren erblindete John Bramblitt vollkommen. Aufgrund einer Epilepsie, unter der er bereits seit seiner Kindheit litt, hatte er schon die Jahre zuvor sukzessive an Sehkraft eingebüßt, mit ihrem finalen Totalverlust gewann er schließlich allerdings etwas anderes: Die Freude am Malen.

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Die Körper von Jon Jacobsen

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Ob statisch oder als Gifs animiert, in der Remixkunst von Jon Jacobsen zwischen Fotografie, Farbe und digitaler Technik dissoziieren menschliche Körper im Rausch der Kunst, lösen sich auf im Spiel der Farben und Formen, werden aufgefressen von surrealen kreatürlichen Artifikationen und kämpfen dennoch immer weiter, um ihre Menschlichkeit zu erhalten. Es hat dabei schon immer etwas Inhumanes, wie die Kunst hier der Körper und Subjekte Herr wird, den Individualismus zur Farce, den Menschen zur Leinwand erklärt. Gleichzeitig besitzt Jacobsen aber dieses spezifische Augenzwinkern, das seine künstlerischen Übergriffe vor jeder Prätention, vor jedem artifiziellen Rumgewichse schützt. Und bei Gott, sehen die daraus entstandenen Bilder großartig aus…!

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Jon Jacobsen via art fucks me

Lost Houses by Jared Small

Dem in Memphis aufgewachsenen Künstler Jared Small sind verlassene und verfallene Häuser einer einstigen bürgerlichen Idylle made in USA keine Unbekannten. Das Faszinosum am verrottenden Groß- und Kleinbürger-Glück hat er in seinen Malereien auf großartige Weise verarbeitet. Die “Decaying Houses” die dabei entstanden sind, symbolisieren eine Form der pittoresken Apokalypse und zugleich eine Apokalypse des Pittoresken. Nicht nur die Häuser fallen in sich zusammen, ihr Niedergang wird zudem noch externalisiert, überträgt sich auf die Leinwand, indem an den Rändern der Gemälde die Farbe abblättert wie die Illusion des Glücks im Mikrokosmos der traditionellen US-Südstaaten: Ein metamedialer Albtraum, dessen Kadrierung vom umschlossenen Inhalt ergriffen wird, ein düsterer und zugleich melancholischer Abgesang aus Farbe, realistischem Impressionismus und abstraktem Gedankengang. Groß.

Paintings by Jared Small via Faith is Tornment

Update or Die! – Inthoughts by Florian Imgrund

Großartiger Transfer des impressionistischen Gedankens in postmoderne Fotografie; Bilder, die tatsächlich zu leben scheinen…

Die Aufgabe des Künstlers besteht darin, das darzustellen, was sich zwischen dem Objekt und dem Künstler befindet, nämlich die Schönheit der Atmosphäre.

(Claude Monet)

Portfolio von Florian Imgrund (via)

Die 80er Jahre: Die besten Fantasyfilme und Märchen des Jahrzehnts III

Für unsere letzte Fantasy-Retrospektive wagen wir noch einmal den Blick in die Traumfabrik: Mit Spielbergs E.T., Reitmans Ghostbusters und Marshalls Big zeigt Hollywood, wie sich große Mainstream-Fantasy mit gehobener Qualität produzieren lässt. Für das Big Budget Independent-Kino ist aber auch noch genug Platz, und wer könnte dieses in den 80er Jahren besser vertreten als der Meister des Emo Grusels Tim Beetlejuice Burton höchstpersönlich? Der bekommt auch gleich noch Konkurrenz durch die wunderbare, sträflich unterbewertete Klassiker-Fortsetzung Return to Oz. Und wenn es etwas europäischer, arthausiger und anspruchsvoller sein soll… Wim Wenders poetisches Fantasy-Drama Der Himmel über Berlin und das neuseeländische Düster-Epos The Navigator sorgen für die notwendige Abwechslung zum amerikanischen Bombast-Programm. Egal ob Studio-Produkt oder unabhängiges Kunstwerk, sehenswert sind alle hier genannten Filme, auch wenn wir im Anschluss gerne wieder über die ein oder andere Nennung (und Nicht-Nennung) streiten können.

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Poetisches für den Sonntag: Edvard Munchs “Der Schrei” als Animated Short

Sebastian Cosor hat einen kleinen, wunderschönen Animated Short zu der Hintergrundgeschichte von Edvard Munchs Der Schrei (1893) gebastelt. Unterlegt mit dem Gesang von Clare Torry aus dem Pink Floyd Song The Great Gig in the Sky (1973) sind zwei Männer zu sehen, die sich über die Angst vor dem Tod unterhalten, während aus dem Hintergrund der berühmte Schrei der Natur auftaucht, halb verzweifelt, halb tanzend den Dialog der beiden begleitet. Zurück geht diese Interpretation auf die Hintergründe der von 1893 bis 1910 gezeichneten, proto-expressionistischen Schrei-Bilder, die im Rahmen der Serie Fries des Lebens entstanden. Unter eine graphische Fassung des Werkes schrieb Munch übrigens in deutsch „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.“, ein Verweis auf das in seinem Tagebuch festgehaltene Gedicht Schrei von 1892:

Ich ging des Weges entlang, mit zwei Freunden,
die Sonne ging unter,
ich fühlte einen Anflug von Wehmut –
Der Himmel wurde plötzlich blutrot.
Ich hielt an, lehnte mich an den Zaun
– todmatt –
sah über die flammenden Wolken,
wie Blut und Schwert
über den blauschwarzen Fjord und die Stadt –
Meine Freunde gingen weiter – ich stand da,
zitternd vor Angst –
und ich fühlte einen enormen unendlichen Schrei
durch die Natur -

via Kotzendes Einhorn

Ambivalenz als Markenzeichen – Gerhard Richter Retrospektive im Tate Modern (London)

Mit einem Œuvre, das über fünf Jahrzehnte zurückreicht gehört Gerhard Richter mittlerweile zu den bekanntesten und angesehendsten Künstlern der deutschen Postmoderne. Das Tate Modern in London zeigt ab Donnerstag – anlässlich seines 80. Geburtstags im Februar dieses Jahres – eine Retrospektive des beeidnruckenden und zugleich beispiellos ambivalenten Werk des faszinierenden Künstlers. Popjunkies dürften ihn am ehesten als den Verantwortlichen für das Coverartwork von Sonic Youth – Daydream Nation (1988) kennen, für dessen Frontcover die Zeichnung Kerze (1983) herangezogen wurde. Aber auch darüber hinaus hat Richter seine Spuren in der internationalen Kunstszene des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Es dürfte wohl schwerlich jemand zu finden sein, der nicht mindestens einmal über ein Bild Richters gestolpert ist.

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Poetisches für den Sonntag: Das Futuristische Manifest

Am 20. Februar 1909 von Filippo Tommaso Marinetti in Le Figaro publiziert, begründete Das Futuristische Manifest die kurzlebige, dafür aber umso intensivere, Bewegung des literarischen Futurismus.

  1. Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.
  2. Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.
  3. Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.
  4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.
  5. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt.
  6. Der Dichter muß sich glühend, glanzvoll und freigebig verschwenden, um die leidenschaftliche Inbrunst der Urelemente zu vermehren.
  7. Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muß aufgefasst werden als ein heftiger Angriff auf die unbekannten Kräfte, um sie zu zwingen, sich vor den Menschen zu beugen.
  8. Wir stehen auf dem äußersten Vorgebirge der Jahrhunderte! … Warum sollten wir zurückblicken, wenn wir die geheimnisvollen Tore des Unmöglichen aufbrechen wollen? Zeit und Raum sind gestern gestorben. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen.
  9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
  10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
  11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, welche die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolution in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge …

Quelle und weitere Informationen: Wikipedia

Links fürs Wochenende

Exzesse des Bunten

Jens Jessen über die nicht verebbende Begeisterung an Franz Marcs bunten – und wenn es nach Jessen geht kitschigen – Naturbildern mit blauen Pferden und roten Rehen.

“Ein goldener Moment in der Geschichte des deutschen Feuilletons”

Der Umblätterer in einem sehr ausführlichen, mehr als lesenwerten Interview mit dem Geisteswissenschaftler und Feuilletonisten Hans Ulrich Gumbrecht.

Auf Kaffeefahrt – Ein Erlebnisbericht

Poppe twittert live von einer Kaffeefahrt und hat die Zusammenfassung seiner Erlebnisse nun auch in sein Blog gestellt. Irgendwie ganz schön gruselig das.

‘Ich glaube es hackt.’

Die Werbeagentur Jung von Matt fragt bei den Helden an, ob sie nicht – für die mittlerweile sattsam bekannte Plakatwerbung – Testimonials für die BILD werden wollen. Und Judith Holofernes reagiert mit einem wunderbaren Rant offenen Brief.

Oscarnacht-Livechat…

…der Fünf Filmfreunde, Moviepilot und Film-zeit.de. Sonntag Abend, wenn die Party in Hollywood steigt. Nicht verpassen. Spätestens dann ist das Wochenende gerettet.

Duslog.tv

Auch 2011 begleiten Lukas Heinser und Stefan Niggemeier den Eurovision Songcontest in einem eigenen Blog.

Kleine Radiohead-Presseschau:

Nachdem wir “The King of Limbs” hier pflichtbewusst abgefeiert haben, interessiert uns doch auch, was die anderen sagen.  Pitchfork beschäftigt sich mit der Enttäuschung und Begeisterung, die das neue Material auslösen kann, Oliver Ding attestiert auf Plattentests, dass “The King of Limbs” das perkussivste Album Radioheads sei, Erich Renz findet bei Laut.de in seiner Track by Track Review ein Album, dessen Schatten auf die aktuelle Musikindustrie bei jedem Hören größer wird. Lennart von Auftouren knüpft sich auch einen Song nach dem anderen vor und genießt dabei ein sowohl bescheidenes als auch wunderbares Album, während der NME während der First Listening Session vor allem Ähnlichkeiten zum “Kid A”-Nachfolger Amnesiac feststellt. Positiv gestimmt sind übrigens alle dieser Reviews. Für negative Meinungen lohnt es sich dann eher die Foren und Leserkommentare abzugrasen. Einige sind zum Beispiel bei der kollaborativen Live-Review von 78s zu finden.

Letztes Jahr auf Seite360:

Rinko lässt die EPs der Hurts und Drums zum Zweikampf in den virtuellen Ring steigen, Florian lästert über den Eurodance der 90er Jahre und findet einen Haufen verfilmenswerter Bücher. Die Redaktion schwelgt Dank Tim Burton in einer großen “Alice im Wunderland”-Nostalgie und nimmt sich den vergessenen Alben der 00er Jahre an.

Die 90er Jahre: Die besten Comicverfilmungen und Superheldenfilme des Jahrzehnts

Batman und Robin, Captain America, Steel, Tank Girl, Das Phantom… Mit Fug und Recht wurden in den 90er Jahren der Superheldenfilm und die klassische Comicverfilmung für Tod erklärt, bevor das Genre in den 00er Jahren durch herrausragende Beiträge ein unerwartetes Revival feierte. Ein paar gelungene Filme haben sich aber auch in dieses Jahrzehnt gemogelt, und die sollen trotz der Weltenretterflaute der 90er nicht unterschlagen werden

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Lyrik der Woche: Friedrich Nietzsche – Das trunkene Lied

Der Unregelmäßigkeit ein Schnippchen schlagen… Passend zum Wochenende ein hedonistischer Wehgesang Friedrich Nietzsches aus “Also sprach Zarathustra”:

O Mensch! Gib Acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

“Ich schlief, ich schlief -,

“Aus tiefem Traum bin ich erwacht: –

“Die Welt ist tief,

“Und tiefer als der Tag gedacht.

“Tief ist ihr Weh -,

“Lust – tiefer noch als Herzeleid:

“Weh spricht: Vergeh!

“Doch alle Lust will Ewigkeit -,

“- will tiefe, tiefe Ewigkeit!”

Lyrik der Woche: Arthur Rimbaud – Abschied (1871)

Heute ein kleines Werk des protosymbolistischen Dichters Arthur Rimbaud. In dem kurzen Gedicht “Abschied” werden bereits alle Motive der literarischen Moderne vorweggenommen: Aufschrei, Empörung, Resignation, Überdruss, die volle Bandbreite der transzendentalen Obdachlosigkeit. In der markanten Pointe steckt bereits das gesamte Fundament der modernen Lyrik, sei es nun Expressionismus, Symbolismus oder Futurismus.

Genug gesehn. Das Schaun ist allem Abschied längst begegnet.

Genug gehabt. Den Lärm der Städte, abends, und in der Sonne und allezeit.

Genug gehört. Das Leben stockt. – O Geräusche und Visionen!

Aufbruch voll Gefühl und Geschrei – neu!

Lyrik der Woche: Alfred Lichtenstein – Die Nacht (1912)

Ab sofort jeden Sonntag die Lyrik der Woche: Songtexte, Gedichte, klassische, moderne und postmoderne Verse. Von der Straße und aus den Bibliotheken, hochkulturell und im Gossenslang: Schmutzig, roh, wunderschön, elegisch, trocken und düster…

Den Anfang macht Alfred Lichtensteins zerfahrenes, melancholisches und modernes Großstadtporträt Die Nacht; erstveröffentlicht in der expressionistischen Zeitschrift “Die Aktion” (1912):

Verträumte Polizisten watscheln bei Laternen.

Zerbrochene Bettler meckern, wenn sie Leute ahnen.

An manchen Ecken stottern Straßenbahnen,

Und sanfte Autodroschken fallen zu den Sternen

/

Um harte Häuser humpeln Huren hin und wieder,

Die melancholisch ihren reifen Hintern schwingen.

Viel Himmel liegt zertrümmert auf den herben Dingen…

Wehleidige Kater schreien schmerzhaft helle Lieder.