Wie “Der beste Tag meines Lebens” von Kool Savas entstand – Interview mit den Clip-Regisseuren

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Unsere Rap-Chronologie liegt ja schon ein wenig zurück, aber auf “Bester Tag meines Lebens” haben wir uns irgendwie alle einigen können. Und ich persönlich zähle es noch heute zu den ästhetisch herausragendsten Rap- bzw. Musikvideos der 00er-Jahre.

Ich hatte das große Glück, dass sich die Regisseure des Videos, Niklas Weise und Matthias Freier, für ein Interview über die Entstehungsgeschichte des Clips bereit erklärt haben. Ich danke den Jungs sehr für ihre Kooperationsbereitschaft und: Mein Angebot, Euch dafür mit einer Pizza-Runde zu belohnen, steht immer noch!

Link zu dem Video

Ihr habt Videos für Smudo, Samy Deluxe und Kool Savas gedreht – also ganz offensichtlich eine Affinität zu Hip-Hop. Ist das der Sound Eurer Jugend oder seid Ihr eher durch Zufall mit der deutschsprachigen Rap-Szene in Kontakt gekommen?

Matthias: Ich habe immer viel Hip-Hop gehört, aber eher A Tribe Called Quest, The Goats, Pharcyde, Freestyle Fellowship etc. Mein erster Kontakt mit deutschem Hip-Hop waren tatsächlich die Fantastischen Vier, die ich dann durch einen Job beim Fernsehen kennengelernt habe. Das war Anfang der 90er. Als deutscher Hip-Hop Mitte der 90er explodierte, war ich gar nicht im Lande, sondern in New York. Ich bin erst 2000 wieder nach Hamburg zurückgekehrt und habe dann für  Smudo das “Rudi”-Video gedreht. Das fand wiederum Samy Deluxe gut. So ging das bei mir mit den deutschen Hip-Hop-Videos los. Niklas und ich haben uns bei einer Produktion in Hamburg kennenlernt und auch er war eine Zeit in New York auf der selben Schule gewesen. Wir haben uns gleich gut verstanden und zusammen “Sneak Preview” von ASD und eben “Beste Tag deines Lebens” gedreht. Niklas hat wiederum die ersten Videos für Deichkind gemacht, aber das kann er ja selbst erzählen.

Niklas: Bei mir war das auch ähnlich wie bei Matthias. Ich bin 1997 nach Hamburg gekommen und da war die Deutsch-Hip-Hop-Welle schon im vollen Gange. Interessant war natürlich, dass da auf einmal neue Bands da waren, die mehr oder weniger selbstbestimmt ein neues Genre erfunden haben, ohne dass die großen Plattenfirmen ihre Finger mit im Spiel hatten. Die Major-Labels haben nur gemerkt, dass sich da ein potenter Markt aufmacht, und der wollte natürlich auch mit Videos bedient werden.

Die Bands, mit denen ich zu tun hatte, konnten eigentlich mehr oder weniger machen, was sie wollten, solange die Verkäufe gut waren. Das war natürlich auch die Chance für eine neue Generation von Regisseuren. Ich hatte zu der Zeit noch nicht wirklich was gemacht, hab dann aber das erste Video von Deichkind gedreht und mich dann mit der Band weiterentwickelt. Das erste Video “Kabeljauinferno“ war total trashig und Low Budget und beim zweiten Clip, den ich für die Band gemacht hab, gab es dann sowas wie 100.000 DM. Das war auch zu der damaligen Zeit richtig heftig.

Wie kam der Kontakt zu Kool Savas zustande? Wart Ihr selbst Fan seiner Musik?

Matthias: Ich kann nicht sagen, dass ich Fan war. Natürlich hatte ich von ihm gehört und war neugierig, da er polarisierte. Soweit ich mich erinnere, fand Kool Savas das “Weck mich auf”-Video gut und kam so auf uns zu.

2003 ist Kool Savas sein Durchbruch gelungen – Euer Video zu “Bester Tag meines Lebens”, das damals sehr oft auf VIVA und MTV lief, hatte einen nicht unerheblichen Anteil daran. Hat sich dieser Erfolg auch auf Euer Schaffen ausgewirkt?

Matthias: Hmm, das ist immer schwer zu sagen. Man hat eigentlich wenig Feedback als Regisseur, außer wenn das Video einen Preis gewinnt.

Klar haben das Video dann wieder andere Musiker gesehen und die wollten dann etwas Ähnliches oder einfach mit Dir arbeiten. Leider war das aber auch die Zeit, wo die Musikvideo-Budgets langsam einbrachen und einfach kaum noch Geld da war. Da hieß es umorientieren, um zu überleben.

Fast zeitgleich rückte Aggro Berlin in den Fokus der deutschen Rap-Szene. Gab es auch aus dieser Richtung Anfragen bezüglich einer Kollaboration? Hättet Ihr auch mit diesen Künstlern zusammengearbeitet?

Matthias: Ich hatte keine Anfrage von Aggro – Du, Niklas? Ich glaube schon, dass wir auch für Aggro ein Video gemacht hätten, aber die haben eben ihren eigenen Regisseur gefunden. Ich erinnere mich auch an die Konkurrenz zwischen den Bands, ich glaube Aggro wollte da auch gegen Kool ein Statement setzen.

Niklas: Ich hatte auch nie was von Aggro Berlin auf dem Tisch. Da hat der Daniel Harder ganz viele Videos gemacht und damit auch den Style von dem Label mitgeprägt. Auch wenn ich gerne mal ein Video für das Label gemacht hätte, hab ich mich eigentlich immer gefreut, solche Verbindungen zu beobachten.

Die meisten Musikvideos aus dieser Zeit hatten eher einen hochglanzpolierten Look und weniger subtile Bilder. War das Video zu “Bester Tag meines Lebens” ein bewusstes Statement? Savas spricht ja im Making-Of zu dem Video an, dass er kein Performance-Video haben wollte.

Matthias: Ja klar, das war Konzept. Wir selbst waren ja auch Fans von Musikvideos und mochten die Sachen von Glazer, Cunningham, Mills, Romanik, Gondry usw. Da sieht man ja, dass Videos auch ganz anders daherkommen können und das wollten wir auch.

Niklas: Gerade die deutschen Hip-Hop-Videos waren oft ein billiger Abklatsch von irgendwelchen fetten US-Clips. Da gab es ganz schlimme Clips. Zu der Zeit war deutscher Hip-Hop halt schon voll im Mainstream angekommen und ich glaube, dass wir deshalb ganz bewusst mal was anderes machen wollten.

Wie sahen die Ideen/das Storyboard für das Video aus? Kamen die Ideen von Euch alleine oder waren die Künstler am kreativen Prozess beteiligt?

Matthias: Natürlich hat der Künstler Mitspracherecht. Das Schöne an Musikvideos war aber immer die künstlerische Freiheit. Die Musiker haben uns meist einfach machen lassen und uns dabei vertraut. Da ging es eher mal um Klamotten, als um das generelle Konzept. Soweit ich mich erinnere, hatte ich beim Hören des Songs immer diese Kids vor Augen, die irgendwo vor sich hinstarren, was natürlich noch kein Video war. Niklas meinte dann: Lass uns doch auch zeigen, was die Kids sehen!

Das Video sieht aus, als ob es innerhalb eines Tag gedreht wurde. War das tatsächlich so?

Matthias: Gute Frage. Weiß ich gar nicht mehr. War es ein langer Tag oder doch zwei Tage, Niklas ?

Niklas: Das war ein langer Tag. Wenn wir nicht auf 35mm gedreht hätten, wären bestimmt auch 2 Tage drin gewesen, aber irgendwie wollten wir unbedingt auf 35mm drehen. Hat sich auch gelohnt, finde ich.

Wie kamt Ihr auf Marienfelde als Location? Wie war die Reaktion der Leute vor Ort?

Matthias: Die Location hat Niklas gefunden.

Niklas: Ich glaube sogar, dass Savas irgendwann mal Marienfelde erwähnt hatte.

Habt Ihr die Kids aus dem Video gecastet oder vor Ort direkt angesprochen?

Matthias: Weiß ich auch nicht mehr genau. Ein paar waren gecastet, aber viele waren aus dem direkten Umfeld von Savas. Sein Bruder, dessen Freunde und Savas’ eigene Kumpels.

Konntet Ihr von den Kids Infos über Locations/gute Spots bekommen? Wie war Euer spontaner Eindruck von der Situation vor Ort?

Matthias: Ich fand es passend für das Video, kannte diese Welt aber auch aus Steilshoop, hier in Hamburg. Die Locations waren alle in einem ziemlich engen Umkreis, was natürlich auch mit der Drehzeit zu tun hatte.

Gibt es noch Kontakt zu den Künstlern oder zu den Kids?

Matthias: Nö.

Was konntet Ihr für Euch persönlich aus dem Videodreh mitnehmen?

Matthias: Als ich beim Casting einen blassen Typen aufnehmen wollte und laut plappernd auf ihn zuging, sackte er ohnmächtig zusammen. Er hatte nichts gegessen und gekifft. Da war mein forsches Auftreten zu viel des Guten. Seitdem bin ich da vorsichtiger…

Niklas: Ich kann mich noch ziemlich genau an die erste Einstellung des Drehs erinnern. Da haben wir im Morgengrauen auf so einem Hochhausdach gestanden und diesen Leuchtkugel-Shot gedreht. Alle waren sowieso ein bisschen aufgeregt und als dann die Kugel im genau richtigen Licht genau richtig geflogen ist, war da mit einem Mal ein ganz tolles gemeinsames Gefühl da, was sich dann auch durch den ganzen Tag gezogen hat. Das war schon ein ziemlich besonderer Dreh. Auch, weil nicht wirklich was schiefgegangen ist und wir uns alle super verstanden haben.

Hast du ein Studium in Sachen Film abgeschlossen oder Dir alles autodidaktisch selbst beigebracht?

Matthias: Wir haben beide einen Crashkurs an der New York Film Academy  gemacht, aber man kann sagen, wir sind Autodidakten, die sich gegenseitig unterstützt haben – oder, Niklas?

Niklas: Würde ich auch so sagen. Obwohl ich jetzt meistens alleine arbeite, vermisse ich oft so eine Zusammenarbeit. Regieführen ist im Allgemeinen schon ein ziemlicher Alpha-Tier-Job. Da ist das dann umso schöner, wenn sowas dann auch mal zu zweit zustandekommt.

Was würdest Du angehenden Musikclip-Regisseuren heute empfehlen?

Matthias: Musikvideos sind für mich immer noch das schönste Format. Nutzt die Freiheit und tobt Euch mit Euren Ideen aus, wäre mein Tipp. Sobald der Gelddruck sich erhöht, quatschen immer mehr Leute rein und man darf weniger Fehler machen.

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