Die 00er Jahre: Die besten elektronischen Alben des Jahrzehnts II

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So, wieder ein Schritt weiter in der Retrospektive über die elektronischen 00er. Zwei DJs spielen Rendes-Vouz, irgendwann in den frühen 80ern. Ja dieses Bild passt zum Electrocash der 00er Jahre, der das zaghafte 80er-Revival konsequent weit führte. Justice nahmen die Abkürzung zu den 90ern und gaben der Electro-Gemeinde anbetungswürdige Boller-Musik, Hot Chip versöhnten Soul und Keyboards, Fennesz war eher für das Chillen danach und für die Avalanches brauchte man sogar einen Psychiater.

Justice – † (Cross)
(Ed Banger / Warner, 20.07.2007)

Justice_-_Cross_(2007)Daft Punk, der heute sehr scheußliche David Guetta und die ganze French House-Posse der 90er hatten der elektronischen Musik einen dringend benötigen Wiederbelebungsversuch verpasst. Es lag nun an den Kindern der Revolution das Erbe weiter zu führen.

Justice erinnerten optisch und vom Sound an Daft Punk, hatten sogar den gleichen Manager (Ed Banger-Chef Pedro Winter), was bis heute zu kruden Theorien führt, es handele sich um die gleichen Personen. Startschuss für Xavier de Rosnay und Gaspard Augé war 2003, als man einen krachenden Remix von Simians` ” We are your friends” anfertigte und langsam aber sicher die Electro-Szene infizierte. Cross, das auf dem Album tatsächlich nur ein goldenes Kreuz-Symbol als Brand hatte, entwickelte sich so zu einem der meist erwartenden Debüts der 00er Jahre und wie einst Homework schlug das Album weltweit in die Charts ein.  Die elektronische Szene, die sich der Übermacht der Rock-Fans entgegen gesetzt sah, war endgültig wieder euphorisiert.

Miss Kittin & The Hacker

(Rough Trade, 29.06.2001)

FADa gibt es keine Diskussion. First Album war immens wichtig für die ganze Entwicklung der elektronischen Alben in den 00er Jahren. Als ob jemand Visage das grelle Make-Up vom Gesicht weggewischt und sie zusammen mit Kraftwerk in ein Labor gesperrt hätte.

Der pompöse Stadion-Rave bekam plötzlich einen eiskalten Electroclash-Schock, der die Kühle der 80’s für sich wieder entdeckte und doch gefährlich sexy wirkte.

“Let’s go to the rendez-vous / Of the past, me and you / DJ plays deja-vu / As we were in ’82” war das Credo der Elektro-Szene der frühen 00er Jahre, auch sonst wird in dem Klassiker “1982” alles, auch textlich,  zitiert, was an Vorbildern in die Arbeit einfloss: Just can’t get enough, blue monday, fade to gray, Tainted love, Rendez Vous, Don’t go.

So einfach war das, ist das und wird es bald hoffentlich in Zeiten des EDM wieder sein.

The Prodigy – Always Outnumbered, Never Outgunned

(XL Recordings, 11.08.2004)

TheProdigy-AlwaysOutnumberedNeverOutgunnedDas große Missverständs der 00er Jahre? Falscher als falsch kann man den Zeitpunkt zur Veröffentlichung des vierten Prodigy-Albums gar nicht nennen. 2004 war der Höhepunkt des Indie-Rock, die Welt wollte schicke Jungs mit tollen Rocksong und keine in die Jahre gekommenen 90er-Ikonen, die sich nach der Kommerz-Bombe Fat Of the Land beeindruckend viel Zeit ließen und einer neu geordneten Musikwelt entgegen sahen, in der man sie nicht gerade mit offenen Armen zurück empfing.

Ob das hier überhaupt ein Prodigy-Album war, darüber stritt man sich damals schon. Liam Howlett, immer schon der alleinige musikalische Mastermind des Projekts, schloss sich mit einem Laptop und einem Programm für 300 Dollar ein und präsentierte nicht Hits für die Festivals, sondern eher den Nachfolger seiner Dirtchamber-Sessions, in denen er sich durch die Vorbilder samplete und diese durch die Filter jagte.

Die Reaktion auf das Album war verheerend. Die Kritiker zerrissen das überhaupt nicht in die Zeit passende Mischwerk aus dreckigen Beats, Hip Hop und 80er-Loops. Hört man es sich heute mit 13 Jahren Abstand an, muss man sagen: Es war wirklich nicht so schlimm, im Gegenteil: Always Outnumbered, Never Outgunned ist immer noch ein fieser dreckiger Bastard, der einem in die Fresse rotzt und pubertär Krawall anzettelt. Das war der Punk, den man noch zu Zeiten von Fat Of The Land proklamiert hatte. In Hotride konnte man die Stimme von Juliette Lewis, abonniert als das Troublekid in Hollywood-Filmen, hören. Auch hier schließt sich der Kreis.

Fennesz – Endless Summer

(Mego, 03.07.2001)

fennesz-endlesssummerEin Cover wie aus der schlimmsten Chillout-Sampler-Hölle und dazu noch der Albumtitel Endless Summer, der aber in Wirklichkeit den Beach Boys huldigt. Wem sollte man einen Vorwurf machen, wenn man ohne fachkundige Beratung das Cover sieht und angeekelt wieder weg legt?

Ja, aber wir sind hier ja die Freunde und Verfechter der guten Laune und des guten Geschmacks… und dieses Album ist gut, richtig, richtig gut. Unschuldigster Prä-Minimal-Techno, der mit verschlafener Naivität an Four Tet, Caribou und natürlich an die Beach Boys erinnert, deren “Endless Summer”-Hit Compilation der Österreicher Christian Fennesz huldigt.

Diesen wunderschönen organischen Sound kann man tatsächlich jeden Sommer hören und ist in seinem schwebenden Sound wirklich so etwas wie endlos.

The Avalanches – Since I Left you

(Modular, 28.11.2000)

909d52edAustralien. Eigentlich der Kontinent, den man am ehesten mit geradlinigem Rock verbindet. AC/DC waren aber bestimmt nicht der Einfluss von Since I Left You, das sich einmal quer durch die Musikgeschichte samplete.

Heraus hätte bei so vielen Einzelteilen auch komplett unhörbares Chaos kommen können, aber das Album der Australier fügte sich am Ende zu einem großartigen Puzzle zusammen. Das Sahnehäubchen dürften natürlich die herrlich bekloppten Videos zu Singles wie “Since I Left You” oder “Frontier Psychiatrist” sein, die schnell zu Kult wurden und den Bekanntheitsgrad enorm steigerten.

Nach unfassbaren 16 Jahren Pause kündigen The Avalanches dieser Tage übrigens immerhin Festivalauftritte und womöglich auch ein Comeback-Album an. Man kann nur hoffen, dass die Samples wieder so großartig wie auf dem ersten Album sind. 9.5/10 bei Pitchfork gilt es zu übertreffen.

Hot Chip – Made in The Dark

(Parlophone, 04.02.2008)

homepage_large.3f56a0e8Der Hot Chip Frontmann Alexis Taylor mag aussehen wie der Whitest Boy Alive in zu großen Hip Hop-Klamotten, aber kaum eine andere Dance-Band schafft es Soul, crankige Beats, Sound RnB und freakigen Dance-Sound so gekonnt miteinander zu verschmelzen.

Da gibt es sicherlich Club-Banger wie “Shake The Fist”, aber die Seele des Albums sind fast schon klassische Soul-Pop-Nummern wie “Made In The Dark”,”Whistle for Will” die der stets hibbeligen Art von Hot Chip einen roten Faden vorgibt.

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