Interessant, diese Entwicklung vom abstrakten Sprite, über den comichaften Pixelhelden, zum realistischen Pixelhelden… dann mit einem harten dreidimensionalen Bruch vom abstrakten Polygonwesen, über den comichaften Polygonhelden hin zu einer immer realistischeren und düsteren Darstellung. Und schließlich, genau an dem Punkt, an dem wir heute stehen ein Bruch hin zum bunten, überzeichneten und auch wieder comic-artigeren Avatar.
Gibt es etwas großartigeres als Adaptionen literarischer Werke in ein Medium, in das diese Werke so überhaupt nicht zu passen scheinen? Anton Wassiljew hat es getan: Ausschnitte aus “Mein Kampf” und “Das Kapital” als algorithmische Kompositionen, irgendwo zwischen Coding und entfesselter Atonalität. Das ganze fällt dann wohl in den Bereich der Neuen neuen neuen Musik, bei der ich nie so ganz mitkomme, deren Ausgeburten ich aber immer höchst spannend finde:
in dem stück habe ich »das kapital« von k. marx sampleweise vertont. jedes wort aus dem ersten band des kapital ist in eine gleitkommazahl übersetzt, also in ein sample. und zwar so, dass die wörter “arbeit” und “geld” mit der amplitude 1.0 markiert werden. der rest bekommt einen zufälligen wert zwischen -0.1 und 0.1. so entsteht das leise rauschen.
im ersten band des kapital gibt es 286784 wörter. das wort “arbeit” kommt 1270 mal vor und das wort “geld” 423 mal.
die ascii-werte des textes wurden in tonhöhen, dauern und lautstärken übersetzt:
buchstaben –> die höhere schicht
punkte, kommas usw. –> die mittlere schicht
leerzeichen –> ganz tiefe töne
anführungszeichen –> lange töne
Der spielerische, postmodern verspielte Umgang mit klassischen Ikonen ist ja per se schon mal großartig. Und wenn dann auch noch ein gewisser Nerd-Faktor mit ins Spiel kommt, ist definitiv die Grenze zur Genialität überschritten. So geschehen bei Hardy Hinrichs, der Superhelden des 20. Jahrhunderts aus ihrem pathetischen Comic-Ambiente herausreißt und in einen neuen, im besten Sinne des Wortes kindlich naiven Kontext rückt. Seine liebevoll gekritzelten Superheroes sind weniger Weltenretter und Rächer im Kampf gegen das Böse als viel mehr niedliche Kleinkinderfantasien, deren Diskrepanz zwischen Ambition und zeichnerischer Wirklichkeit gar einen leicht melancholischen Hauch versprüht. Übergroße Köpfe, süße Gesten, Kaffeeflecken… und schon ist die entzückende Trivialität hinter jedem Heldenmut entlarvt. Ganz fantastisch!
Um das schnell zu disclaimern: Ich finde Nationalhymnen meistens ganz schrecklich: Der Pathos, die überzeichnete Ergriffenheit, die vollkommene Ironiefreiheit gepaart mit parolemhaften Monumentalismus. Die Ursprünge der meisten Hymnen sind historisch bedingt im 19. Jahrhundert zu verorten und die einzelnen Stücke sind daher viel zu oft von einem schrecklich klebrigen Romantik-Geist durchzogen. Außerdem habe ich auch irgendwie so ein grundsätzliches Problem mit dem Nationenbegriff als solchen. Das geht noch nicht mal so sehr in die “Deutschland halt’s Maul!”-Richtung, mich nervt einfach tierisch eine metaphysische, nahezu sakrale Aufladung des Nationenbegriffs, die nicht im geringsten berücksichtigt, dass unsere heutigen Nationalstaaten primär Konstrukte sind (sei es aus dem 19. oder 20. Jahrhundert), deren Grenzen einfach mal in erster Linie arbiträr verlaufen und deren vermeintlich genuine kulturelle Identität auch irgendwie nur mit viel Hängen und Würgen zurechtgezimmert werden kann. Ja, ich bin Internationalist und Antinationalist. Durch und durch! Basta!
Eigentlich habe ich jetzt aber nur so viel gefachsimpelt, weil ich einen guten Einleitungstext für dieses wirklich grandiose Nationalhymnen-Mashup brauchte: National Anthems hat sämtliche Nationalhymnen der Welt (zumindest die sämtlicher UN-Länder, der beiden Beobachter Palästina und Vatikan sowie dem UN-Anwärter Taiwan) zu einem großartigen Bastardpop-Opus zusammengebastelt. Los gehts mit der Hymne Uruguays (die längste Nationalhymne der Welt) und peu à peu gesellen sich weitere Hymnen zu dem Reigen, bis das Gesamtwerk schließlich gegen Ende in ein infernales Noise-Spektakel mündet. Kann man durchaus auch als eine Art Kritik am Nationenbegriff lesen. Während die einzelnen stolzen Hymnen noch harmonisch und pompös klingen, entwickelt sich im Laufe der Zeit mit weiter hinzukommenden Nationen ein atonales Monstrum, das am Ende zwangsläufig ins Chaos münden muss. Die letzten anstrengenden Sekunden kann man dann auch nur noch als beeindruckend apokalyptisch bezeichnen, vielleicht auch ein Zeichen dafür wohin die nationalstaatliche Reise hingehen könnte. Andererseits… zumindest Europa hat das ja auch schon irgendwie hinter sich und eigentlich bin ich, was globale Politik betrifft, grundsätzlich eher ein Optimist (auch wenn ohne Frage noch mehr als genug schief läuft in der Welt). Insofern, genug davon. Einfach genießen, Gänsehaut wachsen lassen und mit der politischen Überinterpretation aufhören: Großartige Mashups sind halt auch einfach nur großartig.
Im Grunde genommen stehe ich gar nicht so sehr auf fotorealistische Malereien. Wenn sie aber derart fantastisch surreale Bilderwelten erschaffen, wie dies die Ölzeichnungen von Jeremy Geddes tun, dann passt auch die Imitation des Fotografischen perfekt zur Intention und zum Inhalt: Irreales verloren im fotografisch Realen, Fantastisches eingezeichnet in den klaren Blick auf die Wirklichkeit, ein Traum im Traum im Traum… Großer Supranaturalismus.
Weitere von Geddes herausragenden Zeichnungen gab es unter dem Titel Exhale in der Jonathan LeVine Gallery in New York zu sehen.
Düsteres und ziemlich elegantes Browserspiel, von dem mir gerade immer noch die Augen schwirren. Das Ziel des Spiels ist simpel: Mit Hilfe der Pfeiltasten muss der Spieler bunte Quadrate peu à peu im schwarzen Hintergrund verschwinden lassen und dabei verhindern, dass sie komplett weiß werden. Der absolut abstrakte Minimalismus (Schwarzer Hintergrund, farbige bis weiße, manchmal pulsierende Squares) ist symbolisch aufgeladen (“a game about murder”), was durch die kryptischen Hinweise vor jeder Stage (“Torture in Circles” etc.) noch verstärkt wird. Ein kleiner, dunkler Trip, der es selbst in dieser abstrakten Form vermag, Furcht vor der dunklen Seite der eigenen Seele auszulösen: “No colors anymore I want them to turn black!”
Die mit Abstand beste deutsche TV-Serie 2012, Der Tatortreiniger, bekommt pünktlich zum Jahresbeginn eine zweite Staffel spendiert. Ich komme natürlich aus dem Mich-Freuen gerade nicht mehr heraus und werde mir bestimmt spätestens diesen Abend die Zeit nehmen, die aktuellen Folgen Die Challenge und Schottys Kampf (NDR sei Dank im kostenlosen Stream) reinzuziehen. Beim Traumduo Bjarne Mädel und Arne Feldhusen kann ja eigentlich gar nichts schief gehen. Und wo wir schon mal dabei sind noch schnell ein Link zu einem großartigen Interview der beiden mit Maik von langweiledich.net (den ich zum Jahresbeginn damit vielleicht doch einmal zu of backlink-gespammt habe).
Hitman-Avatar: Musste er wegen des Real Life sterben?
Eine Nachricht erschüttert die Videospielwelt: Wie unter anderem die dailymail berichtet, mussten offensichtlich tausend Avatare sterben, da ein Vater seinen 23jährigen Sohn vom Online-Spielen abhalten wollte. Der Hintergrund ist im so genannten Real Life zu finden: Der Vater des Spielers war frustriert über den Umstand, dass sein Sohn sich in dieser Parallelwelt nicht um einen Job kümmerte, da er voll und ganz in seine Aufgaben im virtuellen Raum involviert war. Daraufhin heuerte der Vater mehrere virtuelle Killer an, die seinen Jungen von der Computerspielwelt zurück ins Real Life bringen sollten, indem sie ihn durch die reihenweise Tötung seiner Avatare in den Frust trieben. Die Geschichte flog auf, nachdem der Spieler die Mörder direkt gefragt hatte, warum sie ihn immer und immer wieder ins Visier nehmen würden. Ihn selbst schien die Bezahlung der Killer durch seinen Dad weniger zu stören:
I can play or I can not play, it doesn’t bother me. I’m not looking for any job—I want to take some time to find one that suits me.
Unklar bleibt indes wie viele Avatare durch diesen brutalen Real Life Angriff ihr Leben lassen mussten und ob es bereits Nachahmer der Tat gibt. Wenn man von einer gesunden Durchschnittsspielzeit von 14 Stunden am Tag ausgeht, könnten die Verluste in die Tausende gehen. Die Dunkelziffer ist womöglich weitaus höher.
Was ich dazu noch anmerken wollte: Es gibt keine Serie, die so gut ist wie Breaking Bad (abgesehen vielleicht von The Wire)*
*Ich liebe Breaking Bad, aber da hat der Family Guy schon recht. Keine andere Serie derzeit scheint derart missionarische Fans zu besitzen. Woher das kommt? Keine Ahnung, vielleicht der Apple-Effekt: Wenn etwas qualitativ hochwertig + hip ist, läuft es wohl leichter Gefahr zum Kult zu werden, inklusive aller negativen Nebeneffekte.
Soso, ein Evil Dead Remake also. Im Gegensatz zu manch anderem Fan des Kult-Horrorflicks von 1981 kann ich für das Remake allerdings nicht so große Euphorie entwickeln. Klar, das sieht schon schick aus: Düstere Bilder, nette Jumpscares, offensichtlich ziemlich viel Splatter und Gore… halt so ein klassischer postmoderner Horrorschinken des neuen Jahrtausends. Trotz der berühmten Trademarks – Kettensäge, Falltür-Gefängnis, Baumvergewaltigung – hat das ästhetisch aber so gut wie nichts mit dem Original gemein. Es fehlt einfach diese dreckige, ätzende, schwarzhumorige gritty Note, die Sam Raimis Meisterwerk auszeichnet. Und Ash fehlt natürlich auch. Also versuche ich das ganze nicht als Erfüllung meiner feuchten Nerd-Horrorträume zu betrachten, und dann kann es sich tatsächlich durchaus sehen lassen. Wird bestimmt ein netter Horrorflick, der einen ungemütlichen Kinoabend ordentlich versüßen kann. Nichts für die Ewigkeit, nichts Notwendiges und nichts um den Nerd in mir zu befriedigen. Aber offensichtlich immerhin anständige Horror-Unterhaltung.
Als Gedenken an alle Astronauten und Kosmonauten, die ihr Leben bei der Erkundung des Weltraums gaben, entwarf der Künstler Paul Van Hoeydonck zu Beginn der 70er Jahre eine 8,5 cm große Aluminiumsskulptur, die einen “gefallenen” Weltraumreisenden darstellt. Die kleine Statuette, die laut Wikipedia sowohl gender- als auch rassenneutral gestaltet ist, gehörte mit zum Bordinventar der Apollo 15 Mission von 1971 und wurde von dieser zusammen mit einer Metallplatte, auf der die Namen der Gedachten verewigt sind, auf dem Mond zurückgelassen. Damit ist diese kleine Figur das bis dato einzige menschliche Kunstwerk auf dem Mond und darüber hinaus das einzige Kunstwerk, das speziell für die Repräsentation der Menschheit im Universum angefertigt wurde.
Spannend ist dabei nicht zuletzt, dass sich dies natürlich auch auf Materialität und Symbolik des Werkes auswirkt. Gerade letztere war vom Künstler sogar weiter intendiert als bei der späteren, tatsächlichen Verwendung. Van Hoeydonck glaubte ein Symbol für die Menschheit im Allgemeinen zu entwerfen und nicht bloß eine “Grabesfigur” für die gestorbenen Raumfahrer. Von der “eingeschränkten” Verwendung erfuhr er erst später. Aber auch ohne diese universelle Intention funktioniert die kleine Figur perfekt als schlichte, zurückhaltende und universelle Referenz auf die großen, menschlichen Ambitionen (und im Subtext auch auf das damit verbundene Scheitern). Nur Schade, dass die Statue schließlich auch ihre Einzigartigkeit eingebüßt hat: Auf Wunsch des National Air and Space Museum stellte Van Hoeydonck 1972 ein Replik der Figur her, die heutzutage dort besichtigt werden kann. Walter Benjamin bemühend, erreicht dieses freilich niemals die Aura des Originals, dessen Platz auf dem Mond als Paratext/Kontext integrativer Bestandteil des kleinen Kunstwerks ist.
Gehört in den Bereich einer spezifischen Form von temporärer Kunst, die mir immer wieder ein Schaudern über den Rücken jagt. Corey Corcoran illustriert Pilze von einer Größe von 15 – 20 cm: Kunst die darauf angelegt ist, mit ihrem Medium irgendwann zu verenden, Kunst die radikal den Gesetzen der Natur unterliegt, Kunst die einfach nur ungemein mitreißend ist und allein schon durch ihre Beschaffenheit nachdenklich stimmt.