Deutschrap und so #21: Kool Savas feat. Fumanschu – Wieso

Vielleicht übertreibe ich ein bisschen, aber Rap und Hip Hop in Deutschland ist für mich erst ab so ungefähr 2000 rum relevant. Ich ziehe ja immer ein bisschen her über die 90er Pop Hip Hop Sachen. Ich kann nicht genau sagen warum das so ist, aber ich hab einfach ein besonderes Gefühl wenn Sachen roh sind und nicht glänzen. Die low-fi-Beats der damaligen Künstler (MOR, Westberlin Maskulin, Pilskills und so viele andere) haben es mir einfach angetan. Natürlich ist die Technik und die um-die-Ecke-Lines eines Kollegahs beeindruckend, aber es fühlt sich eben anders und besonders an wenn Künstler gerade erst beginnen, wenn kein Toningenieur hinter ihnen steht und die Audiowellen optimal setzt, wenn Künstler mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die eben nicht high-end sind, auskommen müssen, wenn es dann auch rauscht und ein bisschen kratzt. So wie hier zum Beispiel. Es gibt lediglich ein Beat und eine Bassline, die ein wenig melodiös ist. Dann gibt es noch einen Text, der eben echt und lebendig ist, im Sinne von echt und lebendig, in dem was einfaches, menschliches zum Ausdruck kommt und kein ich-tick-die-Drogen-mach-Überfall-Actionfilm-Gedöns mit zugehöriger Bebilderung. Real Hip Hop.

 

Warum improvisierte Musik so langweilig ist…

Spannende Performance von Diego Chamy, die zwischen Improvisation und Kalkül schön das Nervenzentrum der Rezipienten fickt. Let the description do the rest:

by Diego Chamy (concept, performance), with Jean-Luc-Guionnet (alto saxophone) and Seijiro Murayama (percussion). Previously performed with Mathias Pontévia (percussion) and Nusch Werchowska (objects) at alberto ukebana, Berlin, November 18, 2008, and with Christof Kurzmann (laptop) and Seijiro Murayama (percussion) during the “Nine Lives” concert series at Ausland, Berlin, July 10, 2009.

Description of the action:

The program indicates an improvisation by three musicians/performers, but I do not appear on stage until after the others have played for some time. I tell the audience that before coming to the theater I had received an unusual email from a friend I had invited to the performance. In this email, which I read out loud, my friend says that he’s fed up with improvised music and asks me to give him a good reason to come to the concert. He also proposes that I ask the audience why improvised music is so boring. I tell the audience I have accepted my friend’s proposal and have prepared a list of questions to ask them. As I present these questions, it becomes clear that they are all rhetorical in nature. The two musicians continue playing throughout. After my last question, a member of the audience suggests that I sing a song, which I proceed to do. (In fact, I had planned to sing a song after asking these questions, and it is purely coincidental that an audience member makes this request.)

Some ideas:

A rhetorical question is not so much a question as a device used to assert or deny something. In this performance I don’t look for interesting answers from the audience. If this were my intention I would have chosen other types of questions (or I would have let the audience ask their own questions). The point here is not whether “improvised music” is boring or not. The point is the mixture of confusion and disappointment generated by someone making this statement and “hiding” it in the form of a question. Another interesting aspect to these questions is the stupidity carried within their generalizations. One can speak about John’s music, Peter’s music, and so on, but “improvised music,” insofar as it is a generalization, doesn’t help us think creatively. Nonetheless, in their stupidity, I find the raw use of generalizations and the flagrant use of rhetorical questions somehow interesting. The same goes for the “comparison” I make between the music being performed on stage and the song I sing at the end of the video.

Extra information:

I performed this action three times. The first two times, the musicians I worked with didn’t know what I was going to do. (I only asked them if I could speak while they played, and they agreed.) The third time (presented here) was a reenactment of the first two actions: the musicians (Jean-Luc and Seijiro Murayama) understood my concept and kindly agreed to play the role of “musicians,” trying genuinely to play their own music and see if it was possible to achieve the tension that was present during the first two performances. To reinforce this act, I asked Seijiro to throw a chair at me immediately after the performance while the audience was clapping. Seijiro did not (or could not) perform this action, but in the video it’s possible to see the tension generated after the audience claps: Seijiro remains seated on stage, looking troubled, knowing that he has to throw his chair at me. For some reason he doesn’t do it.

In the video:

Diego Chamy (concept)
Jean Luc Guionnet (alto saxophone)
Seijiro Murayama (percussion)

Performed at the INSTAL Festival, Tramway, Glasgow, U.K. November 12, 2010.

via Kulturtechno

Deutschrap und so #20: Die Firma – Scheiß auf die Hookline

Die Firma war damals Ende der 90er extrem beliebt in meiner Social Bubble und so habe ich zwangsläufig ziemlich oft in ihre Songs reinhören müssen. Die hatten aber auch was, allein schon weil sie alles anders zu machen schienen als der Rest der damals schon recht vitalen Deutschrap-Szene: Weder Pop-Verliebtheit, noch Weed Gechille, weder Punk- noch Gangsterattitüde. Die Firma spielte ihren eigenen Style, den ich gewillt bin, am ehesten als “Großes Kino” zu bezeichnen: Deep Storytelling, Big Pathos, ein Hauch von Conspiration and Third Eye und eine epische, cineastische Gesamtatmosphäre, die immer mehr von allem demonstrieren und dominieren will . Klar, die Jungs hatten auch ihre Downer, wie das zuckersüße Liebesgedicht in Rap-Dur “Die Eine”, aber es dominierten dann doch die breiten, monumentalen und gewaltigen Sounds.

Ein wenig mehr Selbstironie, ein wenig mehr Bescheidenheit und Augenzwinkern hätte den Kölnern sicher gut zu Gesicht gestanden (und vor allem viel viel weniger Dualismen. Mein Gott, bei denen ging wirklich nichts ohne Dualismen!). Aber mit Scheiß auf die Hookline haben sie alles richtig gemacht. Ein elegischer Abgesang auf die Regeln des Business, ein epischer Bastard aus Rap und Pop, mit einer – Oh, the Irony! – eingängigen Hookline, die von fast experimentellen Dissonanzen zerschossen wird. Passt. Fetzt! Und verleitete mich damals gar dazu, mir das ganze Album zuzulegen, auch wenn mir der Überpathos der Band und die Vorliebe für pathetische, schwere pseudophilosophische Geschichten, Illuminati und Babylon ziemlich schnell auf den Sack gingen. Feinste Line: Was dich interessiert, das ist die Anzahl von verkauften CD’s, / fischst nach Kohle in WC’s, / belanglose LP’s, HipHop Nachwuchs Protegees / und Klischees, wir haben unsere eigenes Konzept, / die Firma, jetzt weißt du, wer hier rappt!”

Deutschrap und so #19: Bushido – Electrofaust/ Bei Nacht

Der deutsche Hip Hop der Neunziger war bunt, leicht sophisticated und gerade nach der großen Welle im Jahr 1999 auch ganz dick im Geschäft. Die Budgets wurden größer, die Videos aufwendiger und wie bei den Ami-Vorbildern immer mehr auf Hochglanz produziert.

Doch irgendwann sah ich – nomen est omen – einen simpel produzierten Videoclip auf Viva, der so rau und düster produziert wie der zugehörige Track selbst war. Da war nichts mehr mit Chillen und durch ein ödes Schwabenkaff cruisen, stattdessen harte und dumpfe Electro-Beats, auf die Bushido martialische Lyrics rappte. Dreckige Hauptstadt-Atmo gegen Spaß-Rap aus der Mittelschicht.

Alter, wie ich habe ich diesen Song und auch schon das legendäre Carlo Coxx Nutten-Album mit Fler hart gefeiert! Pop-Rap, wie zum Beispiel von den Massiven Tönen und ihr saudämlicher Cruisen-Song war 2003 so durch wie es nur ging und hatte sich schon längst Richtung Radio-Hit verabschiedet.

Bei Nacht war also das dringend benötigte, schwer aus Frankreich infizierte, frische Blut für die Szene, die sich danach krass verändern und den Rest der Rappublik für Jahre in die Bedeutungslosigkeit bugsieren sollte.

Heute, mit 36 Jahren, finde ich das alles nach der drölfmillionsten Wiederholung des Mutterfickers-Filmes natürlich ermüdend und fernab meiner jetzigen Lebensrealität; war es aber nicht für den kleinen Rinko in seinen beginnenden 20ern. Ich wollte den neuen, den realeren und krasseren Scheiß, den mir Aggro Berlin dann auch ein paar Alben gegeben haben, jedenfalls so lange bis der einstmals harte Untergrund-Sound vom Mainstream assimiliert und alles zu der mauen Realsatire, die Azzlacks um Haftbefehl ausgenommen, von heute wurde.

Konzertbericht: Primus in der Live Music Hall, 20.06.2015

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Ach Live Music Hall, so sehen wir uns also wieder. Du bist wirklich keine Schönheit und doch warst du mein erstes Mal! Hier habe ich tatsächlich mein erstes, allererstes Live-Konzert gesehen, und wenn ich mich recht erinnere, waren das The Gathering mit ihrem sehr schönen Album “How To Measure A Planet” und einer komischen Vorband, in der ein Jüngling mit blonden wallenden Haaren Dosenbier in Rekordzeit killte und sich für keine Poserei zu schade war. Und wo ich schon wieder anfange zu ranten: Einen schöneren Ort für meine Entjungerferung hätte ich mir ehrlich gesagt auch gewünscht, da es sich hierbei um eine dieser komischen Stahlträger-Hallen handelt, die für manche rostigen Hinterhof-Charme haben, für mich aber einfach nur komplett austauschbar sind.

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Deutschrap und so #17: Haftbefehl – Lass die Affen aus’m Zoo

Wenn ich das richtig mitgekriegt habe, war Haftbefehls Ruf in der deutschen Gangster Rap Szene lange Zeit eher umstritten. Egal, was ich vor allem mitbekommen habe, war die Tatsache, dass der Offenbacher mit seinem letzten Album Russisch Roulette im deutschen Feuilleton extrem hofiert wurde. Plötzlich schien das Bildungsbürgertum seinen Vorzeige-Bösen-Bubi (bzw. Baba) der deutschen Hip Hop Szene gefunden zu haben, und kein akademisches Superlativ war zu akademisch, um in den Babo aus Mainhatten hereingelesen zu werden.

Die Songs, die sich auf dieser urbanen antigöttlichen Tragödie finden, sind aber auch ein Brett vor dem Herrn: Astreiner, derber Sozialdarwinismus, inklusive Nihilismus und existenzialistischer Verzweiflung. Antiironisch, brutal und direkt in die Fresse des Publikums, begleitet von den fettesten Beats, die es in den letzten Jahren in dem Genre zu hören gab. Das ist real bis zur Schmerzgrenze, gerade in Lass die Affen aus’m Zoo gnadenlos zwischen Narration, Affirmation und resignativem Zynismus pendelnd, und hat trotzdem immer noch genug Platz musikalisch allen klar zu machen, wer hier der wahre Babo ist. Feinste Line: “Die Freiheitsstatue ist ‘ne Hure und ich fick sie / Blanco pumpt den Beat, ich erschieß’ diesen Swizz Beatz / Sie trinken Hennessy und denken, sie sind 50 Cent / MCs in Germany blasen in Michigan”

Deutschrap und so #16: Deichkind – Limit

2002: Ich weiß gerade selber nicht, warum ich die Abschlussprüfung geschafft habe und kann es mir nur so erklären, dass meine Klassenlehrerin mit Aussicht auf ein weiteres Jahr meiner Anwesenheit die nackte Panik ergriffen hat. So stehe ich also mit einem dicken Kopp (vor der Prüfung noch zusammen mit einem Mitschüler einen Kasten vernichtet) und wenig Ambitionen meine Zukunft betreffend vor dem Schulgebäude. Und genau so entsteht auch aus einer unheiligen Mischung aus “Mir doch egal” und “Bloß nicht auf der Straße landen” eine Bewerbung, die ich nach Duisburg schicke und die mein Leben noch nachträglich verändern wird.

Eine Ahnung, was ich mir da aus Faulheit eingebrockt habe, beschleicht mich schon beim Vorstellungsgespräch und einer kurzen Stippsvisite in der City, die ich in den Schimanski-Folgen als spannender in Erinnerung hatte und die außerhalb des Fernsehers wie eine Mischung aus Todesstern und Stadtplanung für Misanthropen aussieht.

Mir wieder unerklärlich schaffe ich auch diese Hürde und befinde mich keine 30 Tage später in einem kleinen Zimmer, das illegal untervermietet wird. Die erste und wirklich langjährige Freundschaft vor Ort ensteht zu meinem Fernseher, auf dem immer wieder das neue Deichkind-Video zu “Limit” läuft. Die empfand ich bis dahin als so eher mittelmäßige Trittbrettfahrer, die den auch nicht mehr so tollen Hamburg-Hype für sich geschickt ausnutzen.

Bämmmm! War ich nach dem Song geflasht (sagte man damals so und heute wieder)! Keine doofen Pop-Funk-Beats aus Stuttgart, sondern ein dreckiger 80er-Synthie-Bastard mit viel Wahnsinn in den Lyrics und immer wieder die Frage “Bin ich schon am Limit?”. Nee damals noch lange nicht und auch heute noch nicht, auch wenn mich diese komische Pottsache bis dahin bringt, während die Innenstadt immer noch wie ein Shake aus Kotze und real dahinsiechendem Sozialismus aussieht.

Jedenfalls war dieser sträflich unterbewertete Track damals seiner Zeit voraus und der Grundstein für Deichkind als Electro-Projekt mit dem auch heute noch gleichen Hang zum eskapistischen Wahnsinn. Ob das noch Hip Hop war? Ja, und zwar ganz am Limit!

Deutschrap und so #15: Tobsucht – Zum Lachen In Den Keller Gehen

Habe ich hier das Wort “Pop” gehört? Oh ja, Pop Baby! Ohne Gangsta-Attitüde, ohne politisches Sendungsbewusstsein, und auch ohne derbe Party-Ideologie und anarchischen Hedonismus. Stattdessen die perfekte Vermählung von Rap-Strophe mit Pop-Hookline, Ohrwurmcharakter, (gedämpfte) Emotionen, überraschend deepe Lyrics und süßes, charmantes Augenzwinkern in Richtung Alternative Rock.

Mit Zum Lachen In Den Keller Gehen landeten Tobsucht Ende der 90er einen fetten g’schnitten Brot Song, der sich auch auf diverse Bravo Hits und The Dome Sampler verirrte. Es blieb jedoch beim One Hit Wonder. Abgesehen von dieser einen Single gab es nicht viel zu hören von den sympathischen Hessen und ihr Wikipediaartikel ist mittlerweile – wegen mangelnder Relevanz – gelöscht worden. Diesen kleinen Sommerhit wird aber niemand, der Ende der 90er in seinen Teenjahren war, vergessen.

Mittlerweile haben sich die Überlebenden des Projekts zu Nekta zusammengefunden und machen in dieser neuen Formation extrem guten Electro Swing, der es sogar bis in die amerikanische TV-Landschaft geschafft hat und auf diversen Tanzflächen national und international ordentlich rockt. Ein Happy End, wie es das Pop Business ruhig öfter vertragen könnte. Feinste Line: “Du sagst die Zeit ist Einheit, Zukunft, Vergangenheit, / Wird sein, mag sein, kann sein, ist so lang vorbei. / Du zeigst mit dem Finger auf die Uhr. / Wie zum Beweis, denn die stimmt immer. / Da bleibst du stur.”

Deutschrap und so #14: Ferris MC – Tanz mit mir

Rap in den 90ern hatte noch Abitur; und so klang vieles ein wenig nach launiger Studenten-Party im Asta-Keller mit Weedgeruch und hier und da politische Diskussion über den Einsatz der Bundeswehr im Balkan-Konflikt.

Ferris, Trouble-Kid aus zerrütteten Familienverhältnissen und aufgewachsen in einem eher wenig schönen Bremer Staddtteil, spielte den längst nötigen Partyschreck, stieß die anderen von der Bowle weg und pöbelte launig herum. Sascha Reimann, der sich als Billy Idol des Rap bezeichnete, stand eben im Zeichen des Freak (und dem seiner Vorgänger-Band FAB) und war schon die erste Ahnung von Street-Credibilty im damals noch sehr harmoniebedürftigen Rap-Biz. Ein von ihm moderierter Event endete in einem sturzbesoffenen Auftritt, nach dem der Hip Hop Punk nur mit Hilfe der Fünf Sterne Deluxe zurück auf die Bühne gebracht werden konnte.

In “Tanz mit mir” thematisiert Ferris seine Weedsucht und den poetischen Totentanz mit den Dämonen, die ihn umgeben. Auch die Mongo Clikke wird am Schluss mit einem tatsächlichen mongoloiden Bandmitglied der kultigen Band Station 17 gefeiert, was damals kurrzeitg zu peinlichen Empörungen führte. Die schön dreckigen Beats steuert DJ Stylewarz bei, der damals die zweite große Welle des Hip Hop maßgeblich beeinflusste.

Deutschrap und so #12: Sookee und Tapete – Pro Homo

Ladies and Gentlemen, Transgenders and Drags, Intersex and Gender Neutral People, Polygenders, F2Ms and M2Fs: Wie befürchtet und wie angekündigt, der soziologische, studierte Intellektuellenrap.Es gäbe durchaus einiges darüber zu sagen, dass Sookees Texte manchmal hölzern und manchmal zu belehrend klingen, vielleicht zu didaktisch sind, dass die Botschaft hier meterhoch über dem Ästhetischen thront etc. pp…

Ich will mich an dieser Stelle aber einfach nur mit der Feststellung begnügen, dass der deutsche Hip Hop genau so etwas verdammt nötig hat (so wie die Videospielszene eine Anita Sarkeesian oder Zoe Quinn verdammt nötig hat; ist aber ein anderes Thema); und dass selbst wenn politisch aktivistischer Rap Bauchgrummeoln hinterlässt, es genau diese Art von Aktivismus innerhalb der deutschen Hip Hop Kultur noch viel zu selten vorkommt. Feinste Line: “wenn es gott wirklich gibt, dann liebt er alle menschen / wenn es gott wirklich gibt, dann sieht sie keine grenzen”.

Deutschrap und so #11: Freundeskreis – Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte

Erinnert sich noch jemand an die Kolchose? Der Zusammenschluss aus Stuttgarter Rappern war eine zeitlang neben Hamburg einer der wichtigsten Motoren des Deutschrap, während Berlin praktisch bis Ende der Neunziger gar nicht stattfand (was sich erst in den 00ern dramatisch ändern sollte).

Gangsta-Rap war zu dem Zeitpunkt, bis auf den eher witzigen Versuch aus Frankfurt, eine Untergrund-Sache, und es waren Bands wie Freundeskreis, die das große Hip Hop-Movement mit 1999 als kommerziellen Höhepunkt dominierten. Auf dem 1997 erschienen Debüt-Album “Quadratur des Kreises” gab es weniger Schellen von der Straße als viel mehr Geschichtsbewusstein und Sozialkritik. Auch waren nicht die üblichen G´s aus der Hood die Vorbilder, sondern die jazzigen Tribe Called Quest und Bob Marley.

Die naive Che Gueverra-Studenten-Romantik und die doch mitunter sehr dumpf vorgetragene Kapitalismus-Kritik wirken heute weitaus weniger großartig als in meinen frühen Jugendtagen, aber trotzdem war es einer der ersten Momente im deutschen Hip Hop, wo Arsch und Gehirn gleichzeitig bewegt wurden. “Leg dein Ohr auf die  Schiene der Geschichte” war extrem gut abgehanger Conscious Rap, der ja gerade heute gerade mit Sicht auf die nicht wirklich positive Weltlage viel zu kurz kommt.

Von Freundeskreis ist seit 2007 nichts mehr zu hören und Max Herre hat sich leider für eine Karriere entschieden, die mir mit ihren Popkonserven Kopfschmerzen bereitet.

Deutschrap und so #10: Die Fantastischen Vier – Populär

Wie ich im Ausgangspost zu dieser Serie bereits schrieb: Ich habe in den 90ern echt wenig Hip Hop gehört. Aber unter meinen ersten selbstgekauften CDs stand neben der …And justice for all, Nevermind und Punk in Drublic mit Lauschgift ein Brett von einem Hip Hop Album, das ich täglich einlegen konnte, ohne befürchten zu müssen, dadurch meine Just Guitar Music Realness zu verlieren. Das lag nicht zuletzt an dem darauf befindlichen Rap-Monster Populär, ein Track, der sich auch auf diversen Crossover-Samplern sehr gut gemacht hätte und zu dessen In Your Face Hookline sogar ordentlich gepogt werden konnte (ehrlich, ich habs ausprobiert).

Auch abgesehen von diesem Übersong, von diesem hochkarätigen Rock/Pop/Rap-Bastard ist Lauschgift ein absolutes Meisterwerk; eine Scheibe, die ich auch heute noch gerne einlege und über deren Songs ihr deswegen gezwungenermaßen in dieser Serie noch ein oder zwei mal stolpern werdet. Deal with it, ihr elenden Hip Hop Puristen!

Feinste Line: “Doch irgendwann sind sie dran und dann kennt sie keiner mehr! / Gestern niemand, morgen tot und dazwischen was?  / POPULÄR!”

Deutschrap und so #9: Fettes Brot & James Last – Ruf mich an

Und jetzt ist er weg. Ich bin mit den Platten von James Last aufgewachsen, weil meine Eltern den beruhigenden Easy Listenig-Sound toll fanden und ich das natürlich als langsam immer rebellisch werdendes Kid total blöd.

“Ich mache wozu ich Lust habe”, sagte James Last in einem Interview mit der Zeit und fand zu dieser Einstellung in den Broten Seelenverwandte. Die Hamburger konnten sich eh noch nie auf einen Stil festlegen und irgendwann kam dann folgerichtig auch der leichte Party-Sound des Wahl-Kaliforniers  hinzu, der die Jungs für den Videodreh gleich zu sich  nach Hause einlud.

Heraus kommt ein Song, der nach Lässigkeit und Spaß klingt. Also entspannt euch, legt euch in die Sonne und erhebt ein Glas Richtung Himmel.

Deutschrap und so #8: Azad – Napalm

Azads “Napalm” erscheint im Jahr 2000 und ist gewissermaßen ein Einschnitt in der deutschen Rapgeschichte. Sowohl inhaltlich als auch videoästhetisch sprengt der Track das Gewohnte. Er ist härter, dunkler, militanter, wütender. Azad spielt eine wichtige Rolle bei der Etablierung eines neuen Styles, der Hip Hop als Kultur ernster nimmt als die 90er Pop Hip Hop Sachen. Diese etwas nuschelnde Raptechnik hat vorher auch noch niemand so gemacht. 2000 jedenfalls ist das etwas, was so noch nie da war. Ich weiß noch, dass ich dieses Video irgendwann nachts in meinem alten Zimmer sehe, und es mich total flasht. (Ich glaube aber, es war 2001.) Sowas lief immer auf Viva Zwei, wo es zu vorgerückter Stunde so unendlich viel mehr zu entdecken gibt, als auf den anderen beiden Musiksendern, auf denen mehr kommerziell ausgerichtete Popsachen laufen.

Azad, den ich erst durch dieses Video kennen- und schätzen lerne, ist eigentlich ein Hip Hop Urgestein. Ich kenne mich in den Anfangsjahren des Deutschraps nicht wirklich aus, sondern konsumiere bis dahin nur das Musiksender- und Bravoangebot, eben die typischen 90er “Hits”. Es gab ja schon in den Achtzigern eine aufkeimende Hip Hop Bewegung, von der auch Azad Teil war. Er machte sozusagen eine Hip Hop Bilderbuchkarriere, in dem Sinne, dass er diese Kultur wirklich gelebt hat. Er hat die berühmten 4 Säulen des Hip Hops, ja ich würde sagen gemeistert. Angefangen mit Breakdance, über Graffiti und DJing hin zum Rappen. Ich habe ja schon in #1 erklärt, dass die bekannteren deutschen Rapproduktionen bis 2000 einfach sehr glatt, nett und auf-schön produziert waren. Azads Beats waren eben nicht so, sie waren wie hier mit Napalm nicht nett sondern wütender, rauer, fast schon bedrohlich. Zu diesem Zeitpunkt, vor allem mit seinem 2001 erscheinendem Album “Leben”, hat Azad definitiv die fettesten Beats. Einerseits. Anderseits schafft er es aber auch allein mit seinen Beats schon soviel zu erzählen, weil sie eben nicht darauf abzielen möglichst nett oder Pop zu sein, sondern was komplett anderes, neues erzählen. Da hört man die Stadt und die Straße, die Hip Hop Geschichte in den Scratches, Azads Verbundenheit mit dieser Geschichte und man hört echte Melancholie, anstatt den Effekt “Melancholie” wie in den üblichen Popproduktionen. Im Zusammenhang mit dem Video ist dieser Track einer derjenigen die so verdammt gut gealtert sind, weil er auch heute noch genauso funktioniert wie vor 15 Jahren. Sein 2001er Album “Leben” sei ausdrücklich zur Anschaffung empfohlen, das war definitiv ein Meilenstein und viele heutige Rapper schwärmen zu Recht davon.

Deutschrap und so #7: Absolute Beginner – Gustav Gans


Beginner — Gustav Gans

Muss man wohl nicht viel zu sagen: Der Optimist unter den deutschen Hip Hop Songs. Zaubert einem schnell ein Lächeln auf die Lippen, findet man zum Kotzen, wenn man schlechte Laune hat. Feinste Line: “Und warum nicht alles leichter nehmen / und dafür sorgen dass es weiter geht. / Auch wir kennen die Ups and Downs, / doch heute wollen wir Positives in die Gasse hauen.”