Literarische Auslese: TTIP

We did it! Johannes und ich haben endlich mal wieder Zeit gefunden, ein paar literarische Auslesen aufzunehmen, die in den kommenden Wochen immer Sonntags veröffentlicht werden. Los gehts, ganz in der Tradition früherer Auslesen mit der Poetisierung eines epischen Mammutwerks: Den Leitlinien für die Verhandlungen über ein umfassendes Handels- und Investitionsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten von Amerika. Das entsprechende Abkommen dürftet ihr unter dem Namen TTIP kennen. Und unabhängig davon, ob man keine Gene in seinem Essen haben mag, Angst vor Wracking hat oder sich superdubertoll auf eine große Starbucks-Invasion freut, sollte man den kontroversen Text zumindest einmal ganz gelesen bzw. gehört haben. That’s your Chance!

Deutschrap und so #29: Deichkind – Selber Machen Lassen

Kurz aufgehorcht lieber Böhmerdendemann. Klar war dein Mashup- Sprung durch die deutsche Hip Hop Geschichte irgendwie cool. Wenn du aber wissen willst, wie ein richtig fetzendes Deutschrap Ensembletheater geht, musst du unbedingt noch mal Nachhilfe bei den Deichkindern nehmen. Die lassen sich nämlich im Video zu Selber machen lassen vollkommen ironiefrei, passend zum Songtitel alles selber machen. Und das ist mal echt schick geraten. Feinste Line:  Do it yourself ist out, ich lass das jemand andern machen. / Alles muss man alleine machen lassen. / Ich muss mir schon wieder deine Hände dreckig machen.

Deutschrap und so #28: Maeckes – Würgegriff des Glücks

Ich sags mal so, wie es ist: Deutschsprachiger Post Rap ist mein neuer persönlicher Hype, und da kann es mir auch gestohlen bleiben, dass ich derzeit wohl der einzige Mensch bin, der diesen Ausdruck, diese Kategorie, – ja mein Gott! – diese Schublade benutzt. Maeckes sortiert sich hier jedenfalls perfekt ein: Mit seinen nachdenklichen Lyrics, seinen 1/3 poppigen, 1/3 postpunkigen, 1/3 postrockigen Soundteppichen, seinen deepen Beats und seinem Hang zur poetisch/philosophischen Exquisität, die man im deutschsprachigen Hip Hop sonst nur selten findet.

Maeckes hört man nicht beim Bong- sondern beim Pfeiferauchen, nicht beim Dosenbier sondern beim erlesenen Scotch, nicht in den Baggy-Pants sondern im samtenen Morgenmantel. Wem das jetzt zu elaboriert bildungsbürgerlich klingt, der hat vollkommen recht und daher schleudert “Würgegriff des Glücks” dem Verfasser dieser selbstverliebten Beschreibung dann auch gleich mal ein gepflegtes “Fick dich und deine prätentiöse Attitüde” entgegen. Feinste Line: “Lebst du noch oder stirbst du schon? / Wir reden sinnbehaftet, / verlieren während Szenen, nicht blinzeln! / Lassen nichts aus den Augen, bis auf die Tränen eines Cineasten / Wir sind atommüllsicher halt kleinbürgerlich beschützt / vor dem Würgegriff des Glücks.”

Deutschrap und so #26: Casper – Der Druck steigt

Ob dass denn jetzt noch Hip Hop sei, hat man sich gefragt. Ob das nicht einfach nur altbackener Crossover im vermeintlich frischen Düstergewand sei, hat man sich gefragt. Ob dieser Casper nicht einfach mit Emo, Pop und Mainstream flirtet, hat man sich gefragt. Und dieser deutsch-amerikanische Rapper hat – das Album XOXO kommentierend – den Fragenden so wütend einen dogmatischen Knochen hingeworfen…

Wir hatten im Studio viele kleine Zettel hängen. Regel 1: ‚Crossover ist der Feind‘. Alles, was auch nur annähernd nach Crossover erinnerte, haben wir sofort weggeschmissen. Regel 2: ‚Wie-Vergleiche sind verboten‘. Dieses Rappertum wollten wir komplett entfernen.

…dass man sich gar nicht mehr traute mit einem selbstbewussten “Jein” zu antworten. An dieser Stelle sei dieses “Jein” – Caspers Trotzhaltung zum Trotz, Hah! – nachgeliefert. Natürlich ist Der Druck steigt kein klassischer Hip Hop, aber mit seinem aggressiven Sprechgesang stark im ursprünglichen Rap-Gedanken verwurzelt. Natürlich steht der Song mit seinen Samples, seinen harten Gitarren, seinem Pathos, seinem Wechsel aus Metal-Geshoute und Hip Hop Lines in der Traditionslinie des Crossovers. Aber um dieses Jein zu vervollständigen, nicht nur der Opener, sondern das gesamte Album, ist soviel mehr: Die Nachdenklichkeit der Hamburger Schule im Gepäck, den Wut des Punk in den Knochen, die Attitude des Metals in den Beinen, die Monumentalität des Postrock im Herzen, ja sogar den Lidschatten des Emos in den Augen… und dennoch weit entfernt von jeglichem sinnbefreiten Remix, vom unselbständigen Eklektizismus und von der postmodernen Langeweile. Casper macht – und das sollte einmal deutlich honoriert werden – trotz aller Wurzeln, trotz aller Anleihen etwas vollkommen Neues.

Und so seien alle Rezensenten, Feuilletonisten – und der Musiker selbst – verstanden, wenn sie sich nicht trauen, das Ergebnis Hip Hop, Crossover, Indie oder sonstwie zu nennen. Postrap wäre vielleicht eine ganz gute Kategorie – Schubladen rocken halt doch! -, bei Post Emo Hip Hop Core könnte man das ganze mit einem kleinen Augenzwinkern auch einordnen… ich bleibe dann doch beim Deutschrap, denn sonst könnte ich diesen fantastischen Song in dieser Serie nicht posten. Und das wiederum würde ich mir nicht verzeihen.

PS.: Falls hier gerade ein paar PeDüBerLeiGIDA-Deppen hereinstolpern, weil sie sich fragen, was für ein großartiges Hip Hop Werk sie bei ihrem letzten Sonntagsspaziergang begleitet hat, sei denen der keine Frage offen lassende Kommentar des Interpreten selbst entgegengeschmettert:

immer wieder höre ich, dass die pegida-leute »der druck steigt« auf ihren sogenannten abendspaziergängen spielen. grundsätzlich freue ich mich natürlich über jeden, der meine musik mag und hört, aber hiervon möchte ich mich eindeutig distanzieren. denn es ist ja zum glück so: »der druck steigt« tatsächlich, aber nicht so, wie pegida sich das vorstellt. überall in deutschland regt sich widerstand – gegen pegida und ihre ideologie. für ein faires und tolerantes miteinander der ethnien und religionen. kein mensch ist illegal! schreibt und singt eure eigenen lieder, meine bekommt ihr nicht.

Verpisst euch!

Feinste Line: “Der Druck steigt, Atem blockiert. / Wir scheitern immer schöner, sind Versager mit Stil! / Haben nicht viel! Ausgenommen, Leitfiguren. Auf davon! / Sind nicht schön, sind nicht reich, wird harter Kampf da rauszukommen!”

Deutschrap und so #24: Pyranja – Fremdkörper

Ey, wie Pyranja – und auch mir – dieses joviale Gendermarkieren auf den Sack geht! Eine der besten deutschsprachigen weiblichen MCs? Fuck off! Pyranja ist einer der besten deutschsprachigen MCs. Pyranja ist eine der besten MCs. Punkt. Die Rostockerin dropt ihre nach vorne peitschen Rhymes derart smooth und real, dass auch der Auftritt beim Bundesvision Songcontest, Labelgründung, Diplomarbeit und Babypause nichts an ihrer Rap-Credibility ändern können. Mit dem 2001er Brett Fremdkörper hat sie ihre Wut gegenüber der sexistischen Jovialität im Genre dazu noch so gekonnt der konservativen Hip Hop Bagage ins Gesicht geschissen, dass man sich vor so viel Attitude nur verbeugen kann.

Feinste Line:

So hör’ ich oft: Ey Pü, verzeih’, Du leistest Dir zwar gerad’ ‘n Hype, / doch muss schon sagen, Show war tight und auch in Sachen Flow und Style, für ‘ne Braut ganz nice und cool, dass Du Texte selber schreibst. / Mit anderen Worten: Baby, willkommen im Mittelalter! Und ich nur: Danke für die Blumen, doch Du starrst gerade auf meine Titten, Alter! / Oops! Zu harte Worte? Für die harten Jungs im harten Biz? Die mit Schulterklopfen ankommen und mir dann erklären, was Hip Hop ist? / Ich mein’, man lernt nie aus, doch falls es jemand’ interessiert: Ich hab’ mir erst ma’ “Keep it real” dick auf meinen Hintern tättowiert!

Wenn Hieronymus Bosch und M.C. Escher gemeinsam vor dem Traualtar stünden…

bathyscaphe

…dann würde das vermutlich so aussehen wie diese wundervollen, surrealen Zeichnungen des polnischen Künstlers Jacek Yerka. Seine 4 Siders lassen sich in verschiedene Richtungen drehen und offenbaren mit jeder Drehung ein neues Setting oder Ambiente. Pittoresk, verspielt und im besten Sinne des Wortes naiv ästhetizistisch.

These paintings are specials of specials. They show not one world but four and you can hang them on each side and each way will fit perfectly.
The 4-siders are perfect for jigsaw puzzles and you can see them on several puzzle boxes available in sepcial stores.

four_seasons

gardeners_garden

boudoir

4 Siders via faithistorment

Deutschrap und so #22: Morlockk Dilemma – Ich weiß nicht

Wenn man sich auf die Suche nach gutem, Indie Hip Hop made in Germany begibt, stolpert man früher oder später zwangsläufig über Morlockk Dilemma: Der düstere Leipziger droppt schon seit Ende der 90er mit die spannendsten Battlerap-Lines, die es hierzulande zu finden gibt: Und das auf einem wirklich genuinen Soundteppich zwischen hämmernden Beats, Psychedelic und obskuren Filmmusikschnipseln. Erinnert wohl viele Hörer und Kritiker an den Wu-Tang-Clan. Ich würde wegen der teilweise unfassbar schnell gerappten Rhymes und düsteren Gesamtatmosphäre als US-Referenzen eher so was wie Twisted Insane anführen (aber was weiß ich schon). Und wer jetzt immer noch unsicher ist, ob er Morlockk Dilemma ne Chance geben sollte, der werfe einfach einen Blick auf diese BR-Infografik:

morlockk-worte

Noch Fragen?

Feinste Line:

Ich weiß nicht warum ihr denkt, ihr bringt Rap zurück zu Rap,
Mein Rap geht straight nach vorne ihr Cracks.
Ich weiß nicht warum ihr glaubt, ihr schraubt den Rap
Wie von Zauberhand fett – Mein Rap braucht keinen Effekt.
Ich weiß nicht warum ihr, glaubt euch braucht die Crowd,
Macht die Schnauze auf und alle laufen euch weg
Ich weiß nicht warum ihr denkt ihr habt Fans,
Ich kenn keinen einzigen der euch Aufmerksamkeit schenkt.

Warum improvisierte Musik so langweilig ist…

Spannende Performance von Diego Chamy, die zwischen Improvisation und Kalkül schön das Nervenzentrum der Rezipienten fickt. Let the description do the rest:

by Diego Chamy (concept, performance), with Jean-Luc-Guionnet (alto saxophone) and Seijiro Murayama (percussion). Previously performed with Mathias Pontévia (percussion) and Nusch Werchowska (objects) at alberto ukebana, Berlin, November 18, 2008, and with Christof Kurzmann (laptop) and Seijiro Murayama (percussion) during the “Nine Lives” concert series at Ausland, Berlin, July 10, 2009.

Description of the action:

The program indicates an improvisation by three musicians/performers, but I do not appear on stage until after the others have played for some time. I tell the audience that before coming to the theater I had received an unusual email from a friend I had invited to the performance. In this email, which I read out loud, my friend says that he’s fed up with improvised music and asks me to give him a good reason to come to the concert. He also proposes that I ask the audience why improvised music is so boring. I tell the audience I have accepted my friend’s proposal and have prepared a list of questions to ask them. As I present these questions, it becomes clear that they are all rhetorical in nature. The two musicians continue playing throughout. After my last question, a member of the audience suggests that I sing a song, which I proceed to do. (In fact, I had planned to sing a song after asking these questions, and it is purely coincidental that an audience member makes this request.)

Some ideas:

A rhetorical question is not so much a question as a device used to assert or deny something. In this performance I don’t look for interesting answers from the audience. If this were my intention I would have chosen other types of questions (or I would have let the audience ask their own questions). The point here is not whether “improvised music” is boring or not. The point is the mixture of confusion and disappointment generated by someone making this statement and “hiding” it in the form of a question. Another interesting aspect to these questions is the stupidity carried within their generalizations. One can speak about John’s music, Peter’s music, and so on, but “improvised music,” insofar as it is a generalization, doesn’t help us think creatively. Nonetheless, in their stupidity, I find the raw use of generalizations and the flagrant use of rhetorical questions somehow interesting. The same goes for the “comparison” I make between the music being performed on stage and the song I sing at the end of the video.

Extra information:

I performed this action three times. The first two times, the musicians I worked with didn’t know what I was going to do. (I only asked them if I could speak while they played, and they agreed.) The third time (presented here) was a reenactment of the first two actions: the musicians (Jean-Luc and Seijiro Murayama) understood my concept and kindly agreed to play the role of “musicians,” trying genuinely to play their own music and see if it was possible to achieve the tension that was present during the first two performances. To reinforce this act, I asked Seijiro to throw a chair at me immediately after the performance while the audience was clapping. Seijiro did not (or could not) perform this action, but in the video it’s possible to see the tension generated after the audience claps: Seijiro remains seated on stage, looking troubled, knowing that he has to throw his chair at me. For some reason he doesn’t do it.

In the video:

Diego Chamy (concept)
Jean Luc Guionnet (alto saxophone)
Seijiro Murayama (percussion)

Performed at the INSTAL Festival, Tramway, Glasgow, U.K. November 12, 2010.

via Kulturtechno

Deutschrap und so #20: Die Firma – Scheiß auf die Hookline

Die Firma war damals Ende der 90er extrem beliebt in meiner Social Bubble und so habe ich zwangsläufig ziemlich oft in ihre Songs reinhören müssen. Die hatten aber auch was, allein schon weil sie alles anders zu machen schienen als der Rest der damals schon recht vitalen Deutschrap-Szene: Weder Pop-Verliebtheit, noch Weed Gechille, weder Punk- noch Gangsterattitüde. Die Firma spielte ihren eigenen Style, den ich gewillt bin, am ehesten als “Großes Kino” zu bezeichnen: Deep Storytelling, Big Pathos, ein Hauch von Conspiration and Third Eye und eine epische, cineastische Gesamtatmosphäre, die immer mehr von allem demonstrieren und dominieren will . Klar, die Jungs hatten auch ihre Downer, wie das zuckersüße Liebesgedicht in Rap-Dur “Die Eine”, aber es dominierten dann doch die breiten, monumentalen und gewaltigen Sounds.

Ein wenig mehr Selbstironie, ein wenig mehr Bescheidenheit und Augenzwinkern hätte den Kölnern sicher gut zu Gesicht gestanden (und vor allem viel viel weniger Dualismen. Mein Gott, bei denen ging wirklich nichts ohne Dualismen!). Aber mit Scheiß auf die Hookline haben sie alles richtig gemacht. Ein elegischer Abgesang auf die Regeln des Business, ein epischer Bastard aus Rap und Pop, mit einer – Oh, the Irony! – eingängigen Hookline, die von fast experimentellen Dissonanzen zerschossen wird. Passt. Fetzt! Und verleitete mich damals gar dazu, mir das ganze Album zuzulegen, auch wenn mir der Überpathos der Band und die Vorliebe für pathetische, schwere pseudophilosophische Geschichten, Illuminati und Babylon ziemlich schnell auf den Sack gingen. Feinste Line: Was dich interessiert, das ist die Anzahl von verkauften CD’s, / fischst nach Kohle in WC’s, / belanglose LP’s, HipHop Nachwuchs Protegees / und Klischees, wir haben unsere eigenes Konzept, / die Firma, jetzt weißt du, wer hier rappt!”

Jim malt (fast) alles…

Hi Jim.  Could you paint a depressed, alcoholic horse losing his shit and thumping the barman for making a crack about his long face?

Hi Jim.
Could you paint a depressed, alcoholic horse losing his shit and thumping the barman for making a crack about his long face?

Lieblings-Tumblr für die kommenden 24 Stunden: Wenn Ihr  irgendeine absurde, surreale oder einfach nur fantastische Situation unbedingt gezeichnet sehen wollt, versucht es mal bei Jim. Der MS Paint Künstler ist ein Meister darin, jede noch so bekloppte Anfrage, gespickt mit Pop-Referenzen in ein schickes digitales Bild zu verwandeln. So z.B. die Alien Queen zurück aus dem Mutterschaftsurlaub, eine Fawlty Towers Episode in Schwerelosigkeit oder Margaret Thatcher, die als Walküre verkleidet ein riesiges männliches Gemächt in die Apokalypse reitet.

Dear Jim, please paint me The Alien Queen, back off maternity leave and bollocking everyone for not using Dropbox properly.

Dear Jim, please paint me The Alien Queen, back off maternity leave and bollocking everyone for not using Dropbox properly.

Can you paint the episode of The X-Files where it’s revealed that all of the paranormal goings on in the rest of the series were an elaborate hoax staged by none other than Jeremy Beadle.

Can you paint the episode of The X-Files where it’s revealed that all of the paranormal goings on in the rest of the series were an elaborate hoax staged by none other than Jeremy Beadle.

Could you paint a picture of an oscar winning a white person?

Could you paint a picture of an oscar winning a white person?

I’d like to see the easter bunny’s reaction to the new Creme Eggs

I’d like to see the easter bunny’s reaction to the new Creme Eggs

Dave Benson Phillips helping Jesus to gunge God on Get Your Own Back

Dave Benson Phillips helping Jesus to gunge God on Get Your Own Back

Jim’ll Paint it via Maik

Heroes of the day

Scheiße… dann sind wir dieses Wochenende halt mal ein bisschen politischer. Hier klauen zwei clevere Jungs ein Pegida Banner… während eines laufenden “Spaziergangs”. Fuck, das ist echt mutig und macht die beiden – zusammen mit der Antilopen Gang, die Freital gerockt haben – definitiv zu den antifaschistischen Helden der Woche.

via Schlecky

Würde / αξιοπρέπεια

wuerde

Es gibt derzeit wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob ein GREXIT den Niedergang Griechenlands in ein drittes (oder gar viertes) Welt Land bedeuten würde oder doch zu einer wundervollen Wiederauferstehung des Staates führen könnte. Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, inwiefern die Wirtschaftskrise Griechenlands selbstverschuldet ist, oder inwiefern die gesamte EURO-Gruppe, allen voran Deutschland, Mitschuld an der Misere trägt. Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob die Vorschläge der Troika die sinnvollste Lösung der Probleme bedeuten, oder ob Alternativen in Betracht gezogen werden können. Das sei an dieser Stelle den Volkswirtschaftlern überlassen.

Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob das von Tsipras vorgeschlagene Referendum tatsächlich ein demokratischer Paukenschlag ist oder doch nur ein verzweifeltes oder gar manipulatives Manöver, um sich aus der eigenen Entscheidungspflicht herauszuwinden. Es lässt sich wahrscheinlich viel darüber reden, ob mit der antikapitalistischen SYRIZA und der rechtspopulistischen ANEL gerade die richtigen Parteien in der griechischen Regierung sitzen, um die aktuelle Krise zu handlen. Genau so, wie man viel darüber reden kann, ob es in Griechenland derzeit besorgniserregende Tendenzen Richtung Nationalismus und Anti-Intergouvernementalismus gibt.  Es gibt wahrscheinlich viel darüber zu diskutieren, ob Europa in diesem Fall ein Exempel statuieren muss, dass ein Verschleppen von Schulden nicht akzeptiert wird, oder ob Europa nicht viel mehr so dasteht, wie es heute dasteht, weil das Verschleppen von Schulden ein wesentlicher Bestandteil seiner Geschichte ist. Darüber dürfen gerne die Historiker und Politikwissenschaftler diskutieren.

Indiskutabel ist aber, wie grotesk herablassend ein ganzes Land derzeit sowohl von weiten Teilen der politisch und ökonomisch Elite als auch leider immer stärker von großen Teilen der einfachen Bevölkerung behandelt wird. In diesem Fall werden Paternalismus, Elitarismus, Erpressung, Herablassung bis hin zum Rassismus zum politischen Stilmittel erhoben. In diesem Fall werden Werte wie Solidarität, Respekt, Achtung und Empathie komplett aus dem Diskurs ausgeklammert. Die Art wie im Moment größtenteils über Griechenland – oder schlimmer noch DIE Griechen – geredet wird, widerspricht allen Regeln des Anstands und Humanismus und ist schlicht und ergreifend von Asozialität geprägt. Ein Europa, das sich so über einen seiner Teile das Maul zerreißt, verdient die Bezeichnung “Gemeinschaft” nicht. Und gegen diese Form und diesen Inhalt, der sich derzeit im Diskurs etabliert, muss aufgestanden werden. Gegen diese Behandlung verdient Griechenland, verdienen die Griechen jede denkbare Solidarität, jede denkbare Verteidigung. Und genau das geht eben nicht nur die politischen und ökonomischen Köpfe etwas an, sondern uns alle.

Die griechische Zeitung Εφημερίδα των Συντακτών zeigt auf ihrer aktuellen Titelseite die Zeichnung eines Mannes, der trotzig schweigend ein Banner mit dem Wort “Würde” den Lesern entgegenhält. Ob Griechenland den Weg der Insolvenz gehen muss, ob es das beste ist, wenn das Land aus dem EURO-Raum ausscheidet, ob es gezwungen werden sollte, einem harten Sparpaket zuzustimmen, oder ob es noch dritte, alternative Wege, Pläne B und C, gibt… ganz ehrlich ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Griechenland – wie jeder andere Staat – es verdient, seine Würde zu wahren und zu verteidigen. Was ich weiß, ist, dass die Griechen – wie alle anderen Menschen – die Unantastbarkeit ihrer Würde verdienen. Diese Würde ist im aktuellen Diskurs viel zu oft gefährdet. Und jeder, der derzeit meint, über Griechenland – oder schlimmer noch DIE Griechen – urteilen zu müssen, sollte sich zuvor zumindest kurz die Worte Kants ins Gedächtnis rufen: Der Mensch als „Zweck an sich“ darf nie nur „Mittel zum Zweck“ sein. Niemand verdient es, so behandelt zu werden, so be- und verurteilt zu werden, wie es den Griechen derzeit geschieht. Diesbezüglich nehme ich dann auch gerne den Pathos in Kauf, der sich in meine Sätze schleicht: Ehrlich Leute, lasst das nicht so unwidersprochen zu!