Filmabriss (Science Fiction, 2014): Under the Skin, Elysium, Edge of Tomorrow, Transcendence

scifi2014

So es ist mal wieder an der Zeit für einen kleinen Filmabriss, der sich tatsächlich konsequent aktuellen Filmen widmet: 2014 scheint wie bereits 2013 auf den ersten Blick ein ganz hervorragendes Jahr für das SciFi Genre sein. Nachdem ich vor ziemlich genau einem Jahr meine Begeisterung für Oblivion und Ender’s Game und vor knapp einem halben Jahr meine Begeisterung für Her, Lucy und den Planet der Affen kundgetan habe, sind in den letzten Monaten noch ein paar weitere interessante Genre-Beiträge durch mein Heimkino gerauscht, und das dann auch gleich in den unterschiedlichsten Variationen: Zum einen das Genre als Leinwand für artifizielles, eskapistisches Kunstkino in der Scarlett Johansson One-Woman-Show Under the Skin, zum Zweiten das Genre als Leinwand für dystopische Gesellschaftskritik in Elysium, zum Dritten das Genre als Hintergrund einer philosophischen Auseinandersetzung mit KI und Digitalität in Transcendence und last but not least, das Genre als Vorwand für Big Budget Kriegs- und Actionkino in Edge of Tomorrow. Welcher der Beiträge was taugt, lest ihr nach dem Klick.

Under the Skin [Jonathan Glazer]

(Großbritannien, 2013)

Under_the_Skin_posterEine namenlose Frau (Scarlett Johansson) fährt in einem Lieferwagen durch Schottland. Scheinbar wahllose spricht sie männliche Passanten auf der Straße an, verwickelt sie in Small Talk und scheint dabei das Ziel zu verfolgen, die Angesprochenen in ihren Wagen und schließlich in ihr Haus zu locken. Die Männer, die sich auf ihr Angebot einlassen, werden dort von ihr verführt, während sie peu à peu in einer undefinierten, schwarzen Flüssigkeit versinken, von der sie schließlich komplett umfangen und aufgesaugt werden. Begleitet wird die sukkubische Frau von einem Motorradfahrer, der hinter ihr “aufräumt” und offensichtlich in irgendeiner Form von ihren Opfergaben profitiert. Doch dann beginnt die Frau plötzlich ihre “Opfer” zu verstehen, zu schätzen und einen Zugang zur Menschlichkeit zu gewinnen.

Klingt kryptisch, klingt abstrakt, klingt artifiziell? Willkommen in Under the Skin von Jonathan Glazer, der seinem Publikum bereits mit Birth alles andere als gewöhnliche Genrekost vorsetzte. Under the Skin bleibt im Raum der Abstraktion noch konsequenter gefangen als sein Vorgänger, schlicht und ergreifend, weil er sich gnadenlos mysteriös und vor allem schweigsam (mancher würde sagen: “maulfaul”) gibt. Eine Interaktion zwischen der “Frau” und ihren vermeintlichen Unterstützern/Auftraggebern? Pustekuchen. Eine Erklärung, warum, wofür, aus welchem Antrieb und zu welchem Ziel? Weit gefehlt! Dialoge jenseits des scheinbar belanglosen, inhaltsleeren Smalltalks? Nada. Under the Skin verlässt sich in seiner Erzählung voll und ganz auf seine in der Tat beeindruckenden und hypnotischen Bilder, erklärt sich nicht, deutet aber auch nicht besonders viel und bleibt dadurch radikal offen. So kann der Zuschauer dann auch, ganz nach eigener Facon, den Film entweder feministisch oder misogyn deuten, als Kommentar zur zwischenmenschlichen Vereinsamung lesen oder als bissige Satire auf randomisierte, zweckentbundene Sexualität. Konservativ, progressiv, zynisch oder nachdenklich… Im minimalistischen Grundgerüst der Sprachlosigkeit scheint alles drin zu sein.

Was eine große Stärke des Films sein könnte, wird in dem Fall allerdings in Verlauf der Handlung tendenziell eher zu einer Schwäche. Under the Skin ist derart relativ, dass sich früher oder später der Eindruck einstellen muss, einem gewitzten, tatsächlich beeindruckenden aber dennoch ziemlich faulen Budenzauber auf den Leim zu gehen. Denn von seiner artifiziellen Inszenierung, seinen surrealen Szenen befreit entpuppt sich dieses Science Fiction Märchen als bloße Repetition sattsam bekannter Genre-Klischees: Der Alien Sukkubus, die Konfrontation von Humanem und Ahumanem, die Sex- und Tod-Symbolik. Von den Körperfressern über Alien bis zu Species hat man das alles schon mal gesehen. Die wesentliche Stärke von Under the Skin liegt woanders begraben:

Abseits des durchschnittlichen SciFi-Plots und der eskapistischen Bilder punktet Glazers hypnotische Erzählung durch das vage Moment ihrer eigenen Narration: Manche Passantendialoge sind tatsächlich quasi Dokumentationsmaterial, Gespräche und Situationen sind auf der Straße spontan entstanden, zumindest dem Schein nach mit Nichteingeweihten. Zugleich wirken einige der Dialoge und Szenen zwischen den “echten” Schauspielern improvisiert, im nächsten Moment komplett durchchoreographiert um schließlich beim ästhetizistischen fotografischen Ballett anzukommen. Das besondere an Under the Skin ist, mit welcher Leichtigkeit er den Zuschauer stets im Unklaren über seine eigene Konsistenz lässt, in seiner artifiziellen Intransparenz das Medium ironischerweise sichtbar macht und dabei die Frage eröffnet, wie viel Trug, wie viel Dokumentation, wie viel Schein und Sein im Film nebeneinander existieren können. So wird Under the Skin zu einer Auseinandersetzung mit seiner eigenen Entstehung, seiner eigenen Rolle zwischen Science Fiction Klischees, überambitioniertem Kunstfilm, Laientheater, spontaner Improvisation und Mock-up Dokumentation.

Im Prinzip also eine Art Tech-Demo für Freunde des Genrekinos. Kein an und für sich hochwertiges Meisterwerk, aber ein Film, der viel andeutet, was in Zukunft im Genre möglich sein könnte, ein Film der sich in seinen besten Momenten traut, tatsächlich jegliche bekannte narrative Konventionen zu sprengen und komplett neue Chancen für Dramaturgie, Narration und Inszenierung zu finden. Under the Skin mag weder der beste Kunstfilm noch der beste Science Fiction Film des Jahres sein, aber er ist einer der mutigsten Genrebeiträge seit dem aus anderen Gründen mutigen überambitionierten Großprojekt Cloud Atlas. Und allein deswegen schon sollte ihn sich kein Freund des Genres entgehen lassen.

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Elysium [Neill Blomkamp]

(USA, Kanada, Mexiko 2013)

Elysium_PosterWir schreiben das Jahr 2154: Nachdem die Welt durch Ressourcenvergeudung, Kriege und Überbevölkerung ziemlich vor die Hunde gegangen ist, haben sich die obersten 1% auf die im Orbit befindliche Raumstation/Arche Elysium geflüchtet. Während sie dort alle Vorzüge eines privilegierten Lebens genießen – das neben ausschweifendem Hedonismus und großzügigem Wohnraum auch eine medizinische Rundumversorgung inklusive Unsterblichkeit zu bieten hat – muss die Masse der armen, arbeitenden Bevölkerung auf dem heruntergekommenen Planeten vor sich hinvegetieren und in gigantischen Industriekomplexen für die Einwohner Elysiums schuften. Einer dieser Erdenbewohner ist Max Da Costa (Matt Damon), der trotz Armut und sattem Vorstrafenregister nie den Traum von einer Flucht von der Erde in das vermeintliche Paradies aufgegeben hat. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ergibt sich für ihn plötzlich nicht nur die Möglichkeit sondern gar die Notwendigkeit genau diesen Weg anzutreten, koste es, was es wolle.

Die Prämisse von Elysium ist nicht nur vielversprechend sondern geradezu umwerfend. Wenn illegale Flüchtlingsschiffe von der Erde ihren Weg nach Elysium antreten und kurz vor Andockung an die Raumstation abgeschossen und zum Sterben im All zurückgelassen werden, wenn erfolgreiche Ankömmlinge gleich verhaftet und wieder auf die Erde abgeschoben werden, wenn die Elysianer alles tun, um ihren Status und Wohnort zu verteidigen, fühlt man sich schnell an die aktuellen menschlichen Tragödien vor der europäischen Küste erinnert. Das ganze Szenario von Elysium funktioniert genau so wie man es von einer sozialkritischen Dystopie erwartet: Düstere Tendenzen unserer Zeit werden aufgenommen und konsequent weitergedacht, bis sie eine dunkle und zugleich erschreckend folgerichtige Zukunftsvision ergeben und dabei unserer Gesellschaft stets den Spiegel vorhalten. Leider verlässt Elysium jedoch der Mut, dieses Narrativ konsequent zu Ende zu denken. Anstatt mit der Prämisse tiefergehend zu arbeiten, verstrickt sich dieser Science Fiction Reißer in diverse Plots und Subplots: Eine Roboterdiktatur, Mensch-Maschinen-Verschmelzungen, Märtyrer-Symbolik, die Frage nach dem Wert des Lebens… sobald Elysium Fahrt aufgenommen hat, bombardiert er den Zuschauer geradezu mit Parabeln, Metaphern und Fragestellungen.

Als wäre das nicht genug, entwickelt sich der vordergründige Plot auch noch zum gewaltigen Actionfeuerwerk, in dem ein Einzelkämpfer sich gleich gegen tausende Verteidiger einer korrupten Systems zur Wehr setzen und sich zudem die Frage stellen muss, wem er noch vertrauen und auf wessen Hilfe er bauen kann. Zu viel. Viel zu viel. Durch seine rasante Erzählung und seine zahllosen Themen wird Elysium zwar nicht unübersichtlich, kratzt aber in jedem einzelnen Punkt nur an der Oberfläche. Die Action funktioniert nicht als bombastisches Unterhaltungskino, weil sie ständig vom sozialkritischen Ton zerschnitten wird, die aufgeworfenen Fragen sind in ihrer Disposition alle spannend, werden aber durch ihre oberflächliche Auflösung nahezu konterkariert, und gegen Ende zerplatzt das gesamte Gerüst in einer gewaltigen, ziemlich hohlen SciFi-Blase. Dabei ist Elysium wirklich kein schlechter Film. Das Szenario ist beeindruckend, die Erzählweise ist verdammt kurzweilig, die Themen, jedes einzelne für sich, sind lohnenswerte Dystopie-Kost… aber durch seine Angst vor der eigenen Irrelevanz durch zu viel Tiefgründigkeit wird der Film genau das: Irrelevant durch Überladung. Am Schluss bleibt nur die Erinnerung an ein kurzweiliges Science Fiction Spektakel ohne großen Nährwert… und das erinnert leider allzu deutlich an District 9, der seine herausragende Prämisse auf ähnlichem Weg verpulverte. Schade drum. Ansehen kann man sich diesen SciFi-Flick zweifellos, und eine Menge Spaß dabei haben ebenfalls. Aber Enttäuschung über das verschenkte Potential ist leider vorprogrammiert.

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Edge of Tomorrow [Doug Liman]

(USA 2014)

Edge_of_Tomorrow_PosterDann lieber doch konsequentes Spektakelkino ohne intellektuellen Ballast. Und genau das liefert Edge of Tomorrow zur Genüge. Fast schon peinlich, dass das bereits der zweite Tom Cruise Science Fiction Actioneer innerhalb kurzer Zeit ist, den ich bedingungslos empfehlen kann. Die Story hat Schmiss und schlägt so manche amüsante Haken. Tom Cruise passt perfekt in die Rolle des schmierigen, feigen Public Relations Major, der plötzlich als einfacher Rekrut seine mutige und heroische Seite entdeckt. Und die ganze Erzählung ist natürlich pures Nerdgold: Und täglich grüßt das Murmeltier trifft Krieg der Welten trifft Starship Troopers? So was von gekauft! Man sollte als Zuschauer bloß keinen intelligenten Hintergründe, keine komplexe Metaphorik oder eine Geschichte mit parabolischem Symbolgehalt erwarten… dann stellt man sogar fest, dass Edge of Tomorrow verdammt clever arrangiert ist, seine Geschichte zwar straight aber mit genügend Haken und Ösen erzählt und zwischendurch sogar Zeit für launige Pseudophilosophie findet.

Logik hat zwar größtenteils – wie die fundamentalen Naturgesetze – Sendepause, dafür gibt es aber Spektakel, Spektakel und nochmal Spektakel: Großartige Actionszenen, coole Außerirdische, eine absolut stimmige Chemie zwischen Tom Cruise und Emily Blunt (die als Elitesoldat dem Hauptdarsteller so manches mal die Show stiehlt) und eine ganze Reihe verdammt unterhaltsamer Sidekicks. Jepp, das ist alles in allem SciFi-Eskapismus durch und durch. Inhaltsleeres, kurzweiliges Blockbusterkino, das pausierte Gehirnzellen ebenso verlangt wie eine große Popcorntüte und eine “Fuck Yeah!”-Einstellung zu gewaltigen Explosionen und stereotypen Onelinern. Dann steht dem Filmvergnügen nichts im Weg.

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Transcendence [Wally Pfister]

(USA 2014)

Transcendence2014PosterWenn eine Geschichte davon handelt, dass Johnny Depp sich als todkranker Wissenschaftler digitalisieren lässt, um fortan als transzendentales Computerwesen mit großen Ambitionen im weltweiten Datennetz weiterzuexistieren, scheint erst einmal alles drin zu sein. Erst Recht wenn Chris Nolans Hauskameramann und Regie-Zögling Wally Pfister für die Inszenierung verantwortlich ist. Leider kann Transcendence die damit verbundenen hohen Erwartungen zu keiner Zeit vollständig erfüllen. So lobenswert der Ansatz ist, dem Protagonisten eine starke Wissenschaftlerin zur Seite zu stellen, die sich im Laufe des Films dann auch zur heimlichen Hauptrolle entwickelt, so sehr sorgt der Ansatz in diesem Fall dafür, dass sich der Film doch zu sehr in Richtung eines stereotypen “Liebesgeschichte wird zum Stalking-Horror” Thrillers entwickelt. Aber darin liegen noch nicht einmal die Hauptprobleme des Films…

…Ungewohnterweise leidet Transcendence unter etwas, was andere Genre-Beiträge oft vermissen lassen: Zu. Viel. Ambivalenz. Natürlich spricht überhaupt nichts dagegen, Charaktere, Situationen und Geschichten zwiespältig zu erzählen, dramaturgisch zu differenzieren und dem Zuschauer bestimmte moralische Fragen offen zu halten. Transcendence tut dies allerdings auf derart inkonsequente, holprige Weise, dass es mehr und mehr zum Ärgernis wird. So scheint der Film nach gut einer halben Stunde zu bemerken, dass ihm die Konflikte ausgehen, woraufhin er seine digitale Entität erst einmal knallhart, vollkommen unmotiviert zu einem übermächtigen Monstrum aufbaut. Und als er dann feststellt, dass er sich viel zu sehr in technikfeindlichem Kulturpessimismus verloren hat, versucht er noch einmal die Kurve zu kriegen, indem er über seine Gesamtstory fast schon schmerzhaften Esokitsch stülpt. Überzeugen kann beides nicht; ebenso wenig die Tatsache, dass skrupellose apokalyptische Sektenanhänger und Terroristen plötzlich Sympathieträger sein sollen (denn sie haben es ja schon immer gewusst), dass zwei Jahre einer ziemlich rasanten Entwicklung einfach so ohne Konflikt übersprungen werden können oder dass am Ende die simpelste Lösung der Probleme die genehmste zu sein scheint.

Man möchte fast weinen, angesichts so vieler Möglichkeiten die im Szenario des Films verborgen liegen, angesichts so vieler großartiger Fragen, die er aufwerfen könnte. Aber durch seine Inkonsequenz, durch sein Stolpern zwischen moralischen Ansprüchen, die letzten Endes doch auf “Digitalität, gut oder böse?” hinauslaufen, zerschießt sich der Film jederzeit die Möglichkeit, mehr zu sein als bloßer aufgeblähter SciFi-Kitsch, der gerne die Dichte eines 2001 besäße. Irgendwie nichts halbes und nichts ganzes und am Schluss dann auch nicht mehr als inhaltlich recht belangloser semireligiöser Genre-Quark, der zwar gute Absichten hat, aber an der Angst vor einer klaren Haltung scheitert.

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