Hörenswertes: Basia Bulat, Animal Collective, Kanye West, Meylir Jones

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Geht doch! Wir kommen endlich aus dem Winterschlaf heraus. Das Wetter, die Kälte und die Nässe dienen nicht mehr als Ausrede und das Motto lautet Hoch die Tasten!

Heute wird auch wieder bunt und fast könnte man meinen, dass hier ein zarter Hauch von Frühling durch die diesmal angenehm kuschelweichen Rezensionen weht. Rant ist ja auch in den wutbürgerten Zeiten so Desaster-Anfang 2016.

Viel Spaß mit dem Folk-Pop von Basia Bulat, den Aliens von Animal Collective, dem zwitscherten Kanye und für den barocken Abschluss ist in dieser Ausgabe Meylir Jones zuständig.

Basia Bulat – Good Advices
(Secret City / Rough Trade,12.02.2016)

Basia-Bulat_Good-Advice_Die Deutschland-Tour von Sufjan Stevens wirkt bei mir auch noch Monate später nach. Ein wunderbare Pop-Messe, gelesen von einem großen Künstler unsere Zeit. Da tat einem die Sängerin Basia Bulat etwas leid, die im Vorprogramm gegen den großen Namen der Indie-Musik der 00er und 10er Jahren antreten musste und deren Name bei weitem noch nicht so bekannt war, auch wenn sich nach dem Auftritt eine große Traube vor dem Merch-Stand inklusive Autogrammstunde bilden sollte.

Es dürften jedenfalls ein paar Fans mehr hinzugekommen sein, so dass Basia mit ihrem Album immerhin prominent bei den Neuerscheinungen von Spotify platziert wird, wohlgemerkt neben Namen wie Bosse und Rihanna.

Good Advice , von My Morning Jacket-Sänger Jim James produziert, zeigt wie gut die Frau als Support von Sufjan passte, der seinen Folk stets erweitert und bis an die Grenzen hin zur Electronica trägt. Ähnlich ist auch die Ausgangslage für das Album:  Während Sufjan Stevens den Tod seiner Mutter verarbeitet, zelebriert Good Advice der Abschied von einer langen Beziehung. Basia baut allerdings kein Mausoleum für sich und ihren Schmerz, sondern geht diese unschöne Situtation mit Kampfgeist an. Fans ihres Debüts werden von der Tanzbarkeit der hiesigen Songs überrascht sein, die sich aber dank Vintage-Sound von Instrumenten wie Orgel und Keyboard ihren warmen organischen Sound bewahren.

Ist das überhaupt noch Folk oder schon ein tolles Soul-Album im Sinne von Dustie Springfield? Könnte das hier gar die Schwester von Feists Großtat “The Reminder” sein? Ich muss Basia Bulat mal bei nächster Gelegenheit die Nummer von Chilly Gonzalez in die Hand drücken.


Animal Collective – Painting with
(Domino / GoodToGo, 19.02.2016)

animal-collective-painting-with-754Die Kalifornier von Animal Collective haben ja schon vor geraumer Zeit den Orbit verlassen und senden alle paare Jahre Signale von dem Planeten aus, den sie auf ihrer Soundforschung gefunden haben.

2009 war das ein Paukenschlag, der uns Erdlinge in Aufruhr versetzte und daran erfreute, dass in dem ganzen Revival-Hype und der 80ies-Nostalgia auch noch neue Sounds zu hören sind. Ein paar Jahre später sieht das anders aus, die Signale erfolgen in kürzeren Abständen und klingen mittlerweile bekannt, fast möchte man von einem Gewöhnungseffekt sprechen, der für eine Band wie Animal Collective eine schallende Ohrfeige sein müsste.

“Müsste”, weil sich im Jahre 6 nach Merryweather Pavillon die PopWelt nicht gerade erschreckend weiter gedreht hat und sich erschreckend rückwärtsgewandt im Dauerloop befindet, nimmt man manche Hip Hop-Alben heraus. So ist man immer noch dankbar für ein neues Album von AC und für ihre Eigenständigkeit im Einheitsbrei. Wer einst Lichtjahre flog, darf im Vorwärtsdrang auch mal eine wohlverdiente Pause nehmen.


Kanye West – The Life of Pablo
(Tidal exklusiv)

kanye-west-the-life-of-pabloWarum macht sich Kanye das Leben so unfassbar schwer? Er könnte schon längst als der wahrscheinlich größte Popstar neben Beyonce seine verdiente Anerkennung bekommen, steht sich aber mit allem was nicht mit Musik zu tun hat selber im Weg.

Diese totale Anbiederung an den Zeitgeist mag lukrativ sein und in Sachen Selbstvermarktung werden hier eh neue Limits von dem Unternehmen West/Kardashian gesetzt, aber was bleibt noch von der Kunst, für die sich West angeblich so heiß interessiert, während der den Minimalismus von Le Cobusier als großen Einfluss auf sein letztes Album Yeezus ansieht?

Während Twitter mal wieder wegen seinen geistigen Ergüssen heiß läuft, kommt also das neue Album The Life Of Pablo erst einmal als exklusiver Stream auf Tidal. Dieser bisher nicht unbedingt rund laufende Streaming-Dienst soll das Geschäft wieder ankurbeln, und so schauen Liebhaber physischer Produkte mal wieder in die Röhre. Selbige PR-Aktionen kennt man ja von Radiohead, deren Veröffentlichungspolitik insgesamt spannender war als der künstlerische Stillstand des letzten Albums.

Die Musik von The Life of Pablo landet bei all dem Gewese um die Veröffentlichung selbst leider in den Hintergrund, was mehr als schade ist. Es ist mal wieder ein großer Wurf, wenn auch nicht so radikal wie Yeezus, das wohl für den Mainstream doch zu schwer verdaulich war. Eher wirkt es das erste Mal nicht wie ein Fortschritt, sondern eine Werkschau auf das bisherige Schaffen des eigenwilligen Künstlers, von der Soul-Verbeugung seiner frühen Alben hin zum unterkühlten Autotune-Soul, der Identitätskrise Ende der 00er bis zur Hinwendung zu den entschlackten Experimental-Beats des Vorgängers.

Es tut weh, Kanye zu lieben, aber es hat sich wieder gelohnt. Masochismus wurde wohl selten so sehr belohnt und wenn das nächste Album weiter diesen hohen Level hält, darf es auch wieder Twitter-Peitschenhiebe geben.


Meilyr Jones – 2013
(Bella Union / [PIAS] Cooperative, 18.03.2016)

2013_PackshotJahreszahlen. Überall. 1989 (Taylor Swift), 2006 (Vince Staples) und was weiß ich noch. 2013 war bei mir ein chaotisches Jahr, bei Meilyr wohl auch. Das Ende einer Beziehung und eine Reise nach Rom, die sich anscheinend sehr inspirierend auf sein Album ausgewirkt hat.

Die italienische Hauptstadt war schon immer Anziehungspunkt der Freunde von ästhetischer Kunst, man denke nur an Morrissey, der hier sein Domizil fand oder die filmische Verbeugung eines Woody Allen vor dem süßen Leben.

2013 sprudelt nur von der Lust am Musizieren und der Möglichkeiten, die hier gefühlt 100 klassische Musikinstrumente von sich geben. Es quietscht, klimpert und bläst die trüben Wolken hinweg. Wo auch immer die dunklen Dämonen aus dem Beziehungsende sind, man hört sie nicht. Return To Life heißt ein Song, was zeigt wie lebensbejahend dieses Album ist.

Keine Ahnung wer Meilyr Jones in 2012 war, der neue Mensch, den wir hier seit 2013 kennen lernen dürfen darf gerne zurück gefundenes Lachen weiter behaltet und noch weiter heitere und opulente Barock-Pop-Alben bringen. Man kann nur hoffen, dass er nie Duisburg als Quell der Inspiration entdeckt.

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