Deutschrap und so #13: King Kool Savas – Lutsch mein Schwanz

Irgendwann Hochsommer, Herbst 2000. Ich stehe in einer Kleinstadt, in der ich mein Abi machen werde, an einer Bushaltestelle, an der ich die nächsten ein bis anderthalb Jahre, notwendig stehen muss, bis ich irgendwann das Auto meiner Mutter bekomme. Dunkelblauer Opel Astra, der im Winter immer beschlagene Scheiben hat, sodass man regelmäßig bis durchgängig bei leicht geöffnetem Fenster fahren und auch öfter wischen muss, vor allem wenn man kein Bock hat im Winter regelmäßig bis durchgängig bei leicht geöffnetem Fenster zu fahren. Andere Geschichte. Ich warte also an dieser Bushaltestelle vermutlich mit nem Kumpel auf den Bus. Wir müssen an fünf Tagen die Woche anderthalb Stunden mit irgendwas füllen bis der verfickte Bus kommt und uns aus der Stadt mit den Hassfressen in unsere Kackdörfer zu den Kacknasen bringt. Irgendwann kommt, heute würde man sagen, mein Brudi, und hier verschwimmt meine Erinnerung. Entweder ist es so, dass er irgendwas redet über irgendwelche drei Buchstaben, oder er drückt mir eine gebrannte CD in die Hand auf der in schlechter fettrunder Hip Hop Schrift diese drei Buchstaben stehen, oder dass diese besagten drei Buchstaben irgendwo in der Nähe als schlechtes Graffiti zu sehen waren: KKS. Es ist gut möglich, dass all das sich nicht voneinander ausschließt, sondern all das der Fall ist.

Dynamite Deluxe hatte mich, wie gesagt, aus der zehnten Klasse entlassen. S-A-V empfängt mich nicht nur in der Abistufe, sondern in eine komplett neu Welt an Raps, Flows, Styles, Mode, Unterhaltung, Spaß. Die Wörter verändern sich. Jeder bis dahin gehörte deutsche Rap war plötzlich whack, weil das alles überhaupt nicht tight war. Man ist jetzt nicht mehr im Haus, sondern im Gebäude. Man geht nicht einfach irgendwo hin, man stept.

Savas ist der erste Act dieses aufkeimenden Untergrundraps, den ich entdecke, oder eben entdeckt bekomme. Es sollen viele Folgen. Die Berliner Szene ist dabei so präsent, dass wir alle Künstler, die nicht explizit ihre Stadt representen für Berliner halten, Westberliner natürlich. Berlins Vormachtstellung in unseren Gefilden mag auch daran liegen, dass wir uns in unmittelbarer Nähe befinden, eine halbe Stunde Zugfahrt.

Deutschrap und so #12: Sookee und Tapete – Pro Homo

Ladies and Gentlemen, Transgenders and Drags, Intersex and Gender Neutral People, Polygenders, F2Ms and M2Fs: Wie befürchtet und wie angekündigt, der soziologische, studierte Intellektuellenrap.Es gäbe durchaus einiges darüber zu sagen, dass Sookees Texte manchmal hölzern und manchmal zu belehrend klingen, vielleicht zu didaktisch sind, dass die Botschaft hier meterhoch über dem Ästhetischen thront etc. pp…

Ich will mich an dieser Stelle aber einfach nur mit der Feststellung begnügen, dass der deutsche Hip Hop genau so etwas verdammt nötig hat (so wie die Videospielszene eine Anita Sarkeesian oder Zoe Quinn verdammt nötig hat; ist aber ein anderes Thema); und dass selbst wenn politisch aktivistischer Rap Bauchgrummeoln hinterlässt, es genau diese Art von Aktivismus innerhalb der deutschen Hip Hop Kultur noch viel zu selten vorkommt. Feinste Line: “wenn es gott wirklich gibt, dann liebt er alle menschen / wenn es gott wirklich gibt, dann sieht sie keine grenzen”.

Androiden träumen von elektrischen Schafen

classvis

Vielleicht irgendwann. Das ist eine andere und philosophische Frage. Jedenfalls hat ein Google-Forschungsteam, dass Künstliche Intelligenz, insbesondere künstliche neuronale Netze erforscht, herausgefunden, dass Computer, genauer: künstliche neuronale Netze, in der Lage sind Bilder zu imaginieren.

Wenn ich es richtig verstehe: Ein künstliches neuronales Netz, bestehend aus 30 Ebenen, wurde mit Millionen Bildern bespeist, wobei eine jeweilige Ebene ein jeweiliges Bild nur nach spezifischen Informationen analysiert, wie zum Beispiel “Gibt es Rundungen? Wenn ja wo?” usw.. Die gewonnenen Informationen werden an die nächst höhere Ebene weitergegeben, die ihrerseits nach spezifischen Informationen sucht usw. Kurz das Netzwerk “lernt” Objekte erkennen. Und nun ist es wohl so, dass es mit diesem eigenen “Wissen” Bilder generiert, sich also “Vorstellungen” macht von zum Beispiel einer Banane. Philosophisch betrachtet ist das ein ziemlich großer Schritt in Richtung künstliches Bewusstsein. Von außen betrachtet, also mit menschlichen Begriffen, sieht es so aus als ob die KI eine eigene Phänomenologie entwickelt, weil sie in der Lage ist Phänomene, also Dinge, vorzustellen.

Die Forscher haben dann noch andere Experimente gemacht. Zum Beispiel haben sie, einer jeweiligen neuronalen Ebene, die auf das Erkennen spezifischer Informationen spezialisiert war, befohlen, das was sie erkennt zu verstärken, wie zum Beispiel “Kanten”. Das führte dann zu einer Feedbackschleife und erzeugte trippige Bilder. Dies wurde dann auch mit höheren Ebenen, die komplexere Dinge erkennen können als Kanten oder Rundungen durchgeführt. Dann interpretiert das System zum Beispiel Natur into Architektur und ähnliches.

seurat-layout

image-dream-map

Um noch mal auf die Schafe zurückzukommen:

via SingularityHub

Genaueres auf dem Google Research Blog

Alle Bilder bei Google Fotos

Deutschrap und so #11: Freundeskreis – Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte

Erinnert sich noch jemand an die Kolchose? Der Zusammenschluss aus Stuttgarter Rappern war eine zeitlang neben Hamburg einer der wichtigsten Motoren des Deutschrap, während Berlin praktisch bis Ende der Neunziger gar nicht stattfand (was sich erst in den 00ern dramatisch ändern sollte).

Gangsta-Rap war zu dem Zeitpunkt, bis auf den eher witzigen Versuch aus Frankfurt, eine Untergrund-Sache, und es waren Bands wie Freundeskreis, die das große Hip Hop-Movement mit 1999 als kommerziellen Höhepunkt dominierten. Auf dem 1997 erschienen Debüt-Album “Quadratur des Kreises” gab es weniger Schellen von der Straße als viel mehr Geschichtsbewusstein und Sozialkritik. Auch waren nicht die üblichen G´s aus der Hood die Vorbilder, sondern die jazzigen Tribe Called Quest und Bob Marley.

Die naive Che Gueverra-Studenten-Romantik und die doch mitunter sehr dumpf vorgetragene Kapitalismus-Kritik wirken heute weitaus weniger großartig als in meinen frühen Jugendtagen, aber trotzdem war es einer der ersten Momente im deutschen Hip Hop, wo Arsch und Gehirn gleichzeitig bewegt wurden. “Leg dein Ohr auf die  Schiene der Geschichte” war extrem gut abgehanger Conscious Rap, der ja gerade heute gerade mit Sicht auf die nicht wirklich positive Weltlage viel zu kurz kommt.

Von Freundeskreis ist seit 2007 nichts mehr zu hören und Max Herre hat sich leider für eine Karriere entschieden, die mir mit ihren Popkonserven Kopfschmerzen bereitet.

Difficult Questions from a mixed-race Son

enhanced-22383-1433277093-1

Mira Jacob hat auf Buzzfeed 37 Difficult Questions From My Mixed-Race Son collagiert. Als Aufhänger benutzt sie Michael Jackson, der an Vitiligo erkrankte wodurch sich die Pigmentierung seiner Haut zu weiß veränderte. (Winnie Harlow) Die Frage im drobigen Beispiel hat es mir besonders angetan. Sie evoziert eine ganze Reihe anderer Fragen. Ist es eine philosophische, politische oder soziale Frage? Ist die Antwort auf die Frage nicht egal? Wäre sie gestellt worden, wenn es diesen (“weißen”) Rassismus nicht gäbe? Rassismus was ist das? Wo kommt das her? Ist das die in Hass, zumindest aber in Ablehnung verwandelte Form von Xenophobie, die Angst vor dem Fremden? Wie ist die Urgeschichte von Rassismus. Kennen/ Kannten Urvölker sowas?

Die Art und Weise mit der Mira Jacob hier mit diesem Thema umgeht ist so herzlich herzig, was vermutlich dem Narrativ der Intimität (Mutter-Kind-Beziehung) geschuldet ist. Da gehören eben Gedanken darüber ob diese oder jene Menschen okay oder nicht okay sind gar nicht hin.

via nerdcore

Deutschrap und so #10: Die Fantastischen Vier – Populär

Wie ich im Ausgangspost zu dieser Serie bereits schrieb: Ich habe in den 90ern echt wenig Hip Hop gehört. Aber unter meinen ersten selbstgekauften CDs stand neben der …And justice for all, Nevermind und Punk in Drublic mit Lauschgift ein Brett von einem Hip Hop Album, das ich täglich einlegen konnte, ohne befürchten zu müssen, dadurch meine Just Guitar Music Realness zu verlieren. Das lag nicht zuletzt an dem darauf befindlichen Rap-Monster Populär, ein Track, der sich auch auf diversen Crossover-Samplern sehr gut gemacht hätte und zu dessen In Your Face Hookline sogar ordentlich gepogt werden konnte (ehrlich, ich habs ausprobiert).

Auch abgesehen von diesem Übersong, von diesem hochkarätigen Rock/Pop/Rap-Bastard ist Lauschgift ein absolutes Meisterwerk; eine Scheibe, die ich auch heute noch gerne einlege und über deren Songs ihr deswegen gezwungenermaßen in dieser Serie noch ein oder zwei mal stolpern werdet. Deal with it, ihr elenden Hip Hop Puristen!

Feinste Line: “Doch irgendwann sind sie dran und dann kennt sie keiner mehr! / Gestern niemand, morgen tot und dazwischen was?  / POPULÄR!”

Wenn bekannte Regisseure Architekten wären – Federico Babina: Archidirector

07_ARCHIDIRECTOR_David-Lynch-01_700

Federico Babina schafft bezaubernde Grafiken, bei denen Cineasten das Herz aufgeht. In seiner Reihe Archidirector entwirft er, ausgehend von der Filmästhetik eines spezifischen Regisseurs, architektonische Grafiken. Das ganze ist dann so eine Art Hybrid aus Filmposter und minimalistisch-geradlinigem Designporn. Auf seiner Seite gibt es noch mehr davon und andere Architektur-Something-Flicks.

 011_ARCHIDIRECTOR_Jacques-Tati-01_700

02_ARCHIDIRECTOR_george-lucas-01_700

via this isn´t happiness

Deutschrap und so #9: Fettes Brot & James Last – Ruf mich an

Und jetzt ist er weg. Ich bin mit den Platten von James Last aufgewachsen, weil meine Eltern den beruhigenden Easy Listenig-Sound toll fanden und ich das natürlich als langsam immer rebellisch werdendes Kid total blöd.

“Ich mache wozu ich Lust habe”, sagte James Last in einem Interview mit der Zeit und fand zu dieser Einstellung in den Broten Seelenverwandte. Die Hamburger konnten sich eh noch nie auf einen Stil festlegen und irgendwann kam dann folgerichtig auch der leichte Party-Sound des Wahl-Kaliforniers  hinzu, der die Jungs für den Videodreh gleich zu sich  nach Hause einlud.

Heraus kommt ein Song, der nach Lässigkeit und Spaß klingt. Also entspannt euch, legt euch in die Sonne und erhebt ein Glas Richtung Himmel.

Deutschrap und so #8: Azad – Napalm

Azads “Napalm” erscheint im Jahr 2000 und ist gewissermaßen ein Einschnitt in der deutschen Rapgeschichte. Sowohl inhaltlich als auch videoästhetisch sprengt der Track das Gewohnte. Er ist härter, dunkler, militanter, wütender. Azad spielt eine wichtige Rolle bei der Etablierung eines neuen Styles, der Hip Hop als Kultur ernster nimmt als die 90er Pop Hip Hop Sachen. Diese etwas nuschelnde Raptechnik hat vorher auch noch niemand so gemacht. 2000 jedenfalls ist das etwas, was so noch nie da war. Ich weiß noch, dass ich dieses Video irgendwann nachts in meinem alten Zimmer sehe, und es mich total flasht. (Ich glaube aber, es war 2001.) Sowas lief immer auf Viva Zwei, wo es zu vorgerückter Stunde so unendlich viel mehr zu entdecken gibt, als auf den anderen beiden Musiksendern, auf denen mehr kommerziell ausgerichtete Popsachen laufen.

Azad, den ich erst durch dieses Video kennen- und schätzen lerne, ist eigentlich ein Hip Hop Urgestein. Ich kenne mich in den Anfangsjahren des Deutschraps nicht wirklich aus, sondern konsumiere bis dahin nur das Musiksender- und Bravoangebot, eben die typischen 90er “Hits”. Es gab ja schon in den Achtzigern eine aufkeimende Hip Hop Bewegung, von der auch Azad Teil war. Er machte sozusagen eine Hip Hop Bilderbuchkarriere, in dem Sinne, dass er diese Kultur wirklich gelebt hat. Er hat die berühmten 4 Säulen des Hip Hops, ja ich würde sagen gemeistert. Angefangen mit Breakdance, über Graffiti und DJing hin zum Rappen. Ich habe ja schon in #1 erklärt, dass die bekannteren deutschen Rapproduktionen bis 2000 einfach sehr glatt, nett und auf-schön produziert waren. Azads Beats waren eben nicht so, sie waren wie hier mit Napalm nicht nett sondern wütender, rauer, fast schon bedrohlich. Zu diesem Zeitpunkt, vor allem mit seinem 2001 erscheinendem Album “Leben”, hat Azad definitiv die fettesten Beats. Einerseits. Anderseits schafft er es aber auch allein mit seinen Beats schon soviel zu erzählen, weil sie eben nicht darauf abzielen möglichst nett oder Pop zu sein, sondern was komplett anderes, neues erzählen. Da hört man die Stadt und die Straße, die Hip Hop Geschichte in den Scratches, Azads Verbundenheit mit dieser Geschichte und man hört echte Melancholie, anstatt den Effekt “Melancholie” wie in den üblichen Popproduktionen. Im Zusammenhang mit dem Video ist dieser Track einer derjenigen die so verdammt gut gealtert sind, weil er auch heute noch genauso funktioniert wie vor 15 Jahren. Sein 2001er Album “Leben” sei ausdrücklich zur Anschaffung empfohlen, das war definitiv ein Meilenstein und viele heutige Rapper schwärmen zu Recht davon.

Deutschrap und so #7: Absolute Beginner – Gustav Gans


Beginner — Gustav Gans

Muss man wohl nicht viel zu sagen: Der Optimist unter den deutschen Hip Hop Songs. Zaubert einem schnell ein Lächeln auf die Lippen, findet man zum Kotzen, wenn man schlechte Laune hat. Feinste Line: “Und warum nicht alles leichter nehmen / und dafür sorgen dass es weiter geht. / Auch wir kennen die Ups and Downs, / doch heute wollen wir Positives in die Gasse hauen.”