#Gauchogate – Die großen Missverständnisse zwischen Schlaaand und Feuilleton

gauchos

So geh’n die Gauchos, die Gauchos, die geh’n so. So geh’n die Deutschen, die Deutschen, die geh’n so. In den Siegestaumel der deutschen Spieler und Fans mischten sich unmittelbar nach der Siegesfeier am Brandenburger Tor, die ersten kritischen Stimmen, die den Gauchotanz, mit dem eine Handvoll Spieler der deutschen Nationalmannschaft noch einmal ausgelassen den Finalgegner foppten/verhöhnten/beleidigten (passende Formulierung bitte unterstreichen), als unangebracht, unwürdig oder gar schlimmeres bezeichneten. Woraufhin sich dann kurz darauf die kritischen Stimmen derer meldeten, die die Kritik am Gaucho-Tanz als unangebracht, miesmacherisch oder schlimmeres bezeichneten. Es scheint auf den ersten Blick fast schon absurd, dass eine eigentlich klassische Diskurs-Dynamik – die sich mit der Kategorisierung rechts vs. links wunderbar polarisieren lässt – einen solchen Wirbel verursacht, inklusive eigenem Twitter-Hashtag (#Gauchogate) und erbosten Diskussionen zwischen den beiden Fraktionen. Letzten Endes resultierte der vermeintliche Sommerlochfüller aus einer ganzen Reihe von Missverständnissen, sowohl auf der einen – der intellektuellen, kritischen, “linken” – als auch der anderen – der euphorischen, vom Bauchgefühl geleiteten, “rechten” – Seite.

Am Anfang steht das Missverständnis, an dem die Feuilletonisten, die die Debatte in Gang gesetzt haben, wohl die meiste Schuld tragen, ein Missverständnis, dem aber auch die meisten Event-Fans der WM (so wie ich), die TV-Berichterstatter und nicht zuletzt der DFB ihre Mitschuld tragen. Es ist das Bild der kampfbereiten, zu allem entschlossenen zugleich aber bescheidenen und zurückhaltenden deutschen Fußballspieler. Kolportiert wurde dieses Bild während der gesamten WM, insbesondere aber nach dem 7:1 Kantersieg gegen Brasilien. Da gab es in den darauffolgenden TV-Interviews keinen ausgelassenen Siegestaumel, keine Arroganz aber auch keine kindliche Freude über den unfassbaren, nahezu surrealen Triumph. Stattdessen – fast schon wie vom DFB eingeimpft – die Mahnung, auf dem Boden zu bleiben, das nächste Spiel, den nächsten Gegner zu fokussieren und weiterhin am Erfolg zu arbeiten. Wie leicht war es bei diesen Worten doch, diese Fußballer zwischen 20 und 35 Jahren zu stummen Helden zu verklären, zu stillen – und folgerichtig tiefen – Wässern, zu Gladiatoren oder gar mysteriösen Heroen, von denen man nur die Oberfläche zu sehen bekam, hinter der man alles vermuten durfte, was groß, schön und wahrhaftig ist.

Mit jedem Spiel der deutschen Elf schritt die Legendenbildung voran: Dieser unbezwingbare Hüne Neuer (nicht von ungefähr wurde hier eine Terminologie benutzt, die direkt der germanischen Mythologie entliehen schien), dieser unberechenbare Thomas Müller, der Kämpfer Schweinsteiger, der auch nach den größten Verletzungen aufsteht, um weiter zu kämpfen, der agile André Schürrle, der im Moment der höchsten Not (oder des höchsten Triumphes) immer passend zur Stelle ist, und natürlich, über allen thronend, der einsame und schweigsame Veteran Miroslav Klose, der nur ein paar Minuten Spielzeit braucht, um in die Fußball-Annalen einzugehen. Es schienen eben nicht einfach nur Fußballer zu sein, sondern Helden nach klassischem Vorbild, bescheiden, kämpferisch, zu allem bereit für ihren Trainer, ihr Team und ihr Land. Selbst ein echter emotionaler Ausbruch eines Per Mertesacker nach dem suboptimalen Algerien-Spiel konnte dieser Mythenbildung nichts anhaben, ganz im Gegenteil, konnte sogar dazu benutzt werden, sie weiter voran zu treiben, ihr ein weiteres Kapitel hinzuzufügen: “Lasst sie doch arbeiten, diese unantastbaren Kämpfer. Stellt nicht ihren Weg in Frage, selbst wenn er einige Umwege und Stolpereien beinhaltet. Sie werden schon da ankommen, wo es sie hinzieht!”

Es ist kein Zufall, dass der wohl prägnanteste – und wahrscheinlich auch giftigste – Text zu Gauchogate von Frank Lübberding für die FAZ kein Text aus dem Sportressort sondern dem Feuilleton ist. Die Feuilletonisten waren es, für die diese Legendenbildung die spannendste Vorlage bildete, sich mit Metaphern aus Literatur, Mythologie und Geschichte gegenseitig zu übertreffen; und die Feuilletonisten waren es dann auch, die nach der ausgelassenen Siegesfeier am härtesten auf dem Boden der Tatsachen aufschlugen. Plötzlich ist die Erkenntnis da: Da steht kein neuer Herakles, kein neuer Hektor, da kämpft kein neuer Thor, und mit einem Prinz Friedrich von Homburg hat auch keiner der Spieler was gemein. Was wir hier sehen sind ordinäre Mittzwanziger, die Bier trinken, zu Helene Fischer tanzen, mit Nike amerikanische Sportartikel und nicht die griechische Siegesgöttin verbinden, und sich im Rausch auch mal zu dummen, ungehobelten und peinlichen Aktionen hinreißen lassen. Ein 25jähriger Fußballspieler beschäftigt sich dann eben doch nicht so intensiv mit Rassismus- und Nationalismusdiskursen wie der gemeine Feuilletonist und Publizist, und der gemeine Fußballspieler ist eben in den meisten Fällen nicht der richtige Ansprechpartner, wenn es darum geht über Sensibilität im Umgang mit anderen Kulturen und Ländern zu diskutieren. Daran ändert auch kein pflichtschuldig vor dem Spiel hochgehaltenes Antirassismus-Plakat etwas. Die Fußballspieler sind eben doch primär Fußballspieler, keine großen Repräsentanten eines besseren Deutschland, keine in Stein gemeißelten Helden, die alles zum Wohle der Gesellschaft tun und keine altruistischen Idealkrieger. Nein, es sind junge Leute, die gegen einen Ball kicken, sich nach der erfolgreichen Schlacht ordentlich besaufen und gerne auch mal die Sau rauslassen. Der tatsächliche Lothar Matthäus hat nichts mit dem Foto gemein, auf der das Heldenideal Lothar Matthäus demütig den WM-Pokal 1990 küsst, der wahre Franz Beckenbauer hat nichts gemein mit dem 1990 ruhig und nachdenklich über den leeren Platz schwebenden Philosophen und der wahre Bastian Schweinsteiger hat nichts gemein mit dem ikonischen Bild eines blutenden Jünglings, der nur schnell seine Wunde versorgt haben will, um weiter zu kämpfen. Prototypische, medial übersteigerte Heldenbilder sind nicht die Realität.

Das zweite Missverständnis findet in den Reihen der Schlaand-Enthusiasten, Fußballfans und ganz allgemein der feierwütigen Menge statt und versteckt sich recht geschickt in der Aussage: “Man wird doch mal einfach ungezwungen feiern können!” Die richtige Antwort eines Journalisten oder Publizisten müsste in diesem Fall ‘Nein!’ lauten. Natürlich können die Fans wie die Spieler ungezwungen feiern und auch einfach mal Spaß haben, die Aufgabe der Berichterstatter, der Medien liegt aber im genauen Gegenteil. Es ist die ureigentlichste Aufgabe eines Kritikers oder Journalisten, sich nicht einfach nur seinem Sujet unreflektiert euphorisch hinzugeben, sondern dieses genau, analytisch, kritisch und auch skeptisch zu betrachten. Wer über Ereignisse berichtet oder schreibend/sendend reflektiert kann sich nicht bloß affirmativ mit der Oberfläche zufrieden geben. Die Berichterstattung der öffentlich rechtlichen Sender während dieser WM ließ des öfteren an dieser Aufgabe zweifeln, sie ist aber nach wie vor vorhanden. Der Berichterstatter, der Kolumnist, der Feuilletonist ist eben nicht bloß euphorischer Fan, sondern immer auch seiner Aufgabe als Kritiker verpflichtet. Die richtige Antwort müsste also lauten: “Ja, natürlich dürft ihr feiern. Aber wir dürfen dies auch kritisch, distanziert beobachten und uns entsprechend unsere Gedanken machen!” Oder etwas ungehobelter: “Let us do our fucking job!”

Das dritte Missverständnis schließlich findet auch in den Reihen der Fans statt, oder besser gesagt in einer spezifischen Ausprägung von Fantum, die durchaus – wie die letzten 24 Stunden gezeigt haben – mobähnliche Züge erreichen kann. Gemeint sind die Leute, die auf jede kritische Note, auf jedes skeptische Nachhaken mit einem “Ähh! Wir sind keine Nazis!” oder “Äh! Das war kein Rassismus!” Beißreflex reagieren, vollkommen unabhängig davon, ob das N- oder R-Wort zuvor überhaupt im Raum standen. In den beiden polemischsten Artikeln unmittelbar nach Gaucho-Gate, dem der FAZ und dem der TAZ kommt das Wort “Rassismus” überhaupt nicht vor, auch die Nationalismus-Titulierung sucht man in diesen Texten vergebens. Sehr wohl findet man beide Wörter aber zu Hauf in den Kommentarspalten und bei Twitter/Facebook, wenn es um die Kritik an den genannten Texten geht. Es ist schon fast absurd, wenn der Rassismusvorwurf nicht in der eigentlichen Polemik steht, sondern erst von Kritikern dieser Polemik in die Polemik hineingedeutet wird. Auch wenn es in der ganzen Gaucho-Geschichte durchaus Stimmen gab, die in dem Verhalten der Nationalelf latenten Rassismus oder Nationalismus sahen, könnten niemals so viele Vorwürfe diesbezüglich geben, wie es Gegenstimmen gab, die sich genau in jene Ecke gedrängt sahen und wild beißend darauf reagieren. Ein Phänomen, das übrigens in letzter Zeit des öfteren in dieser Art von rechts/links-Diskursen anzutreffen ist. Man könnte es Nazikeulenkeule, Selbstimmunisierung durch argumentatorischen Präventivschlag, Pappdrachenbekämpfung oder einfach nur Dissidentenmentalität nennen; und es scheint nicht weniger giftig für den Diskurs zu sein als die klassische Nazikeule.

Man könnte durchaus polemisch die steile These formulieren, dass in 80% der Fälle die Nazikeulenkeule vor der Nazikeule im Einsatz ist, gehen doch die meisten “Gutmenschen”  (immer noch einer der schrecklichsten Begriffe des konservativen Backlash) davon aus, dass auf einen Satz wie “Ich bin kein Rassist, aber…” oft etwas rassistisches folgt. Um das vielleicht mal klar zu stellen: Tut es nicht in jedem Fall, mit einer solchen Bemerkung eine Aussage einzuleiten – oder präventiv schon rumzujammern, dass man in die rechte Ecke gestellt wird – sorgt nicht unbedingt dafür, im Diskurs Fronten aufzubrechen. Gerade in diesem Fall waren die zahllosen Beißreflexe der Gauchotanz-Kritik-Kritiker der Hauptgrund dafür, dass aus der Gaucho-Bagatelle #Gauchogate werden konnte, scheint der entsprechende Hashtag doch selbst Produkt einer ironischen Diskursbezeichnung der “rechten” Seite und weniger ernstgemeinte Skandalisierungsterminologie der “linken” Seite zu sein.

Und dann kommt natürlich das, was kommen muss. Die Fronten verhärten sich, es wird verbal gegeneinander geschossen. Kritiker sehen sich plötzlich in die Rolle der miesepetrigen Spielverderber mit zu großem didaktischen Habitus gedrängt. Fans sehen sich in die Rolle der pöbelnden Nationalisten gedrängt, und alle hassen sich: Das Missverständnis der feuilletonistischen Seite, die sich plötzlich damit konfrontiert sieht, dass Fußball eben doch – selbst bei den ranghöchsten Vertretern des Sports – weniger Hoch- und mehr “Proll”*-Kultur ist (*Bezeichnung bewusst gewählt. Klassismus dürfte dabei eine große Rolle spielen, mit der sich die selbsternannte geistige Elite viel selbstkritischer auseinandersetzen müsste). Und das Missverständnis der Fußballenthusiasten, die plötzlich erkennen, dass die zuvor ebenso freudentaumelnden Feuilletonisten eben nicht einfach Schlaaand-Fans sind, sondern sich kritisch analytisch mit dem Sport, der Fankultur und ihren Begleitumständen auseinandersetzen (hier dürfte wiederum Antiintellektualismus eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen). Und plötzlich finden wir uns Mitten auf einem Kriegsfeld wieder, in dem es nicht mehr um den Meinungsaustausch oder den Diskurs geht, sondern nur noch darum, wer dem anderen geschickter ins Gesicht pupen kann.

Wünschenswert – wenn auch utopisch – wäre es natürlich, wenn beide Seiten aufeinander zugehen würden: Die euphorischen, feierlaunigen Fans sollten akzeptieren, dass kritische Stimmen eine wichtige Funktion erfüllen und nicht bloß da sind, um sie generalisierend zu Nationalisten, Rassisten und Proleten zu erklären; die kritischen Feuilletonisten sollten sich (zumindest bis zu einem gewissen Maß) damit abfinden, dass Häme, Spott und auch Unsportlichkeit elementarer Bestandteil einer Volks- und Fankultur zumindest beim Fußball sind. Darauf könnten sie sogar ihre Analyse richten und dabei eventuell gar feststellen, dass auch die klassischen, heroischen Vorbilder keineswegs ausschließlich das würdevolle Verhalten aufweisen, das in ihnen gesehen und von ihnen erwartet wird: Hat nicht immerhin Achill den toten Körper Hektors ganze zwölf Tage lang hinter sich her geschleift, bis die Götter dieser Ruchlosigkeit ein Ende setzten? Hat nicht Hagen spottend das Schwert des toten Siegfrieds Kriemhild präsentiert, nur um diese noch wütender zu machen? Und ließ nicht auch Varus die Köpfe der besiegten Römer auf Lanzen aufspießen und den gefallenen Römern präsentieren? Das lässt den Gaucho-Tanz fast schon in zivilisiertem Licht erstrahlen, auch wenn es ihn nicht weniger latent nationalistisch erscheinen lässt.

Der Punkt ist letzten Endes: Seht es ein liebe Feuilletonisten. Genau DAS ist klassische Volkskultur. Zu finden in den traditionellen Heldensagen, zu finden auf dem historischen Schlachtfeld und eben leider auch zu finden im Fußball und im Fantum, die – Hand aufs Herz – auch mit erhöhter Sensibilität, mit Märchencharme und mit charismatischen Persönlichkeiten immer so etwas wie Ersatzfaschismus und Ersatzmilitarismus bleiben werden: Euphorisch, überemotional, archaisch und eben auch dreckig, ungehobelt, gerne hin und wieder regressiv und komplett unsensibel. Und seht es ein, liebe Fußballfans: Genau DAS ist kritischer Feuilletonismus: Das kritische Hinterfragen, das mahnende Anmerken, die analytische Auseinandersetzung, der Hinweis auf die Kehr- und Schattenseiten der Sportkultur: Intellektuell, distanziert, wissenschaftlich, politisch und sozial verantwortungsvoll. Es kann durchaus eine Koexistenz zwischen beiden geben, ohne Reibungspunkte werden sie indes nie auskommen.

Und um so mit einer persönlichen Anekdote zu schließen: Als ich bei Freunden mit Bier vor einem Fernseher saß und Götze das entscheidende Tor schoss, da habe ich gejubelt, war ich voll und ganz Fan. Als mir auf dem Nach Hause Weg ein Auto entgegenkam aus dem ein lautes “Sieg Heil!” gegrölt wurde (True Story!) und ich deswegen Magenschmerzen bekam und anschließend zu Hause nochmal die Studie nachschlug, in der die Korrelation zwischen Fußball-Patriotismus und aggressivem Nationalismus/Rassismus nachgewiesen wurde… da war ich doch wieder Kritiker. Und als schließlich die Fanfeier vor dem Brandenburger Tor stattfand, war ich endgültig wieder ignorant. Wenn ich mir im Nachhinein anschaue, was dort zu sehen war, scheint es mir nicht schade darum zu sein.

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