Beeindruckende vertikale Kirchenpanoramen von Richard Silver

Punkt 1: Ich bin Atheist. Und zwar durch und durch. Ich versuche gar nicht erst den Umweg über halbgaren Agnostizismus oder seine Derivate. Wenn es um Glauben geht bezeichne ich mich liebend gerne als gottlos, nicht glaubend, glaubend, dass es keinen Gott gibt… und jede terminologische Spielerei, ob das eine denn nun gleich dem anderen ist, kann mir dabei gestohlen bleiben. Maximal, sobald ich mich auf dem wissenschaftlichen Parkett bewege – und damit so weit weg vom Glauben, wie es nur irgendmöglich ist – greife ich ganz gerne auf die Selbstbezeichnung Ignostiker zurück. Das sind die Agnostiker, die eine Diskussion über Gott sinnlos halten, bis der Begriff  “Gott” überhaupt klar sprachlich eingegrenzt ist (ein gutes Mittel gegen die pantheistischen Schwärmer, für die Gott einfach alles ist, womit der Gottesbegriff schlicht zur leeren Hülle wird und durch beliebige andere spirituelle Begrifflichkeiten ersetzt werden könnte). Aber da ist auch immer viel Koketterie dabei. Im Grunde genommen bin ich Atheist und es müsste schon sehr viel passieren, dass sich das in diesem Leben noch ändert.

Punkt 2: Trotz meines Atheismus liebe ich Kirchen. Ich kann nicht genug bekommen von diesen opulenten, oft größenwahnsinnigen Orten, in denen Menschen Tempel für ihren eigenen Glauben errichtet haben. Meinetwegen sind es Gefängnisse oder Gräber Gottes, meinetwegen Symbole des pervertierten Glaubens und der Dekadenz des Christentums… beeindruckend sind sie dennoch. Und wenn ich unterwegs bin, egal ob in Deutschland, Europa oder sonstwo, komme ich an diesen Gebäuden einfach nicht vorbei, ohne zumindest kurz einen Blick hineinzuwerfen: Diese erhabene Atmosphäre, das Alter, die Detailverliebtheit, die mitunter schwindelerregende Höhe… und der Geruch. Gott, allein dieser fantastische Geruch! Und als Kirchenliebhaber muss ich einfach mal konstatieren: Ich habe noch keine so beeindruckenden fotografischen Impressionen der Gotteshäuser gesehen wie die vertikalen Panoramen von Richard Silver. Es ist so naheliegend, Kirchen genau in dieser Form auf das Medium Bild zu bannen, wandert bei einem Besuch in einer Kirche der Blick doch automatisch viel eher von oben nach unten als von links nach rechts. Schwindelig kann einem bei diesen Panoramafotos dann freilich auch werden, ein gottesfürchtiger Mensch würde ihnen vielleicht sogar eine transzendentale Kraft zuschreiben. In diesem Fall begnüge ich mich einfach mit dem ästhetischen Urteil: Fantastisch! Näher kann man einem realen Kirchenbesuch fotografisch wohl kaum kommen.

Bei my modern metropolis gibt es weitere Bilder + ein spannendes Interview mit Richard Silver.

Website von Richard Silver

Art X Smart – Gadgets in klassischen Kunstwerken

Verdammt… das ist sowas von Hipster-Kultur, das es mir fast schon peinlich ist, das an dieser Stelle zu teilen: Der koreanische Illustrator Kim Dong-Kyu verpflanzt iPhones und iPads in klassische Meisterwerke der Bildenden Kunst und dürfte damit voll und ganz den Nerv des urbanen, ironischen Trendsetters treffen. Ich würde die Bilder auch tatsächlich dann erst einmal als das nehmen, was sie sind: Schicke Mashup-Spielereien ohne größeren Hintergrund, ohne große Relevanz…

….Wäre da nicht dieses eine fantastische Bild dabei, auf dem Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer (1818) ganz zeitgemäß mit einem iPhone in der Hand auf dem monumentalen Berg thront und das beeindruckende Nebelmeer mit seinem Device digitalisiert.

Es ist lange her, das ich derart prägnant den Zeitgeist des digitalen Zeitalters auf ein Bild gebannt gesehen habe: Gerade dieser Bruch, die monumentale Weite des romantischen Gemäldes gebrochen durch ihre eigene Medialisierung, indem sie zu einem digitalen Abbild auf einem Gadget zusammenschrumpft, lässt dieses Bild fast schon erhaben wirken. Man könnte hier natürlich den einfachsten Weg gehen und das ganze als Kritik an der medialen Vermittlung unserer Zeit lesen, ich finde eine Deutung des Bildes ohne Zeigefinger aber weitaus spannender: Wie medialisiert ist unsere Welt? Was gewinnen, was verlieren wir dadurch? Und wie ist es möglich das schönegutewahre digital zu reproduzieren? Wird durch den ironischen Bruch innerhalb des Bildes nicht vielleicht sogar deutlich, wie anmaßend die romantische Kunstära war, wie sie in ihrem Pomp ästhetische Auren zurechtkonstruierte, wie sie ihren eigenen Repräsentationen einen Wert gab, der die Kunst geradezu ins Metaphysische übersteigerte? Und ist dieser “laxe” Umgang mit Kunst in unserer Zeit nicht auch ein Stück Erlösung des Werkes, da es durch die digitale Reproduktion von all dem metaphysischen Ballast vergangener Kunstepochen befreit wird? Wir digitalisieren, teilen, reproduzieren… und ehren dadurch endlich wieder das Kunstwerk als solches; nicht irgendein zurechtgebasteltes Phantasma von transzendentaler Wahrheit in der Einzigartigkeit des Mediums. Was der Wanderer auf diesem Bild macht ist in gewissem Sinne auch eine Demokratisierung der Kunst, eine Zerstörung des Despotismus der Romantik, eine Befreiung des Augenblicks von ästhetischen Fesseln die Ewigkeit postulieren, ein Zurückführen des Bildes zum Bild.

Anyway, ein fantastisches Mashup. Die anderen Bilder von Kim Dong-Kyu sind zwar eher so nette Spielereien, trotzdem soll an dieser Stelle nicht auf ihre Verlinkung verzichtet werden.

Art X Smart via Visual News

Just the two of us – Cosplayer zu Hause

Ganz und gar fantastische Fotoserie von Klaus Pichler, der enthusiastische Cosplayer in ihren Kostümen alleine zu Hause ablichtet. Und so fallen dann auch folgerichtig gleich mehrere Ebenen in seinen Fotos zusammen: Auf der ersten Ebene die nahezu kindliche Begeisterung der Porträtierten für ihre aufwändigen, epischen Verkleidungen. Auf der zweiten Ebene der Transfer des Fantastischen in den Alltag. Das Kostüm wird nicht einfach als Lebensmittelpunkt dargestellt, sondern kontrastiert mit der gewöhnlichen bis pittoresken Einrichtung der dargestellten Wohnungen. Und schließlich als drittes Moment, die Auflösung des Dissoziativen, das einerseits durch den Titel “just the two of us” betont, andererseits durch die Kadrage der Fotografien in eine harmonische, nahezu meditative Einsamkeit überführt wird.

Auf seiner Website stellt Pichler klar, dass die Bilder beides porträtieren sollen: Sowohl die Kostüme als auch die Personen dahinter. Und das gelingt diesen intimen Impressionen zweifellos, offenbaren die menschlichen, komplett hinter den Kostümen verborgenen Stillleben doch weitaus mehr Humanismus, als jedes direkte Foto es jemals könnte: Die abgelichteten Personen werden weder als Freaks noch ausgestoßene, aber auch nicht als verspielte Kinder inszeniert; stattdessen als reale Menschen, mit all dem Facettenreichtum, der Tiefe und der Nachdenklichkeit, die einen Menschen auszeichnet. Groß.

For the photo series ‘Just the two of us’ I visited owners of elaborate costumes in their own homes. The choice of location is not a coincidence: Nowhere else is the (abstract) link between the person behind the mask and his or her alter ego as visible as in their own home. Nowhere else would it have been possible to portray the mask and, figuratively speaking, the person behind it on the same picture. The costume usually full body costumes, which completely conceal the ‘private’ person represents the alter ego whilst the surrounding living space, so to speak, the ‘backdrop’ or stage design cautiously impart information about the person behind the costume.

Just the two of us via beautiful decay

Das Leben und Wirken eines gealterten Superhelden

Sehr schöne Impressionen eines gealterten Superhelden gibt es auf den opulenten – sanft ironischen – Ölmalereien von Andreas Englund zu bestaunen. Dessen greiser und dennoch verantwortungsbewusster Held kämpft nicht nur gegen Superbösewichte sondern ebenso gegen altersbedingte Erschöpfung und Lethargie, jedoch ohne dabei seine Würde zu verlieren.



Andreas Englunds Oil Paintings via colossal

Where do I stand?

Sorry… bin gerade in einer kleinen Post-Studiums-Lethargie gefangen und betreibe daher fatale Blog-Vernachlässigung (mit der Rinko derzeit leider auch ein wenig kämpft). Wird aber besser. Und ich habe mir (mal wieder) fest vorgenommen, in Zukunft häufiger zu bloggen. Anyway, zum leichten Einsteig für mich ein wenig unkommentierte, digitale Kunst von Matthias Brown via Lustik.

The Busy Mockingbird: Collaboration with 4year old Daughter

Oh mein Gott, Oh mein Gott, Oh mein Gott! …. ohmeingott! ohmeingottohmeingottohmeingottohmeingottohmeingottohmeingottohmeingott!

Wenn das mal nicht die wundervollste, süßeste, großartigste und fantastische Kollaboration des Jahres ist! Ach was, des Jahrzehnts. Vielleicht auch des Jahrhunderts! Die Künstlerin und Grafik-Designerin Mica Angela Hendricks, deren Porträts sich auch so schon sehen lassen können, lässt ihre vierjährige Tochter die begonnenen Kunstwerke vollenden. Und das Ergebnis ist… … ohmeingottohmeingottohmeingott! Jaja… ich wiederhole mich: Aber eine solch fantastische Kombination aus künstlerischer Verspieltheit, eskapistischer Schönheit und just pure arty awesomeness habe ich echt schon lange nicht mehr gesehen. Die verträumten, klassisch kindlichen und zugleich beispiellos lebensfrohen Kritzeleien der Kleinen passen einfach perfekt zu den klassich verspielten, warmherzigen und beispiellos lebensfrohen Porträts ihrer Mutter… Kann man sich in Bilder verlieben? Ich glaube, mir ist genau das gerade passiert. ohmeingottohmeingottohmeingottohmeingott!

“Do you have any heads for me today?”  she would ask me each morning.  So I began making a point at night to draw some faces for her (which was my pleasure–faces are my favorite part, anyway).  She would then pick up a pen with great focus, and begin to draw.  Later, I would add color and highlights, texture and painting, to make a complete piece.

Collaborating with a 4-year Old via MC Winkel

Die Unwahrscheinlichkeit der Dinge

“Unlikely… but not Impossible” nennt der italienische Fotograf Giuseppe Colarusso seine Dekonstruktion alltäglicher Objekte und trifft damit genau ins Schwarze. Unter dem Titel IMPROBABILITA’ inszeniert er Alltagsobjekte mit einem kleinen Twist, der deren Funktionsfähigkeit konterkariert oder gar ins Gegenteil kehrt. Vertraute Dinge werde dadurch zu störrischen Paradoxien, zu abstrakten Eskapismen und surrealen Unsinns-Gegenständen. Dabei wird die Realität nicht nur – wie der Fotograf selbst angibt – überquert, viel mehr sind diese kruden Objekte eine augenzwinkernde Auseinandersetzung mit Ästhetizismus und Designgeilheit in der heutigen Konzeption des Praktikablen: Wann wird der Sinn zu Gunsten des Visuellen geopfert? Was zeichnet ein Objekt aus? Wann verliert es diese Auszeichnung? Und können wir uns angesichts der konzeptionellen, designtechnischen Überrealität überhaupt noch auf die Wirklichkeit der Dinge verlassen? Unwahrscheinlich… aber nicht unmöglich.

IMPROBABILITA’ by Giuseppe Colarusso via Colossal

Morbide Erotik von Yugo Kohrogi

Einen schönen guten Morgen und einen angenehm verstörten Start in den Tag… Ob mich die gezeichneten Körper von Yugo Kohrogi jetzt anziehen oder abstoßen, kann ich gar nicht so genau sagen. Faszinierend sie in jedem der beiden Fälle; ebenso pornografisch. Zwischen Entgrenzung und Vereinheitlichung, Ästhetisierung und Auflösung, zwischen Fleisch und Metaphysik, zwischen warmer Erotik und kühler Defragmentierung…

Yugo Kohrogi via Supersonic Electronic

Where the Drawing ends and you begin…

Immer wieder gerne: Scheinbar dreidimensionale, mit der Wahrnehmung des Rezipienten spielende Bleistiftzeichnungen, die ihre eigene Kadrierung ebenso sprengen wie ihre eigentliche Zweidimensionalität. In diesem Fall hervorragende Arbeit von Alessandro Diddi. Mehr davon gibt es auf ignant zu sehen. (via)

Errata corrige – Bücherpanoramen

Beeindruckende Installationen der Künstlerin Ekaterina Panikanova: Errata corrigere, zu deutsch “Korrekturverzeichnis” ist eine Sammlung fantastischer Bookshell-Konzepte, in denen die offenen und aneinandergereihten Bücher zur Leinwand für verspielte Skizzierungen, Zeichnungen und Collagen werden. Da lacht das Bibliophilen-Herz, da freut sich die Dekonstruktivisten-Leber, da genießt das Ästheten-Auge und da jauchzt das Remixer-Hirn.

Errata corrigere via colossal

Shadow Dancing by Diet Wiegman

Am Mittwoch habe ich meine mündliche Prüfung und bin dann erst einmal fertig mit philosophischen Gedankenverrenkungen. Aber was kleines fachbezogenes muss ich dann doch noch hier reinhauen: Wir sind mal wieder bei der platonischen Höhle, in die wir uns für die Befriedigung ästhetischer Gelüste nur allzu gerne begeben. Diet Wiegman bastelt an un für sich schon großartige Trash-Art, die aber erst durch ihre tanzenden Schatten zum vollkommenen platonischen Kunstwerk wird. An die Wand projiziert verstecken sich die anamorphen Kreaturen hinter wundervollen, traumhaften Kunst-Epigonien. Würde auch zu dem ganzen nietzscheanischen Thema von dionysischem Abgrund und apollinischer Verzückung passen… Meine Favoriten sind die Venus und der David, wobei der Michael Jackson Epigone auch ziemlich cool ist. Weitere dieser faszinierenden Schattentänze gibt es auf Wiegmanns Blog zu bestaunen, für weitere Informationen lohnt es sich ebenso, zu alafoto zu surfen.


Diet Wiegman via colossal

Art infiltrated by Video Game Sprites

Vincent Van Goghs Sternennacht und Die große Welle vor Kanagawa werden von Videospiel-Charakteren überrannt. Hoffentlich kommt da demnächst noch ein bisschen mehr, denn diese beiden Kunst/Game-Mashups von Noah Gibbs alias SirNosh können sich echt sehen lassen.

via

Sculpture Surgeries by Cao Hui

Arghhh… ist das jetzt Prokrastination oder ein wichtiges Abarbeiten von favorisierten Feeds? Egal, die gr0ßartigen, sezierten Skulpturen von Cao Hui muss ich gerade einfach an dieser Stelle posten. Genau jetzt! Denn ähnlich wie auf den Bildern fühlt sich auch mein Kopf derzeit an, nachdem ich mich die letzten Tage mit Nietzsche, Husserl, Waldenfels, Gehirnen im Tank und postmodernen Moderne-Interpretationen auseinandergesetzt habe: Seziert, verschoben, dissoziiert… und nächste Woche dann hoffentlich wieder frei. Wo ist ein Skalpell?

via whokilledbambi?