Die 90er Jahre: Die besten Punkrock-Alben des Jahrzehnts III

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90er Punk die Dritte. Den Melodycore der Zeit haben wir hinter uns gebracht… Und natürlich stellt sich anschließend die Frage: Ist in dem Genre ansonsten überhaupt noch was passiert? Oh ja! Auch wenn die alten Legenden in der letzten Dekade des 20. Jahrhunderts bereits am Aussterben waren, durften wenigstens die Ramones und Bad Brains noch einmal ein Lebenszeichen von sich geben. Und auch wenn der olle Spruch “Punk is dead” wohl zu kaum einem Jahrzehnt besser passt als zu diesem, stieg Anfang der 90er eine neue Kraft hervor aus dem Grab des Genres, die sich Riot Grrrl nannte (ganz ehrlich, ich muss immer googlen, wie viele “r”s da hingehören). Bands wie Bikini Kill und Babes in Toyland rauschten mit ihrer feministischen Interpretation über den Urgeist des Punkrock und hauchten dem darbenden Genre so neues, anarchisches Leben ein. Und mit den Dropkick Murphys schließlich durften wir Ende der 90er sogar einen Geschmack davon bekommen, wie crossoverfähig der Oi! sein kann. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag: Das war durchaus eine okaye Zeit für alle Irokesen-, und DocMartens-Träger.

Ramones – ¡Adios Amigos!

(Radioactive 1995)

Ramones_-_Adios_Amigos_coverDie Ramones sind eine Legende. Punkt. Umso großartiger, dass sie wussten, wie man sich als Legende aus dem Business zurückzieht, das man über Jahrzehnte beeinflusst hat. ¡Adios Amigos! war 1995 ein Abschiedsgeschenk mit Ansage: Auf dem Cover zwei Dinosaurier, auf der Rückseite ein Erschießungskommando… und dazwischen noch einmal all das, was die Ramones vollkommen zurecht so groß machte: Wunderbar geleckter Proto-Punkrock zum Mitsingen, Mitschunkeln und Mitpogen. Nach den etwas ruppigeren 80er Ausflügen Richtung Metal kredenzen die Jungs hier noch einmal ein wunderbares Paket, zurechtgeschnürt aus Punk, Pop und traditionellem Rock N Roll, der sich seines Alters durchaus bewusst ist und dennoch rockt wie Sau. Ein Abschied mit Wehmut, mit Augenzwinkern und vor allem in Würde (dem auch der Backkatalog-Ausverkauf der kommenden Jahre nichts anhaben konnte). Danke Joey, danke Johnny, danke Dee Dee, danke C.J. und danke Marky. Wir verbeugen uns in Ehrfurcht.

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Bad Brains – Black Dots

(Caroline 1996)

BlackdotsbadbrainsDie Hardcore-Pioniere Bad Brains hatten Anfang der 90er Jahre ihre beste Zeit eigentlich schon weit hinter sich. Daran ändert auch das großartige Compilation-Werk Black Dots nichts. Ganz im Gegenteil. Viel mehr unterstreicht es die einstige Großartigkeit dieser Punk-Götter, die in den 80ern und 90ern großen Spaß daran, sich mit Funk, Metal und Reggae weit von ihrem ursprünglichen, dreckigen Proto-Hardcore zu entfernen. Hier ist er noch vollständig und nackt vorhanden, was auch schlicht und ergreifend an der Tatsache liegt, dass Black Dots komplett aus altem Material besteht: Aufnahmen aus dem Jahr 1979, die 1996 dankenswerterweise der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Und so dürfen wir auf diesem fantastischen, dreckigen, ungestümen Release noch einmal in Nostalgie taumeln, uns den hyperschnellen, rotzigen Punkrockstücken hingeben, die eine Menge des späteren Hardcore- und Streetpunk antizipieren und dabei ordentlich schräg und bizarr in die Ärsche ihrer Hörer treten. Nicht nur früher war alles besser, sondern viel früher war alles noch viel besser.

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Bikini Kill – Pussy Whipped

(Kill Rock Stars, 1993)

PussyWhippedAus dem Grab des Punk steigt Anfang der 90er eine Bewegung hervor, die das Genre einmal komplett umräumt und von jedem Modergeruch befreit. RIOT GRRRL! Was ein Aufruf! Was ein Urschrei! Was eine Befreiung des zuvor so männlich dominierten Genres. Bikini Kill gehen mit derbem, geschrammelten Indie Rock in Angriffsstellung, und lassen ihre Musik klingen, als hätte der Punk nie Kontakt zu Metal, Funk und Pop gehabt. Anarchische, kraftvolle und zugleich hingerotzte Hymnen, die sich einen Scheiß um Zugänglichkeit und Pop-Appeal scheren, die die Quintessenz des Punks destillieren und den Zuhörern vor die Füße spucken. Das ist laut, unkontrolliert, unbarmherzig… ein gottverdammter Weckruf für das Genre und dabei einfach nur brutal gut. Pussy Whipped ist nicht nur eines der besten Punk-Alben der 90er Jahre, sondern auch eines der Notwendigsten. Ohne dieses Meisterwerk lässt sich die ganze Idee des Punk Rock nicht verstehen. Und ohne dieses Meisterwerk wäre die Idee des Punk Rocks um einiges ärmer.

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Babes in Toyland – Fontanelle

(Reprise 1992)

BabesinToylandFontanelleNoch mehr Riot Grrrl Power. Ja, es lohnt sich unbedingt dieses Subgenre des 90er Punk auf dem Schirm zu haben! Babes in Toyland spielen auf Fontanelle einen etwas fokussierteren, epischeren Punk Rock als ihre Schwestern von Biki Kill, verzichten dabei aber dennoch nicht auf die aggressiven Ausbrüche. Dadurch klingt das alles etwas besonnener, etwas weniger rebellisch als bei den Mitstreiterinnen… allerdings keineswegs uninteressanter. Auf der Habenseite stehen dafür nämlich eine ungemein düstere Grundstimmung, ein herausragendes Spiel mit verschiedenen Einflüssen, von Hardcore über klassischen Punk Rock bis zum Post Punk und Metal. Fontanelle ist ein kleiner dreckiger Bastard von einem Riot Grrrl Album, der sich verspielt in den Rock Mainstream schleicht und der Band unter anderem Auftritte beim Lollapalooza bescherte. Und ja… auch dieses Teil muss man als 90er Punk-Liebhaber unbedingt gehört haben.

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Dropkick Murphys – The Gang’s All Here

(Hellcat 1998)

DropkickMurphys_-_TheGangsAllHereMuss ich nach den beiden Riot Grrrl Alben jetzt wirklich mit dem Begriff “Testosteron” operieren? Nä! Auch wenn es passen würde: Denn eine gewisse (klischeehafte) überbordende Maskulinität kann man den Dropkick Murphys nun wirklich nicht in Abrede stellen. Nicht nur, dass sie mit ihrer oi!-affinen Mucke im Jahr 1998 so klingen, als hätten Streetpunk und Skinhead-Sound das 90er Jahre Tief (inkl. unangenehmem Rechtsruck) nie durchleben müssen, sie garnieren ihren dreckigen Hardcore Punk auch noch mit massenhaft irischer Folklore und klingen so fast zwangsläufig nach räudiger Kneipenschlägerei zwischen Whiskey, Bier und viel Männerschweiß.

Macht nix, denn The Gang’s All Here macht mit seiner rumpeligen Attitüde nicht nur verdammt viel Spaß, die Amerikaner mit irischen Wurzeln haben – trotz martialischem Cover – ihr Herz auch am richtigen, am linken Fleck. Inklusive (damals leider nicht durchsetzungsfähiger) Anti-Bush-Attitüde und Working Men Solidarity. Ob man diese spaßige Mischung aus Folk, Skin, Punk und Hardcore nun unbedingt  Celtic Punk nennen muss…? Pfff… keine Ahnung. Dieser Crossover ist auf jeden Fall ein herrlich frisches Lebenszeichen des angestaubten Oi!-Genres und zudem der Beweis, dass auch der mitunter sehr dogmatische Streetpunk sich ausgezeichnet mit genrefremden Versatzstücken verstehen kann.

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