Goodbye David Bowie

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Es ist schon ein merkwürdiger Zufall: Einen Tag vor Bowies Tod habe ich sein neustes – und letztes – Album Blackstar in aller Ruhe einmal komplett durchgehört… und es hat mich schlicht umgehauen. Überraschend umgehauen. Überraschend im Sinne von: “Oh mein Gott. Den hatte ich gerade gar nicht auf dem Schirm! What a fucking masterpiece!” Ich habe ehrlich gesagt David Bowies Veröffentlichungen nie entgegengefiebert, sie nie aktiv begleitet. Die Musik des Chamäleons des Pop hatte immer etwas Unantastbares für mich, etwas – ja ich weiß, das ist im Falle Bowies alles andere als originell – Außerirdisches. Und so war ich auch nie im engsten Sinne des Wortes Fan dieses Ausnahmekünstlers. Was jedoch im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass ich ihn nicht ausgiebig und viel gehört hätte.

Mein erster Kontakt mit David Bowie dürfte die Ziggy Stardust gewesen sein, die ich mir als 17jähriger in der Bibliothek meines Vertrauens vor allem deshalb auslieh, weil sie einfach zu den Alben gehörte, die man – wenn man jedem gottverdammten Musikkanon dieser Welt Glauben schenkt – wenigstens einmal im Leben gehört haben sollte. Oh, und wie recht die Kanons in diesem Fall haben! Tatsächlich hat mich Ziggy Stardust damals komplett angefixt, dürfte wohl neben Tools Undertow und Cans Tago Mago die Platte sein, die mich am ehesten, zumindest ein Stückchen, weg vom Punk und hin zum artigen, proggigen, opernhaften Rock brachte. Jepp, denn auf diesem Album funktioniert, im Gegensatz zu seinen zahllosen Epigonen, das Musicaleske, das Stilverliebte, das Narzisstische ohne dass es zur selbstverliebten musikalischen Masturbation verkommt. Von diesem Meisterwerk angefixt habe ich mir dann – ziemlich unsortiert – viele Stücke aus Bowies Berlinphase gegeben, war immer noch hin und weg, und machte dann wohl ohne große musikalische Bildung im Rücken den Fehler, mich als nächstes auf seine Mitte 80er Werke zu stürzen. Und mit denen war Bowie – wie bei so vielen anderen – dann erst einmal erledigt für mich. Hätte ich damals bereits um seine Heterogenität gewusst, und dass es zahllose Bowie-Alternativen zu diesem 80er Bowie gibt, wäre es wohl anders gekommen.

So ist, was wohl eine innige Liebe hätte werden können, eher ein beiläufiges (aber durch und durch ehrfürchtiges) Interesse geworden. Ich schätze mal, ich habe jedes von Bowies Alben mindestens einmal angehört (es sind so verdammt viele und so verdammt unterschiedliche), und immer wenn ich sie gehört habe, wusste ich, da geschieht Großes, mitunter unfassbares, manchmal auch peinliches oder gar Unhörbares. Eins war David Bowie jedenfalls nie: Generisch. Und berechenbar, konstant an einem Stil festhaltend war er auch nie. Drei Eigenschaften, die seine Musik für mich absolut sympathisch machen. Man wusste nie genau, was einem bei der nächsten Bowie-Scheibe erwarten konnte, vor allem wenn man unchronologisch vorging, sich dem folkigen Frühwerk widmete, um ein Jahr später in seine experimentelle 90er Phase einzutauchen. Mag sein, dass Liebhaber seiner Musik in ihrer Chronologie eine Genese oder vielleicht sogar einen roten Faden entdecken. Ich konnte das nie und bin überglücklich, dass ich Bowie stets so rezipiert habe, wie er für mich in Erinnerung bleiben wird: Konfus, qualitativ schwankend, in sich, in seiner inneren Haltung und in seiner äußeren Wirkung zerrissen. Pop, Punk, Art, Jazz… ohne klare Linie, ohne Gewissheit, ob das nächste Album, der nächste Song ein Meisterwerk oder ein Schock werden könnte. Wenn ich daran denke, wie unfassbar gut Black Star ist… und wie traurig mich heute der Verlust dieses Künstlers macht, den ich nie zu greifen wusste und wohl doch weitaus inniger geliebt habe, als mir oft bewusst war, bekomme ich wieder Lust mich durch seine Discographie zu graben. Vielleicht wirklich mal chronologisch, mit dem Versuch den Faden in seinem minotaurischen Labyrinth zu greifen zu kriegen.

Auf Facebook ist heute durch meine Timeline die Behauptung gerutscht, dass Bowie wohl ein Konsensmusiker im besten Sinne des Wortes gewesen sei. Auch das ist etwas, was ihn einzigartig macht: Denn obwohl er so unberechenbar war, obwohl er so zwischen Song und Experiment, zwischen Pop und Rock, zwischen Glam und Punk pendelte, kann sich wohl jeder zumindest auf ein paar Songs von ihm einigen. Er hat so viele beeinflusst, und das nie, indem er sich an einen Stil oder Trend angebiedert hätte. Ganz im Gegenteil: Oft hat er die Trends gesetzt, von der die musikalische Landschaft noch Jahre später profitieren sollte; sei es im Folk, im Art Rock, im Glam oder im elektronischen Postpop. Ich würde die Aussage “Er war Konsenskünstler” auf jeden Fall unterschreiben, und vielleicht noch hinzufügen: Nicht weil er alle Stile mal durchgemacht hat und so jeder ein Bowie-Album finden dürfte, das ihm gefällt. Sondern wegen und vor allem in seiner Heterogenität. Es ist nicht die einzelne Maske, die Bowie so besonders macht, sondern die Vielzahl seiner Masken. Bei Bowie wurde das Wechselhafte, Ambivalente irgendwie zu einer Konstante. Ich liebe an Bowie nicht bestimmte Stile, sondern die Vielzahl der Stile, das überbordernd Unkonkrete, das Verschwinden des Individuums (als Unteilbares) in einem bewussten Dividium, die Umarmung des Zerrissenen, Suchenden, Experimentierenden. Ich liebe an Bowie, dass er eben gerade keine Haltung hatte, und damit wahrscheinlich weitaus mehr Haltung als jeder Popstar mit einem eigenen, unverwechselbaren Stil. David Bowies Tod macht mich zutiefst traurig und zugleich macht mich die Tatsache, dass er in seinem künstlerischen Leben so viele Facetten ausleben und der Nachwelt hinterlassen konnte, überglücklich. Sein Tod ist ein großer Verlust, sein Leben und Schaffen dafür aber ein umso größerer Gewinn.

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