maxresdefault

Netflix-Schund?: Rezension zu “The Cloverfield Paradox”

maxresdefault

Als – der herausragende – Okja letztes Jahr in Cannes bei seiner Weltpremiere von großen Teilen des Publikums ausgebuht wurde, war bereits klar, dass zwischen Netflix und der Filmindustrie keineswegs eine innbrünstige Liebesbeziehung besteht. Viel zu groß ist auf der einen Seite die Angst vor einem Niedergang der klassischen, bewährten Publikationswege für das Medium. Und ebenfalls viel zu groß ist auf der anderen Seite der Spott (mitunter scheint es sogar die Verachtung) für eine überkommene aufgeblähte Industrie, die in Zeiten des Filmstreamings obsolet zu sein scheint. Ob man nun als traditionsbewusster Cineast auf der einen Seite der Ringarena steht oder als Couchpotato-Filmfreund auf der anderen, man wird sich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass der Distribution eines Films in den kommenden Jahren mitunter mehr (kontroverse) Aufmerksamkeit geschenkt werden wird als dem Werk selbst. Und zumindest das ist für alle Liebhaber des Mediums – jenseits von Ökonomie und Marketing – erst einmal eine schlechte Nachricht… für die Netflix wahrscheinlich wiederum am wenigsten kann.

Anyway, damit kommen wir auch schon zum neuesten Werk aus J.J. Abrams Cloverfield-Reihe, das nach diversen Release-Verschiebungen und Postpostproduction-Stadien zu Beginn des Jahres 2018 ziemlich überraschend von Netflix gekauft und einzig und allein auf deren Streamingplattform veröffentlicht wurde. “Eiderdaus!” schreien da entrüstet die Cineasten, die dieses neue SciFi/Mystery-Epos nur allzu gern auf der großen Leinwand gesehen hätten. Und ignorieren dabei vollkommen, dass er genau da wohl überhaupt nichts zu suchen hat. Aber damit weg von der Metaebene und wieder zurück zum Anfang von dessen, worum es eigentlich gehen sollte: Den Film selbst:

Wir schreiben das Jahr 2028. Die Menschheit ist am Arsch. Zumindest was die Energieversorgung betrifft. Die Ressourcen sind erschöpft, die Staaten rüsten zum Krieg, um ihre letzten Energiereserven zu verteidigen oder zur Not für die eigene Bevölkerung neue zu erobern. Die letzte Hoffnung der Menschheit ruht auf einem Forschungsprojekt mit Teilchenbeschleunigern, das wegen seiner Unvorhersehbarkeit und Risiken auf eine Weltraumstation im Orbit der Erde verlegt wurde. Dort versuchen diverse WissenschaftlerInnen schon seit längerer Zeit mit experimentellen Zündungen eine Art Perpetuum Mobile zu erschaffen und somit die Menschheit zu retten. Unter ihnen sind unter anderem Officer Hamilton (Gugu Mbatha-Raw), die mit dem Verlust ihrer Kinder auf der Erde hardert, der cholerische Russe Volkov (Aksel Hennie) und der zwielichtige deutsche Physiker Schmidt (Daniel Brühl). Als das Team bei einer der Zündungen weiter kommt als jemals zuvor, hat dies fatale Nebeneffekte. Plötzlich scheint für die Raumstation die Erde verschwunden zu sein (und vice versa), auf dem Schiff tauchen plötzlich Menschen auf, die dort gar nichts zu suchen haben, Körperteile verschwinden und tauchen wieder auf und die Gesetze der Physik werden außer Kraft gesetzt. Das ist aber nichts gegen das, was zeitgleich auf der Erde stattfindet. Dort muss sich Hamiltons Ehemann vor einer plötzlich auftauchenden monströsen Gefahr in Sicherheit bringen, die Zuschauern des ersten Cloverfield-Films durchaus bekannt vorkommen dürfte.

Ob es sich hierbei tatsächlich um DAS Cloverfield-Monster handelt lässt Abrams ziemlich offen und auch unabhängig davon sind die Links zum Film von 2008 wie bereits bei dessen vermeintlichen Nachfolger “10 Cloverfield Lane” alles andere als solide gesetzt. Spätestens wenn nebulös von Dimensionen, Monstern und Dämonen fabuliert wird (ohne dass diese konkret gezeigt werden), ist klar wo Abrams Reise hingehen soll: Ins Uneindeutige, ins lose Verbinden, ins Assoziieren, um damit ständig das Potential von etwas Größerem, Epischem aufrecht zu halten, ohne dies tatsächlich erzählen zu müssen. Bereits in seiner Serie LOST hat er dies zur Perfektion getrieben und dabei viele Zuschauer auf der Strecke gelassen. Beim Cloverfield Paradox kommt erschwerend hinzu, dass dieser – ursprünglich unter dem Titel “God Particle” entworfene – Film mutmaßlich gar kein Teil der Cloverfield-Reihe sein sollte. Und tatsächlich wirken die Referenzen zu den anderen beiden Filmen mehr als ungelenk an die eigentliche Handlung rangepappt. Und wie ist diese? Verdammt unterhaltsam. Versteht mich nicht falsch. Das Cloverfield Paradox ist B-Movie-ware vom feinsten, ein einzig großer Mumpitz, wild zusammengwürfelt aus Science Fiction Horror der letzten 40 Jahre. Teilweise dreist geklaut von Event Horizon, teilweise arg plump inspiriert von Alien(s), Interstellar und Armageddon, teilweise auf alle Tropes zurückgreifend, die das Genre hergibt. Selbst vor Tarkowskij und Arthur C. Clarke macht dieser Mummenschanz nicht halt.

Aber, irgendwie hat er doch den nötigen Schuss B-Ware-Wahn, um dabei ganz gut unterhalten zu können. Spätestens ab einer – sagen wir mal unkonventionellen – Bodyhorrorszene macht sich eine bizarre Komik breit, die gewollt oder nicht den Film bis zu seinem größenwahnsinnigen Finale trägt. Ordentlich Hilfe bekommt dieses Fiasko dabei von einer exzellenten Riege Schauspieler aus der zweiten Reihe, die entweder so wirken, als hätten sie überhaupt keine Lust, bei den ganzen Albernheiten mitzuspielen (John Ortiz), als ob sie wissen würden, dass sie eigentlich viel zu gut für diesen Trash sind (Zhang Ziyi) oder einfach nur von allem heillos überfordert wirken: Der Hauptpreis geht dabei an Daniel Brühl, der in US-Produktionen ja immer ein wenig wirkt, als sei er nur zufällig über das Set gestolpert und die Regisseure hätten dann gesagt “Na gut, dann drehen wir halt ein paar Szenen mit dem deutschen Laien”, der hier aber alles gibt, um seinen SCHMIDT auch wirklich deutsch wirken zu lassen und dabei grandios zwischen No-Acting und Overacting pendelt.

Machen wir uns nichts vor. The Cloverfield Paradox gehörte nie ins Kino. Das ist eine astreine direct-to-dvd-Produktion, die in dieser Sparte aber zu den Ansehnlichsten gehört. Halt irgendwie zwischen Ridley Scott und Asylum-Films, zwischen redundanten Storyfillern, viel alberner Action und dem Versuch ein epischer SciFi-Streifen zu sein. Partiell erfolgreich, aber meistens an seinen eigenen Ambitionen scheiternd. Netflix-Filme sind bis dato ja immer so ein Hit (Okja, Tallulah) or Miss (Bright) gewesen. Dieser Film ist beides. Perfekter Popcorntrash, für alle, die sich nicht zu schade sind, sich von großem Blödsinn unterhalten zu lassen. Allemal spaßiger als der überschätzte “Arrival”, tausendmal mutiger als die diversen Transformers-Schrottblockbuster und in seinen Ambitionen – die viel zu hoch sind – mit dem Herz am rechten Fleck. Ich habe mich nicht geärgert, diesem Trash zwei Stunden meiner Lebenszeit zu widmen… das nächste Mal darf Netflix aber gerne wieder Geld für etwas Gehaltvolleres ausgeben. Dass sie das können, haben sie in den letzten Jahren nämlich auch oft genug bewiesen, egal wie sauertöpfisch die konservative Filmgemeinde darauf reagieren mag.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>