This Post is Art! Is it? – Wann wird ein Kunstwerk zum Kunstwerk?

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Wer in den letzten Wochen die kulturelle Blogosphäre verfolgt hat, dem wird kaum die mittlerweile wohl überall geteilte Geschichte von dem 4Chan-Beitrag entgangen sein, der kadriert und als Kunst postuliert bei ebay für über 90.000 Dollar verkauft wurde. Long Story short: In einer klassischen 4Chan Diskussion darüber, was nur aus der Kunst geworden ist, behauptete irgendwann ein anonymer User, Kunst sei früher etwas Wertvolles, Wertzuschätzendes gewesen, heutzutage könne tatsächlich alles Kunst sein, garniert mit dem ironischen Kommentar, dass auch sein eigener Post Kunst wäre:

Art used to be something to cherish.

Now literally anything could be art.

This post is art.

Ein findiger Netzkünstler fertigte ein Foto dieses Screenshots an, rahmte es und bot es unter dem Titel “Artwork by Anonymous” unter ebay feil (Anfangsgebot: 500 $). Der Rest ist Netzkultur-Geschichte. Das Werk wurde für fast 100.000 Dollar versteigert, während – mittlerweile bereits wieder gelöscht – ein gerahmter Screenshot dieser Auktion ebenfalls bei ebay landete aber nicht einmal annähernd die Begehrtheit des vorherigen Kunstwerks erreichte.

So weit so gut so Netzkultur. Der ganze Vorgang liefert natürlich eine Steilvorlage mit Jubel – oder Kopfschütteln – über die postpostmoderne Netz- und Remixkultur geteilt zu werden (Wie schon beim Kartoffelsalat der bei Kickstarter für über 50.000 Dollar wegging ist ein, egal ob positiv oder negativ gemeintes “Oh, the Internet!” die nächstliegende Reaktion), darüber hinaus lässt sich darin aber sehr schön die Verunsicherung der Kunstproduzenten und -Rezipienten über einen vermeintlichen Bedeutungsverfall des Kunstbegriffes festmachen. Dass die Zeiten der streng normativen Ästhetikkonzepte eigentlich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorbei sind, dürfte wohl außer Frage stehen. Niemand würde mehr heute dem engen Kunstbegriff eines Lessings folgen, der in seinem Laokoon auf einen vermeintlichen Kotmaler verwies, der seine Werke “mit Gold aufwog, um ihrer Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Wert zu Hülfe zu kommen.”. Aber genügt es an dieser Stelle euphorisch auf (post)moderne Kunsttheorien wie die der Fluxus-Bewegung zu referieren, nach denen alles Kunst ist und es nichts mehr außerhalb gibt? Gilt bedingungslos Emmett Williams Direktive, dass das Leben ein Kunstwerk und das Kunstwerk Leben ist? Ist wie Joseph Beuys sagt, jeder Mensch ein Künstler? Oder hebt sich mit dieser Egal-Haltung gegenüber dem Kunstbegriff dieser nicht einfach auf, so wie der Gottesbegriff im Pantheismus zu einer Null-Aussage wird? Denn, wenn alles Kunst (oder alles Gott) ist, dann wird der Begriff der Kunst obsolet, verhält er sich doch synonym zu dem Begriff “Alles” wodurch die Aussage “Alles ist Kunst” zur Tautologie wird, die man auch einfach durch die Null-Aussage “Alles ist alles” ersetzen könnte.

Zweifellos gerät diese universelle Kunstauffassung früher oder später in ein Dilemma, weil sie immer Gefahr läuft sich selbst abzuschaffen. Wenn Kunst nur noch durch ihre Nichtabgrenzung definiert wird, nivelliert und negiert sie sich selbst. Künstlerischen Wert hat in letzter Konsequenz gar nichts mehr und alles was Kunst ist, könnte ebenso Nicht-Kunst sein (was wiederum äquivalent mit Kunst ist). Andererseits ist es genau diese Spannung, die einem Kunstwerk wie dem obigen Post beiwohnt. In seiner Ästhetischen Theorie bestimmte Adorno Kunst als Säkularisierung von Transzendenz, also ein Phänomen, dem sein eigener Widerspruch immanent ist und die damit ein Teil der Dialektik der Aufklärung wird. Kunst hätte sich dieser Dialektik mit der Konzeption von “Antikunst” gestellt und es sei keine Kunst mehr ohne ihren Widerpart denkbar. Jede Kunst, die sich mit der ästhetischen Norm auseinandersetzt, muss so zwingend ihre potentielle Zerstörung beinhalten; erst durch ihre Auseinandersetzung mit sich selbst wird Kunst über den Weg der Antikunst zur Kunst selbst.

Wie sieht diese Bewegung nun im Falle des “This Post is art.”-Kunstwerks aus? Es sind genau genommen drei Bewegungen, durch die das einfache 4Chan-Posting in Kunst transferiert wird: Zum einen die Isolierung aus dem Kontext, zum zweiten die Kadrierung durch einen Rahmen und zum Dritten schließlich der Verkauf des gerahmten Endproduktes, wodurch dieses einen (zutiefst kapitalistischen) Kunstwert enthält und in den Bereich der Kunst- und Kulturindustrie überführt wird: Der anonyme Verfasser des Ursprungsposts kann demnach kaum als der eigentliche Künstler ausgemacht werden. Das Postulat, sein Post sei auch Kunst, bleibt im Kontext der Diskussion nichts weiter als ein ironisches Statement, dass weniger Wahrheit für sich beansprucht, als viel mehr eine satirische Auseinandersetzung mit dem Sujet bzw. ein traditionell kulturpessimistisches Statement darstellt. Wenn der eigentliche Schöpfer des Kunstwerkes von diesem Post nun ein Foto anfertigt, entreißt er es seinem ursprünglichen Kontext, nimmt ihm also ganz Klassisch nach dem (naturalistischen), modernen Kunstpostulat von Arno Holz (“Kunst = Natur -x”) etwas weg, abstrahiert es und gibt ihm zugleich etwas Ästhetisches in der Reproduktion hinzu. Die erste Bewegung schafft einen Gegensinn zum ursprünglichen Sinn des Objekts, der für sich ja gerade nicht das Künstlerische beanspruchte, sondern viel mehr in der ironischen Aussage seinen eigenen künstlerischen Gehalt konterkarierte. Der erste Transformationsprozess ist eine Konterkarierung dieser Konterkarierung, oder wie es Adorno ausdrücken würde, ein mimetisches Zugehen auf den ursprünglichen Nicht-Sinn und dadurch das Erschaffen eines Sinns, der seine eigene Negation in sich trägt: “Daß Kunst sich heute zu reflektieren habe, daß sie ihrer Idiosynkrasien sich bewußt werde, sie artikuliere. In Konsequenz dessen nähert Kunst sich der Allergie gegen sich selbst; Inbegriff der Negation, die sie übt, ist ihre eigene.”

Escaping_criticism-by_pere_borrel_del_casoDie zweite Bewegung, durch die das Posting zum Kunstwerk wird, ist die der Kadrierung, der Rahmensetzung. Im Druck und in der Rahmung des Ursprungsobjekts scheint für den Künstler eine Kraft innezuwohnen, die dem Werk eine Legitimation als Kunstwerk verschafft. So banal diese Bewegung zu sein scheint, so sehr ist sie doch auch Teil einer Konventionalisierung innerhalb der ästhetischen Produktion. Was einen Rahmen besitzt, muss Kunst sein, wird es doch durch den Rahmen eindeutig von der Außenwelt (der Nicht-Kunst) abgegrenzt. Nach dem französischen Philosophen Jaques Derrida ist der Rahmen ein Parergon, ein Paratext oder Beitext zum eigentlichen Werk, mit Hilfe dessen der Schein eines Intrinsischen (nach innen gewendeten) Kunstwerk und eines Extrensischen (alles außerhalb dieses Werkes) erzeugt wird. Dabei befindet sich der Rahmen in einem Spannungsfeld zwischen der Innerlichkeit und der Äußerlichkeit: Zum einen ist er als abgrenzender Teil des Kunstwerkes klar von der Außenwelt abgehoben, zum anderen ist er als abgrenzender Teil der Außenwelt klar vom Kunstwerk abgehoben, einerseits ist er Teil des Kunstwerks, in diesem Fall sogar sehr radikal, da er zur Definition des Werks als Kunstwerk dazugehört, zum anderen ist er aber auch jenes Element, das die Kunst von der Nichtkunst scheidet. Derrida fabuliert in “Die Wahrheit in der Malerei” von einem komplett unsichtbaren Rahmen, der so unmöglich er auch ist, ein potentielles parergonisches Ideal in der Kunst darstellen könnte. Gerade in diesem Fall dürfte der Rahmen allerdings niemals ein Unsichtbarer sein, ist seine klare Sichtbarkeit doch Voraussetzung dafür, das Werk als Kunstwerk zu identifizieren. Damit wird der Rahmen wiederum aber selbst zum intrinsischen Bestandteil des Kunstwerkes. Er grenzt es nicht einfach nur von der äußeren Welt ab, sondern ist selbst unentäußerlich für die Gesamtkomposition. Das Werk ist nur Kunstwerk mit dem Rahmen, die Grenze zum Nichtkunstwerk setzt erst da ein, wo der Rahmen selbst endet und in dieser Endung einen neuen (in diesem Fall tatsächlich unsichtbaren Rahmen erschafft). Ironischerweise ist der Rahmen des Kunstwerks “Posting mit Rahmen” außerhalb des Rahmens der Teil des Werkes ist. Durch die klare Defintion entstehen zwei Rahmen, ein innerer (sichtbarer) und ein äußerer (unsichtbarer), deren gegenseitige Abgrenzung voneinander unmöglich erscheint. Die beiden Rahmen werden geradezu zum ästhetischen Musterbeispiel für die Fragen, die Derrida selbst an das Parergon stellt: “Wo hat der Rahmen seinen Ort. Hat er einen Ort. Wo beginnt er. Wo endet er. Was ist seine innere Grenze? Seine äußere Grenze? Und seine Oberfläche zwischen den beiden Grenzen?”

vernissageDie dritte Bewegung, die das Werk zum Kunstwerk macht, ist eine zutiefst zynische. Gilt doch bis über die Moderne hinaus bei Kunsttheoretikern das Prinzip, dass Kunst durch die Monetarisierung ein Stück ihres künstlerischen Gehaltes verliert, sobald sie monetarisiert, zum Kunstprodukt und damit in letzter Konsequenz zum Konsumgut wird. Walter Benjamin z.B. polarisiert in seinem bekannten Essay “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” zwischen dem Kultwert und dem Ausstellungswert eines Kunstwerkes. Während der traditionelle Kultwert eng mit der Religion verwandt ist und so etwas wie die Magie eines Kunstwerkes symbolisiert, erhält dieses durch den Ausstellungswert ganz neue Funktionen und Bedeutungen. Interessanterweise besitzt das ursprüngliche Werk in diesem Fall überhaupt keine traditionelle ästhetische Magie. Nachdem diese durch die Rahmung einen Ort erhielt, in den sie einkehren wollte, wird sie durch die Monetarisierung hineingepflanzt. Es entsteht eine umgekehrte künstlerische Bewegung: Nicht die Magie des Kunstwerkes sorgt dafür, dass dieses einen Ausstellungs- und Verkaufswert erhält, sondern der Verkaufswert (90.000 Dollar!) erschafft einen Ausstellungswert und lässt die magische Note in das Werk hinein, die es vollends zum Kunstwerk werden lässt. Die Aura des Werks ist in diesem Fall durch die Monetarisierung nicht bedroht, sondern wird durch diese erst evoziert. Aus einem Alltagsobjekt wird ein Konsumgut, dass durch diesen Weg als Kunstprodukt erst zum Kunstwerk wird. Kaum vorstellbar, dass sich irgendwer um das Werk als Kunstwerk gekümmert hätte, wenn es bei ebay nicht diese Geldsumme, diesen eindeutig kapitalistischen Werk erhalten hätte. Das Kapital definiert in diesem Fall die Kunst und nicht umgekehrt, womit das Kunstwerk wiederum selbst zur zynischen Auseinandersetzung mit den Mechanismen des Kulturbetriebs wird. Das Pferd wird von hinten aufgezäumt und damit werden die Bewegungen von Kunstwerk zu Konsumgut transparent gemacht. In seiner letzten Bewegung wird “Artwork by Anonymous” zum klassisch postmodernen, selbstreflexiven Kunstwerk, dass die Mechanismen seiner eigenen Entstehung sowie den Widerspruch und die gegenseitige Bedingtheit zwischen seinem Verkaufs-, Ausstellungs- und Kultwert reflektiert.

Gleichzeitig offenbart das Werk in dieser dreiteiligen Genese auch, welche Gefahr für die postpostmoderne Remixkunst permanent lauert. So eindeutig und zwingend die Klassifikation als Kunstwerk (durch die Negierung seiner selbst, durch die Rahmung, durch die Erzeugung von Verkaufs-, Ausstellungs- und Kultwert) hier auch scheint, so sehr wohnt dem subversiven, progressiven Element von “Artwork by Anonymous” auch ein destruktives Moment inne. Am offensichtlichsten wird dies durch die semi-provokante (da eher folgerichtige) Neureflexion des Werkes durch den Verkauf eines gerahmten Screenshots der Auktion des Originalwerkes bei ebay. Würde dieses Kunstwerk des Abbilds des Verkaufs des anderen Kunstwerks tatsächlich einen Verkaufs- und Kultwert gelingen, scheint es nicht schwer vorstellbar, dass auch diese Auktion/Aktion ein neues Kunstwerk gebären würde. Die logische Konsequenz wären gerahmte Bilder vom Verkauf gerahmter Bilder vom Verkauf gerahmter Bilder vom Verkauf gerahmter Bilder… ad infinitum; oder zumindest bis den Kunstproduzenten (oder Käufern) die Lust vergehen würde. Die Reflexion der Reflexion der Reflexion würde zum endlosen Zirkellauf werden, die Kunst würde sich in ihrer Selbstreflexion nur noch um sich selbst kreisen, sich ständig selbst neu negieren um damit eine neue Negation evozieren zu können. In ihrer radikalsten Autonomisierung von allem Äußeren wäre Kunst zum ewigen Zirkelschluss verdammt, zu einem Kreisen in ihrer eigenen Sphäre und damit zur Auflösung aller Spannungen mit der Umwelt. Kunst würde sich nicht mehr durch die Abgrenzung zur Nicht-Kunst definieren sondern durch das Leugnen der Nicht-Kunst. Sie wäre nicht an dem Punkt angelangt, an dem alles Kunst ist, sondern an dem nur sie selbst Kunst ist, was wiederum allerdings mit dem Postulat “alles wäre Kunst” identisch wäre. In diesem Fall hätte sich der Kunstbegriff über einen Twist ebenfalls selbst abgeschafft. Die logische Konsequenz aus dem Mäandern um sich selbst könnte nichts anderes als der Tod sein.

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