Hörenswertes: Big Ups, Nevermen, Santigold, Nada Surf, Ólafur Arnalds und Nils Frahm

ausgang

Was für eine fürchterliche, was für eine schöne Zeit! So ganz habe ich die Ereignisse der letzten Tage noch nicht verarbeitet, aber es muss ja alles weiter gehen. Ein bisschen Realitätsflucht tut gut und es ist diesmal doch recht bunt geworden. Hardcore von Big Ups, so ziemlich alles von Nevermen, Discount-Ware von Santigold, Nettes von Nada Surf und zum Abschluss noch sehr feine Ware von den beiden Trance Friendz Ólafur Arnalds und Niels Frahm.

Big Ups – Before A Million Universes

(Cargo, 04.03.2016)

0811774024662Die neue Welle der Post-Hardcore-Bands hat mich bisher noch nicht gepackt. Da ist zu viel Weinerlichkeit vorhanden, die Wut nicht authentisch genug und die Produktion meist zu glatt. Big Ups klingen hingegen wie 90er-Hardcore. Der Bass rumpelt noch kaputt, der Sänger schreit sich in einem Raum mit anscheinend viel Hall die Lunge kaputt.

Was hier alles richtig fett macht, ist einfach die tolle Dynamik, die mögliche produzierte Raffinesse oder Kniffe ausmerzt. So gallig wurde mir jedenfalls schon lange nichts mehr entgegen brüllt, wohlgemerkt nicht gekeift.

Dass bei aller Aggressivität auch noch das Musikinstrument beherrscht wird, darf einen nicht verwundern, schließlich sind alle Band-Mitglieder Absolventen der renommierten New York University, das Album beschäftigt sich inhaltlich mit dem amerikanischen Dichter Walt Whitman. Da mag manch einer schon maulig auf die Ursprünge des Hardcore als Musik der unterprivilegierten Außenseiter hinweisen, aber Wut wächst eben nicht nur in kaputten Suburbs oder heruntergekommen Industriestädten.

Before A Million Universes ist mit seinem intellektuellen Background absolut in der Gegenwart des Hardcore angekommen, die Verbeugung vor den großen Vorbildern wie der Kultband Quicksand sind allerdings auch unüberhörbar. Big Ups könnten schon bald deren legitime Nachfolger sein.


Nevermen – Nevermen

(Warner, 29.01.2016)

1035x1035-nevermen-lpFlo muss eindeutig gerade zu sehr mit der Ankunft seines Kindes beschäftigt sein. Ich kann mir das gar nicht anders erklären, warum er sonst ein Projekt eines seiner absoluten Lieblingkünstlers noch nicht besprochen hat.

Da schlag ich natürlich mit einiger Verzögerung zu. Ich finde das letzte Faith No More-Album “okay”, aber die grenzüberschreitende Seite von Patton und seine unbändige Lust auf Neues, selbst wenn er die 50 schon durchschritten hat, ist nun mal spannender.

Der Weirdo mit dem fiesen Oberlippenbart mag es ja eigentlich krachig bis kaum noch hörbar, Nevermen jedoch muss eine krasse Enttäuschung an die Noise-Fraktion sein, denn die Supergroup aus Tunde Adepimpe, Rapper Doseone und dem Exzentriker himself hat sich hier für die gemeinsame Arbeit eindeutig an Beats, Free-Jazz, Ambient und Hip Hop-Grooves abgearbeitet, nicht an brutalen Krach-Symphonien.

Dass bei diesen Ausnahme-Künstlern nicht wirklich was Schlechtes entstehen konnte, war eh klar, aber wie sehr sich die Individualisten bei aller Freundschaft aufeinander einlassen und sich dem großen Projekt unterordnen, ist ein einfach ein großer Spaß. Die Musik steht im Vordergrund und bringt Perlen wie das traumwandrelische Wrong Animal Right Trap heraus. Das ist Pop im Querformat und damit einfach breiter als der Indie-Mist der letzten Zeit. Wer Patton kennt, weiß allerdings wie sehr der Mann Wiederholungen hasst. Ich würde diese allen Beteiligten dennoch wirklich wünschen.


Santigold – 99 Cents

(Warner, 26.02.2016)

uvwgvekjy15rvwaz9bjb99 Cents schon? Der Wert auf Ramsch-Niveau ist ehrlich gesagt gar nicht mal unironisch, das wird mir nach dem Durchlauf von dem Album leider klar. War Santigold nicht mal neben M.I.A. so etwas wie der heißeste Shit im Futur Dancehall-Pop der letzten Jahre?

Sollte es mal so gewesen sein, hat sich Santigold mit dieser Anbiederei an den austauschbaren Mainstream-Pop keinen Gefallen zu tun. So aufgesetzt crazy ihre frühen Songs auch waren, es stand immer eine feine Songidee dahinter. Die paar Cents sind wohl an den Hausmeister von Rihanna geflossen, der hier die ödesten Song-Ideen aus dem Müll gekramt und schnell verramscht hat, bevor sie endgültig verschimmelt sind.

Sie kann es einfach besser und jemand, der einen Abschluss in Musik hat, kann es auch bestimmt besser als dieser doch reichlich beliebige Ausflug in den Mainstream.


Nada Surf – You Now Who You Are

(Universal, 04.03.2016)

Nada-Surf-You-know-who-you-areMeine Freundin ist großer Fan von Dan Wilson. Nee, keiner von den Beach Boys, sondern der nerdige Typ, den 90ies-Kids noch durch den Hit Closing Time mit seiner Band Semisonic kennen. Das war auch ungefähr die Zeit, als Nada Surf mit dem für ihre Verhältnisse punkigen Popular auf sich aufmerksam machten.

Der Song wirkt immer noch wie ein Fremdkörper in der Discographie, gerade in dem späten Schaffen der Band, für die nett und beständig keine Schimpfwörter sind.  Da mag man sich als Kritiker noch so über den Stillstand ärgern, aber die New Yorker ziehen eben ihr Ding durch. Der bereits angesprochene Dan Wilson hat zwei Songs für das Album geschrieben und kommt mit einem Grammy für Adele als Empfehlung.

Es gibt hierzu ja auch eigentlich nichts Schlechtes zu sagen, Songs wie Friend Hospital sind typische Mitwipper, schmeicheln dem Ohr und drängen sich nicht auf. Der perfekte Soundtrack für einen schönen Ausflug mit der Familie am Strand. Mit diesem netten Bild vor Augen beende ich die Rezension, und bestimmt auch die nächsten Nada-Surf Alben.


Ólafur Arnalds und Nils Frahm – Trance Frendz

(Erased Tapes, 04.03.2016)

trancefrendz-coverWeltentrücktheit durch allerhöchste Ästhetizismus und Reduktion. Olfaur Arnalds brachte die Klarheit und Kälte der britischen Nordsee-Stadt Broadchurch auf den Punkt, respektive auf sein Klavier und Niels Frahm supportete noch unlängst die Tour von Max Richter, dessen Entschleunigungs-Meisterwerk Sleep mittlerweile als moderner Klassiker gilt.

Trance Frendz ist nach Stare die zweite Zusammenarbeit der beiden Labelkollegen und Freunde. Bitte nicht bei dem Namen zusammen zucken; der bereite eingeschlagene Weg der Ambient Klassik wird weitergegangen, das hier hat rein gar nichts mit krachendem Großraum-Disco-Sound oder Photoshop-Delfinen zu tun.

Freunde des konservativen Songaufbau bereitet die Kollabo sicherlich wenig Freunde, es sind eher die stillen Melancholiker, die sich mit dem Tagesrhythmus der beiden Künstler anfreunden werden können. Wie man an der Tracklist ablesen kann, war wohl vor allem die Zeit am späten Abend bis hin zum frühen Morgen ein Einfluss auf den Entstehungs-Prozess des Albums. Während um den Produktionsort die Ruhe alles Hektische zum erlahmen brachte, arbeiten die beide lange mäandernde Skizzern heraus. Das tut gut.

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