Kleine Pop-Rezension zu Justin Timberlake “Can`t Stop The Feeling”

justine

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung ist der Meinung, dass eine ernsthafte Rezension zu Can`t Stop The Feeling dem Song gut tun würde, merkt aber an, dass dies eh nur schlechte Laune bringen könnte. Hmmm, mal sehen ob das stimmt!

Der Künstler

Justin Timberlake begann seine Karriere in der Casting-Show Star Search, war Mitglied in der in den USA erfolgreichen Kindersendung Disney-Club und später in der Boyband N´Sync, die Ende der 90er und Anfang der 00er Chartserfolge feiern konnte.

Mit dem auch hier besprochenen Album Justified konnte Timberlake die Fans und Kritiker überzeugen und etablierte sich mit den folgenden Alben Futuresexx/LoveSounds und 20/20 Experience im Musikgeschäft. Auch die Filmkarriere läuft erfolgreich mit Nebenrollen in Filmen wie The Social Network.

..ok, so viel zur Faktenhuberei für Menschen, die so rein gar nicht mit der Pop-Welt seit 16 Jahren zu tun haben. So ziemlich jeder um die 30 wird sich noch erinnern, wie er im Sommerurlaub zu Rock your Body getanzt, gewippt oder mitgesummt hat. Die Neptunes, der heutige Star-Produzent Pharrel Williams und Chad Hugo, hatten eigentlich Michael Jackson diese flirrenden Beats auf den Leib geschrieben, doch dessen Manager lehnte die Songs als nicht gut genug ab. So dürfte er entsetzt mitangeschaut haben, wie Justin plötzlich die erfolgreichere, agilere und jüngere Version der ehemaligen Pop-Legende wurde.

Im Jahr 2016 ist Justin Timberlake längst selbst eine Mode- und Pop-Ikone, auch wenn das in der heutigen Zeit mangels Konkurrenz nicht mehr so schwer ist, wie noch in den gesunden Jahren der Pop-Industrie, weswegen sich Timberlake wie so viele schon längst Standbeine in Film und Mode mit seiner Linie William Rast gemacht hat.

Das Video

 

Kaum zu glauben, aber in der Tat hat Mark Romanek den bunten Film zu dem Sommerhit produziert. Schulterzucken bei allen Nicht-Musikvideo-Junkies? Das im dreckigen Look aufgenommene Video zu Closer von den Nine Inch Nails und die retrospektive Trauer von “Hurt” stehen in der Werkschau des Videoclip-Regisseurs, ebenso die nicht gerade leicht verdaulichen Filme One Hour Photo oder Alles was wir geben mussten. Oder um es mal kurz zu machen: Dass dieser Mann fröhliche Menschen in seinem Video rumhopsen lässt, lässt aufhorchen, auch wenn sich Romanek gerade in den letzten (leider gar nicht mal guten) Jahren mehr und mehr dem Mainstream nähert.

Der Inhalt des Videos ist auf den ersten Blick schnell erklärt: Justin Timberlake sitzt in einem Dinner, tanzt unter einer Brücke und abwechselnd sieht man Menschen in oder vor einem Laden rumtanzen. Hier wird es auf den zweiten Blick schon interessanter: Wo andere Künstler in irgendeiner teuren CGI-Kulisse tanzen und schöne Model-Menschen spektakuläre Moves hinlegen sind hier Normalo-Stereotypen wie die Hausfrau, der Auto-Händler, der Mechaniker und die Bedienung zu sehen. Eher Menschen aus dem Niedriglohn-Sektor, die Kulisse zum abschließenden gemeinsamen Tanz findet unter ein der vielen Highways irgendwo in einer wahrscheinlich gar nicht so tollen Gegend statt, die aber auch kein Ghetto-Viertel darstellt. Es ist die komplette Normalität, der Alltag von Millionen von US-Bürgern. Pop als Verbindung, weg von der Über-Inszenierung als gottgleiches Wesen, wie es gerade Michael Jackson immer bevorzugte. Justin, der Kumpel, der John und Richy aus der Alltags-Lethargie heraus für ein paar Minuten zum Tanzen bringt. Oder wie Romanek selber zu Protokoll bringt “Just the overall feeling of unironic and sincere humanism. It’s not trying to be cool or slick or ironic. It’s just fun. Most of the time, people are excellent. It’s just a big sugar cookie. It makes people smile for four minutes. That’s nice. ”

Der Song

All those things I should do to you
But you dance, dance, dance
And ain’t nobody leaving soon, so keep dancing

Sagen wir es mal so. Es ist nicht Radiohead, sondern der üblliche Pop-Eskapismus. Wir haben es alle nicht so leicht, aber hey für ein paar Minuten können wir der Langweile und dem Frust entkommen. Mach einfach mit und tanze, wehr dich gegen deine Sorgen und Bedenken. Es ist ein Pop-Song, produziert von Max Martin. Interessant ist es wenn man auf die Discografie des wahrscheinlich erfolgreichsten Hit-Fabrikanten unser Zeit schaut: Da tauchen tatsächlich N` Sync auf. Can`t Stop The Feeling hätte rein vom Titel her locker auf ein Album der Boygroup gepasst, steht auch im Kontrast zu 20/20 Experience, das eher glänzende Eleganz präsentierte. Kein Song, der die Kritiker begeistert, sondern fast zu geplant auf weltweiten Chartserfolg produziert ist.

Ein prägnanter Bass-Sound erinnert an Disco, also der Sound der spätestens seit Daft Punk und Get Lucky wieder Erfolge im Mainstream feiert, dazu Funk-Elemnte, die stark an den letzten Sommerhit “Uptown-Funk” erinnern. Und wer möchte kann sogar Our House von Madness raushören. Max Martin hat mit seinen zahlreichen Nr. 1-Hits die Formel und die höchstmögliche Tanzbarkeit gefunden, kein widerborstiges Element findet sich hier drin, ebenso kein schelmisches Zitat, das nur Musikkritiker raushören.

Warum der Hit?

Kaum zu glauben, aber Justin Timberlake ist in den USA bisher kein Nr.1-Hit geglückt, was an dem Ego eines Künstlers nagen muss, dem eigentlich der Ruf anhaftet, der größte männliche Popstar unsere Zeit zu sein. Was nutzt nur der Erfolg bei Kritikern, wenn man nicht wie die Großen der Pop-Historie einen Nr1-Hit landet. Das es der eher seichte Hit niemals mit Thriller aufnehmen kann, ist da in dem auf totalen Erfolg ausgelegten Song vollkommen egal. Es ist ein Song, der urban funktioniert, der auf den größtmöglichen Konsens angelegt ist. Das Gefühl aus dem öden und wenig spaßigen Leben mit all seinen Regeln auszubrechen, steckt in jedem von uns, der Sommer mit seinen Farben regt den Wunsch nach Leichtigkeit an. Einen Song mit Funk, Dance und Disco-Grooves zu platzieren, wie jedes Jahr extrem erfolgsversprechend. Ein polarisierendes Element? Auch nicht. So ziemlich jede Ethnie taucht in dem Video auf, Paare tauchen nicht auf, evtl ist jemand gay oder auch nicht, evtl ist jemand Trump-Wähler, auch nicht, klar. Es muss ich also keiner angegriffen fühlen. Okay, gehbehinderte Menschen fühlen sich evtl bei Dance, Dance, Dance nicht sofort angesprochen, aber die wollen auch keinen Song, der sie  ständig an irgendwelche Handicaps erinnert.

Wo bleibt die schlechte Laune?

Was soll man angreifen? Es ist nicht David Guetta, der einem den Hit mit Überschall ins Gehirn prügeln möchte oder Pitbull, der Inbegriff des prolligen Sauf-Dance-Gebretter. Bei dem Disco-Sound gehen auch die Indies mit, wenn selbst Kritiker-Liebling Anhoni schon den Sound von Chic und Nile Rodgers für sich entdeckt. Es wird auch keine Frau zum Bumsobjekt der niedrigen des sexgeilen Interpreten degradiert. Justin Timberlake hat sich wie gesagt eine Bonus auch bei den Indie-Qualitätsicherung von Spex oder Pitchfork verschafft, die hier milde drüber lächeln und keinen Hass wie bei dem grandios missglückten Pop-Versuch von Chris Cornell entwickeln, der deiner ehemals integren Grunge-Sozialisation entstammte und entsetzte Reaktionen schon aus dem Umfeld erntete. Justin ist Everybods Darling, die Jungs wünschen sich seine Eleganz, die Mädels und vor allem auch Frauen jedes Alters übertreffen sich mit Herzchen.

Was bedeutet das nun für die Zukunft von JT?

Die Singles waren bisher immer ziemliche Vorboten auf das kommende Album und deren Stil. Es bleibt also leider zu erwarten, dass sich Timberlake mit dem Album eher in seichtere Gefilde begibt, was aber immer noch ein möglicherweise schlechtes Album im Vergleich zu drei sehr guten bis okayen Alben wäre. Wie schnell allerdings ein Karrierieknick passieren kann, zeigt die stetige Abwärtskurve von Madonna, die einst der Popmusik gewagt davon schritt und sich ihr nun verzweifelt anbiedert.

War eine ernsthafte Pop-Kritik nun nötig?

Eigentlich nicht. Es ist ein Pop-Song aus dem Erfolgsbaukasten, der nicht wirklich zu den Großtaten von JT gehört, aber sein bis dato erfolgreichster Song wird. Wie hoch der Preis für diesen kleinsten Nenner sein wird bleibt abzuwarten. In der Zeit, in der ich diese Kritik schrieb, hätte ich spannendere Musik rezensieren können Wer diesen Song mag ist nicht daran interessiert, dass er kritisch in seine Einzelteile zerlegt wird, sondern möchte wie in dem Video nur Spaß haben.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>