Hörenswertes September 2011 III: dEUS, Male Bonding, Dum Dum Girls, Nils Petter Molvaer

Der Herbst hinterlässt die ersten Spuren… keine Sorge. Es sind nur kleine, kaum zu sehende Fußabdrücke, die die bereits prophetisch traumwandelnde Melancholie im vom Sommer noch erhitzten Sand hinterlässt. Und einmal – mindestens einmal – darf noch die Schönheit des Spätsommers genossen werden. dEUS finden auf Keep you close zu alter Form und hochemotionalem Indie Rock zurück. Die Dum Dum Girls schämen sich ebenfalls – trotz erhöhten Coolness-Faktors – nicht wegen ihrer pathetischen Momente. Und mit Male Bonding dürfen sogar noch einmal die Surfbretter hervor genommen werden, vielleicht nicht unbedingt um auf den Wellen zu reiten, aber immerhin um mit relaxter Pop-Punk-Pose noch einmal ein bisschen heißen Sand aufzuwirbeln. Achja, und endlich, endlich, endlich darf ich wieder gediegenen Jazz abfeiern, der im unglaublich beeindruckenden Fusion-Gewand von Nils Petter Molvaer daher kommt. Rock N Roll, alternative Glücksgefühle, Herz-Rhythmus-Klänge und dunkel glänzende Post-Jazz-Abgesänge gibt es nach dem Klick.

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Die 90er Jahre: Die besten Dokumentarfilme des Jahrzehnts I

Wie schon in der 00er-Filmretrospektive können wir uns, nachdem wir den fiktionalen Stoff hinter uns gebracht haben, der Realität widmen. Es gab einige großartige Dokumentarfilme in den 90er Jahren, aber ich befürchte auch hier habe ich Nachholbedarf. Die zwölf Filme, die jetzt – und im anschließenden zweiten Teil – folgen sind es aber allesamt wert gesehen zu werden. Es geht hinab in die Tiefen und Untiefen der deutschen Filmgeschichte, festgehalten in einem künstlerischen und menschlichen Porträt Leni Riefenstahls, weit hinein in die Befindlichkeiten Amerikas: Legendäre Boxkämpfe beim Rumble in the Jungle, legendäre Comickunst und Exzentrik von Robert Crumb, legendäre Filmgeschichte bei Francis Ford Coppolas Reise in die Hearts of the Darkness… und daneben gibt es auch noch einen Blick auf die kleinen großen Momente, die Glocken aus der Tiefe des russischen Glaubens und Aberglaubens und die Amerikanischen Träume, die an der harten, kapitalistischen Realität scheitern.

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Bedways – Naturalistisches Independent-Erotikdrama auf Arte+7

Bedways hatte ich hier schon vor einiger Zeit in einem Filmabriss rezensiert. Das deutsche Arthaus-Drama mit unsimulierten Sexszenen ist ein faszinierender, selbstreferenzieller Trip in die Abgründe der Kunst, der Leidenschaft und des Egos. Manchmal etwas zu bemüht diskursanalytisch, aber allemal ein verdammt mitreißender Experimentalfilm, der einen spannenden Blick auf die menschliche Sexualität im Auge der Kamera wirft. Bis zum Donnerstag gibt’s den unabhängigen und mutigen Streifen noch auf Arte+7 zu sehen… und ich empfehle euch, unbedingt von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Aus Jugendschutzgründen leider erst ab 23 Uhr möglich.

In einem leerstehenden Berliner Apartment trifft sich Nina mit Hans und Marie, zwei jungen Schauspielern, um für ein paar Tage die winterlich kalte Außenwelt hinter sich zu lassen und Probeaufnahmen für einen Film zu drehen.

Nina ist eine Suchende, ihr Filmprojekt soll Gefühle sichtbar machen, sie will Liebe in echtem Sex zeigen. Doch es geht auch um die Macht der Regisseurin, die sie mit ihrer Kamera ausübt, und um die Grenzen der Schauspielerei. Je mehr sich im Lauf der Zeit Spiel und Realität vermischen, umso mehr verliert sich Ninas Motivation, einen Film zu drehen. Hans, der Nina von einer lange zurückliegenden, flüchtigen Begegnung kennt, ahnt, dass sie auf der Suche nach etwas anderem ist. Dennoch lassen er und Marie sich auf ein Spiel ein, bei dem jeder glaubt, die Fäden in der Hand zu halten. Doch Ninas Verführungsstrategien knüpfen ein immer enger werdendes Netz um ihre Protagonisten, in dem sie sich schließlich selbst verfängt.

Die 90er Jahre: Die besten Filme für Musikliebhaber

Wie schon bei den 00er-Filmretrospektiven gibt es auch für die 90er noch einen kleinen Nachschlag für Musikliebhaber. Warum dieser im Vergleich zu den letzten beiden so dünn ausfällt… I don’t know. Vielleicht waren die 90er im Gegensatz zu den 00ern einfach nicht das große Jahrzehnt für Musikfilme, vielleicht habe ich diesbezüglich auch einfach noch verdammt viel Nachholbedarf. Falls ihr an dieser Stelle also dieses oder jenes Meisterwerk vermisst, habt keine Scheu davor, diese Lücke in den Kommentaren lauthals kundzutun. Nach dem Klick gibts dann erstmal Nostalgie mit den Beatles, ein eindrucksvolles Neil Young Musikerporträt von Jim Jarmusch, Videoclipästhetik auf Filmlänge, Radiohead auf der Suche nach sich selbst, zwei Slacker in  Wayne’s World, sowie Abgesänge auf den Glam Rock, den Grunge und das 18. Jahrhundert.

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Filmabriss: Dogtooth, Beautiful, Bedingungslos

Nachdem es im letzten Filmabriss das volle Blockbuster-Programm mit Harry Potter, Super 8, und Planet der Affen Prevolution gab, verlassen wir dieses Mal die vorgewärmten Kinosessel und schauen uns im Videotheken-Regal in der Arthaus- und Independent-Film-Abteilung um. Ich weiß gar nicht, ob einer von den drei hier rezensierten Filmen eine Kinoauswertung hatte. Tendenziell wohl eher nicht. Auf jeden Fall liegen sie derzeit (relativ) frisch in der Videothek meines Vertrauens und bilden ein gutes Kontrastprogramm zu lauten, mainstreamigen Blockbuster-Orgien: Dogtooth eine verstörende, surreale Parabel in der Tradition des europäischen Autorenkinos, Beautiful ein düsterer Mysterythriller, der gerne das Blue Velvet des neuen Jahrtausends wäre, und Bedingungslos, in dem Ole Bornedahl (Nightwatch) mit perfider Montagetechnik den Zuschauer in einem alptraumhaften Sog gefangen nimmt. Was können die drei filmischen Ausreißer und lohnt sich für sie der Gang zur Videothek?

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Animated Short der Woche: Slow Bob in the Lower Dimensions

WEIRD! Slow Bob in the Lower Dimensions ist ein wirklich abgefahrener Pilot für eine Serie, die nie produziert wurde. Warum nicht? Nun der Regisseur und Animationsdesigner war bereits mit anderen Projekten beschäftigt, so zum Beispiel einer Zusammenarbeit mit Tim Burton, die 1993 unter dem Titel “A Nightmare before Christmas” das Licht der Welt erblicken sollte. Jepp, wir reden hier von Henry Selick, der sich mittlerweile mit Animationsfilm-Klassikern wie Coraline (2009) einen Namen gemacht hat… und irgendwie so gar nicht in den Schatten Tim Burtons gehört. Der langsame Bob geht dann auch eher in die Lynch-Richtung, oder ein Stück hin zu Monty Python… oder gar zu einem Svankmajer, der MTV für sich entdeckt hat… Ähmm ja, ich bleibe ratlos. Definitiv weird, surrealistisch, avantgardistisch und so weiter… Ach ja, und auf jeden Fall sehenswert!

Slow Bob in the Lower Dimensions (USA 1991)

Regie: Henry Selick

Musik: The Residents

Hörenswertes August/September 2011 II: Primus, Thees Uhlmann, Sungrazer, Beirut

Jepp… das Sommerloch. Viel Musik gehört, aber wenig Muße zum Schreiben gefunden. Das wird jetzt nachgereicht. Rinko hat ja schon ordentlich mit Sommer-Indie-Rock, Postrock und beginnender Herbstdepression losgelegt. Hier soll ebenfalls noch einmal  nach den Klängen des endenden Augusts und beginnenden Septembers gesucht werden. Auf dem Dienstplan steht verschrobener Avantgarde Funkrock der klassischen Art von Primus, die Naivität der neuen Hamburger Schule im frischen Gewand von Tomtes Thees Uhlmann, der sich auf Solo-Abwegen befindet, melancholisch stimmungsvoller Folk von Beirut und hitzigkalter progressiver Stoner Rock von Sungrazer…. Alle auf der Suche nach der verlorenen Jahreszeit.

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Zehn Jahre John Cages ORGAN²/ASLSP (as slow as possible) in Halberstadt

Vor genau 10 Jahren – am 5.September 2001 – wurde in Halberstadt der erste Ton des langsamsten und am längsten andauernden Musikstück der Welt angespielt. ORGAN²/ASLSP ist der Name des Stücks von John Cage, das dieser 1985 für das Piano schrieb und 1987 für die Orgal uminterpretierte. Ende der 90er entstand bei einem Orgelsymposium die Idee, den Titel so wörtlich wie möglich aufzufassen und mit der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt war dann auch schnell ein Veranstaltungsort gefunden, an dem seit 2001 stetig schleichend, monoton und erhaben die Klänge von ASLSP zu hören sind.  Tatsächlich bestand der erste angespielte Ton der auf 639 Jahre angelegten achtseitigen Partitur aus reiner Stille. Der erste Impuls  war eine Pause, die ganze 1 1/2 Jahre andauerte, bevor sie von einem gis‘, h‘, gis“ Akkord abgelöst wurde…. Dieser Klang dauerte dann auch wiederum gut 16 Monate an…

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Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts IV

Auf ein Weiteres… Im vierten Teil unserer Dramen-Retrospektive genießen wir noch einmal emotionale Feste der großen Traumfabrik. Mit Was vom Tage übrig blieb und Der englische Patient fallen die besten Eigenschaften Hollywoods und des britischen Erzählkinos zusammen. Mit Quiz Show und Apollo 13 breitet das amerikanische Kino seine Flügel aus und findet doch zum Menschen zurück. Dazwischen haben sich die europäischen Arthaus-Filme eingeschlichen: Dänemark, Island, Frankreich und Spanien liefern große Geschichten, die mal subtil und leise, mal in atemberaubender Länge, mal in drückender Schwere dem Publikum präsentiert werden. Neben den dunklen Seiten des Menschlichen in Amantes, Engel des Universums und Breaking the Waves darf in Die schöne Querulantin auch einfach nur das Leben, die Kunst, der Künstler und die Schönheit des Menschen gefeiert werden. Und am Ende werden alle ein wenig glücklicher sein… oder zumindest ahnen, was Glück bedeuten kann.

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Die 90er Jahre: Die besten Filmdramen des Jahrzehnts II

Teil zwei unserer letzten Meter bei den besten Filmen der 90er Jahre. Auch in diesem Artikel stehen die Minimalklassifizierten, die großen emotionalen Leinwanderlebnisse, die besten Dramen des Jahrzehnts im Mittelpunkt. Mit Mike Leigh ergründen wir Lügen und Geheimnisse der britischen Gesellschaft, mit Belar Tarr lassen wir uns in epischer breite die dunklen Seiten der kommunistischen Endzeit nahe bringen. Wir sagen Lebewohl, meine Konkubine, feiern liebste Jahreszeiten und wilde Tage und verlieren uns im Duft der Frauen.

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Pablo Picasso genießt mit einer Kuhmaske den Sommer, die Sonne und das Meer

…Just that. Wenn das hier veröffentlicht wird, liege ich übrigens auch gerade am Strand und genieße (hoffentlich) die Sonne und das Meer; hoffentlich ohne Kuhmaske. Im Moment sitze ich noch im verregneten Saarbrücken und packe ein paar Publikationsplanungen in unsere Artikelliste. Holidays ahead!

via Thisisnotporn

Hörenswertes Juli 2011: Boris, John Tejada, Jakko Jakszyk, Robert Fripp & Mel Collins (A King Crimson ProjeKct)

Ja Freunde… es ist Sommer. Das Wetter beschissen, der Urlaub in weiter Ferne, die Stimmung trübe, und wir hinken Dank schreiberischem Sommerloch in unserer Hörenswert-Section mal wieder um einen ganzen Monat zurück… Doch es naht Erlösung, in Form von experimentellen, düsteren, verlockend avantgardistischen und vor allem ‘ähmmm’ progressiven Klängen. So rocken sich Boris zuerst durch einen klassisch progressiven Avantgarde/Drone/Metal-Whatever-Kosmos, um kurz darauf die progressiven Töne in geheimnisumwitterten progressiven Ambient-Klängen zu finden. John Tejada entdeckt das progressive Element in minimalistischen Electro-Sounds, während Robert Fripp in seinem King Crimson ProjecKt zusammen mit Jakko Jakszyk und Mel Collins das Progressive in, nunja, klassischem Progressive Rock auslotet. Wenn’s schon nichts zu Feiern gibt, dann wenigstens genug satte, verwobene Klänge, um andächtig vor den Lautsprechern zu knien. Und der Sommer wird ohnehin komplett überbewertet…

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Kurzfilm der Woche: Meshes of the Afternoon

Es ist mal wieder an der Zeit für einen kleinen Griff in die vermeintliche Mottenkiste. Meshes of the Afternoon (1943) zählt neben dem andalusischen Hund zu den großen Klassikern des surrealistischen Films. Ein enges, klaustrophobisches Szenario; eine traumatische, symbolüberfrachtete Handlung, die trotz zahlloser Hinweise zu keiner Lösung findet, eine zyklische Struktur, das Spiel mit Redundanzen, Déja-Vus und Variationen… Meshes of the Afternoon stellt so etwas wie die amerikanische Antwort auf den europäischen Experimentalfilm sowie das kontinentale surrealistische Kino dar und hat Regisseure von Jean-Luc Godard über Alfred Hitchcock bis David Lynch maßgeblich in ihrem Schaffen beeinflusst.

Meshes of the Afternoon (USA, 1943)

Regie und Darsteller: Maya Deren, Alexander Hammid

Drehbuch: Maya Deren

Musik: Teiji Ito

Live from the Basement: Radiohead – The King of Limbs

…Wie bei jedem Radiohead-Artikel die spannende Frage: Brauch es den denn noch? In diesem Fall gebe ich einfach mal ein uneingeschränktes JA ab. Die komplette Live from the Basement Session von The King of Limbs hat es nämlich ins Netz geschafft und ist in voller Länge auf YouTube zu hören. Und dass sich das lohnt, muss wohl nicht extra erwähnt werden…

Tracklist für die Skipper:

1. Bloom 00:58

2. Daily Mail 07:28

3. Feral 11:38

4. Little By Little 15:08

5. Codex 20:17

6. Separator 26:02

7. Lotus Flower 32:14

8. Staircase 37:41

9. Morning Mr. Magpie 42:57

10. Give Up The Ghost 48:29

via Testspiel

Hörenswertes Juni 2011: Fink, Esmerine, Thurston Moore, 13&God

Okay, okay… es braucht kein langes Drumherumreden. Auch dieses Mal tendieren unsere hörenswerten Alben wieder in Richtung der dunkel schillernden Seite des Sommers. Soll Rinko sich doch um den feuchtfröhlichen Pop kümmern. Hier geht es wieder tief hinein ins Herz der Finsternis, an dessen Ende doch so etwas wie pure Schönheit wartet. So baden wir mit Fink in schwüler Düsterromantik und lassen uns von dem Postrock Esmerines in postapokalyptische Gefilde entführen.  Und weil wir mal wieder etwas hinterher hängen, liefern wir Thurston Moore und 13&God noch zwei Mai-Reviews nach.

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