Die 90er Jahre: Die besten Emo-Alben des Jahrzehnts I

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Ach, tut doch nicht so. Wir hören doch gerade alle um die Winterzeit mal gerne in unsere alten sogenannten “Emo”-Alben der 90er. Die aus den 00ern aber dann doch nur in wirklich in sehr schwachen Momenten, oder?

In den 90ern hatte sich jedenfalls dieses Genre gerade erst aus dem Hardcore/Punkbereich etwas emanzipiert und war froh nicht mehr in den Moshpit mit den harten Jungs steigen zu müssen. Das Aussenseiter-Gefühl des Genre nahmen sie gerne mit, aber statt Testosteron-Gebolze thematisierten die Jünger dieses Subgenres ihr dysfunfktionales Seelenleben und ihre Unverständnis gegenüber der Gesellschaft.

Emorock der 90er hatte aber trotzdem noch genügend Wut im Bauch und kanalisierte diese in den Ausbrüchen zwischen melancholischen und traurigen Passagen. Als Grunge zu groß wurde und sich alles auf Eddie Vedder und Kurt Cobain stürzte, gab es für integre Kids mit Bands wie Jawbreaker oder Sunny Day Real Estate damit die willkommene Alternative zu dem immer kommerzieller werdenden Seattle-Sound, dessen Trittbrettfahrer viel von der ehrlichen Wut der Anfangstage wegnahmen.

Hier hatten wir wieder Gefühle und wenn ihr vergessen habt wie das damals war, kommen nun ein paar Bands, mit denen wir zusammen wütend und unverstanden waren.

The Get Up Kids – Something to write home about

(Vagrant, 21.09.1999)

TueAug181455082009Ich  bin gar nicht so sicher, ob man wirklich viele Alben der Get Up Kids benötigt, aber wenn eines, dann sollte es auf jeden Fall dieses hier sein. So unfassbar mitreißend wie Holiday oder Action & Action habe ich Emo damals nur von Jimmy Eat World erlebt.

Eine Hymne nach der anderen, die auf dem Weg in die verhasste Schule, allein im dunklen Kinderzimmer, traurig aber eben auch mal laut aus den Boxen krachen durften. Wo die vergleichbaren Bands wie The Promise Ring doch zu sperrig klangen, nicht den nötigen Pop-Appeal hatten, gab es auf Something to Write Home About kleine schönen Melodien hinter dem spartanischen Arrangement, das noch den Punk-Spirit der frühen Tage atmete.

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Sunny Day Real Estate – Diary

(Sub Pop, 10.05.1994)

MI0001814749Weniger in die Luft gestreckte Arme, sondern viel mehr die anspruchsvolle Seite des Emo waren Sunny Day Real Estate, die mit ihren Tempiwechsel keine Stimmung für den Pit aufkommen ließen, sondern ganz kräftig daran beteiligt waren 1994 das Emorock-Movement zu starten. Wohl so ziemlich jede Emo-Band der 90er dürfte unter dem Einfluss der Kultband aus Seatlle stehen, die mit Diary Pate für die entschleunigte Traurigkeit und Roughness standen, die dem aufgeblasenen Grunge-Rock mittlerweile abhanden gekommen war. Der Höhepunkt dürfte wohl das epische Song About An Angel sein, an dessen Nachahmung sich bis heute immer noch zahlreiche Emobands versuchen und kläglich scheitern. Wem hier nicht die Tränen in den Augen stehen, der hat nie Musik oder überhaupt irgendwas oder -wen geliebt. Groß!

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Jawbreaker – 24 Hour Revenge Therapy

(Tupelo, 07.02.1994)

2469509Ebenfalls einen hervorragenden Ruf – nicht nur in Emo-Punk-Kreisen – besitzen Jawbreaker, die manche hier wohl eher sogar eher gleich im Punk verorten würden, denn hier gab es Mitgröhl-Refrains en masse und die geballte Faust blieb auch nicht in der Tasche, sondern wurde heraus gestreckt. Nicht umsonst dürfte die Band im Vorprogramm zu Nirvana gelandet sein, auch wenn ihnen das damals in der Underground-Szene tatsächlich Sellout-Vorwürfe einbrachte. Wenn die nur gewusst hätten, was in den 00er Jahre noch alles passieren sollte! Hier gab es jedoch Mr Steve Albini hinter den Reglern, der darauf achtete dem Album möglichst viele Ecken und Kanten zu lassen. Erzählt mir nach 24 Hour Revenge Therapy noch einmal, dass Emo nicht Punk sein könne… oder umgekehrt.

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Jimmy Eat World – Clarity

(Capitol, 23.03.1999)

Clarity-1999-Jimmy-Eat-WorldIch möchte natürlich nicht weiter die Spannung künstlich hoch halten. Klarer Fall, ob hier Jimmy Eat World und ihr Opus Magnum Clarity auftauchen müssen. Natürlich müssen sie. Hier kumuliert nun endgültig alles was den Weg für großes Emorock-Songwriting bereitete in einem Höhepunkt des Genres, das damit endgültig den Durchbruch geschafft hat, von dem es sich nie wirklich erholen sollte, was die Verachtung des Genres heutzutage leider allzu deutlich zeigt. Jimmy Eat World konnte man damals jedenfalls keinen Vorwurf machen, denn sie hatten nun mal das große Gespür für tolle Pop-Melodien, leider jedoch nicht für ein vernünftiges Album-Cover, was ich aufgrund seiner unfassbaren Hässlichkeit gemieden habe. Natürlich war das dann weit weg von dem Punk-Ethos von Jawbreaker, aber einen Instant Klassiker wie Lucky Denver Mint haben die eben auch nicht geschrieben. Hier ist oben. Die ganze ganz großen Gefühle (12.13.95) , die ganz ganz große Produktion (Streicher, Glockenspiel, Klavier), die ganz ganz große Platte von Jimmy Eat World, die nach diesem Flirt mit dem Mainstream leider von ihm aufgesogen werden sollte und denen man leider gerade in der Endphase der 00er Jahre attestieren musste, dass sie wohl hier und auf dem sogar noch besseren Nachfolger Bleed American ihr Pulver verschossen haben.

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Dashboard Confessional – Swiss Army Romance

(Fiddler, 14.10.2000)

DC-SARJa, der Chris Carabba. Das war eigentlich gar nicht so der Aussenseiter-Typ, der keine Mädchen bekam, eher der Typ, der jedes Mädchen bekommen konnte, aber dann zu schüchtern war und lieber ein naives und grundsympathisches Akustik-Album aufnahm.

Für sein Projekt Dashboard Confessional, eigentlich noch als Hobby neben seiner Hauptband Further Seems Forvever gegründet, gab es von Anfang an keine Coolness-Punkte. Das ist eigentlich die Essenz des traurigen Schuljungen, der verträumt nach draußen schaut und sich ein Herz und eine Klampfe nimmt und all seine Gefühle einfach recorded, egal ob nun die harten Kumpels lachen.

In eigentlich 80 Prozent der Fälle endet so etwas dann auch wie hier tragisch-komisch in grauenhaften Homerecording-Sessions und bei Swiss Army Romance einem immer noch tollen Zeitdokument, bevor Dashboard sehr schnell diese intime Unschuld mit den folgenden Alben verloren und sich irgendwo im Radio-Pop-Sumpf verloren.

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Saves The Day – Through Being Cool

(Eqal Vision, 02.11.1999)

Saves_the_Day_-_Through_Being_Cool_cover1999, hachja. Das war ein schönes Jahr, Kinder. Ich glaube in keinem Jahr dürfte die Dichte an wirklich herausragenden Emo-Punk-Alben so hoch gewesen sein. Wobei da schon die Verwandtschaft des Pop-Punk gerne mal öfters klingelte und Emo damit zugänglicher machte.

New Found Glory tauchen deswegen natürlich auch noch später auf, aber Saves The Day habe ich eigentlich noch lieber gehört. Wo die gerade genannten schon irgendwie etwas die Breitbeinigkeit von Blink 182 vorweg nahmen, war bei Saves The Day noch die Punk-Produktion im Vordergrund stand.

Könnte ja Through beeing cool gleich in die Punk-Alben schieben, aber nö..die bleiben dann doch hier. Wie schon das Cover andeutet, geht es darum, dass auf der Party der “coolen” Kids eh nicht beachtet wird… und was gibt es eigentlich Schöneres?

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Ein Kommentar zu “Die 90er Jahre: Die besten Emo-Alben des Jahrzehnts I

  1. Die Diary von SDRE gehört zu meinen absoluten fünf Lieblingsplatten. Das verlinkte Song About an Angel, In Circles, 47 – alles ganz große Songs. Und mit Seven verfügt die Platte über einen der großartigsten Opener überhaupt. Der schräge, aber fragile Gesang, die Schrammelgitarre, das gesamte Songwriting – bin immer wieder baff.

    Schöne Auswahl, freue mich auf die nächste Ausgabe! Gruß, Patrick

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