Alle Beiträge von Florian Bayer

#NotABugSplat – Kunst für die Drohnen-Krieger

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Es gab einmal eine Zeit, da war es Common Sense, dass Krieg ein schmutziges Geschäft ist, bei dem es sowohl zu militärischen als auch zivilen Opfern kommt, bei dem man, wenn man eine Waffe in die Hand nimmt, auch dazu bereit ist, Menschen womöglich Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, kurz bevor man sie tötet. Ein Geschäft, bei dem man nach vollbrachter Tat das Blut an seinen Händen – mitunter im wortwörtlichen Sinne – noch sehen, den gebrachten Tod noch riechen kann. Diese erzwungene Rezeption für den Soldaten wird im Krieg des 21. Jahrhunderts sukzessive aufgeweicht: Die postmodernen Drohnenkrieger können ihren Krieg wie ein Videospiel steuern, die Leichen auf den Schlachtfeldern werden “Bug Splats” genannt, werden enthumanisiert. Wie soll der Mordende auch anders als mit Zynismus reagieren, wenn von seinen Opfern nicht viel mehr zu sehen ist als ein Fleck auf einem pixeligen Videobildschirm, der einen Ort zeigt, den der Drohnenflieger möglicherweise nie in Realität besucht oder gesehen hat?

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Es gab einmal eine Zeit, in der war Urban Art oder Street Art noch so etwas wie ein Hack der Öffentlichkeit, ein politisches oder soziales Statement, direkt hineingebrannt in den öffentlichen Raum, mit dem Impetus, die Welt tatsächlich zu etwas besserem zu verändern oder zumindest die Menschen aufzurütteln, ohne dass die sich dagegen wehren können, mit der Kunst und ihren Aussagen konfrontiert zu werden. Auch diese Zeit scheint vorbei, wenn Street Art mehr und mehr zum selbstreferenziellen Spiel oder zur von den Galeristen geliebten und geförderten Kunst wird.

#NotABugSplat ist ein großartiges Urban Art Projekt, das nicht im urbanen Raum stattfindet, sondern mitten in der Kampfzone Pakistans. In der permanent von Drohnen angeflogenen und beschossenen Khyber Pukhtoonkhwa Region hat ein Künstler Kollektiv ein riesiges Banner mit einem Kindergesicht installiert. Der Blick von oben, sprich aus einer Drohne, macht deutlich, dass auch dieser ferngesteuerte Krieg alles andere ist als ein Fucking Video Game. Die Drohnenkrieger werden gezwungenermaßen mit ihrem Ziel konfrontiert und die zuvor kleinen Pixel werden rehumanisiert. Öffentliche Kunst als Hack mit tatsächlichem, direkten Impact und Krieg als tatsächliche, direkte Erfahrung des eigenen Mordens. Groß!

In military slang, Predator drone operators often refer to kills as ‘bug splats’, since viewing the body through a grainy video image gives the sense of an insect being crushed.

To challenge this insensitivity as well as raise awareness of civilian casualties, an artist collective installed a massive portrait facing up in the heavily bombed Khyber Pukhtoonkhwa region of Pakistan, where drone attacks regularly occur. Now, when viewed by a drone camera, what an operator sees on his screen is not an anonymous dot on the landscape, but an innocent child victim’s face.

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#NotABugSplat via Nerdcore

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Kurzfilm der Woche: SLR

Neues Design… und der Versuch mal wieder alte Rubriken neu zu beleben: SLR ist ein spannendes, emotional sehr intensives Thrillerdrama um einen Voyeur, der damit konfrontiert wird, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Familie plötzlich zum Opfer und Anschauungsobjekt wird. Das Sujet wäre natürlich eine grandiose Vorlage für allerlei Klischees und Läuterungs-Kitsch. Diese umschifft Regisseur Stephen Fingleton allerdings äußerst gekonnt und inszeniert so einen mitreißenden Hybriden aus Thriller, Drama und psychologischem Porträt.

SLR via Short of the Week

Catcontent aus dem Japan des 19. Jahrhunderts

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Als der Buddhismus im Japan des fünften Jahrhunderts zum Importschlager wurde, hatte er nicht nur tiefgreifende philosophische Gedanken zum Sein und Nicht-Sein im Gepäck, sondern zusätzlich flauschige Unterstützung an Bord. Katzen wurden von der fernöstlichen Religion ganz bewusst eingesetzt, um die fragilen Schriftstücke vor Mäusen und anderem Ungeziefer zu schützen. In Folge dessen erlebten Katzen einen wahren Siegeszug im Land der aufgehenden Sonne, sowohl als effektive Hauswächter, als auch als niedliche Weggefährten und nicht zuletzt auch als mystische Glücksbringer.

Die bekannteste Ausgeburt des japanischen Katzenkults dürfte Maneki-neko sein, der aufrecht sitzende, winkende Glücksbringer aus der Familie der Felidae. Aus dem Japan der Meiji-Zeit (19. Jahrhundert) gibt es die Legende einer zahmen Katze, die ihre Besitzerin eine Geisha – urplötzlich – als diese die Toilette aufsuchen wollte, anfiel, anfauchte, biss und kratzte. Die von den Schreien aufgeschreckten Besitzer der Geisha reagierten unmittelbar, indem sie dem scheinbar tollwütig gewordenen Tier in heller Panik köpften. Der abgeschlagene Kopf der Katze flog in hohem Bogen zu der Toilette, auf die die Geisha sich hatte setzen wollen, und biss in dieser im Sterben einer Giftschlange den Kopf ab, die dort gelauert hatte und die Geisha wohl in die ewigen Jagdgründe befördert hätte, wäre die Katze nicht gewesen.

Dem Kult um die Katzen Japans widmet nun das Shoto Museum of Art in Shibuya eine Ausstellung, in der Katzenbilder des 19. Jahrhunderts präsentiert werden. Und so weit sind diese mythologischen und zugleich niedlichen Kreationen vom heutigen Catcontent gar nicht entfernt. Der Name der Ausstellung ist  ねこ・猫・ネコ , eine Zusammenstellung drei verschiedener Schreibweisen für Katzen, und stattfinden wird sie vom 5. April bis zum 18. Mai. (via Spoon & Tamago)

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Why The Walking Dead sucks… a little bit

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Also dann… Auf zum Walking Dead Rant! Beim zweiten Artikel dieser Art ist es vielleicht ein bisschen verfrüht von einem Running Gag – oder einer sich etablierenden Tradition – zu sprechen, aber die Parallelen sind schon gegeben: Auch bei Game of Thrones hatte ich nach der dritten Staffel das Bedürfnis meine, teils negativ gefärbten, Gefühle zu der overhypten Serie niederzuschreiben, auch damals kam die Serie dabei alles andere als gut weg. Auch bei Game of Thrones war ich irgendwie genervt davon, dass diese Serie von so ziemlich jedem in allen nur erdenklichen Tönen gelobt wurde, auch bei Game of Thrones schien Nitpicking ein probates Mittel, um die Serie einfach mal auseinander zu nehmen… und auch bei Game of Thrones bin ich trotz zahlloser Kritikpunkte  dran geblieben, habe tapfer durchgehalten und sogar ne Menge Spaß gehabt. Ja, ich stehe nach wie vor dazu: Game of Thrones suckt… zumindest ein bisschen, und, naja, was soll ich sagen: The Walking Dead auch. Nach vier Staffeln, teils lahmer, teils konfuser, teils einfach nur dummer Zombie-Action, muss ich jetzt einfach mal meinen ähnlich schmeckenden Senf zu der derzeit erfolgreichsten US-Serie abgeben. Here we are, different TV-Show, same Shit, same Outcome: Irgendwie habe ich Spaß bei der TV-Umsetzung des (wirklich genialen) Comics The Walking Dead, irgendwie mag ich die Serie, und zugleich gibt es bei dieser Serie unfassbar viel, was mir gehörig auf die Nerven geht.  Achtung, Spoiler, inklusive Staffel 4, ahead: Why The Walking Dead sucks… zumindest ein bisschen.

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Klassische Kartentricks von Ricky Jay

Gerade bei Zauberkunst gilt meiner Meinung nach immer noch die Devise “Less is more”. Und diese ‘simplen’ Kartentricks stellen einfach mal jeden “Durch die chinesische Mauer Gang” und jedes verschwundene Flugzeug von David Copperfield, proudly supported by Special f/x in den Schatten. Einfach, weil sich in diesem Understatement am besten unter Beweis stellt, wie leicht sich das menschliche Auge täuschen lässt, und wie viel Spaß man beim angestrengten Blick auf die Hände eines Bühnenzauberers haben kann. Und btw. ist Mr. Jay – wenn auch oft nur wie in Magnolia in kleinen Nebenrollen zu sehen – ein herausragender Schauspieler, der weiß, wie man sein Publikum um den Finger wickelt.

via I heart Chaos

If the Moon were only 1 Pixel…

moon1Nicht die erste dieser Visualisierungen der Größe und vor allem Leere unseres Sonnensystems, bzw. des gesamten Kosmos. Ich kann davon aber auch einfach nicht genug bekommen. Es macht durchaus Sinn, sich hin und wieder ins Bewusstsein zu rufen, wie klein und unbedeutend unsere Erde doch angesichts des riesigen sie umschließenden Raumes ist. Und wenn das ganze dann noch so trocken und lakonisch kommentiert wird wie bei Josh Worth, macht es sogar erstaunlich viel Spaß, sich unbedeutend und verloren im Nichts zu fühlen…

If the Moon were only 1 Pixel via Kottke

Around the World…

Und noch ein bisschen GoPro Action: Das hier zu sehende Video hat Jonas Ginter aus Bremen mit insgesamt 6 der kleinen Kameras aufgenommen. Herausgekommen ist ein ziemlich cooles 360° Video, das die Welt zu einem Mini-Planeten krümmt, den man mal so eben bretternd umkreisen kann. Leute echt jetzt, das neue Design gefällt mir gerade so gut, dass ich es noch ein bisschen mit awesome “Trivialcontent” füllen möchte. Gediegene Gedanken kommen dann zurück, sobald meine Laune wieder etwas schlechter ist.

via Daddygotthisgunloaded

43 Cartoon-Intros in 5 Minuten

Nette Spielerei vom ACJW Ensemble der Carnegie Hall und der Kornharber Brown Produktionsschmiede: 43 Zeichentrick-Intros, von Klassikern wie dem Pink Panther bis hin zu neuen Serien von Avatar bis Family Guy, innerhalb von 5 Minuten klassisch runtergespielt. Zeichentrick-Highlights im Performance-Video geben mal mehr, meist weniger dezente Hinweise darauf, um welches Intro es sich gerade handelt. Klar, irgendwie ein bisschen… naja… belanglos, aber gerade im Moment ist mir auch … naja… irgendwie ein bisschen… nach Sachen, bei denen ich einfach nur “nett” denke…

via Clockworker

Walking backwards through Tokyo… backwards

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Wundervolles Video von Grégoire Olivereau, in dem ein Mann rückwärts durch die vollen Straßen Tokios wandelt… und abgespielt wird die Aufzeichnung wiederum rückwärts, wodurch der einsame Wanderer wie die einzige Person wirkt, die sich vorwärts bewegt. Eine durch und durch beeindruckende Auseinandersetzung mit der Rolle des Individuums in der überfüllten, postmodernen Großstadt.

Dabei ist dieses Video nur ein kleiner Ausschnitt des Projekts Tokyo Reverse, das in seiner vollen Länge einen 9-Stünder (!) darstellt. Das Gesamtwerk ist Teil der Slow-TV-Bewegung, die in einer Zeit, die von hektischen YouTube Einminütern dominiert wird, wieder auf die Kunst der Langsamkeit setzen will (Hier der entsprechende Artikel der bbc dazu)… 9 Stunden rückwärts durch Tokio taumeln? Damit dürfte dem Anspruch dieser – btw. großartigen Bewegung – mehr als nur Genüge getan sein.

Tokyo Reverse (Extraits) via Colossal

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Die 80er Jahre: Die besten Thriller des Jahrzehnts IV

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80er Thriller-Retrospektive No. 4: Dieses Mal wird es elegant, es wird knisternd und es wird düster… richtig düster. Neben den ganzen, mitunter viel zu glatten Hollywood-Thrillern dieser Dekade, haben sich die 80er nämlich durchaus auch als Jahrzehnt des Independent-Thrillers hervorgetan. Und während die Traumfabrik, auch wenn es um Mord geht, ihre selbstzensierenden Standards hat, darf es im Indie-Bereich ruhig etwas abnormer und abartiger zugehen. So sorgten sowohl Blue Velvet als auch Henry – Portrait of a Serial Killer in ihrer Heimat für einige Kontroversen, letzterer wurde hierzulande sogar auf den Index gesetzt. Auch Hitcher, der Highway Killer hat eine bewegende BPjM-Geschichte, inklusive zahlloser Schnittvariationen hinter sich. Auf andere Weise aus dem Rahmen fallen der französische Genrebeitrag Diva, der seine klassische Krimi-Handlung mit zahllosen Zitaten, Referenzen und skurrilen Intermezzi aufsprengt, sowie Leben und Sterben in L.A., der den Kampf “gut gegen böse” als Kampf “böse gegen böse” inszeniert, dabei aber nie vergisst, spannendes Genrekino zu sein.

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Books on Tape: Literatur im Elektroschrott

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Books on Tape ist ein spannendes Projekt von Woody Leslie, bei dem aus den Resten obsolet gewordener Technik Buchcover hergestellt wurden. Ist natürlich ein Fest für jeden Bibliophilen: “Seht her! Während eure ehemals modernen Datenträger heute nur noch Schrott sind, besteht das klassische Medium Buch fort, kann sich den Bits und Bytes Müll gar zu Nutze machen, um in neuem Glanz zu erstrahlen!” Ich bin ja echt alles andere als ein Tech-Verachter… und das Papier möglicherweise irgendwann in naher/ferner Zukunft komplett von digitalen Datenträgern abgelöst wird halte ich sowohl für wahrscheinlich als auch durchaus erstrebenswert… kurz innehalten und dem traditionellen Buch Ehre erweisen, kann trotzdem nicht schaden, vor allem, wenn es so künstlerisch wie hier umgesetzt ist.

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Books on Tape via Book Patrol

First Kiss is fucking Advertisement and I hate it, hate it, hate it…

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…Dann also doch noch ein paar Gedanken meinerseits zum “First Kiss-Gate”, der unter Beweis stellt wie leicht sich Blogger und Qualitätsmedien – die sich in diesem Fall tatsächlich nicht viel nahmen – von Viral Videos hinters Licht führen lassen und ohne Reflexion Werbung für ein Modelabel teilen. Den Blogrebellen haben wir es zu verdanken, dass noch einmal hinterfragt wurde, ob wir Content-Sharing-Bloggern uns hier nicht einfach zu den Erfüllungsgehilfen einer Marketingindustrie machen, die freudig in die Hände klatscht, weil sie kein Geld mehr für Werbung ausgeben muss und sich stattdessen auf die viralen Mechanismen des Netzes verlassen kann. Mein erster Gedanke zu dem Fall wäre dann “Na und?”. Tatsächlich ist “First Kiss” bei weitem nicht das erste Mal, dass wir hier bei Seite360 Content teilen, der in irgendeiner Weise mit Advertisement in Verbindung steht oder von Marketingagenturen ausgeheckt wurde: Manchmal bewusst (wie im Fall der großartigen Tipp-Ex Werbung “A hunter shoots a bear”), manchmal unbewusst (wie im aktuellen Fall), bisher aber – Transparency-Info – ohne jemals Geld oder Geschenke oder ähnliches dafür erhalten zu haben.

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Introducing… Barbara

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Seit nunmehr zwei Wochen sprengt eine gewisse Barbara (ichwillanonymbleiben) mein Facebook und seit ein paar Tagen, stolpere ich auch immer öfter in meinem Feed-Reader über sie…. und das vollkommen zurecht. Die minimalistischen, selbstgestalteten Plakate Barbaras gehören zu den besten Real Life Urban Hacks, die es derzeit im Internet zu sehen gibt. Zwischen albernen Kalauern, poetischer Prosa und wundervoller Meta-Meta-Streetart pendelnd, verschönert und kommentiert Barbara die Straßen ihre Heimatstadt und lässt uns alle online – leider nur via Facebook – daran teilhaben. Groß!

Auf Urban Shit findet sich ein knappes Interview mit Barbara, die darin zwar über ihre Motivation berichtet, ansonsten aber Gott sei Dank weiterhin ein Mysterium bleibt. Ein paar meiner Lieblings-Barbaras folgen noch nach dem Klick.

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