15 Jahre – Happy Birthday, Plattentests.de

plattentests

Wenn ich nach meiner musikalischen Sozialisation gefragt werde, kommen mir natürlich als erstes die Bands in den Sinn, die ich als junger Teenager gehört habe: Nirvana, Metallica, NOFX, R.E.M… etc…. eben alles, was der early 90’s Alternative Rock und Metal so hergibt. Vielleicht verliere ich dann noch ein paar Worte dazu, wie ich von MTV geprägt wurde, wie ich die Plattensammlung meines älteren Bruders durchstöberte oder wie ich in den späteren 90ern auf diversen Festivals immer die Künstler suchte, von denen ich vorher noch gar nichts gehört hatte, einfach nur, um mir ein Bild davon zu machen, ob ihre Musik DIE perfekte Musik für mich sein könnte. Und dann, wenn es darum geht, welche schriftlichen Publikationen meinen Musikgeschmack entscheidend mitgeprägt haben, lande ich – noch vor Visions/Intro/Pitchfork/NME und Konsorten – ohne große Umwege direkt bei einem Namen: Plattentests Online. Ein – wohl gar nicht mal so kleines – Portal für Musikrezensionen, mit hervorragenden Texten, viel Potential für goldene musikalische Fundstücke abseits des Mainstream (und auch der eigenen Indie/Alternative/Rock Filter Bubble) und einem der außergewöhnlichsten Foren des gesamten Internets. Diese großartige Seite wurde diesen Monat 15 Jahre alt. Zeit für ein paar Glückwünsche und Worte des Dankes.

Es dürfte wohl Anfang der 2000er gewesen sein, als ich zum ersten Mal auf Plattentests gestoßen bin, wahrscheinlich in meiner Post-Abizeit auf der Suche nach neuer spannender Musik, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Und im Gegensatz zu anderen Musikportalen, auf denen ich damals hin und wieder unterwegs war (Hat da jemand ‘Laut’ gesagt?), bin ich auf Plattentests komplett hängen geblieben. Design und Userface dürften dabei wohl kaum eine Rolle gespielt haben, denn diese wirkten schon damals spröde, anachronistisch, im Vergleich zu der Konkurrenz in ihrer merkwürdigen orange/blau-Farbsetzung alles andere als augenfreundlich. Zumindest eines hatte das sperrige Design (an das man sich als Fan der Seite dann doch erstaunlich schnell gewöhnte und das mittlerweile um einiges schicker geworden ist) für sich: Das berühmt. berüchtigte “Content is King” wurde hier tatsächlich ernst genommen. Keine überflüssigen Goodies, keine verspielten Widgets und nervigen interaktiven Features. Nichts von damals noch so populären Flash-Massakern und keine Java Script Höllen… wie bereits gesagt, just Content = King; und was für ein strahlender würdevoller König das war!

An erster Stelle natürlich die Texte: Bei nur wenig anderen Musikkritikern findet man solch verschnörkelte, leidenschaftliche, verspielte und humorvolle Rezensionen. Natürlich unterscheiden sich auch bei Plattentests die Texte von Rezensent zu Rezensent in Stil und Form, gemein haben sie jedoch alle ihre Freude am ungewöhnlichen Stil, der weiter über nüchternes, verklemmtes Stiftung Warentests Geschreibsel hinausgeht: Da werden Rezensionen auch mal als verkitschte Liebesbriefe formuliert, als wütende Pamphlete, als ironische Trollereien oder aber auch als verschwurbelte Gedankenexperimente auf der Suche nach der Transzendenz der rezensierten Musik. Im Gegensatz zu anderen Schreibwerkstätten dieses Kalibers (Hat hier jemand SPEX gesagt?) klingt das bei Plattentests aber nie prätentiös oder selbstverliebt. Im Mittelpunkt steht immer die getestete Musik und nach dem Durchlesen einer – üblicherweise recht kurzen – Plattentests-Rezension hat man meistens ein ziemlich gutes Gefühl dafür, wie diese Musik klingen könnte.

Aber es ist nicht nur die leidenschaftliche Schreibe, die Plattentests so besonders macht. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikmagazinen (Hat hier jemand Visions gesagt?) laufen die PT-Rezensenten nie den Hypes und Trends hinterher, lassen sich nicht so schnell von Musik, die sich als der gerade heißeste Scheiß präsentiert, um den Finger wickeln. Stattdessen war Plattentests immer kritisch… verflucht kritisch! So kritisch, dass auch mein junges Fanboy-Herz immer mal wieder unter den – gnadenlos die Qualität der Musik sezierenden – Texten leiden musste. Deutlich wird dies bereits, wenn man sich die Vergabe der Höchstwertung anschaut. Gerade einmal 12 Platten haben während des 15jährigen Bestehens der Seite die ominösen 10/10 Punkte erhalten. Das ist im Schnitt weniger als eine Scheibe pro Jahr; und wenn man bedenkt, dass die Redaktion in den ersten beiden Jahren ihres Bestehens doch generöser war als später, ein umso beeindruckenderes Musterbeispiel an kritischer Rezeption.

CDs, die bisher bei Plattentests die Höchstnote erhalten haben (Stand, Dezember 2014)

Alt-J – This is all yours
…And You Will Know Us By The Trail Of Dead – Source tags & codes
Blur – 13
The Cure – Bloodflowers
dEUS – The ideal crash
Dredg – El cielo
Modest Mouse – Good news for people who love bad news
Joanna Newsom – Ys
Queens Of The Stone Age – Songs for the deaf
Radiohead – Kid A
Radiohead – Amnesiac
Elliott Smith – Figure 8

Unter Lesern der Seite ist es eine fast schon legendäre Frage, wann denn nun endlich die nächste 10/10 gekürt werden könnte. Als Alt-J heuer diese besondere Ehre zu Teil wurde, war die Aufregung entsprechend groß, lag die letzte Höchstnote (für Joanna Newsom) doch schlappe acht Jahre zurück. Ich glaube eine derart kritische, mit Höchstnoten derart geizige Musikseite findet man im Internet – egal ob hierzulande oder weltweit – kein zweites Mal.

Ebenfalls einzigartig wird Plattentests durch seinen “Update-Rhythmus”. Im Gegensatz zu vielen anderen Rezensionsseiten werden die Leser nicht tagtäglich mit Rezensionen bombardiert, stattdessen gibt es einmal in der Woche – ebenfalls ziemlich legendäre – Updatemarathons, in denen ungefähr eine Stunde lang die aktuellsten Rezensionen peu à peu veröffentlicht werden (was bei mir für so manchen schmerzhaften F5-Finger gesorgt hat), und an deren Ende die Offenbarung des aktuellen Albums der Woche steht (auf das dann nebenbei noch in einem Wettbüro gewettet wird). Was bei vielen anderen Portalen als Defizit erscheinen könnte – und in Zeiten von Blogs und Echtzeitaktualisierungen ein beinahe niedlicher Anachronismus Richtung 90er Musikjournalismus ist (Hat hier jemand Musikexpress gesagt?) -, passt bei Plattentests perfekt zum entschleunigten Konzept, das sich nicht um Trends und internettige Schnell- und Kurzlebigkeit kümmert. Ebenso alles andere als ein Defizit ist das Fehlen von Konzertberichten, News, Tratsch und all dem anderen Gedöns, den man auf anderen Musikseiten findet. Stattdessen gibt es Plattenrezensionen pur. 20 Stück die Woche, ohne große Aufregung, ohne Ablenkung… eben einfach das, was man als Musikliebhaber will und erwartet. Plattentests.de steht wie kaum ein anderes Musikmagazin für “Less is more!” und versucht gar nicht erst mehr zu sein, als eine konsequente, wöchentliche Servierung äußerst lesenswerter Musikrezensionen.

Und die Auswahl an Platten ist dabei – um das noch kurz zu sagen – tatsächlich famos. Natürlich spielt sich Plattentests schon in einer gewissen Indie-Rock-Bubble ab, diese wird aber immer wieder durch überraschende Ausflüge Richtung Electro, Richtung Hip Hop, Richtung Metal, Richtung Pop aufgebrochen. Da darf dann auch mal ein Haftbefehl eine 8/10 kassieren (übrigens ohne das akademische Gewäsch des restlichen Feuilletons, stattdessen erfrischend selbstreflektiert und mit einem fetten Augenzwinkern), da darf dann auch mal Justin Timberlake abgefeiert, eine ultraharte Black Metal Scheibe zum Album der Woche gekürt werden oder ein Unheilig, ein Tokio Hotel oder ein Thomas D. unter der gnadenlosen Feder eines sarkastischen Schreiberlings einen Verriss erleben. Die Diversität und das Scheißen auf musikalische Grenzen trägt viel zum Erlebnis auf Plattentests bei: Hölle, wie viele Musiker habe ich schon auf PT entdeckt, gerade weil die Rezensionen mich “gezwungen” haben, über meinen eigenen musikalischen Tellerrand hinauszublicken? Plattentests ist vielleicht nicht ganz so diversifiziert wie Pitchfork, dafür macht die Seite es einem aber gerade mit den wenigen spontanen Ausreißern um so leichter, mal wirklich in Genres zu wühlen, die einem vorher nicht zusagten, oder gar vollkommen unbekannt waren.

Ohne die hohen Wertungen von Plattentests hätte ich wohl nie dem kitschigen Bombast-Indie von Arcade Fire mehrere Chancen gegeben (mittlerweile eine meiner liebsten Platten der 00er Jahre), hätte ich wohl nie versucht in Modest Mouse mehr zu hören als einen drögen Pixies-Klon (mittlerweile auch sehr ans Herz gewachsen). Dank Plattentests habe ich Castanets entdeckt, The Mountain Goats, Elliott Smith (Ich oller Songwriter-Verächter). Plattentests hat mit seiner Begeisterung für Godspeed You! Black Emperor, Sigur Ros und A Silver Mt. Zion einen erheblichen Teil zu meiner Postrock-Verliebtheit beigetragen, sie haben mit 31knots schmackhaft gemacht, Bohren & der Club of Gore und CocoRosie… und das sind nur ein paar Beispiele. Mit dem musikalischen Namedropping könnte ich ewig weitermachen und ich würde wahrscheinlich immer noch unzählige Bands vergessen, von denen ich ohne Plattentests wahrscheinlich nie gehört hätte, oder denen ich ohne die Mithilfe von Plattentests vermutlich keine Chance gegeben hätte. Wie gesagt, ohne deren großartige Rezensionen wäre meine musikalische Sozialisation eine komplett andere.

Und zu guter letzt, um das wenigstens noch kurz erwähnt zu haben, Plattentests.de besitzt eines der schrägsten und schönsten Foren der gesamten Internetlandschaft. Auch wenn ich mich da mittlerweile nicht mehr rumtreibe, habe ich dort doch – unter dem Nickname Seiltänzer – einige verflucht schöne Stunden erlebt. Das Plattentestsforum ist ein anarchischer, chaotischer Platz der Netzdiskussionskultur: In den frühen 2000ern war das auch ein bisschen mein 4chan. Keine Registrierung, eine sehr entspannte Moderation und ein schier unübersichtlicher Haufen an spannenden Diskussionen, albernen Trollereien, Gaga-Threads, Philosophie-Threads, Gesprächen über Musik, Gesprächen über Politik, Gesprächen über alles, worüber man reden kann…

…und zudem eine Ansammlung der interessantesten und sympathischsten Diskussions- und Konversationspartner, die ich bis dato online gefunden habe. Auf Plattentests habe ich diesen komischen Ruhrpott-Zyniker kennen gelernt, mit dem ich heute zusammen Seite360 schmeiße. Auf Plattentests habe ich mir im legendären “Ich finde es cool, dass…”-Thread die Nächte um die Ohren gehauen, mich über Politik gestritten, Best-of Listen zusammengestellt und eine Menge cooler Gespräche mit coolen Leuten geführt. Ja, das ist jetzt auch schon länger her und meine Chat- und Forenfreude hat seitdem sehr nachgelassen, ich denke aber immer noch gerne an diese Zeit zurück und freue mich – eher so als passiver Leser – immer noch, wenn auf meinem Facebook-Stream interessante Beiträge von ehemaligen Plattentests-Foristen aufploppen (ihr Angesprochenen wisst, dass ihr gemeint seid).

Insofern, noch einmal: Danke liebes Plattentests.de für die letzten 15 Jahre. Danke Armin, Oliver und der Rest der Bagage für die tollen Rezensionen, für die zahllosen Musikempfehlungen und spannenden Entdeckungen, die ich euch zu verdanken habe. Danke liebe Forenmember für die spannenden Gespräche und Diskussionen. Happy Birthday, Plattentests.de; versorge uns noch lange weiter mit deinem einzigartigen Konzept, deinen spannenden Texten und immer wieder überraschenden musikalischen Entdeckungen.

2 Kommentare zu “15 Jahre – Happy Birthday, Plattentests.de

  1. Jepp… ich denke du dürftest knapp vor Daniel Gerhardt solide auf dem ersten Platz liegen, was geschmackliche Übereinstimmung betrifft. :)

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