Die 90er Jahre: Die besten Postrock-Alben des Jahrzehnts II

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Also, Butter bei die Fische: Was ist denn dieser DHL-Rock nun genau? Ich persönlich bin ja ein großer Fan der Definition von Simon Reynolds, der in die Schublade Post-Rock (Post Rock? Postrock? Whatvever!) all das steckt, was sich mit “using rock instrumentation for non-rock purposes” umschreiben lässt. Oder um es noch abstrakter auszudrücken: Rock, der nicht nach Rock klingt. Oder zumindest nicht nach Rock N Roll. Aber dann sind wir schon bei nem ziemlichen Allgemeinplatz angekommen.

Natürlich kann man zusätzlich noch wunderbar ein paar sehr konkrete Eigenschaften benennen: Die lange Komposition anstatt des eingängigen Songs… dann tut man aber all den großartigen Mogwai-Stücken unrecht. Der Verzicht auf Vocals… Slint würden Einspruch erheben. Düstere apokalyptische Visionen… nicht, wenn man sich die frischen, vitalen Sounds von Tortoise zu Gemüte führt. Ambient-inspiriert? Selbst hier würden die Experimentierer der Szene mit dem Kopf schütteln.

Vielleicht bleibt es doch beim Abstrakten und Vagen, und jeder darf sich selbst ein wenig seinen eigenen Reim drauf machen, was er nun unter Postrock verstehen möchte. Fest steht, diese junge musikalische Neuorientierung hat in ihrer doch recht kurzen Hochphase eine Menge großer Alben hervorgebracht, die dem ganzen RockDroneProgExperimental-Musikzirkus verdammt viele Impulse und Inspirationen hinterlässt… Und tot ist Postrock ohnehin noch lange nicht, auch wenn er mittlerweile in den 2010er Jahren des öfteren etwas aufgewärmt klingt.

Tortoise – TNT

(Thrill Jockey 1998)

Tortoise-TNT_(album_cover)Wäre Postrock ein bisschen populärer, gäbe es wohl großartige Fan-Diskussionen, welches nun das bessere Tortoise-Album ist. Millions Now Living Will Never Die oder der Nachfolger TNT? Wenn man mich fragt, würde ich immer zu dem minimalistischen Sprengsatz tendieren. Das liegt aber auch schlicht daran, dass wir hier wohl mein erstes richtiges Postrock-Album vor uns haben. Damals eher angefixt von dem obskuren Coverartwork bin ich mit dieser LP zum ersten Mal in den postrock’schen Soundlandschaften versunken, die so komplett anders klangen, als alles was ich als 16jähriger Bub bis dato kannte. Daraus entwachsen ist eine innige Liebe zu diesem konfusen, aber auch zugleich organischen, vitalen Soundungetüm, das sich nicht geniert, sich bei Easy Listening zu bedienen, um gleichzeitig alles zu zertrümmern, was leicht zu hören ist. TNT ist ein kleiner gefräßiger Kobold, zwischen Jazz, Ambient, Lounge und zersplittertem Rock N Roll. Für mich immer noch eines der prototypischen Postrock-Alben und eines der großen Meisterwerke der 90er schlechthin.

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Slint – Spiderland

(Touch & Go 1991)

Slint_-_SpiderlandVon meinem persönlichen Postrock-Prototypen zu einem der Wegbereiter des Genres. Slint kommen eigentlich aus der Hardcore-, Punk und Alternative Rock Ecke, zelebrieren auf Spiderland allerdings einen Sound, der radikal mit dem damaligen Indie-Standard bricht und sich zwischen Spoken Words und Shouts in epischen Soundungetümen verliert. Kein Wunder, dass Spiderland trotz seiner Nähe zum Sound des Grunge zu den Klassikern des Postrock zählt und auch gerne als Inspirationsquelle für Bands wie GY!BE oder Mogwai herbeizitiert wird. Dabei besitzen die Slint’schen Kompositionen noch eine herrlich dreckige, ungehobelte Note, wollen nie zu monumental klingen, sondern auch immer spröde, schmutzig, so als würden sie direkt von der Straße stammen. Dadurch ist Spiderland vielleicht das ungezwungenste und undogmatischste Postrock-Album des Jahrzehnts.

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Labradford – A stable reference

(Kranky 1995)

A_Stable_ReferenceGerne wird dem Postrock ja pauschal der Vorwurf gemacht monoton und dadurch langweilig zu klingen. Beim oberflächlichen Hören von Labradfords Mitte-90er Ungetüm A stable reference scheint dieser Eindruck bestätigt. Labradford SIND langsam, Labradford SIND monoton und Labradford sind mit Sicherheit nicht die Speerspitze des enervierenden Postrock. Dafür hat dieses Album aber andere Qualitäten: Als langwieriger, hypnotischer Traum, als fesselnder, unentrinnbarer Albtraum, als Soundregen zwischen Fragilität und strapazierfähiger Annäherung an der musikalischen Nullpunkt. Dabei ist a stable reference so etwas wie die lichte Kehrseite düsteren Doom- und Drone-Metals, der Kontrapunkt zu ausuferndem Experimental und gleichsam Ambient, der niemals kitschig oder pittoresk klingt. Ein morbide erotisches, einmaliges, einsames Musikerlebnis, perfekte Untermalung für das eigene lyncheske Kopfkino.

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Mogwai – Young Team

(Chemikal Underground 1997)

MogwaiyoungteamNatürlich führt bei den besten Postrock-Alben kein Weg an Mogwai Young Team vorbei. Die schottische Version des Postrock-Sounds ist dabei schon fast so etwas wie der Pop des Genres. Dabei sind Mogwai keineswegs erpicht darauf, klassische, eingängige Radiosongs zu schreiben… Aber was besitzen ihre genialen Kompositionen für Ohrwurmqualitäten! Im Gegensatz zu vielen anderen Genrevertretern pfeifen Mogwai nicht auf Melodie und Musikalität, stattdessen leben ihre Kompositionen geradezu davon sich in rockigen, lebendigen Akkorden wohlzufühlen, nicht nur den Kopf sondern ebenso auch das Herz anzusprechen, nicht nur monotone Streicheleinheiten für den eigenen Pessimismus zu sein, sondern darüber hinaus die Seele zu kitzeln, bis man sich ein breites Grinsen nicht mehr verkneifen kann. In einer guten, in einer besseren Welt würden diese Glanztaten im Radio rauf und runter gespielt werden und Rocker, Popper und Punker zum gemeinsamen apokalyptischen Schunkeln einladen.

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Stars of the lid – Gravitational Pull vs. the Desire for an Aquatic Life

(Sedimental 1996)

Gravitational_PullvDesire_for_Aquatic_LifeWahrscheinlich die radikalste Ambient- und Drone-Umarmung, die es in dem Genre zu finden gibt: Die Klangteppiche von Stars of the Lid sind düstere, abstrakte Bekenntnisse zum Klang und fundamentale Kämpfe gegen ureigenste Musikprinzipien. So ein wenig als hätte John Cage vorbeigeschaut, um dem Genre seinen Stempel aufzudrücken, und selbst zwischen all den schwierigen, komplexen Kompositionen des Genres eine Ausnahmeerscheinung. Postrock, der den Rock ganz tief vergraben hat und nun auf seinem Grab einen letzten Wehgesang verlorener Musikalität zum besten gibt. Herausfordernd, anstrengend, die Nerven strapazierend, dabei aber ganz und gar ungewöhnlich eine fantastische Soundlandschaft kreierend.

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The Notwist – Shrink

(Zero Hour 1998)

ShrinkbyTheNotwist…Uuuuunnnd… POP! War es denn wirklich nötig, die deutschen Indie Rocker The Notwist hier aufzunehmen? Ja, verdammt! Denn Shrink steht sowohl national als auch international wie kaum ein anderes Album dafür, wie Postrock entsteht, wenn die eigene Rock/Experimental/Punk-Vergangenheit reflektiert und in der Reflexion aufgelöst wird. Klar, The Notwist liefern hier alles, was dem Postrock vermeintlich zuwider läuft: Songs, Strukturen, Rock-Melodien… und viel Pop. Aber ehrlich, hört euch das Album mal unter dem Label eines Postrock-Albums an. Das eröffnet ganz neue Sichtweisen aus diese famose Kombination aus Electro, Rock, Pop, Jazz und Sound. Shrink ist bestimmt kein prototypisches Postrock-Album, dabei aber das Musterbeispiel einer musikalischen Horizonterweiterung durch Dehnung, Verlangsamung, Dynamisierung und Auflösung, in der aus Rock Postrock, aus Pop, Postpop und aus Punk Postpunk wird. Damit ist es vielleicht auch einfach das ideale Einstiegsalbum für den Postrock, oder eben perfektes Exempel für die Genese des Genres, für seine Offenheit und seinen Variantenreichtum. Gebt diesem Meisterwerk aus diesem Gesichtspunkt ruhig noch einmal eine zweite Chance. Dass es qualitativ – unabhängig von seiner Schublade – ganz ganz groß ist, steht ohnehin außer Frage.

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