Hörenswertes, März 2016: Lucy Dacus, Crater, Bird on the Wire, Iggy Pop, Bela

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Frühling, Frühling, Frühling! Was soll ich anderes sagen? Frühling, Frühling, Frühling! Hell, yeah! Die Sonne scheint, die Vögel singen, Berlin erreicht endlich wieder Spaziergängertemperaturen und die hier versammelten Veröffentlichungen, die ich mir im März genehmigt habe, haben auch fast alle den passenden Sound dazu mitgebracht. Während Crater mit ihrem Electropop noch ein wenig Kälte in den März bringen, zaubert Lucy Dacus ganz entspannt und wohlig warm das beste Songwriter-Indie-Folk Album der Saison aus dem Hut. Iggy Pop versöhnt sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Josh Homme eines seiner besten Alben überhaupt. Die Wildcards meiner März-Playlists gehören dagegen definitiv Bird on the Wire und Bela. Auf der einen Seite schön krautiger Psychedelic-Art-Pop, auf der anderen zutiefst menschlicher, frischer Ambientsound. Es hat Spaß gemacht, in diesem Monat die Lauscher zu spitzen. Was soll ich auch anderes sagen? Frühling, Frühling, Frühling! Hell, yeah!

Crater – Talk to Me So I Can Fall Asleep

(Help yourself, 26.02.2016)

Talk-to-Me-so-I-Can-Fall-Asleep-Art-Minh-Nguyen-640x640-640x640Laut Eigen- bzw. Labelbeschreibung spielen Crater Industrial Pop: Kalt, elektronisch und natürlich vollkommen am Puls der Zeit. Das ist aber doch nur die halbe Wahrheit dieses spannenden Debüts aus Seattle. Man merkt den beiden Freundinnen nämlich gleich auf den ersten Blick ihre Herkunft aus der traditionell instrumentalisierten Ecke an. Die Beats durch klassische Drums, den elektronischen Soundteppich durch Gitarrenakkorde ausgetauscht, schon könnte man die beiden für ein astreines Americana-Duo halten, sowohl was Stimmung als auch Struktur ihrer kleinen Pophymnen betrifft.

Talk to Me So I Can Fall Asleep ist ein merkwürdiger Zwitter aus stilverliebtem Electro-Pop und adrenalingetragener Dekonstruktion, fast so als hätte sich jemand mit dem Seziermesser über den Sound der Bangles hergemacht. Nostalgie klingt hier und da immer wieder aus den bravourösen Electro Pop Nummern dieses Albums hervor, wird aber auch immer wieder eiskalt zerschnitten von der puren, destruktiven Freude der postmodernen Electronica. Mit diesen wird dann auch fleißig Post Punk, Art Rock und Industrial zitiert, bis von der Liebenswürdigkeit des “reinen” Songs nicht mehr viel übrig ist. So schmeckt Talk to Me So I Can Fall Asleep wie ordentlich gesalzenes Popcorn, das sich seiner Ambivalenz durchaus bewusst ist. Wenn beim nächsten Mal noch ein bisschen Chili-Pulver dazukommt, haben Crater durchaus das Zeug zum neuesten heißesten Scheiß der Industrial Pop Schiene zu werden.

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Iggy Pop – Post Pop Depression

(Universal, 18.03.2016)

Post_Pop_Depression_(Front_Cover)Okay… um erst einmal den Elefanten aus dem Raum zu schaffen: Natürlich bietet sich eine Parallelisierung von David Bowies letzter Veröffentlichung mit der aktuellen Iggy Pop Scheibe an. Nicht nur, dass die beiden seit den 70ern ausgewiesene Freunde und Berlin-Genossen waren, auch hat Iggy Pop mittlerweile das stolze Alter von 69 Jahren erreicht und sich von diesem nicht davon abhalten lassen, weiter zu experimentieren, sei es nun mit regelmäßig neuem Songmaterial, sei es nun mit (meistens eher weniger geglückten) Kollaborationen mit jüngeren Pop-Punkern wie Sum 41. Und dann natürlich auch dieser Titel: Dieses ironische, melancholische Augenzwinkern Richtung Karriereende und das vielfach beschworene “Noch ein großes Alterswerk, dann ist aber wirklich Schicht im Schacht!”.

Damit aber genug der Parallelisierung. Verzieh dich, Elefant. Denn sonst hat Iggys Post Pop Depression relativ wenig mit Bowies exzentrischem schwarzen Stern gemein. Wo der eine vor seinem tragischen Ableben noch einmal den Weg des größtmöglichen Widerstandes ging, Electronica, Avantgarde und Art Pop in einen dunklen, enervierenden Kessel warf, lehnt sich Iggy Pop ganz entspannt in seinen musikalischen Falten zurück und lässt diese sanft von Josh Homme massieren. Post Pop Depression ist kein Experiment geworden, sondern eine großartige Verquickung der Iggy Pop’schen Trademarks mit denen von Josh Homme… nicht die Suche nach dem Holy Grail des Pop oder Rock, sondern ein tiefes Durchatmen angesichts der Tatsache, dass man diesen ja schon längst gefunden hat.

Zwischen Post Punk, klassischem Rock, Pop und Stoner versöhnt Iggy hier verschiedene Phasen seiner Karriere und lässt sie einmal durch den postmodernen Rock N Roll Fleischwolf seiner Mitmusiker drehen. Das klingt dann in seiner dekonstruktivistischen Attitüde mitunter mehr nach Queens of the Stone Age als nach klassischem Stooges Material, wird aber gerade dadurch auch umso sympathischer. Getragen von Iggys nach wie vor hochklassischem, verführerischen, mitreißenden Gesang scheppern und rocken diese Song-Versatzstücke durch die Wüste, schreien manchmal laut nach fast vergessenem Proto Punk landen aber immer auf dem Allerwertesten aktueller Garage Rock Akkorde. Das ist verdammt heiß, schweißtreibend geradezu, beinahe eine Verbeugung vor der Attitüde des ganz jungen Iggy Pop, und zugleich ein Soundkosmos, der nie aus der Zeit gefallen zu sein scheint, einfach weil er so verflucht zeitlos ist. Und Iggy genießt die Aufmerksamkeit seiner jungen Nachfolger, gibt noch einmal sein bestes und zaubert damit sein stärkstes Album seit den seligen Stooges-Tagen aus dem Hut. Was bleibt viel weiteres zu sagen: Groß, fantastisch, unerhört gut… und ja, natürlich: Das Rock N Roll Jahr 2016 befindet sich bis jetzt eindeutig in den Händen der alten Garde des Business.

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Lucy Dacus – No Burden

(Egg Hunt, 26.02.2016)

lucydacus-noburden-compressedDer sympathischste Slacker Rock der Saison kommt ausnahmsweise und Gott sei dank mal nicht von einem schlecht rasierten Kerl, sondern von der großartigen Songschreiberin Lucy Dacus. Auf ihrem Debüt No Burden spielt die Musikerin aus Virginia herrlich relaxten Indie Pop irgendwo zwischen Americana, Folk und lean Back Rock N Roll. Dieser klingt dabei wunderbar schluffig, lazy und was einem sonst noch für Adjektive für die amerikanische Ostküsten-Folklore made in Richmond einfallen.

Bei all der durch Dacus’ Sound evozierten Entspannung vergisst man dann doch fast glatt, dass hier tatsächlich eines der schönsten Songwriter/Indie-Alben des Quartals vorliegt. Lucy Dacus weiß wie man warmherzige, tiefgründige und vor allem catchy Songs aufs Papier und von diesem wiederum zur Gitarre und in die Stimme bringt. So lean back die Ausführung auf den ersten Hörgang scheint, so tiefgründig schmeicheln sich ihre Mini-Pop-Hymnen darauf folgend ins Herz ihrer Hörer, wagen auch mal den ein oder anderen Schlenker Richtung Ernsthaftigkeit, geben dabei jedoch nie ihr warmes Timbre auf. Dazwischen tummeln sich Konfusion, fließende Gedankengänge, ja auch ein bisschen Herzschmerz und Smalltalk mit dem Publikum… und am Ende hat man sogar das Gefühl ein klein wenig ein besserer Mensch geworden zu sein, bzw. ein entspannterer Mensch. Ein Album eigentlich viel zu gut für diesen kalten Jahresanfang (im politischen), ein Album aber geradezu perfekt für dieses warme Frühjahr (im meteorologischen Sinn).

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Bird on the Wire – Elephanta

(1M, 10.01.2016)

RtdwmqrVerschwurbeltes aus den Niederlanden, das im übervollen Januar komplett an mir vorbeigegangen ist. Macht nichts, denn Elephanta passt ohnehin viel besser in den Frühlingsanfang als zu den kalten ersten Jahrestagen. Dabei wollen sich Bird on the wire musikalisch gar nicht so gerne auf ein Genre festlegen lassen, wissen aber sehr wohl, welchen musikalischen Wurzeln sie ihren besonderen Sound zu verdanken haben. Da stünde an erster Stelle markanter Dream Pop, Marke Early 90’s. Es dröhnt, es mäandert, die Musik balanciert getragen von weiblichem Gesang seiltänzerisch nach vorne, ohne je den Halt zu verlieren. Da wären als zweites der Kraut- und Psychedelic Rock, Marke Late 70’s. Plötzlich wird das traumversunkene Soundkorsett aufgerissen: Es scheppert, es kratzt, es schlängelt sich durch unnahbare Gefilde, irgendwo zwischen Raum und Rausch. Da wäre als Drittes der Post Punk, Marke Middle 80’s: Es zieht an dir, verliert sich, lässt dich mitverloren gehen. Irgendwo zwischen Sex und Pop, Melodie und Fiebertraum.

Und dann gelangen wir durch diese verzogenen Bahnen plötzlich doch bei ganz und gar erdenem Art Pop, der nicht aus der Zeit gefallen zu sein scheint, sondern ganz im Gegenteil direkt an ihrem Puls sitzt. Da dürfen dann auch mal Noise und Ambient dazwischenfunken, Radiohead vorbeizwinkern und der ganze Soundreigen löst sich in tiefen avantgardistischen Störgeräuchen auf. Elephanta ist ein fantastischer Hybrid aus seinen Wurzeln, geht über diese hinaus und wird zum romantischen, mitreißenden Trip, der nie zum selbstverliebten, avantgardistischen Chaos verkommt. Ein spannender Beitrag zur aktuellen Prog-Debatte und eine Band, die jeder Post/Psychedelic/Kraut-Liebhaber in den nächsten Jahren auf dem Schirm haben sollte.

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Bela – New Born Tunes

(Köpenick, 04.03.2016)

newborntunesDie Klänge, mit denen ich den März am meisten verbracht habe, befinden sich definitiv auf dem vielversprechenden Debüt New Born Tunes des Berliner Nachwuchskünstlers Bela. Dabei ist es gar nicht mal so einfach, diesen äußerst frischen Sound eindeutig einem Genre zuzuordnen. Die wesentlichen Einflüsse Belas liegen im Ambientsound der frühen 90er Jahre verborgen: Ein zartes Gurren, subtile Schmatz- und Brabbelgeräusche, durchbrochen von manchen sehr atonalen Saugrhythmen. Ja, auch das “Quiet is the new loud” des frühen 2000er Indie und Dream Pop scheint sich in Belas ausufernden Soundlandschaften wiederzufinden, werden diese doch vor allem von der Stille zwischen den Tönen dominiert, die kaum greifbar scheinen und ihrem Hörer immer wieder entfleuchen.

Es gibt aber auch die anderen Klänge in diesem poststrukturalistischen Meisterwerk: Dann erbeben plötzlich die zuvor zaghaften Stammellaute, arbeiten sich empor zu einem prächtigen Stakkato und landen direkt beim unmelodischen Noise und Avantgarde, steigern sich zu vorzüglichem Krach und scheinen auch die ein oder andere Lektion vom Grind- und Chaoscore mitzunehmen. In diesen Momenten scheißt Bela auf jede Melodiösität und genießt einfach die Freude am puren Geräuschfeuerwerk. Gott sei Dank sind diese Momente spärlich gesät. Was die New Born Tunes in erster Linie auszeichnet, ist ihr glockenheller, geradezu himmlischer Klang, von dem man schon nach wenigen Sekunden nicht mehr genug kriegen kann: Es menschelt an allen Ecken und Enden, es verliert sich im romantischen Schimmern seiner eigenen Geräusche… und ist dann plötzlich wieder ganz irden, irgendwo zwischen unspezifischen Spoken Words, Beatboxing und A Capella Spielereien. Ja, Bela ist hier schlicht und ergreifend ein Meisterwerk geglück, jenseits aller musikalischen Konventionen: Ein farbenprächtiger Klangkosmos, in den man sich einfach nur verlieben kann. Vielleicht sogar zu schön, zu gut, einfach zu wundervoll für diese Welt… vor allem aber ein Experiment das unheimlich Lust auf kommende Veröffentlichungen dieses Ausnahmetalents macht. Wir bleiben dran.

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