Glory Glory Jesus Christ – Neutral Milk Hotel, Gloria, Köln.

cologneneutral

Die Apostelkirche neben dem unfassbar hässlichen Neumarkt, nicht zu verwechseln mit dem Heumarkt, ist eine schöne Ausnahme in der wohl verbautesten Metropole Deutschlands.

Die zweite angenehme, ungleich unscheinbare Erscheinung, ist das schmucke Gloria, das von außen wie ein die Jahre gekommenes Strip-Lokal aussieht, aber mit seiner Theater-Atmo und bewegten Geschichte vom Lesben/Schwulen-Treff in den frühen 90ern hin zu vielseitigem Programm der Gegenwart so etwas wie Charme versprüht, was bei den Mehrzweckhallen und Bunkern dieser Republik ja nun wirklich nicht Standard ist.

Der richtige Ort also für eine Auferstehung, auch wenn vor dem Gloria die Szenerie wenig feierlich ist: Hippes Jungvolk mit Bärten und dem mittlerweile obligatorischen Dutt, jeweils beidgeschlechtlich getragen, ist damit beschäftigt möglichst gelangweilt eine gute Figur abzugeben, vereinzelt graubärtige Menschen schauen verloren und traurig durch die Gegend. Ein ebenso verlorener wirkender Kartenverkäufer tritt heute in Persona des Kölner Schwarzmarktes (nicht zu verwechseln mit Heumarkt, nicht zu verwechseln mit Neumarkt) auf und versucht an vorbei fahrenden Autofahrern sein Glück, die aber zu seinem Leidwesen rein gar nichts mit der heute auftretenden Band anfangen können und irritiert abwinken. Eine Vorband aus Brasilien, so hört man, tritt gleich als Vorgruppe auf, aber meine Ignoranz mein Hunger zwingt mich noch einmal zu einen etwas längeren Trip durch das Viertel, Pommesbuden sind hier nicht gerade im Überfluss vertreten.

Im Gloria selber herrscht eine freundliche bis angespannte Stimmung, man freut sich erstmal auf kaum für möglich Gehaltene, Erfahrungswerte und Anekdoten können eh nicht weiter gegeben werden, da sich NMH-Sänger Jeff Mangum erfolgreich aus der Öffentlichkeit zurück gezogen hat, just zu dem Zeitpunkt als seine Band richtig groß hätte werden können. Es waren dann die folgenden 00er-Jahre und das selber begründete Folk-Movement, die aus dem Geniestreich “In The Aereoplane Over The Sea” ein Must-Have in allen Plattenregalen eines jedes Musik-Fanatikers machten und deswegen verwundert auch nicht das für eine Band aus den 90ern recht junge Durchschnittsalter der Konzertbesucher, die erst Mitte des letzten Jahrzehnts mit dem Album sozialisiert wurden.

Das eher in seiner Grundlautstärke moderate Gemurmel wird kurz durch eine Ansage unterbrochen, die darauf hinweist, das die Band während des Konzerts keine Aufnahme wünscht. Wie man später beim sympathisch verspulten Reinschlurfen der Band sieht, gibt es rein optisch eh nicht viel zu fotografieren. Jeff Mangums Gesicht wird von einer Kappe verdeckt, viele Barthaare und noch mehr andere Haare, der Rest von Neutral Milk Hotel streitet sich um einen George-Martin-, PeeWee- und The Shins-Sänger-Ähnlichkeitswettbewerb.

Und da steht er nun, der Eremit des Anti-Folk, der Kauz des Fuzz Folk,der Pate des Punk-Folk oder wie auch immer seine eigene Mischung aus Lo-Fi, Punk und Folk auch nennen möchte. The Decemberist und Arcade Fire müssten dem menschenscheuen Eigenbrötler die Hälfte ihrer Einnahmen abdrücken, so unverkennbar ist sein Einfluss auf sie zu hören. Wer jedenfalls auch nur eine Folk-Band nennen kann, zu deren Songs ein Moshpit entsteht darf sich hier gerne melden, selbiges wag ich jedenfalls bei Family Of The Year oder den anderen grausigen Radio-Folkies zu bezweifeln.

Geredet wird vor und auf der Bühne an diesem Abend wenig, dafür entweder Tränen ob der immer noch berührenden Songs über Einsamkeit und Verlust verdrückt, dafür mitunter noch während des Ende eines Songs frenetisch gejubelt. Ich habe das verwöhnte Kölner Publikum schon häufig als gelangweilt und ignorant erlebt, doch davon ist an diesem Abend zum Glück rein gar nichts, aber wirklich auch gar nichts zu spüren, was auch die sichtlich positiv überraschte Band immer wieder einem Lächeln und auch der Ansage “Ihr seid bisher die beste Crowd, die wir auf der Tour hatten” goutiert und man das ihnen im Gegensatz zu den Stadion-Unterhaltern auch so abnimmt. Auch der scheue Mangum faltet des öfteren dankbar seine Hände zusammen, während Rauschebart Scott Spillane der euphorisierend tanzenden Menge vor der Bühne Songtexte soufliert, die die Hardcore-Fans natürlich eh im Schlaf weiter singen könnten. Sogar auf einem Beinhüpfend erlebt man den Sänger, was man nun nicht unbedingt vermuten konnte, da auch in Köln die Songs mit zugedrückten Augen und höchster Konzentration interpretiert werden, aber die Gute Laune nimmt eben jeden mit. nach dem Zugabenteil kann ich es auch nicht mehr aushalten und halt den Moment des Abschied noch digital fest, das Erlebnis selber wird sich auf jeden Fall noch lange in meinem Gedächtnis einspeichern.

Nach dem Konzert sieht man draußen wieder Grüppchen, die sich über irgendeine nicht-anwesende Person aufregen (Lukas hat sich gerade von Emilie getrennt. Chris ist ein Psycho) oder gefallen sich in dem Rückfall in die “Ich bin so gelangweilt von euch allen”-Pose, die so rein gar nichts mit dem so wunderbar unprätentiösen Auftritt von Neutral Milk Hotel zu tun hat.

In the Aeroplane Over the Sea [Vinyl LP]

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