Filmabriss: Only Lovers Left Alive, Grand Budapest Hotel, Der Schaum der Tage, Das jüngste Gewitter

Only Lovers Left Alive (screenshot)

Filmaufriss, könnte ich auch titeln, da wir einen analytischen Blick auf (bzw. in) jüngere Filmwerke werfen werden. Filmästhetik und Erzähltechnik stehen da ebenso im Fokus wie philosophischer Gehalt. Da ich wenig Sinn darin sehe über irrelevante Filme zu schreiben, kann ich schon im Vorhinein alle hier behandelten Titel uneingeschränkt empfehlen. Have some fun.

Only Lovers Left Alive [Jim Jarmusch]

(USA 2013)

only-lovers-left-alive-teaser-poster-2Was in “The Limits Of Control” nicht richtig aufgehen wollte wird in “Only Lovers Left Alive” wieder zu dem, was es schon in “Dead Man” und “Ghost Dog” war: Die spezifische Jarmusch-Stimmung von melancholischer Komik gepaart mit der heiteren Langeweile der Figuren. Dass diese Stimmung in seinem neuesten Werk, einem Vampirfilm, so gut aufgeht, ist dabei nicht verwunderlich. Jarmusch verfolgt lediglich seine genuine Prämisse: das fragende Schildern von Nebensächlichem, ja Alltäglich-Langweiligem. Und wie kann man der vampirischen* Unsterblichkeit besser auf den Leib rücken, als mit der Frage: Was macht man die ganze Zeit? Mit “Only Lovers Left Alive” kann der Meister wieder diesen sehr feinen, subversiven Humor des Banalen ausleben. Gleichzeitig gelingt es ihm durch die Gegenüberstellung von vampirischer Jugend und zerfallender Welt ein wenig Gesellschaftskritik zu üben. Diese ist in den Bildern und der Erzählung verborgen. Zeichenhaft sind zum Beispiel die verlassenen Straßenzüge des pleitegegangenen Detroits, die sich so gut in das düstere Gesamtsetting einfügen, oder der Umstand des schwer aufzutreibenden gesunden Blutes. “Zombies” nennt der männliche Protagonist Adam (so cool: Tom Hiddleston) die Menschen. Auch sie sind an seiner Weltenttäuschung Schuld. Er gibt sich seiner Depression hin und liebäugelt mit dem Selbstmord. Komik ist ein Novum in der Geschichte des Vampirmythos. Obwohl Jarmusch diesen Mythos mit feinem subversivem Humor behandelt destruiert er ihn nicht. Nein, er zollt diesem nicht nur Respekt, sondern bereichert das Genre ungemein.

Grand Budapest Hotel [Wes Anderson]

(UK, BRD 2014)

GrandBudapestHotelPosterIch kann mich nicht erinnern jemals von einem beeindruckenderen Cast gehört geschweige denn gesehen zu haben. Nicht mal Robert Altmans Short Cuts, oder Paul Thomas Andersons Magnolia reichen da ran. Das riesige Ensemble harmoniert großartig miteinander. Es ist eine wahre Freude zu sehen, wie sich kleinste, hochkarätig besetzte Rollen, ins Gesamtbild einfügen. Das macht einfach Laune und man bekommt das beständige Schmunzeln, das zumindest ich immer habe, wenn ich einen Film von Wes Anderson schaue, nicht weg. Auch die ästhetischen Mittel, die Anderson wählt, machen Spaß. Schräge Perspektiven, skurrile Größenverhältnisse, modellierte Kulissen, weiche, unaufdringliche Farben, die im Kontrast stehen zur Dominanz der Linie. Dieselbe steht im Zusammenhang mit der narrativen Methode des verschachtelten Erzählens, welche in der Literatur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert en vogue war. Anderson gibt die Verschachtelung filmästhetisch wieder, indem er, je nach dem in welcher Zeit sich das Erzählte abspielt, die Kadrierung des Bildes anpasst. Da in drei verschiedenen Zeitebenen erzählt wird, gibt es drei verschiedene Seitenverhältnisse. In dieser verspielten Linearität und in einer gewissen Beschwörung des humanistischen Geistes der literarischen Moderne erkennt man deutlich Andersons Verneigung vor dieser Literatur.

Dann gibt es da noch eine Sache die mir auffiel und die sich bereits in Moonrise Kingdom ankündigte. Ich habe das Gefühl, dass sich Wes Andersons Figuren im Laufe der Zeit ihrer Naivität und Verletzlichkeit entledigten. Beide Phänomene waren bei Anderson schon immer verborgen vorhanden. Seine Figuren und ihre Konstellationen deuteten oft auf zurückliegende Verletzungen, unerfüllte Hoffnungen und ausgebliebene Versprechungen ohne darüber direkt zu sprechen. In Moonrise Kingdom begann er Naivität und Verletzlichkeit zu konterkarieren, indem er abgeklärte, gezielt vorgehende, ja zu allem entschlossene Kinder zu seinen Hauptfiguren machte. Dieselbe Abgeklärtheit findet man nun bei den Hauptfiguren aus Grand Budapest Hotel wieder. Sie ist hier ein polyvalentes, schillerndes Phänomen, das auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Als verzweiflungsverdeckende Selbstbehauptung wirkt sie komisch und als wissen-was-zu-tun-ist wirkt sie beinah humanistisch. In jedem Falle aber macht sie die Figuren so drollig selbstsicher. Eine gespielte Selbstsicherheit, die die eigene Verletzlichkeit beschützt vor Widrigkeiten. Eine gelebte und getane, tätige Hoffnung, die sich tatsächlich erfüllt.

Der Schaum der Tage [Michel Gondry]

(Frankreich 2013)

der-schaum-der-tage-plakat-Der_SNochmal Naivität, nochmal kraftvoll-poetische Bilder. Michel Gondry ist unter den Regisseuren so was wie ein hyperkreatives Kind, das mit seinen Bildern immer wieder schafft an die Träume und Vorstellungen der Kindheit zu erinnern. So auch in seinem neuesten Film. Mit Der Schaum der Tage verfilmt Gondry einen Klassiker der französischen Literatur: Boris Vians surrealistische Erzählung L’Écume des Jours. Vians Vision ist der Gondrys so ähnlich, dass man den Eindruck gewinnt Vian war so eine Art Inspirationsquelle für Gondrys gesamtes filmisches Schaffen. Die Verfilmung ist ein kongeniales Artefakt. Erzählt wird eine Liebesgeschichte die ein trauriges Ende nimmt. Allein wie die Geschichte erzählt wird offenbart einen philosophischen Blick auf die Welt, in der das menschliche Leben zu Hause ist. Im Grunde genommen ist Der Schaum der Tage ein Tanz der Dinge. Haustürklingeln machen sich selbstständig und krabbeln zu Käfern verwandelt durch die Wohnung. Serviertes Essen zappelt in stop-motion auf Tellern. All dieses Flackern und Zittern von meist toten Dingen ist Ausdruck des eigentlichen Themas, welches ein philosophisches ist: Das Unvermögen des Menschen Herr oder Frau über die Dinge zu werden.  Dieses Unvermögen wird gesteigert zu einer Ausgesetztheit. Ausgesetzt ist der Mensch den Dingen. Sie beherrschen ihn, nicht umgekehrt, so scheint es. Das poetische Bild dieses Ausgeliefertseins ist die Seerose, die sich als Metapher von Krankheit in die Lunge der weiblichen Hauptdarstellerin, gespielt von Audrey Tautou, eingenistet hat.

Angesichts der Tatsache, dass der Film (bzw. die Geschichte) die alttestamentarische Setzung des Dominium terrae (Herrschaft über die Erde) umkehrt, ließe sich die Frage stellen, ob der Film blasphemisch ist. (Aus dem Buch der Psalmen (8,7): “Du hast ihn (den Menschen; A.d.R.) als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt.”) Er ist es nicht! Er ist vielmehr anarchistisch und nihilistisch. Gerade letzteres zeigt sich in der Umkehrung des Bildgehaltes zum Ende des Films, womit Gondry/ Vian das Seelenleben des Protagonisten nach außen kehrt. Diese Seelenmalerei findet man in fast allen Bildern des Films. Er beginnt farbenfroh mit einer Überfülle an Lebendigkeit und Beweglichkeit. Zum Zeitpunkt des Verliebtseins, wenn beide in einer, von einem Kran getragenen Plastikwolke schweben, zeigt das Bild die größte räumliche Ausdehnung. Zum Ende hin werden die Farben erst modriger, dann dunkler, bis sie schließlich dem Schwarz-Weiß weichen und die ehemals weiten Räumlichkeiten des Films eingetauscht werden gegen schiefe Perspektiven und Enge. Der Schaum der Tage dokumentiert nicht die Herrschaft der Dinge über uns, sondern verdinglicht Emotionen, womit er anzeigt, dass wir uns selbst fremd bleiben.

Das jüngste Gewitter [Roy Andersson]

(Schweden 2007)

DasjngsteGewitter-PosterIch mag es nicht, dass Menschen in Bezug auf Film von Geschmack reden. Geschmack hat in der Kunst nichts zu suchen. Es sagt ja auch niemand: “mmmhh, ja ja, aber Picasso ist für meinen Geschmack zu….” Sehr wahrscheinlich ist es aber nun so, dass meine uneingeschränkte Wertschätzung von Roy Anderssons Das jüngste Gewitter sehr wahrscheinlich mit Geschmack zu tun hat. Aber nicht ausschließlich. Der Film ist bei aller Absonderlichkeit nicht nur streng durchkomponiert, sondern darüber hinaus ein unterhaltsames Stück Philosophie. Um was geht es? Es gibt keine Handlung im eigentlichen Sinne, vielmehr besteht der Film aus lose aneinandergereihten Episoden von Stadtmenschen die sich nicht alltäglichen Problemen ausgesetzt sehen, sondern der Sinnlosigkeit des Ganzen. Einige Figuren scheinen überwältigt von ihrer bloßen Existenz und verfallen dem Jammern. Das sind dann auch schon die beweglichsten Szenen. Andere demonstrieren mit einem statischen Unspektakel ihre Langeweile und Enttäuschung. Ihre Körper sind die Zeichen der Angeödetheit von den ewig sich wiederholenden Dingen und Handlungen. Sie stehen und sitzen, obwohl Film eigentlich von Bewegung lebt. Die Figuren sind in Szene gesetzte, aber dennoch gezeichnete Karikaturen. Die Bilder ähneln einem Comicstrip minus Bewegungslinien. Die Statik in Anderssons Film wird filmästhetisch unterstützt durch die fast vollständige Abwesenheit von Kamerabewegungen. Auch die gedämpften grauen Farben tragen ihres dazu bei. Sinnbild ist der Stau, der schon in seinem vorhergehenden Film Songs from the second Floor sinnbildliches Motiv war.

Andersson unterläuft nicht nur die Regeln des bewegten Bildes, sondern zelebriert eine Antithetik. So wird bei dem berühmten Zaubertrick “Zersägte Jungfrau” der Freiwillige tatsächlich angesägt und muss ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wenn es im Film heißt: “Morgen ist ein neuer Tag.” hat das nichts, aber auch gar nichts mit Optimismus zu tun. Es ist die tragikomische Einsicht in die unabänderliche Sinnlosigkeit menschlicher Existenz. Die Realität entzaubert und desillusioniert. Diese Einsicht ist aber keineswegs Einladung zur Verzweiflung. Im Gegenteil, sie ist eine humorvolle Variation von Albert Camus Forderung: “Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.” Der gesamte Film, mit seinem absurden Grundton, sieht aus wie eine Inszenierung des Camuschen Existenzialismus´. Denn Andersson zeigt das Absurde so wie es Camus einst auffasste: als eine Art Ausweg, der die menschliche Zerissenheit und Zweiheit verdeckt, wodurch es sich angenehmer leben lässt. Das sieht im Film dann so aus, dass nach dem verzweifelten Jammern (“Niemand versteht mich.”) gefragt wird: “Was gibt es zum Essen?” In diesem Sinne ist Das jüngste Gewitter ist die humorvollste und zugleich konsequenteste Inszenierung von Nihilismus und Existenzialismus.

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