Hörenswertes: Olli Schulz, Joye Bada$$, Gaz Coombes, Noel Gallagher, Bilderbuch; Klassiker: Caribou

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Wie immer zeitversetzt kommt die hörenswertesten Alben. Wo Olli Schulz noch den Winter-Blues im Gepäck hat ist bei der aktuellsten Platte in dieser Rubrik der Sommer aber so etwas von da. Dieses Album gehört bald rauf und runter gehört und macht klar, dass deutschsprachiger Pop in gut nicht bei uns zu finden ist, sondern hinter der Grenze zur Alpenrepublik. Noel und Gaz winken derweil von der Insel rüber und befinden sich auch derweil in ihrem dritten Frühling, was man an den erwachseneren und trotzdem gut gelaunten Platten deutlich hört. Joey Bada$$ macht gleich bei der kleinen Nostalgie-Runde mit und bringt uns den Hip Hop der 90er zurück.

Wer nach diesen aktuell schönsten Platten immer noch nicht genug hat, darf sich gerne noch einmal den Klassiker “Andorra” anhören, der sich in seiner wunderbaren Leichtigkeit perfekt in das derzeit sommerliche Ambiente einfügt.

Olli Schulz – Feelings aus der Asche

(Trocadero / Indigo, 09.01.2015)

olli-schulz-feelings-aus-der-asche-159339Da stehste irgendwann da und wünschst dir die Sorgen aus deinen 20ern zurück. Was hast du dir einen Kopf um Dinge gemacht, die heute irgendwo schon unter “Alltägliches” katalogisiert sind. Was hast du anstatt nervige Probleme anzugehen, alles auf später verschoben. Doof nur, wenn die Freunde wie die Haare ausgehen, alles um dich herum ein Leben aufbaut und man Sorgen nicht mehr teilt, sondern selber damit klar kommen muss. Es wird nun also Zeit mal Luft zu holen und alles noch einmal zu bewerten…

So ein bisschen bei sich selbst stehen geblieben ist auch Olli Schulz, dem grundsympathischen Geschichtenerzähler und in seiner Form als Medienfigur der lustige Typ aus dem Fernsehen, der aber schon in seinem eigenen Format “Schulz In The Box” mehr Interesse an Zwischenmenschlichem als spätpubertäre Show-Rangeleien hatte.

Feelings aus der Asche ist also Schulz pur, ohne Schnitteffekte und Drehbuch. Dieser Einblick in die Seele des Songwriters beschäftigt sich mit sein Rolle als alleinerziehender Papa, Existenzängsten, Vergänglichkeit und selbst Uptempo-Nummer wie “Das kann hässlich werden” fallen durch Sarkasmus auf. Die Suche des Sonwriters geht klar Richtung Substanz, weniger Halligalli, mehr von dem was wirklich zählt. In einem der wenig glücklichen Momente auf den doch etwas düsterem Album lehnt seine Tochter den Kopf auf seinen Schoss und es sieht aus als ob der alte Mann (Schulz über Schulz) fernab von schrillen Auftritten seinen wahren Platz gefunden hat. Das große Abenteuer des Lebens hat gerade erst angefangen…

Joye Bada$$ – B4.Da.$$

(Sony, 30.01.2015)

Joey_Badass_B4.Da.$$20 Jahre ist er erst alt und das hier ist tatsächlich sein Debüt-Album. Gefühlt eine Ewigkeit liest man den Namen schon in den Blogs und allen anderen Medien, die sich ernsthaft und umfassend mit Musik beschäftigen. Man muss sich dieser Tage nun wirklich keine Sorgen um den Hip Hop-Nachwuchs in den Staaten zu machen, so hoch ist das Level, das Tyler und seine Odd Future-Kumpels vorlegen, aber eben auch der A$AP-Mop, dessen Gründer A$AP Yams lmit gerade mal 26 Jahren das Zeitliche segnete.

Wer nun gedacht hatte, Joye verzettele sich in Mixtapes, kann so dermaßen beruhigend durchatmen. Das Album flowt wie der Teufel und klingt deep und düster, wie eben die Eastcoast klingen muss. The Roots sind nur ein Teil eines beeindruckenden Produktionsteams hinter diesem Album, sind aber sicherlich so die erste Referenz, die einem einfällt und klar macht, dass wir hier über kein buntes Party-Album reden, sondern richtiges Dope. Trauriges Saxophon, tiefer Bass und ein entspannter Flow ist nun doch einfach was für die Ewigkeit und nicht für die Deppen-Disco.

Die 90er werden ja als die Golden Ära des Hip Hop bezeichnet, in Wahrheit befinden wir uns gerade in neuen goldenen Zeiten, in denen man sich langsam fragt, wann man eigentlich das letzte überzeugende Rock-Album in der Hand hatte. Joye BadA$$ gehört jedenfalls die Zukunft, wenn er dieses hohe Level halten kann.

Gaz Coombes – Matador

(Universal, 23.01.2015)

matador-packshot-shareGaz, who? Ja, man wird und fühlt sich alt, wenn man erklären muss, warum und wer der betreffende Interpret eigentlich ist, den man hier kennt. Gaz Coombes ist der Sänger der Band Supergrass, die mal in Zeiten des Britpop 94/95 eine Teenie-Sensationen waren und unfassbar schnell mit den nachfolgenden Alben teilweise über sich hinaus wuchsen, wie das immer noch großartige “In It For the Money” und das selbstbetitelte Album, das die Spannbreite der Band noch einmal erweiterte. In den 00er Jahren wurde es dann aber ruhig um die Band, die zwar ihren Britpop weiter kultivierte, aber auch komplett am Zeitgeist vorbei schrammelte.

Nun ist man mit 36 aber eindeutig zu alt für die Rock-Rente und das Gaz ein begnadeter Songwriter ist, merkt man diesem überraschend spritzigen Album an, das nun wirklich kein Alterswerk ist, sondern ein Lebenszeichen mit Ausrufezeichen. Als ob der Solo-Pfad wieder die Kreativität freigelegt hat, die den letzten eher mauen Supergrass-Alben fehlte.

Noel Gallagher`s High Flying Birds – Chasing Yesterday

(Sour Mash / Indigo, 27.02.2015)

noel-gallagher-chasing-yesterdayOha! Ein melancholisches Saxophon und viele Soundspuren leiten das neue Album von Noel Gallagher ein, der sich mit einer weiteren überzeugenden Scheibe weiter von dem großen Monolithen Oasis entfernen könnte, der immer noch seinen Schatten auf sämtliche Soloprojekte der ehemaligen Bandmitglieder wirft. Sein Bruder Liam ist mit Beady Eye überraschenderweise nicht wie erwartet grandios gescheitert, aber doch fehlte es trotz guter Musiker an wirklich zündenden Songideen, im Oktober des letzten Jahres wurde folgerichtig die Band eingestampft und so liegt es doch wieder an dem großen Bruder, das Erbe des großen britischen Pop weiter zu verwalten und den dringen benötigten Glanz zu verleihen. Denn gerade ist die britische Rockmusik in einem erschreckenden Zustand, da können auch The Royal Blood mit ihrem stark amerikanisch geprägten Rock nichts dran ändern.

Wie bereits am Anfang angesprochen ist Pink Floyd eine Referenz, die sich durch die ruhigen Momente des Album zieht, während die rockigen Nummern einen starken Kinks-Einfluss haben. Das kann man durchaus konservativ und rückwärts gewandt nennen, aber auch Oasis waren nie für große Innovation bekannt, sondern hatten den Fokus auf den großen euphorischen Melodien, die eine ganze Generation rund um den Globus für mindestens zwei Sommer lang verrückt machten und heute noch in den Kanon der britischen Musik gehören. Noel tut deswegen einen Teufel, seine Trademarks komplett über Bord zu werden, um den Kritiker-Nerds einen Gefallen zu tun, und fügt stattdessen geschickt Rock-Zitate zu und erweitert die Grundstruktur um ein paar nette Ideen, die dem Album in seiner Stimmung behilflich sind.

Am Ende ist es… ja…man darf es vielleicht schon Daddy-Rock nennen, aber dann doch bitte für junge Väter in ihren 30ern oder Nido-Leser, die auch noch nicht ganz genau wissen, wie der neue Lebensabschnitt so laufen soll. All jene für die Noel Gallagher wieder schöne Erinnerungen, Selbstzitate und auch einen kleinen Ausblick parat hat, auf die ganz großen Dinge, die das Leben noch so zu bieten haben wird.

Bilderbuch – Schick Schock

(Universal, 27.02.2015)

B3m4NoXIUAADNSDNewcomer liest man überall, Hype sowieso. Dabei gibt es die Band aus Wien schon seit 2005 und mit den Alben “Nelken & Schillinge” und “Die Pest von Piemont” sind Bilderbuch in Österreich schon längt kein Geheimtip mehr, von daher bekommen wir von unseren Nachbarn aus der Alpenrepublik nur ein müdes Lächeln wenn wir diese Band gerade als hottest Shit abfeiern.

Und verdammt was für ein großer Shit! Öfters Funky, etwas verschwurbelter Prog, mit Hip Hop im Blut und dann vor allem eines: POP. Hier darf alles mit jedem in schillernden Farben Liebe machen, solange ein guter Song dabei raus kommt, der zwar so lässig klingt als ob er gerade in kurzer Zeit im Sonnenstuhl auf dem Balkon entstanden ist, aber bei genauem Hinhören erkennen lässt, was für großartige Musiker Bilderbuch eigentlich sind.

Das haben sie ja mit dem anderen, wegen seiner Exzentrik stets unterbewerteten, Falco gemeinsam, dessen Crossover-Stück “Der Kommissar” schon in den frühen 80ern die Hip Hop Szene in den Staaten begeisterte und eine Vergangenheit mit der Art-Rock Band Radiweibalblabla hatte.

Bilderbuch schaffen jedenfalls locker ein Update des letzten großen österreichischen Popstar und toben sich mit kindlicher Freude an sämtlichen Instrumenten aus, bis auch der grummeligste Hörer irgendwann einfach seine Blockade-Haltung aufgeben muss und sich zu diesem Wahnsinn bekennt. So geht aufregende Popmusik im Jahr 2015, vielleicht schafft es Deutschland ja eines sehr fernen Tages auch sich aus der grauen und selbstverschuldeten SchlagerSilbermondCicero-Diktatur zu befreien, für die man unser Land augenblicklich von der musikalischen Weltkarte radieren sollte.


Vinyl-Rezi

Caribou – Andorra

(City Slang, 2007)

Discogs

Ich mag ja die verschlafenen Sommer-Sonntage in Friedrichshain. Wenn aus den Häusern Minimial-Techno oder House zu hören ist, während man sich verschlafen nach draußen vor ein Cafe setzt.

Obwohl Caribou alias Dan Snaith nicht aus der deutschen Hauptstadt stammt klingt Andorra nach verspultem Aufwachen, einer zu langen Nacht und verschwommenen Augen, die gerade blinzelnd in das brennende Sonnenlicht reinschauen.

Heute eigentlich normal, war das damals zusammen mit Four Tet ein großer Schritt für das Folktronica-Genre, was schöne Psychdelica der 60er mit Laissez-faire-Sound der Mitte-00er Jahre-Elektronica verband.

So und nicht anders hätte Brian Wilson geklungen, wenn er Pet Sounds elektronisch hätte weiter bearbeiten können. Zusammen mit Rounds von Four Tet eines meiner Lieblingsalben aus dem Genre und auch in Vinyl ein unbedingter Kauftipp, da die Doppel-LP einen satten Klang hat und das weiße 180gr-Vinyl in der limtierten Auflage SLANG 1047981 perfekt zu dem traumwanderlischen Sound der Platte passt.

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