Die 90er Jahre: Die besten Pop-Alben des Jahrzehnts IV

90erpop

Ich setze mal da an, wo Rinko bei der letzten 90er Pop-Retrospektive aufgehört hat… und kann einfach nicht anders als zu sagen: Da fehlt aber noch ein bisschen etwas! Pop zu mögen ist ja spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends wieder ein Indiz für Coolness. In den 90ern sah das jedoch noch komplett anders aus. Nicht nur, dass man in dieser Dekade – im Gegensatz zu den 80ern und 00ern – als Pophörer quasi dazu prädestiniert war, von Grungern, Punks und Metalheads mit einer Gitarre erschlagen zu werden, dies hatte auch seine Berechtigung. Denn wirklich coolen Pop – im ureigentlichsten Sinne des Wortes – gab es in diesem Jahrzehnt einfach nicht. Und so müssen wir für diesen Artikel einmal ganz tief durchatmen und uns auf unsere absolute Uncoolness besinnen, können dabei aber feststellen, dass auch uncoole Musik verdammt gut sein kann; so wie bei den absoluten uncoolen Genesis, angeführt vom komplett uncoolen Phil Collins, oder bei Dido, die trotz Gastauftritt bei Eminem noch nie cool war. Und dann gibt es natürlich noch Robbie Williams, bei dem man damals eine Zeit lang nicht genau wusste, ob man ihn cool finden durfte, eine Frage die dann spätestens im vergleich mit dem anderen großen Boygroup-Aussteiger Justin Timberlake negativ beantwortet werden konnte.

Genesis – We can’t dance

(Virgin 1991)

Genesis_-_We_Can't_DanceSorry Leute, ein letztes Mal verwende ich noch den Begriff “uncool”, dann denke ich mir was anderes aus. Aber wie könnte man die Genesis der späten 80er und frühen 90er nicht uncool finden? Mit ihren seichten Melodien, ihren komprimierten Schlagersongs, die zwar noch das überambitionierte Moment des Prog besitzen, sonst aber nur nach (*grusel) erwachsenem Pop klingen. Und gerade auf den letzten Alben, waren sie doch für so manches schlimmes musikalische Verbrechen verantwortlich. Da müsst ihr schon euren Stolz runterschlucken, um We can’t dance (Studioalbum Nr. 14) unvoreingenommen zu hören. Tut es! Dieses Album, mit dem ich eine ganz persönliche Liebesgeschichte zur Musik verbinde, besitzt mehr als genug Klasse, Stil und Emotionalität, um nicht in die Pop-Opa-Ecke gesteckt zu werden: Manisch treibende Hits, sanfte Balladen, frische Ohrwürmer und mit Driving the Last Spike sogar eine echte ProgPop-Hymne befinden sich darauf. Klar so mancher Lückenfüller hat sich auch auf diesem unterschätzten Meisterwerk versteckt. Als stilverliebte Pop-Oper funktioniert es aber nach wie vor, und kann dabei – die richtige Dosis Nostalgie vorausgesetzt – verdammt glücklich machen.

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Robbie Williams – Life thru a Lens

(EMI 1997)

81SK2IhOcyL._SL1300_Achja, der Robbie… war schon zu Take That Zeiten so etwas wie der Clown im Boygroup-Himmel, später dann auch der böse Junge, inklusive massiver Gossip-Skandale. Da sich ein Pop-Album auch über das Image verkauft, ist das erst einmal keine schlechte Vorraussetzung für eine Karriere nach der “Karriere”. Das beiseite gekehrt (was im Fall des 90er Jahre Robbie Williams gar nicht so einfach ist), muss man aber festhalten, dass Life thru a Lens ein fast schon perfektes Poprock-Album ist, welches das ziemlich angestaubte Genre tatsächlich zu vitalisieren vermag. Denn wo Brian Adams und Jon Bon Jovi in dieser Dekade nur noch schnarchige Pseudorock-Werke auf den Weg bringen, liefert Robbie Williams einen großartigen Hybriden aus radiotauglichem Rock N Roll und Britpop, garniert mit fantastischen Lovesong-Hymnen und zahllosen epischen Disco-Rock-Nummern für die Tanzschule in Oer-Erckenschwick. Das mag heute auch ziemlich out of date klingen, war aber damals einfach nur grandiose Kompromiss-Musik, in der sich jeder wiederfinden durfte… und ohrwurmtechnisch ist Life thru a Lens ohnehin durch und durch zeitlos.

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Dido – No Angel

(Arista 1999)

AngeldidoDank des Recyclings der Ohrwurm-Ballade “Thank You” in Eminems Hip Hop Epos Stan wurde Dido Anfang der 2000er einem breiten Publikum bekannt und durfte eine Zeitlang sogar so etwas wie die Konsens-Pop-Queen der Generation Indie sein. Kein Wunder, besticht ihr Debütalbum doch mit wundervollen Lean-Back-Balladen, die schamlos naiv eingängig daherkommen, Gott sei Dank aber auf das pittoreske Moment des Diven-Pop der 90er Jahre verzichten. Der Romance Pop der Marke Dido muss weder aufgeregt noch hip sein, weder opernhaft noch tanzfähig. Stattdessen genügt ihm ein kuschelig warmes Sofa, ein leise knisterndes Kaminfeuer auf DVD und eine Tasse guter Kräutertee. Dieses Setup vorausgesetzt, darf man No Angel auch heute noch ohne schlechtes Gewissen hin und wieder im CD-Player rotieren lassen.

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Travis – The Man Who

(Independiente 1999)

Travis_-_The_Man_Who_album_coverManchmal frage ich mich, was hätte sein können. Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn nicht Coldplay diesen Hype zu Beginn der 2000er erlebt hätten, sondern deren – damals poppigeren, ohrwurmtauglicheren – Brüder im Geiste Travis? Hätte vermutlich beiden Bands gutgetan. Während Coldplay damals mehr und mehr Richtung schwülstigem Pop wanderten, verkrochen sich Travis nach dem noch sehr erfolgreichen The invisible Band in der samten Indie Rock Ecke und lassen seitdem nur erahnen, wie sie im pompösen Blockbuster-Gewand klingen könnten. Durch und durch fantastisch würde ich mutmaßen, zumindest lassen die kraftvollen Balladen und Poprocker auf ihrem Zweitwerk The man who darauf schließen. Beherrscht dieses Album doch sowohl energische als auch zurückgelehnte Momente, sowohl Herzschmerz als auch pure Lebensumarmung.

Travis gingen im kommenden Jahrzehnt leider den (zugegeben aufrechten) Weg einer Indie-Rock-Band, die IHR Ding durchzieht. The Man Who weckt in seinen pompösen, monumentalen Momenten den Wunsch, diese Band in gigantischer, überproduzierter Form zu hören. Wie es gewesen wäre, werden wir wohl nie erfahren, aber immerhin bleibt mit diesem Meisterwerk eine Ahnung vom möglichen Glanz der Folgejahre.

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