Die 00er Jahre: Die besten elektronischen Alben des Jahrzehnts I

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Wie peinlich das ist. Ich würde so gerne krasse Storys aus der City erzählen, wie ich verstrahlt 3 Tage im Berlin getanzt und dann in einer Bar an der Spree ausgenüchtert habe. Ja, wäre nett gewesen. Ich begebe mich ab diesem neuen Teil der besten Alben der 00er selber auf die Reise. Auch wenn ich natürlich viele der Alben schon kenne, habe ich zu dem Zeitpunkt lieber Zeug wie Metalcore (Gott bewahre uns vor dieser Rubrik) gehört.

Während also in den 90ern Techno (heute wieder EDM genannt) auf immer größeren Kommerz-Events stattfand, begann in den 00er Jahren der Rückzug in die Clubs und an den Laptop. Das Besinnen auf den eher reduzierten Sound der 80er, mit Daft Punk sogar direkt zurück zu den Wurzeln der Disco-Musik, war natürlich auch ein großes Thema.

Caribou – Andorra

(City Slang, 17.08.2007)

Caribou_andorraUm es mir und den Lesern erst einmal einfach zu machen, stupsen wir erst einmal den Zeh ins digitale Bad und sind damit im Grenzgebiet zur Electronica. Andorra nimmt sich dem zarten Psychedelica-Folk an und verbindet diesen mit melodischem Minimal.

Eine Platte zum Wegträumen, nah an den Beatles und Beach Boys. Das war kein Sound zum Abdrehen, und wenn mit Drogen dann doch eher den fetten Blunt und keine Pillen, obwohl LSD hier sicherlich auch gewirkt hätte, aber wir wissen ja, wo so etwas enden kann.

LCD Soundssystem – Sound of Silver

(DFA / Labels / EMI, 16.03.2007)

lcdsoundsystem_sound_of_silver2007. Hachja, das war ein tolles Jahr. Justice kamen mit “Cross” und LCD Soundystem mit “Sound Of Silver” um die Ecke. Ich glaube zumindest eines der Alben ist mir ständig auf MySpace begegnet. Und LCD Soundsystem wollte ich erst gar nicht mögen.

Lag glaube daran, dass James Murphy großmäulig faselte, dass er Punk und Dance miteinander vermählte. Als ob das nicht schon längst in den 80er Jahren passiert wäre. Eigentlich war ja fast alles in den 00ern die Fortführung und das Aufleben eines 80er-Vorbilds. LCD Soundsystem zum Beispiel hatten bestimmt Spaß an ihren Talking Heads-Platten.

“Someone Great” ist natürlich der Jahrzehnt-Hit. Wer dazu nicht die Augen schließt und sich in einen Sommerabend in einer Metropole imaginieren kann, der…ach, das kann es doch gar nicht geben.

Four Tet – Rounds

(Domino / Zomba, 05.05.2003)

Noch vor Caribou saß Kiren Hebden vor seinem Laptop und entwarf Loops, die sich bald als Folktronica in den Kanon der 00er Jahre einprägen sollten. Komplett weg von BPM-Gebretter gab es eine unschuldige Schlafzimmer-Produktion, die sich total entschleunigt und zum gemütlichen aus dem Fenster Schauen einlädt. Überhaupt klang elektronische Musik endlich wieder warm und organisch. Slow Jam, wie es in dem endgültig entrückten letzten Stück des Albums heißt. Wer wollte da noch Trillerpfeifen und Knicklichter?

Radiohead, gerade mit Kid A und Amnesiac an die Electronica-Szene angedockt, nahmen den Anfangs-Twen mit auf ihre Tour. Wer noch mehr über den Entstehungsprozess zu dem bahbrechenden Album lesen möchte, hier geht es entlang.

Fischerspooner – #1

220px-Fischerspooner-1Well. Wir reden hier über New York, merkste? Die Stadt, die nach 9/11 erst einmal wie tot schien und dann mit aller Wucht wieder zurück zum Leben fand, als Antwort auf ein mögliches Aufgeben. Es kann natürlich auch auch simpler Eskapismus gewesen sein, aber NY brummte, rockte und bangte aus allen Ecken.

Fischerspooner kamen aus der Kunst-Szene und entwarfen für ihre Auftritte Kostüme die an Warhol und Drag-Queens erinnerten. Der starke an Visage angelehnte Sound ist der Durchbruch, der nicht wenigen Fischerspooner ganz allein zugesprochen ist. #1 ist zwar in Sachen Songwriting Odyssee, aber man merkt die naive und  euphorische Energie auf dem Debüt mehr.

Fakt ist, ohne dieses Album wäre Electroclash auch weiterhin ein Underground-Thema geblieben.

Autechre – Quaristice
(Warp / Rough Trade, 29.02.2008)

autechre-quaristiceWarp. Das Kultlabel aus London etalblierte sich auch in den 00er-jahren als der Hort von Musik, die nicht in die Charts passte, sondern eine eigene Formel außerhalb von Mainstream gefunden hatte.

Den Begriff Intelligente Dance Music mag man vielleicht snobistisch finden, aber mit Beats, die wie eine mathematische Formel klingen hat man wohl einfach eher den Nerd als den Dance-Enthusiasten angesprochen. Es klickte, brodelete immer ein wenig bedrohlich auf den Alben von Autechre, die auf Quaristique fast schon eine Art Math-Funk entwickelten, der trotzdem aus irgendeiner Other World stammte.

Nicht einfach, trotzdem einer Logik folgend und nicht überfordernd für jeden, der sich drauf einlassen konnte.

Gas – Pop
(Mille Plateaux, 28.03.2000)

Gas_pop_coverSehr witzig. Ein Album, das einfach in einer hypnotisierenden Endlos-Spule läuft, als Pop zu bezeichnen. Dass wir Deutschen nicht nur kraftmeiernden Stampf-Techno produzieren, machte Wolfgang Voigt mit seinem Gas-Projekt klar. Pop war elektronischer Drone, Ambient jenseits von – ja Klischee-Phrase – Zeit und Raum.

Wie der körperlose Aggregatzustand seines Alter Egos schweben auch die allesamt unbetitelten Tracks durch den Raum, nie greifbar, aber doch spürbar und angenehm betäubend. Ein Album gegen Wahnsinn, Stress und Überforderung.

Pop steht auch heute noch zeitlos da und hat rein gar nichts an seiner Wirkung verloren.

Ricardo Villalobos – Alcachofa

(Playhouse, 09.09. 2003)

220px-Alcachofa_(album)Hmja, da erwähnte ich Berlin noch in der Einleitung und bisher ist aber noch gar nicht so viel passiert in der deutschen Hauptstadt. Das sollte sich nun mit Ricardo Villalobos ändern, den ich persönlich ja erst sehr spät gediggt habe. Als Twen waren mir lateinamerikanische Namen allesamt suspekt, weil ich noch schwer Eurodance-geschädigt aus den 90ern heraus kroch und nichts mehr von Malle, Ibiza und Ricky Martin wissen wollte.

Dabei startet hier eigentlich der Minimal-Hype aus der Hauptstadt, auch wenn Minimal Techno auch nur ein Genre ist, das sich auf Alcachofa (deutsch. Artischocke) befindet.

In der von uns bereits besprochenen Dokumentation 24h-berlin aus dem Jahr 2008 wird der Dj mit südamerikanischen Wurzeln beim Producen und seinem Auftritt im Berghain porträtiert.

 

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