Hörenswertes, Herbst: Castanets, Swans, Electric Wizard, …And you will know us by the trail of dead

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Sorry Leute. Seht es ein. Der Sommer ist vorbei, der Punk ist tot und der Pop riecht schlecht. Anbei sende ich euch trotzdem ein paar kalte Grüße, serviert von (Schenkt ihm endlich die Aufmerksamkeit, die er verdient) Raymond Raposa aka Castanets, den  auf ihrem eigenen Trip hängengebliebenen (wenn es möglich wäre, würde ich eure Musik ficken!) Swans, den nach wie vor umtriebigen (Wo liegt meine Bongh?) Electric Wizard und den Seite360-Dauergästen (sorry, aber verdammt seid ihr alt geworden!) …And you will know us by the trail of dead. Das wird ein guter Herbst…

Castanets – Decimation Blues

(Asthmatic Kitty, 22.08.2014)

decimation-blues-castanetsSeit dem unterschätzten, leider auch etwas in Vergessenheit geratenen Alternative Country Meisterwerk Cathedral (2004) sollte man Raymond Raposa immer auf dem Schirm haben, wenn es um das beste Indie Folk Album des Jahres geht. Der Mann weiß einfach, wo der Blues herkommt und was er damit zu tun hat, um vollkommen neue, überraschende Soundlandschaften zu kreieren. Dass er es dabei mitunter mit dem Eklektizismus übertreibt? Geschenkt. Dass das mitunter nicht mehr viel mit klassischem Folk zu tun hat? Ebenso geschenkt. So lange solch fiebrige, melancholische und disversifizierte Meisterwerke wie Decimation Blues rauskommen, kann der Mann dem ganzen Genre auch gerne den ausgestreckten Mittelfinger zeigen, ohne dass ich es ihm übel nehmen würde. Auf dem 2014er Geniestreich kommt der ausgestreckte Mittelfinger in Form von eskapadischen Electrosounds daher, verstörenden – da nie den Pop ganz treffenden – RnB-Interruptionen und wäre das nicht genug, auch noch in hypnotischen Ausflügen Richtung Post Jazz und Art Pop Rhythmen mit kleinem Augenzwinkern Richtung Oxford.

Dabei denkt Raposa gar nicht erst daran in diesem himmelsschreiend ungerechten, zitiergeilen Kuriositätenkabinett zu ernst oder zu prätentiös zu werden. Stattdessen schleudert er seinen Hörern ein wunderbares, electrofolk schludriges 3-Minuten Epos nach dem anderen entgegen, wird auch gerne mal zum Komplettminimalisten, nur um kurz darauf schwere Geschütze aufzufahren und durch die gesamte Musikgeschichte zu wildern. Das steckt voller Wohlfühlmelodien, voller Hingabe an das Medium Musik, voller Liebe zum musikalischen Gefühl und voller zurückgehaltener und leichtfüßig erodierender Energie. Spätestens mit dem fiebrigen, hitzköpfigen “My girl comes to the city” schüttelt er dann auch noch im Vorbeigehen den Song des Jahres aus seinem Ärmel, kurz bevor dieser in einem düsteren Postrockgeflimmer aufgelöst wird: “Well Ohio, Ohio what are we gonna do.” Dieses verdammte Electro/Folk-Album hören, bevor es zu spät ist!

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Swans – To be kind

(Mute, 09.05.2014)

Swans_To_Be_KindAchja, die Swans… leicht machten sie es einem nie mit ihren letzten Veröffentlichungen; weder den Hass noch die Liebe. Also, um den Schwan gleich von hinten zu schlachten: Auch To be kind ist wie schon The Seer große, prätentiöse Kackscheiße. Voller überambitionierter Hymnen, die es nie unter 7 Minuten, dafür aber gerne mal über einer halben Stunde machen. Ein einziges experimentelles Rumgewichse von pseudointellektuellen Sounds, die wirklich alles versuchen, um irgendwie avantgardistisch, irgendwie State of the Art zu klingen. Und dann kommt dieses 2-Disc-Monstrum auch noch mit dem hässlichsten Plattencover der Bandgeschichte daher (was bei den Swans gar nicht so einfach ist)…

Und verdammt, wäre es leicht dieses absurd übertaktete Prog-Ungetüm zu hassen… wenn es nicht wieder einmal so verflucht sexy wäre. Die Swans waren schon immer – auch in den 80ern – die erotischen Hypnotiseure unter den Postpunkern, Postrockern, Postdoomern… und das haben sie auch 2014 nicht verlernt. Da können noch so viele noisige Störfeuer abgefeuert werden. Wenn die monotonen Gitarrenwände dich umarmen, wenn Michael Gira dich mit seiner hypnotischen Stimme zu einem Trip durch Doom, Noise und Art Rock entführt, wenn der Blues dich in den Soundteppichen umschmeichelt, als wäre dies die einfachste Sache der Welt, dann kann der Duktus des Albums noch so artsy, noch so selbstverliebt, noch so arrogant sein. Es kriegt dich einfach! To be Kind ist ein raffinierter Charmeur, der sich im Dschungel des experimentellen Sounds versteckt, sobald er aber enttarnt ist, schwere Geschütze auffährt: Verführung, Verfluchung, Bezauberung und Gefangennahme… und das ganze mit einem Handkuss und einem Biss in die Halsschlagader.

Da ist es dann auch gar nicht so abwegig, sich nach dem Hörgenuss dieses Höllentrips ordentlich durchgefickt zu fühlen. Nichts anderes machen The Swans, wenn sie sich erst einmal gepackt haben; multiple Orgasmen inbegriffen. To be Kind ist enervierend, brutal, anzüglich, mitreißend, lüstern… und dabei ein hoch sinnlicher Genuss. Was uns das Album bei all dem sagen will? Von ihm selbst werden wir es sicher nicht erfahren: Ein Gentleman genießt und schweigt.

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Electric Wizard – Time to die

(Spinefarm, 30.09.2014)

ElectricWizardTimeToDiecoverDoom, Motherfucker! Egal ob sich Electric Wizard gerade an Sabbath, Kyuss oder den Melvins orientieren… man weiß doch immer, was man von der Stoner/Doom/Metal Band bekommt, die sich mittlerweile seit fast 20 Jahren im Genre rumtreibt. Auch Time to Die macht diesbezüglich keine Ausnahme. Konstanz und Eklektizismus harmonisch vereint in einem wenig überraschenden, aber dennoch angenehm verschlurftem Stoner Doom Album. Nach dem letzten, eher durchwachsen klingenden Album – Black Masses – haben sich die Briten dieses Mal wieder etwas zusammengerissen und einen tiefen Schluck aus der Nostalgieflasche genommen. Genau genommen haben sie sich mit dieser regelrecht betrunken, klingen sie doch auf diesem 2014er Output so sehr nach klassischem Doom Metal à la Black Sabbath wie schon lange nicht mehr. Angeführt von schrägen 80er Samples wälzen sich die verdrogten Doom-Ungetüme über ihre Hörer und hinterlassen dabei ordentlich wummernde Schädel. Hinzu kommt eine nicht zu unterschätzende Punk-Attitüde mit der die schwermütige, schwerfällige, schwerschwere Atmosphäre von Time to Die immer wieder aufgebrochen wird. Klar haben sich auch dieses Mal wieder ein paar “Längen” eingeschlichen, die gehören aber bei Electric Wizard seit jeher auch irgendwie dazu… und wenn schon einen ordentlichen Kater fabrizieren, dann auch richtig. Time to Die ist das stärkste Album von Electric Wizard seit Dopethrone und kann jedem Fan staubtrockener, monotoner Riffs und verzweifeltem Acid Gesang nur wärmstens ans Herz gelegt werden.

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…And You Will Know Us By The Trail Of Dead – IX

(Universal, 17.10.2014)

Trail-of-dead-IX-Album-cover-320x320Krass, die Nummer 9. Eigentlich kaum vorstellbar, dass eine Band, die ich seit ihrer Anfangszeit mitverfolge, demnächst zweistellig wird. Dabei haben es Trail of Dead ihren Fans der ersten Stunde nie leicht gemacht: Vom wütigen Noise der 90er Jahre ging es über eine Verbrüderung von Rock N Roll und Prog hin zu epischem Indie Rock, danach wurde der Pop mehr als einmal umarmt und plötzlich fanden sich die Texaner doch wieder beim harten Noise der Frühzeit wieder. Sicher durfte man sich auf der Spur der Toten nie sein, und wenn man sich gerade an einen neuen, ganz anderen Sound gewöhnt hatte, schlug das folgende Album meist umso derber in die Nacken- und Magengegend. Auch IX macht dabei keine Ausnahme. Wer geglaubt hat, es ginge nun auf dem rockigen und rolligen Pfad von Tao of the Dead weiter, musste schon im postrockig angehauchten dritten Teil der Saga feststellen, dass Keely und seine Jungs mit ihrer Experimentierfreude noch längst nicht am Ende sind. Nach der Härte, nach der Leichtigkeit, nach dem Symphonischen und nach dem Eklketischen folgt… die Dichte… Ohja, die Dichte.

Auch wenn AYWKUBTTOD schon immer ihre Songs zu komplexen, dichten, stetig fließenden Gesamtkunstwerken zusammenflochten, so im Fluss wie auf IX klangen sie noch nie. Das erreichen sie überraschenderweise indem sie geschwindigkeitstechnisch nicht einen Zahn zu legen, sondern eine ganze Menge Zähne ziehen. IX brodelt sphärisch vor sich hin, schlängelt sich für Trail of Dead Verhältnisse fast schon zäh durch die atmosphärisch geschlossenen Popsongs, die das Album einleiten und verliert sich dann vollends im Sog des Elegischen der zweiten Albenhälfte. Rock N Roll ist das auf jeden Fall gar nicht mehr, nada… und damit muss sich der Hörer leider von DEM Trademark der Band verabschieden, dass zuvor selbst Sakralitäten und Pop-Ausflüge überlebt hatte. Doch bevor IX durch diesen Verlust zu dröge wird, versöhnt es den Zuhörer mit ganz herausragenden Indie Hymnen, irgendwo zwischen Rock, Post Alternative und Art Pop. Das ist so elegisch wie zuletzt auf Worlds Apart, so fließend wie zuletzt auf Source Tags & Codes und so introspektiv wie zuletzt auf So Divided. Nach dem herausragenden Tao of the Dead habe ich zwar mehr Wildheit, mehr Krach, mehr eklektisches Chaos erhofft, im spröden, pathetischen Fluss funktionieren Trail of Dead aber nach wie vor herausragend. Und allein schon dafür, dass neben den Gitarren endlich wieder andere Instrumente nach vorne gerückt werden, gehören sie geknuddelt: Ein dumpfes, dichtes, episches Album, dass die Meisterwerke der Band zwar nicht ganz erreichen kann, dennoch verdammt vieles verdammt richtig macht und Vorfreude auf den ersten texanischen Output in den zweistelligen Regionen weckt.

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