Hörenswertes: Biffy Clyro, The Avalanches, Gone Is Gone, Billy Talent, Owen, Dinosaur Jr, Blossoms, Roosevelt

 

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Während ich die Einleitung schrieb hat Frank Ocean sein neues Album für dieses Wochenende angekündigt und überhaupt war ich der festen Überzeugung im Sommer keine Rezension schreiben zu müssen.

Ist es vielleicht schon die vielbeschworene Krise, von der alle immer reden und ist der Sommer schon so doof, dass man schon die Releases auf die Zeit vorverlegt, wo Leute doch lieber draußen grillen.

Egal, als Musikliebhaber nimmt man natürlich alles mit und hey, die Avanlaches melden sich zurück, Biffy Clyro leider auch. Gone is Gone, Billy sein Talent auch irgendwie. Blossoms bedienen sich gleich mal ausgelutschter Ideen, anstatt selber noch mehr falsch zu machen. Immerhin kann Roosevelt die Ehre der Jungmusiker rettet und zaubert ein wirklich frisches Dance-Album und ein versöhnliches Grinsen auf das Gesicht des muffeligen Kritikers.

Ach so, gerade kam noch die Beginner rein…

The Avalanches – Wildflowers
(XL / Beggars, 08.07.2016)

55870-wildflowerSie sind tatsächlich zurück. Die Band der gefühlt 80.000 Samples, die aus dem Debüt im Jahr 2001 einen kompletten Mashup-Wahnsinn machten. Wildflower ist wies chon The Avalanches eine einzige Aneinanderreihung von Soul und Hip Hop-Einflüssen, deren Quellen-Angaben wohl die Breite von dem Telefonbuch Tokios erreichen und wieder einen komplizierten Rechtsstreit hinter sich her ziehen dürften.

Plötzlich wirken die 15 Jahre Pause nur noch konsequent, so viele Schnipsel reihen sich hier zu einem Mixtape des musikalischen Wahnsinns zusammen, das funky wie ein dreiköpfiger Elefant über die Eisfläche saust. Es mag in der Idee nicht passen, aber wird hier einfach passend gemacht, bis es so aussieht, als ob eine Elfe mit Ballkleid Pirrouten tanzt.

Brian Wilson zog sich einst Feuerwehr-Hüte auf und ließ Waldhörner und merkwürdige Sounds in den bisher eher braven Soundkosmos der Beach Boys, der Song Harmony klingt wie ein visionäres Überbleibsel aus dieser Session. Es wird überhaupt sehr tief in der Vinylkiste der Vergangenheit gewühlt, nur mit den beiden Gast-Rappern Danny Brown (der erste Rapper auf Warp) und Biz Markie (wohl der erste Rapper, der frühzeitig seinen Verstand verlor) findet man den Bezug zur heutigen Zeit.

Ich bin nach den 22 Songs fertig, schwitze und habe so ein Abenteuergefühl und so einen Adrenalin-Überschussl wie seit meiner Kindheit nicht mehr in mir. Danke ihr großen Jungs für diese höchstspaßige Stunde!


Gone Is Gone – Gone Is Gone
(Warner, 08.07.2016)

1469471762_magicfields_foto_1_1Supergroups machen, wenn wir mal ganz ehrlich sind, selten wirklich Spaß. Die Erwartungshaltungen sind entweder zu groß um eingehalten zu werden, eher unwichtige Bandmitglieder nutzen den großen Namen ihrer Hauptband um durchwachsene Projekte zu veröffentlichen oder in vergessene gerate Künstler versuchen es, mit geballtem Legenden-Status raus aus der Vergessenheit zu geraten.

Gone Is Gone hat in der Hinsicht vielleicht das Glück ein Mix aus Bandmembers zu sein, deren Ursprünge schon vorher nicht überwältigende Charts-Erfolge waren, sondern ein über Jahre erspielter Kult-Status. Bis auf Troy Sanders, immerhin der Boss seiner Band Mastodon, sind der Queens Of The Stoned Age-Gitarrist Troy van Leuewn und At The Drive-In-Drummer Toni Hajjar bei Gone Is Gone dabei. Der Begriff Supergroup, der schon etwas durch das Netz geisterte, ist dann bei allem Respekt doch ein wenig hoch gegriffen.

Die Musik kann da leider auch keinen Grund bieten, warum die Band zu einer Gefahr für die Hauptbands werden sollte. Die Riffs sind allesamt sattsam bekannt und wirken wie Überbleibsel aus einer launigen Mastodon & Friends-Session. Da sich die Prog-Metal Band eh seit Jahren weg vom kompromisslosen Sound hin zur Prog-Verträglichkeit entwickelt ist der Unterschied zu Gone Is Gone eh nicht mehr groß. Die Zusammenarbeit von Isis und Deftones-Sänger Chi Moreno mag war auch nicht innovativ gewesen sein, hatte aber dann doch mehr Relevanz als dieses enttäuschende Album.


Biffy Clyro – Ellipsis
(Warner,  08.07.2016)

Biffy-Clyro-Ellipsis-CoverAch ja, apropos Enttäuschung. Was habe ich Biffy Clyro noch zu Zeiten von Puzzle gefeiert, einem Album was ja schon damals die Fanbase spaltete, da die Songs zu gewöhnlich und nicht mehr so verrückt wie zu Anfang klangen. Es war trotzdem ein mitreißendes Album über den Tod eines geliebten Menschen und mit einer fetten Produktion, die dem Drama die passende Bühne gab.

Die wurde von Jahr zu Jahr größer, wie der Sound der Schotten, die sich damit aus dem Gebäude 9 hin zu dem Wembley-Stadium spielten. Wem hier Muse bei diesem leider gar nicht gesunden Karriere-Sprung einfallen, liegt verdammt richtig. Die Band bewegt sich mittlerweile auf tönernden Füssen, schwerfällig im Bewegungsablauf und satt vom Erfolg, der allerdings nicht mit wachsender künstlerischer Weiterentwicklung einhergeht, aber darüber lachen Coldplay auch schon seit Jahren.

Während sich die britischen Stadionrocker schon gar nicht mehr darum bemühen, irgendwie noch mit ihrem Anfangs-Sound in Verbindung zu kommen, spielen Biffy noch “Back To The Roots”. Klar, das neue Album Ellipsis sollte laut der Aussagen der Band wieder was Neues werden, ein Neuanfang und so weiter. Wo Opposites immerhin ein paar Hymen hatte, bleibt diesmal nur noch der krampfhafte Versuch, Hauptsache man kommt mit dem Dampfhammer wieder zurück nach Wembley. Re-Arrange ist für alle, denen Fall Out Boy noch zu hart sind, der Rest wie The Used auf einem dieser jüngeren Alben, die sich schon Die Hard-Fans nicht mehr kaufen. Wer schon fliegende Ufos bei Muse mag, darf natürlich auch bei Elypsis in die Hände klatschen, der Rest dann über die Musik.


Billy Talent – Afraid of Heights
(Warner, 29.07.2016)

Billy_Talent_Afraid_of_HeightsDie Gestaltung des Album-Covers kommt einem bekannt vor, als habe man den großen Bruder von dem Billy Talent-Debüt in seinen Händen. Das war 2003 und Try Honestly ein Hit in den Indie-Clubs, bis der Band der Durchbruch mit dem Nachfolger gelangte und der parolenhafte Screamo gerade in Deutschland auf eine begeisterte Fanbase stieß.

Dass es in den Staaten niemals funktionierte, dürfte daran liegen, dass die Texte jedem Muttersprachler die Schamesröte ins Gesicht treibt, während sich der Rest der Welt an den immerhin treibenden Rock der Kanadier erfreut. “Louder Than The DJ” ist wieder einer dieser strunzdummen Songs, die den kleinsten gemeinsamen Nenner finden und begeistert von der Rock-Meute aufgesogen werden. Haben wir 1995 und ein “Gib Techno keine Chance”-Shirt ist plötzlich wieder lustig?

Bei aller der ärgerlichen Rückwärtsgewandheit muss man Billy Talent allerdings zuerkennen, dass sie allein durch die Stimme von Benjamin Kowalewicz einen hohen Wiedererkennunsgswert haben und auch wenn Ihnen wohl nie ein großes Album gelingen wird, es springen doch immer ein paar amtliche Kracher wie Time-Bomb Ticking Away heraus, mit denen man gerne seine Playlist füttert. Den Status als Headliner auf den Festivals hat sich die Band rein musikalisch nicht verdient, den Massen-Appeal mit hymnenhafter Einfachheit schon. Es darf nur trotzdem bezweifelt werden, dass der immerhin ehrenhafte Ansatz ls politische Band dort in den trunkenen Moshpits wirklich auch irgendwo verhaftet wird.


Owen – The King of Whys
(Rough Trade, 29.07.2016)

Owen-the-king-of-whysDie besten Emo-Alben der 90er haben bei mir Spuren hinterlassen. Ja, ich möchte nicht immer Testosteron-Gekrache, sondern auch mal einfach gute und nette Musik hören. Travis machen das ja noch, aber leider nicht mehr so Weltklasse wie zu ihren Anfangstagen; über Coldplay brauchen wir uns gar nicht zu unterhalten.

Owen ist das Baby von Mark Kinsella, der mit seinen vorigen Bands Cap`n Jazz und American Football bereits in den 90ern den Emo-Rock mit beeinflusste, und sich seitdem auch als Singer/Songwriter einen Namen gemacht hat. Wer allerdings momentan auf gefühlvolle Songs steht, kommt natürlich nicht an Bon Iver und Justin Vernon vorbei, der dem Emo noch den Soul beibrachte und damit auch im Black Music-Genre wohlverdienten  Respekt und Bitte um Feature-Part bekam.

Dessen Haus und Hof-Produzent Sean Carey durfte sich an dem mittlerweile neunten Album versuchen. Und wenn man sich musikalisch schon nahe steht, kann man ja auch gleich die gleiche Gegend, Eau Clair in Wisconsin, ziehen, dachte sich wohl Mike Kinsella. Den warmen Country-Einfluss von Bon Iver hat man auch gleich übernommen, nur bei Settled Down hört man noch den Emo-Rock der früheren Bands.

King of Whys ist ein derart überzeugendes Album geworden, dass man es der hiesigen Schnulzen-Szene jeden Tag einmal quer durch das Gesicht hauen müsste. Wer nie Ansprüche hatte, kann ja Kleinkünstlern wie AnnenMayKantereit, Phillip Poisel sein Geld für gesungene Kalendersprüche hinterherwerfen, aber Kings Of Whys sind die wahren Gefühle, das Leben und die große Kunst.


Dinosaur Jr. – Give A Glimpse Or What Yer Not

( Cargo, 05.08.2016)

dinosaurjr-giveaglimpseofwhatyernot-cover2016Klingt wie immer. Ist gut, Sry, mehr kann man die mittlerweile gefühlt jährlich veröffentlichenden Alben nicht mehr sagen. Mal vielleicht doch wieder ne Pause und Solo-Projekte, die Herren?


Blossoms – Blossoms
(Universal, 05.08.2016)

blossoms_artEin Hype aus UK. Ja, da zucken die Ü30-Opas wie ich tatsächlich noch kurz. Wir haben halt die grandiosen Jahr 94/95 (Oasis, Blur) und den genau 10 Jahre später stattfindenden Wahnsinn (Franz Ferdinand, Maximo Park) miterlebt und irgendwo im Langzeitgedächtnis unter “UK = ziemlich dufte Musik” abgespeichert.

Dass das oben leider auch nicht mehr alles so richtig läuft und England auch schon längst nicht mehr der Traum der deutschen Indie-Jugend ist, dürfte sich ja rumgesprochen haben, die Musikszene verursacht leider auch schon seit Jahren kein europaweites oder gar weltweites Erdbeben.

Auf den zarten Schülterchen der Blossoms liegt nun also die Hoffnung des Königreich, mal wieder einen Exportschlager zu landen. Die Vorraussetzung könnte nicht schlechter sein, da Musik mittlerweile nicht mehr wie damals der Mittelpunkt und Zufluchtsort Nr. 1 für den heranwachsenden Teen ist und man schnell merkt, dass den Blossoms auch nicht mehr eingefallen ist, als mal wieder Opas LP-Sammlung zu zitieren. Okay,. fairerweise war schon der Britpop `95 ein Rückgriff auf die Sixties, aber doch nicht so erschreckend überdeutlich.

Den Blossoms kann man immerhin ein Gespür für gute Melodien nicht absprechen. Das sind alles schmissige Mitpfeif-Songs, die alle nicht sonderlich nerven. Ein paar Disco-Beats und Dance-Beats eingestreut und fertig ist das Fast Food-Produkt für den Sommer-Playlist. Wird im September schon gelöscht oder vergessen. Wird 2026 spannend und man einfach nicht mehr weiß aus welchem Jahr die Band ohne Eigenschaft entsprungen ist.


Roosevelt – Roosevelt
(City Slang, 19.08.2016)

roosevelt-rooseveltRoosevelt bekommt begeisternde Kritiken vom Guardian und Pitchfork. Okay, ein Indie-typ irgendwo aus L.A. oder London? Nö, es ist die pulsierende Weltstadt Viersen, aus der Marius Lauber kommt, der ansonsten immerhin Wahl-Kölner ist.

In letzter Zeit konnten ja tanzbare Beats aus Deutschland die Welt erobern, nur leider absolut nicht wie man sich das gewünscht hat, wenn man die Guetta-Klone Jaehn oder Robin Schulz betrachtet. Mit Drangal kam ja schon glamörser Goth-Pop als Wiedergutmachung und mit Roosevelt sollten man uns endgültig verzeihen, was wir da vorher auf die EDM-Festivals losgelassen haben.

Das Debüt ist ein harmonisches Album, das sich treibend durch Disco  und die 80er movet und jeder Track wunderbar auf den anderen aufbaut, so dass man gar nicht glauben kann, dass dieses Projekt erst rein aus Hobby-Laune entstand und über kommerziellen Erfolg nie nachgedacht wurde.

Ob das nun gemein ist, die Blossoms für Retro-Gedudel abzustrafen und den Vintage-Synthie-Pop zu feiern. Ein bisschen, aber es funktioniert halt bei Roosevelt einfach perfekt, weil hier ein Herz zu erkennen ist.

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