Hörenswertes, Januar 2016: David Bowie, Tortoise, Savages, Fjørt

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Der Januar ist fast vorbei und ich kann erst einmal hinter mein Vorhaben, 2016 wieder mehr musikalische Neuveröffentlichungen zu hören, einen Haken setzen. Im Januarrückblick feiere ich das neue Savages-Album Adore Life, genieße das jüngste Werk der Postrock-Inititalzünder Tortoise und entdecke mit Fjørt eine Band, deren Namen ich bis dato noch überhaupt nicht gehört habe. Und dann gibt es noch David Bowie… und der durfte mich kurz vor seinem Tod noch einmal richtig wegpusten. …Ja, der Januar war ein verdammt guter musikalischer Monat. Und ein “Hört euch das mal an!” kann ich hinter jede der folgenden Besprechungen setzen.

Savages – Adore Life

(Indigo, 22.01.2016)

savages artMan nehme den Postpunk, zaubere damit ein wundervolles Debüt, das frenetisch bejubelt wird, gehe kurz in sich stelle dann ein Fragezeichen vor das “Post” in der eigenen Genreschublade, um anschließend ganz unbekümmert was erfrischend Nostalgisches aufzunehmen… die Story von den Savages in einem Satz. Ganz klar, die Britinnen haben auf dem Nachfolger zu dem großartigen Silence Yourself (2013), sich an den ihnen entgegen gebrachten Erwartungen messen zu lassen und spielen so auf dem Nachfolger Proto Punk Rock der ganz, ganz alten Schule, inklusive Iggy Pop Gedächtnisriffs und Patti Smith Gedächtnisgesang.

Ob das denn funktioniert, während das Publikum nach neuen postpunkigen Tönen lechzt? Ohja, und wie. Vor allem wenn Zuhörer sich an den rauen, mitunter monotonen Charme dieser mitunter sehr provisorischen Scheibe gewöhnt hat, entdeckt er vieles von dem, was wir bereits an Savages Erstling zu schätzen wussten: Das Repetitiv der Pseudorefrains, das Pendeln zwischen Pop und Punk, Pre- und Post-, Glam und Garage… nur dieses Mal eben etwas schnoddriger, etwas unbekümmerter, etwas weniger Siouxsie und dafür etwas mehr Patty. Etwas weniger Swans und etwas mehr Stooges. Das mag für die Generation Sub Pop eine kleine Enttäuschung sein, für die Generation Punk ist es dafür eine Offenbarung und wahrscheinlich auch genau das richtige Album zu genau der richtigen Zeit.

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Tortoise – The Catastrophist

(Rough Trade, 22.01.2016)

tortoiseNach dem fantastischen, von Jazz durchsetzten TNT (eines der besten Postrock-Alben der 90er Jahre), machten Tortoise zu Beginn des neuen Jahrtausends eine sanfte Rechtskurve Richtung elektronisch durchsetztem Lounge-Rock, dem leider vieles fehlte, was ihre früheren Postrock-Meisterwerke auszeichnete. Allenfalls die Kollaboration mit Singer/Songwriter Bonnie Prince Billy klang nochmal so frisch und experimentierfreudig wie in ihren Frühtagen, ansonsten schien Stagnation – auf zugegeben hohem Niveau – die Devise der Instrumentalisten zu sein. Das letzte Album, das nach dieser Devise praktisch gleich eine ganze Werkschau des Tortois’schen Schaffens war, ist mittlerweile allerdings auch schon über fünf Jahre her, und so darf es durchaus Vorfreude auf neues Material der Experimentalschmiede geben.

Wenn man so lange Zeit kein neues Material einer geliebten Band gehört hat, ist man durchaus etwas nachgiebiger, was Stagnationserscheinungen betrifft. “Bleibt alles anders” darf gut und gerne auch für dieses kleine Tortoise-Epos als Slogan erhalten. Wie schon auf den letzten Alben bemühen sich die Postrocker darum, verschiedene Phasen ihres Gesamtwerkes miteinander zu harmonisieren, Elektronik, Jazz, Postrock und Lounge in eine anschmiegsame Einheit zu pressen. Das funktioniert mal mehr, mal weniger gut, befriedigt aber Dank der langen Pause die Bedürfnisse eines jeden 90er Postrock-Liebhabers. Die größte Überraschung bleibt den mit Gesang unterlegten Tracks vorbehalten, in denen Tortoise beweisen, dass sie durchaus auch eine formidable Indie-Band im Stile von Broken Social Scene sein könnten. Vielleicht wäre das auch die richtige Maßgabe für eine (hoffentlich) kommende Veröffentlichung: Mehr Pop, weniger Komposition, mehr Song, weniger Struktur. Bis dahin bleibt The Catastrophist ein im besten Sinne des Wortes konservatives Avantgardewerk, das allerdings wie bereits Beacon of Ancestorship und It’s all around you die latente Altersmüdigkeit der einstigen Postrockvorreiter nicht ganz zu verbergen mag.

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David Bowie – Blackstar

(Sony, 08.01.2016)

Blackstar_album_coverEine der tragischen Begleiteffekte von David Bowies Tod ist die Tatsache, dass sich wegen diesem so ziemlich alle Feuilletonisten und Musikkritiker über sein letztes Album einig zu sein scheinen: Ein Alterswerk, in das der nahende Tod bereits eingeschrieben ist. Guess what, it’s not! Black Star klingt alles andere als nach dem Spätwerk einer lebensmüden, gesättigten Rock-Koryphäe. Ganz im Gegenteil ist in diesem großartigen Potpourri an experimentellen, poppigen, postpunkigen, elektronischen Klängen eine Menge Hunger und vor allem eine Menge Vitalität zu spüren. David Bowie beweist noch einmal – leider ein letztes Mal -, dass er vollkommen zurecht zu den experimentierfreudigsten Populärmusikern der letzten 40 Jahre gehört, zwirbelt mit elektronischen Versatzstücken, greift tief hinein in den Sex Appeal des 70er Glam Rock (als dieser tatsächlich noch sexy war), garniert das ganze mit einem Hauch postrockigem, postjazzigem Grusel und heraus kommt sein bestes Album seit den grandiosen 90er Jahre Experimenten wie 1. Outside.

Es lässt sich nicht anders sagen… auch wenn die Gefahr der posthumen Überverehrung in diesem Fall besonders hoch ist: Blackstar ist ein gottverdammtes Meisterwerk; zwischen avantgardistischem Art Pop, technoider Entrücktheit und etwas ganz eigenem Außerirdischen, dass ebenso anschmiegsam wie schmerzhaft sein kann. Epische Soundkonstruktionen paaren sich mit stilsicheren Songs, paaren sich mit verlorenen Hilfeschreien und dem unbedingten Mut Electronica so gar nicht einfach elektronisch und Musik so gar nicht einfach musikalisch klingen zu lassen. Blackstar ist eine Wundertüte der zersetzten, mäandernden Emotionen: Da darf es dann auch mal musicalesk werden, inklusive entspannter 90er Referenzen, da darf es dann auch mal laut und düster und erotisch und wer weiß nicht was noch alles werden. Und dazwischen thronen diese göttlichen Klänge, hervorgetrieben, flankiert und zurückgehalten von Bowies engelsgleichem Gesang.

In seiner anarchischen, konsequenten Inkonsequenz wird Blackstar zur eklektischen Ausnahmeerfahrung, die den Tod seines Meisters umso trauriger erscheinen lässt. Was wäre mit dieser neuen kreativen Schaffenskraft, mit diesem Willen zur permanenten Umorientierung, zur permanenten Neuschöpfung noch alles drin gewesen? Was für großartige Alben hätte Bowie in den kommenden Jahren noch schaffen können? So bleibt es bei diesem fantastischen Epitaph, das nie ein Epitaph sein wollte und nun doch dazu verdammt ist, am Ende eines großartigen Lebenswerk zu thronend. Ja, die Gefahr der posthumen Überverehrung ist hier groß, aber Blackstar ist nicht weniger als das beste, elegante Art Pop Album seit Radioheads Kid A oder Portisheads Third und damit jetzt schon praktisch uneinholbar ganz vorne dabei bei den besten Alben des Jahres 2016.

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Fjørt – Kontakt

(Indigo, 22.01.2016)

Fjørt CoverPost-Hardcore? Düster, majestätisch, episch? Und dazu noch in deutscher Sprache? Nur her damit. Klar, einen Innovationspreis gewinnt Nachwuchsband damit anno 2016 zwar nicht mehr, dafür aber im besten Fall viele Gänsehautmomente und ein extrem dichtes Album, dass Rezensent dann gerne auch als Brett bezeichnen darf. Tatsächlich ist Kontakt dicht, verdammt dicht, und die Gänsehaut gibt es auch kostenlos dazu. In extrem komprimierter Form, die nur durch wenige Postrock-Interludien zersetzt wird, peitschen Fjørt ihre dunklen Punk/Posthardcore-Hymnen nach vorne und lassen dabei kaum einen Moment ohne Geräusch zu. Und da ist es auch, das Wort, das man sich kaum noch traut in den Mund zu nehmen: Kontakt ist ein BRETT, ein gewaltiges Brett, vielleicht auch ein Brett vor dem Herrn. Getrieben von dunklen Gitarrenriffs, monumentalen Soundungetümen und gekeiftem Gesang, der dennoch nie von seiner eigenen Heiserkeit verschluckt wird, macht das dritte Album der Aachener auf jeden Fall verdammt glücklich. Richtig, Album Nummer drei. So frisch Fjørt hier auch klingen, die Band gibts schon seit 2012 und davor waren ihre Mitglieder anscheinend auch nicht tatenlos… Ich verbuche das dann mal als Neuentdeckung, die mir wegen zu geringem Musikkonsum die letzten Jahre durch die Lappen gegangen ist. Und ich freue mich jetzt schon drauf mich rückwärts durch ihre Diskographie zu hören.

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