Album der Woche: Lana Del Rey – Lust for Life

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In einer Welt, die noch nach Logik und gutem Geschmack funktionieren würde, hätte man Lana Del Rey schon längt eine Rolle in “Twin Peaks” angeboten. Die Verbindung von 50er-Jahre-Ikonographie und Moderne sollte doch auch David Lynch nicht entgangen sein. In der Neuauflage seiner gefeierten Kult-Serie tauchte der Name leider nicht auf, dabei ist die gesamte Diskographie der Künstlerin eine einzige Bewerbung an den Meister der dunklen Abgründe.

Der große Aufstiegsmythos, das  “keep smiling” und der uramerikanische Optimismus waren schon kein Thema, stattdessen die traurige Einsamkeit im Schatten des Holllywood-Wahrzeichens. Das Mädchen, das mit großen Träumen hier herkam und nur Enttäuschung fand, ist der Stoff, aus dem Albträume sind. Das letzte Lana-Del-Rey-Album “Honeymoon” war dann der Höhepunkt der Anti-Liebeslieder und der Depression. Es ging nicht mehr schmerzhafter und trauriger, und so klingt der Albumtitel “Lust For Life” nur noch zynisch.

Doch hat sich etwas getan: Die Weltlage und deren Gefährlichkeit ist nun auch endgültig in der sogenannten ersten Welt angekommen. Die Inszenierung der Traurigkeit ist 2017 keine Outsider-Attitüde mehr, sondern in Amerika das Gefühl einer ganzen Generation: “Wir sind alle fucked up, aber es wird schon irgendwie weitergehen”. Nach dem Coachella-Festival, zentraler Punkt der feierfreudigen Eskapismus-Jugend, sah sich Lana eine Dokumentation über den Konflikt zwischen Nordkorea und Amerika an. Auf ihrem Instagram-Account war zu lesen: “Ich werde Euch nicht anlügen – ich hatte gemischte Gefühle jetzt und hier drei Tage am Stück durchzutanzen, während es diese Spannung zwischen den USA und Nordkorea gibt. Ich habe es abgewägt und versuche, die Zeit hier zu genießen. Auf der Erde, welche Gott uns geschenkt hat.” Es gibt also noch eine andere Welt, außer der, die man sich durch Rückzug schafft.

“When The World Was At War We Kept Dancing” beschreibt diesen Misszustand perfekt und fragt sich “Is it the end of an era? Is it the end of America?” – ruft aber gleichzeitig zu einem neuen Movement auf, in dem wir wieder zusammenkommen. “God Bless America And All The Beautiful Women In It” bestärkt Frauen in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung und im Kampf gegen Benachteiligung. Es mögen einfache Botschaften sein, aber genau die richtigen zu diesem Zeitpunkt. John Lennons Anti-Kriegs-Song “Imagine” wird nie als textliches Meta-Meisterwerk in die Geschichte eingehen, fing aber genau den Zeitgeist der kriegsmüden Generation in den Siebziger Jahren ein. Ja, es mag zu bemüht sein, wenn man sich nun Julian Lennon als Duettpartner holt und damit den Link zum berühmten Vater knüpft, aber auch unabhängig vom übergeordneten Thema “Liebe in Zeiten des Kriegs” ist es ein großartiger Song. Genau wie die Kollabo “Beautiful People Beautiful Problems” mit Stevie Nicks, die weniger an Fleetwood Mac, sondern eher an Marianne Faithfull erinnert. Courtney Love hätte sich aufgrund des Namens schön in die DNA des Albums eingeflochten und wenn man das sehr lesenswerte Interview im Dazed-Magazin liest, sind beide Seiten von der Idee nicht abgeneigt.

Es funktioniert nicht jedes Zitat auf “Lust For Life” – wie zum Beispiel “Get Free”, das sich doch sehr an “Creep” von Radiohead orientiert, aber immerhin noch den Twist zu einer Beach-Boys-Psychedelic-Nummer hinbekommt. Macht also “Lust For Life” wirklich Lust aufs Leben und auf unsere Zeit? “It took thirteen beaches to find one empty / But finally, I’m fine.” Aktivistin an vorderster Front wird Lana wohl zum Glück nicht werden, sondern weiterhin ihre Paraderolle pflegen – als Chronistin der amerikanischen Seele, wenn die Lichter von Coachella ausgehen.

The Brothers Quay waren die Inspirationsquelle für die Musikvideos von TOOL

The Brothers Quay - "Rehearsals for Extinct Anatomies"

Diese beengende, düstere Atmosphäre, durch die sich stop-motion-animierte Figuren und Puppen bewegen, haben nicht Tool, allen voran Gitarrist Adam Jones, erfunden, sondern die Stop-Motion-Künstler The Brothers Quay.

Adam Jones war auch Special Effect Artist und arbeitete gemeinsam mit Fred Stuhr an den ikonischen Tool-Musikvideos aus den 90er Jahren. Diese zeichneten sich vor allem durch einen exzessiven Einsatz von Stop-Motion aus, in einem vermoderten und farblich und auch sonst kargen Setup, wodurch diese bedrückende und groteske bisweilen unangenehme Atmosphäre entstand. Adam Jones arbeitete auch an Filmen wie „Ghostbusters II”, „Predator 2” und „Edward Scissorhands” mit. Damit war für mich die visuelle Kraft der Videos immer hinreichend erklärt. Nun erfahre ich aber, dass Werke der Stop-Motion-Künstler The Brothers Quay als Vorlage dienten für Jones Video-Arbei. Darüber war Kurt Cobain so angepisst, dass er hoffte, dass Tool für dieses „rip off” verklagt würden:

Und in der Tat. Tools „Sober” sieht schon sehr nachempfunden aus. Aber hey. Kurt hat sich bei einigen Nirvana-Riffs auch woanders inspirieren lassen, das sagt er selbst in seinem Tagebuch. Der politisch korrekte Terminus dafür lautet „remix culture” und ist völlig okay.

Hier mal zwei Arbeiten der Brothers Quay. „Bruno Schulz’s Street of Crocodiles” und „Rehearsals for Extinct Anatomies”.

 

Außerdem warten wir bereits seit mindestens fünf, wenn nicht zehn Jahren auf ein neues Tool-Album. Ob man von Metal überhaupt noch was erwarten kann, ist fraglich. Da wurde ja auch schon alles durchgespielt. Das Genre scheint nur noch was für Liebhaber zu sein. Es passt nicht mehr in den schnelllebigen Fashionlifestyle, bei dem es um Verkaufszahlen, Absätze und ständiges Reizen geht. Irgendwie.

“Gutmenschlichkeit in DeiGsicht” – Interview mit form/prim

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Ich hatte die Tage ein sehr interessantes Interview mit form/prim. Es ging nicht um Deluxe-Boxen, Sneaker und Marken-Klamotten, sondern um Gutmenschlichkeit, Polit-Rap Underground und Diskurs.


Hallo form! Ich habe der “Urknall war ein Inside-Job” angehört und würde es als Polit-Rap einordnen. Kannst du mit dieser Schublade leben?

Ich kann damit leben, sonst wäre ich ja schon tot. Ich habe natürlich etwas dagegen, weil dieser Begriff ganz viele Sachen umfasst, mit denen ich nichts zu tun habe, aber die Leute brauchen ja immer ganz arg viel Hilfestellung, Anhaltspunkte, Unterstützung und Orientierung in dieser crazy bösen, unübersichtlichen, schrecklichen Welt. Wenn sie also sonst weinen, sollen sie sich eben an “Polit-Rap” festhalten. Es trifft halt nicht den Punkt, aber was tut das schon? Ich sag lieber “Powerrap mit der Kraft der Gutmenschlichkeit in DeiGsicht, du Furzknolle”, aber das ist auch wieder zu lang. Und ja, ich habe politische Vorstellungen, aber das thront nicht über allem. Zuallererst muss es geil sein. Künstlerisch interessant, unterhaltsam, innovativ und sowas. Das ist mein Anspruch an Rap. Natürlich hab ich auch einen Anspruch an die Inhalte, aber das darf niemals zu Lasten des Styles gehen. Es gibt ja z.B. gerade in klassisch politischen oder in manchen HipHap-HipHop-Kreisen extrem konservative Vorstellungen davon, was Rap sein soll. Leute, die sonst überall den Fortschritt fordern, sind in Sachen Beats mega hängengeblieben auf New York 1996, wollen, dass sich alles immer schön ordentlich am Ende reimt und heulen rum, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Das ist wack, das ist rückgratlos, das macht den Fußball kaputt. Das hat vielleicht was mit deren Midlife-Crisis zu tun, aber eben nichts mit Freshness. Und für mich hat HipHop aber viel mehr mit Letzterem gemein. Seid eigen. Traut euch doch mal was, ihr feigen Schiffschaukelbremser!

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Die 90er Jahre: Die besten Alben des Jahrzehnts (Übersicht aller Artikel)

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Poetisch, laut, grimmig, maskulin, feminin, naiv und abgeklärt. Das waren die 90er und hier noch einmal die große Retrospektive im Überblick.

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Hörenswertes, Mai 2016: Anohni, Death Grips, Mo Troper, Radiohead

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In meiner April-Musikschau war noch alles ganz kuschelig, wohlig warm… eigentlich sogar schon frühsommerlich. Im Mai sieht das ganze irgendwie anders aus. In diesem Monat dominieren die schrägen, düsteren, zersetzten und zersetzenden Töne. Daran kann auch der vergnügte Collegerock von Mo Troper nichts ändern. Denn begleitet wird dieser von Pop-Destruktionen einer ANOHNI und Industrial/Rap-Dekonstruktionen der Death GripsRadiohead stürmen zwar eher solide, ohne große Überraschungen den Frühsommer, ändert aber nichts daran, dass auch ihnen wieder mal ein kleines, artpoppiges, antipoppiges Meisterwerk geglückt ist.

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Die 00er Jahre: Die besten elektronischen Alben des Jahrzehnts I

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Wie peinlich das ist. Ich würde so gerne krasse Storys aus der City erzählen, wie ich verstrahlt 3 Tage im Berlin getanzt und dann in einer Bar an der Spree ausgenüchtert habe. Ja, wäre nett gewesen. Ich begebe mich ab diesem neuen Teil der besten Alben der 00er selber auf die Reise. Auch wenn ich natürlich viele der Alben schon kenne, habe ich zu dem Zeitpunkt lieber Zeug wie Metalcore (Gott bewahre uns vor dieser Rubrik) gehört.

Während also in den 90ern Techno (heute wieder EDM genannt) auf immer größeren Kommerz-Events stattfand, begann in den 00er Jahren der Rückzug in die Clubs und an den Laptop. Das Besinnen auf den eher reduzierten Sound der 80er, mit Daft Punk sogar direkt zurück zu den Wurzeln der Disco-Musik, war natürlich auch ein großes Thema.

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Achso…. ja…. stimmt… Radiohead!

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Ich komme im Moment zwar – Babybedingt – nicht so viel zum Bloggen, will aber an dieser Stelle doch noch mal kurz mitteilen, dass ich mich gerade einpinkle vor Vorfreude auf das heute abend (!) veröffentlichte neue Radiohead-Album. The King of Limbs war mir dann ja doch im Nachgang ein bisschen zu kalt, elektronisch, sperrig; die beiden neuen Songs, die die letzten Tage zu hören waren, klingen aber nach wunderbar symphonischen, epischen Avantgarde-Pop, wie zu Hail to the thief Zeiten.

Meine Hoffnung: Die neue Scheibe besitzt wieder ein bisschen mehr Rock N Roll, ein bisschen mehr Postrock und ein bisschen mehr Jazz…. klingt nicht ganz so arg nach Yorke-Solo wie die beiden Vorgänger. Im besten Fall eine “Wir versuchen das beste aller bisherigen Radiohead-Veröffentlichungen zu vereinen”-Scheibe, so wie es HttT war. Eine zweite Kid A (nach wie vor ihr stärkstes Stück Musik) nehme ich freilich auch mit Kusshand. Es wird spannend… und bis zur Veröffentlichung heute abend verharre ich noch ein bisschen in feuchten Fanboy-Träumen:

Warum Böhmermanns BE DEUTSCH trotzdem rockt…

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Gleich mal als Disclaimer und tl;dr vorangestellt: Ich bin der festen Überzeugung, dass Böhmermann derzeit der einzige ist, der den deutschen Comedy, das deutsche Kabarett, die deutsche Unterhaltungsshow und ganz generell die deutsche TV-Landschaft retten kann. Seit BE DEUTSCH bin ich erst recht der Meinung, dass er dies im Alleingang tun wird.

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Disturbed-Frontmann David Draiman ärgert sich über Fan, der während des gesamten Konzerts am Handy hängt

Sorry für die lange Überschrift. Aber das ist auch eine Story, die fast gemacht zu sein scheint für eine “Was dann passierte, werdet ihr niemals glauben”-Clickbait-Headline. Und die wiederum wollte ich in jedem Fall vermeiden. Anyway, David Draiman is very pissed, wegen des Verhaltens eines Konzertbesuchers. Was dann folgt, seht ihr in diesem Video. Bei Minute 2 musste ich heulen.

via guitarplayer

Hörenswertes: Big Ups, Nevermen, Santigold, Nada Surf, Ólafur Arnalds und Nils Frahm

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Was für eine fürchterliche, was für eine schöne Zeit! So ganz habe ich die Ereignisse der letzten Tage noch nicht verarbeitet, aber es muss ja alles weiter gehen. Ein bisschen Realitätsflucht tut gut und es ist diesmal doch recht bunt geworden. Hardcore von Big Ups, so ziemlich alles von Nevermen, Discount-Ware von Santigold, Nettes von Nada Surf und zum Abschluss noch sehr feine Ware von den beiden Trance Friendz Ólafur Arnalds und Niels Frahm.

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Hörenswertes, März 2016: Lucy Dacus, Crater, Bird on the Wire, Iggy Pop, Bela

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Frühling, Frühling, Frühling! Was soll ich anderes sagen? Frühling, Frühling, Frühling! Hell, yeah! Die Sonne scheint, die Vögel singen, Berlin erreicht endlich wieder Spaziergängertemperaturen und die hier versammelten Veröffentlichungen, die ich mir im März genehmigt habe, haben auch fast alle den passenden Sound dazu mitgebracht. Während Crater mit ihrem Electropop noch ein wenig Kälte in den März bringen, zaubert Lucy Dacus ganz entspannt und wohlig warm das beste Songwriter-Indie-Folk Album der Saison aus dem Hut. Iggy Pop versöhnt sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Josh Homme eines seiner besten Alben überhaupt. Die Wildcards meiner März-Playlists gehören dagegen definitiv Bird on the Wire und Bela. Auf der einen Seite schön krautiger Psychedelic-Art-Pop, auf der anderen zutiefst menschlicher, frischer Ambientsound. Es hat Spaß gemacht, in diesem Monat die Lauscher zu spitzen. Was soll ich auch anderes sagen? Frühling, Frühling, Frühling! Hell, yeah!

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Und dann ist da dieser Moment, wo Money Boy mal ernsthaft bleibt…

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Money Boy bedient ja eigentlich bevorzugt die schrillen Lifestyle-Magazine, wie zum Beispiel Vice. Die haben bestimmt schon ne eigene Abteilung für das Self-Empowerment von dem Wahl-Berliner aufgestellt, der gefühlt im Wochen-Takt eine neues Mixtape und einen kleinen Social Media-Skandal raushaut.

Das hinter der Kunstfigur auch noch ein Künstler steckt, der ein Magister in Sachen Kommunikationswissenschaft in der Tasche hat, ist zwar mittlerweile bekannt, aber ging doch im Overflow der Releases und verdrogten Interviews unter.

Das kurze und sehenswerte Interview mit Pulse zeigt einen überraschend disziplinierten Sebastian Meisinger, der reflektiert über den Wert von Musik redet. Der Song als Vehikel zum Marketing und umgekehrt dürfte wohl perfekt den Stand des Musikbiz im Jahr 2016 erklären.

Jamie-Lee Kriewitz vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest 2016 in Stockholm…

…Und der Song, mit dem sie das tut, ist überraschend okay, an manchen Stellen sogar richtig gut. Die “The Voice of Germany”-Gewinnerin Kriewitz, von der ich bis dato noch nie etwas gehört habe (Pop-Castingshows rauschen in der Tat immer komplett ungesehen an mir vorbei), hat einen angenehm großen Stimmumfang und weiß den in ihrem Song Ghost auch geschickt einzusetzen. Ihre Stimme ist dann allerdings auch das einzig Herausstechende an dem deutschen Eurovision Song Contest Beitrag dieses Jahres. Der ist abgesehen davon eine solide Electropop-Nummer mit ein wenig Lena Meyer-Landrut, ein wenig Rihanna und viel grundgutem Schlagerpathos.

Ob das ganze in Stockholm was reißen kann? Ich würde mal laienhaft behaupten “ja durchaus!” (Die ESCs rauschen auch immer eher ungesehen an mir vorbei). Klingt Ghost doch schon irgendwie nach einem ESC-Gewinnersong. Außerdem ist es doch schön, dass nach dem ganzen Naidoo-Debakel doch noch ein würdiger Schland-Vertreter für den Contest gefunden werden konnte, auch wenn die Kassierer natürlich geiler gewesen wären…

ESC-Vorentscheid: Triumph des Zierbömmels (SPON)