Hörenswertes, Februar 2016: Pinegrove, The Prettiots, Bianca Casady, Two Ich Astronaut

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Der Februar nähert sich dem Ende… und mein Plan wieder mehr frische Musik zu hören zahlt sich aus. In diesem Monat entdecke ich vor allem drei kleine Weird Folk Glanzlichter, die sich an Bekanntem orientieren, um dennoch neues zu schaffen: Sympathischer Indie Teenie Folk von den Prettiots, nostalgischer Alt Country von Pinegrove und experimentelle Genre-Dekonstruktionen von Bianca Casady, die auch ohne ihre Schwester herausragende CocoRosie Sounds zu produzieren vermag. Okay, genug mäandert… Für den stilvollen Krach sind diesen Monat Two Inch Astronaut verantwortlich, die eine herausragende Mischung aus hymnischem, artsy Alternative Rock und trockenen Math Rock Experimenten spielen.

The Prettiots – Funs Cool

(Rough Trade, 05.02.2016)

funs coolKlar, dass man bei einem Titel wie “Funs Cool” und dem dazu passenden Cover erst einmal schlucken muss. Und ja, in diesem Fall ist die Musik tatsächlich so unbekümmert und naiv wie die Verpackung verspricht. Daran können auch vermeintlich deepe Textbrocken wie “I probably won’t kill myself today” nichts ändern. The Prettiots spielen vergnügten Adoleszenz Indie Pop, der zwischen Bubblegum “Girls just wanna have fun” Attitüde und “Girls stand up!” Empowerment so klingt, als wären die Songs von Kimya Dawson im Endstadium der Pubertät angekommen.

Natürlich geht es dann in erster Line auch um die spätpubertären Themen, um missglückte Dates, um unerreichbare Traumjungs und die Suche nach dem großen Ganzen zwischen all dem Chaos. Verpackt wird diese Suche in unbekümmerten, naiven und augenzwinkernden Folk Pop, der mit Ukulele, Gitarren, gebrochenem Gesang an die bereits erwähnte Kimya Dawson, Antsy Pants oder Adam Green erinnert… nur halt etwas reifer, etwas älter und dadurch auch etwas verwirrter. Spätestens wenn dann hin und wieder doch der Punk in das aufgebaute Singer/Songwriter-Luftschloss kracht, wird es ruppiger, erwachsener und vor allem noch verwirrter. The Prettiots betonen in der Selbstdarstellung gerne, dass sie alles andere als cool sein wollen. Das ist ihnen auf Funs cool formidabel gelungen. Und Spaß hatte ich mit dieser Platte auch, ist sie doch perfekt geeignet, sich für ne halbe Stunde gut zehn bis zwanzig Jahre jünger zu fühlen.

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Pinegrove – Cardinal

(Run for Cover, 12.02.2016)

pinegrove-cardinal-640x640Es denkt sich ja immer leicht, dass jede Form von jungem Alt Country und Weird Folk mittlerweile tot oder zumindest todlangweilig gespielt sein müsste… und dann kommen doch wieder Bands wie die Newcomer Pinegrove und beweisen einem das Gegenteil. Auf ihrem Debütalbum greifen die Jungs auf New Jersey weit zurück in den Folk Rock des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts und züchten dessen Keime zu einer eigenständigen, alles andere als antiquiert wirkendem Indie Prachtpflanze hoch.

Klar hört man auf Cardinal hier und da ein wenig frühe Wilco, ein wenig späte Neutral Milk Hotel und vor allem viel emotional aufgeladene Clem Snide raus, aber Inspirations- und Name-Dropping führt in diesem Fall nicht weiter. Dank dem brüchigen Gesang von  Evan Stephens Hall (irgendwo zwischen Punk und Falsett), Dank dem gekonnten Wechsel zwischen Emotionalität und Nihilismus, Dank dem Spiel mit dem Dunklen ebenso wie mit dem Unbekümmerten wird Cardinal zu einem hervorragenden Ambivalenzexempel, zwischen Indie Rock, Weird Folk und beachtenswert bescheidener Singer/Songwriter-Kunst. Auf gerade 30 Minuten entsteht mit diesen einfachen Zutaten vielleicht DAS Debütalbum des ersten Quartals, auf jeden Fall aber eine kleine Folkperle, die man nicht aus den Augen verlieren sollte.

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Bianca Casady & the C.i.A. – Oscar Hocks

(Indigo 22.01.2016)

bianca_casady_376Geht darf? Darf Sie das? Einfach so das bezauberndste Schwesternpaar des Weird Folk CocoRosie auseinanderreißen und ihr eigenes Ding durchziehen? Ja, sie darf. Bevor Zuhörer überhaupt die Gelegenheit dazu hat, darüber nachzudenken, was Bianca Casady wohl fehlen dürfte, wenn sie Sierra mal außen vorlässt, ist der erste Song auch schon an einem vorbeigerauscht. Und hinterlässt vor allem Fragezeichen. Gut so! Denn immerhin ist es doch die Uneindeutigkeit, das Verlorensein im eigenen Sound, was wir an CocoRosie besonders schätzen. Entsprechend ist Biancas Soloausflug auch vor allem ein kleiner Fanservice für all diejenigen, die das nächste CocoRosie-Album kaum erwarten können. Ähnlich diversifiziert, ähnlich experimentell und ähnlich schwer zugänglich wie die letzten verschwesterten Werke.

Gibt es denn auch Unterschiede? Und ob. In der Tat klingt Oscar Hocks genau so, wie man sich ein um 50% reduziertes CocoRosie vorstellen darf. In diesem Fall fehlen primär die hyperventilierenden Sound-Zersetzungen, sowie das Musicaleske, Operettenhafte, das die letzten Alben der Schwestern auszeichnete. Bianca Casady auf Solopfaden bedeutet vor allem ein bisschen Weniger vom Mehr, ein bisschen mehr Fokus, ein bisschen weniger Fleisch, ein bisschen mehr nacktes Gerippe. Und das ist in diesem Fall gar nicht so verkehrt: So bleibt mehr Platz für die einzelnen instrumentalen, experimentellen Spielereien, die Zertrümmerung des Folkloristischen und natürlich vor allem für Casadys unfassbar faszinierenden Gesang, der zwischen Fragilität, Naivität, Elfenhaftigkeit, Coolness und düsterer Abgeklärtheit mäandert. Summa Sumarum… Oscar Hocks mag vielleicht nur ein halbes CocoRosie-Album sein, damit ist es aber vielleicht auch das frischeste CocoRosie-Album seit dem enervierenden La Maison de Mon Rêve. Fans des Duos kommen an diesem Weird-Folk-Schmuckstück nicht vorbei.

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Two Inch Astronaut – Personal Life

(Exploding in Sound 05.02.2016)

two-inch-astronaut-personal-lifeNachdem 31knots bereits seit gut fünf Jahren nicht mehr wirklich viel neues von sich haben hören lassen, blutet mein kleines Indie Herz schon länger in Mid 00’s Math Rock Wehmut. So vital das vertrackte Genre auch vor fünf bis zehn Jahren war, so wenig neue Impulse sind in letzter Zeit aus ihm geboren wurden. Um das gleich klarzustellen, auch Two Inch Astronaut klingen jetzt nicht unbedingt so, als könnten sie diese Stagnation im Avantgardistischen aufbrechen. Dafür sind die einzelnen Elemente einfach schon zu bekannt von den großen Vorbildern: Die melodischen Indie Rock Songs, die in einer verqueren Rhythmusfraktion komplett zertrümmert werden, das Oszillieren zwischen Punk, Mathcore und artsy Pop, der Wechsel zwischen Trockenheit und Hysterie, zwischen Zynismus und Aufregung… kennt man. Macht in diesem Fall aber gar nichts.

Auf Personal Life spielen Two Inch Astronaut eine verzügliche Mischung aus Post Punk, Indie und eben vor allem und in erster Linie astreinem Math Rock, auf den auch Genregrößen wie Shellac, Drive like Jehu oder die bereits erwähnten 31knots stolz sein könnten. Hinter dem komplizierten, verqueren Soundkorsett verbergen sich elegische Hymnen, die die ganze abgehobene, destruktive Rhythmusmathematik hin und wieder auch gerne ablegen, um sich in epischen Indie Rock Hymnen zu verlieren. Dazwischen wird viel gejammt konstruiert, verbogen, gebrochen und gerätselt, der Song bleibt aber dennoch immer im Vordergrund, und so fügt sich alles zu einer in ihrer Disharmonie harmonischen Einheit, die sehr sehr glücklich macht. Jepp, das Teil wird im Laufe des Jahres noch öfter durch meine Playlist geistern.

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