Life Is Strange Ep. 1 – Das Spiel über Adoleszenz von Square Enix

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Mit seinem Antihelden Holden Caulfield hat J.D. Salinger die Zeit der Adoleszenz wohl wie kaum ein anderer Autor so treffend und zugleich schmerzhaft wiedergegeben. Der “Fänger im Roggen” ist vollkommen zurecht in den Literaturkanon aufgenommen worden und nicht ohne Zufall der Namensgeber für die Protagonistin des neuen Spiels von Square Enix.

Life Is Strange nimmt sich der selben Thematik wie der des berühmten Romans an, und die Hauptfigur Maxine Caulfield teilt mit ihrem Namensvetter nicht nur den berühmten Nachnamen, sondern auch den Schmerz eines Aussenseiters. Wo Holden jedoch die typische Rebellen-Attitüde eines männlichen Halbstarken zeigt, ist die Protagonistin dieses Adventures eine introvertierte Intellektuelle, die gerne träumt, ihrem Tagebuch das Innerste ihrer Seele anvertraut und mit einer leichten Melancholie durch das College-Leben schlendert, von dem sie in ihrer kindlichen Naivität mehr erhofft hat und wo sie direkt am Anfang als missmutige Retro-Liebhaberin von einer Mitschülerin gehänselt wird.

Wenn Max über den Flur läuft ertönt Folk-Pop von der Indie-Band Syd Matters und die gesamte Atmosphäre erinnert den Spieler an den typischen College-, respektive Uni-Alltag, der vielen von uns noch schmerzhaft in Erinnerung ist, zumindest denen, die nie mit dem Strom geschwommen sind und sich abends einsam zu ihrer Lieblingsmusik eine bessere Zukunft mit mehr Selbstsicherheit und mehr Freunden ausgemalt haben.

Den wirklich hervorragenden Soundtrack mit u.a. Mogwai und Sparklehorse findet ihr auf Spotify.

Wenn ich dank Life Is Strange wieder einen Flashback in meine nicht so wirklich lustige Zeit des jungen Erwachsenseins bekomme, ist hier schon das Ziel der in der jüngsten Vergangenheit viel zu oft versprochenen – viel zu selten eingehaltenen – Immersion erreicht. Die Identifikation mit Max funktioniert, weil hier sorgfältig ein Charakter aufgebaut wird, der zwischen Mut und Selbstzweifel versucht seinen Platz zu finden.

Nur ist die erste Episode natürlich in erster Linie ein Spiel: Durch einen verstörenden Zwischenfall entdeckt Max eine Gabe, die sie die Zeit zurück drehen lässt. Zum Glück ist das (noch) nicht der Anstoß für ein ab diesem Zeitpunkt schrilles Sci-Fi-Game, sondern fügt sich nahtlos in die Storyline mit ein, die man dank Rewind-Technik permanent beeinflussen kann. Life is Strange Ep.1 ist sicherlich aufgrund seines Fokus’ auf der Story und Atmosphäre primär in Relation zu Spielen wie Heavy Rain und Beyond Two Souls zu setzen, überzeugt aber auch deswegen mit einer Ruhe, die gerade im Gaming-Bereich, wo immer noch schrille Testeron-Action überwiegt, einen interessanten Kontrapunkt zum klassischen AAA-Programm setzt. Ich kann mich entspannt auf mein Umfeld konzentrieren, diese optional fotografieren und über die Konsequenzen meines Tuns nachdenken.

Ein Kritikpunkt sind allerdings die langen Pausen zwischen den Episoden, die eigentlich Serien-Feeling erzeugen sollen: Aber während ich eine neue Folge wie Better Call Saul jeden Dienstag auf Netflix in einem festen Rhythmus anschauen kann, dauert die Pause bis zum dem Monat erscheinenden zweiten Episode von Life Is Strange wieder einmal sechs Wochen, was im Vergleich zu den Telltame-Games wiederum sogar noch relativ kurz ist. Die Gefahr unter Zeitdruck letztendlich an Qualität im weiteren Verlauf der Gesamtstory zu verlieren, ist dementsprechend hoch, was schade für die bisher noch emotionale mitreißende Geschichte wäre. Ep. 2 wird entscheiden, ob Life Is Strange ein überzeugendes  Coming of Age-Game über Adoleszenz und Individualismus bleibt, oder die bereits angedeuteten Mystery-Elemente dem Spiel mehr Style als Substanz verleihen.

Die zweite Episode erscheint am 24.03.2015.

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