Full Nerd Jacket: D4nny und die Transzendenz des Pops, oder: Kritik der reinen Popmusik

Ich mag Pop. Aber nur wenn er so gut ist wie Pokerface oder call me maybe. Und ich mag D4nny. Weil er die Quintessenz des Pops ist. Ich verstehe nicht ganz weshalb D4nny so wenig Aufmersamkeit bekommt. Sein neuestes Stück ist bereits zwei Wochen alt und dümpelt bei gerade mal zweiundreißigtausend Klicks rum. Dabei ist seine Kunst so genial wie subersiv, so zeichenhaft wie unterhaltsam. Wie bei Moneyboy fragen sich Menschen zunächst ob er das ernst meint. Ich hoffe, dass er es ernst meint, obwohl das völlig irrelevant ist. Menschen könnten sowas sagen wie: “D4nny ist der jämmerliche Versuch von Popmusik”, aber das wäre falsch. D4nnys Musik ist die Quintessenz von Popmusik angereichert mit, und ich hoffe, dass man mich hier nicht falsch versteht, angereichert mit einer gewissen Ästhetik des Hässlichen. Ich werde das erklären.

Die Musik an sich, die arrangierten ausgewählten Samples, die Beats und die Effekte wie Autotune etc., das alles ist das traditionelle und herkömmliche Gewand der Popmusik. Ebenso die dargereichten Propositionen der lyrics. Hier ein Zitat aus seinem ersten track “amazing person on my mind”:

“I love you deeply,I love you so much, I love it when you smile at me … Every time I see you,Every time I think of you,There’s only one word to describe you,Baby you’re amazing…”

Oder ein paar Zeilen aus dem Stück “anything is possible”:

“Never stop chasing your dreams and hopes (and hopes), don’t care what anybody says no more (nor more) no more, anything is possible when you don’t give up (don give up), I don’t see why you should stop trying (never stop trying) yeah”

Es werden also herkömmliche Klischees gegeben, musikalisch sowie textlich. So weit so pop. Dabei könnte es bleiben. Es ließe sich mit einigem Recht behaupten, dass D4nny Popmusik imitiert. Doch welche Popmusiker tun das nicht? Zeichnet sich nicht gerade Popmusik dadurch aus, dass Elemente, die einmal funktioniert haben, beibehalten werden, ganz zu schweigen davon, dass sich die Propositionen der lyrics seit Anbeginn der Popmusik nur geringfügig wandelten? Romantische Liebe, kämpferisches Behaupten, Durchhalten und alles wird gut? Hat sich die Popmusik nicht gerade wegen dieser Redundanz mit anderen Zeichensystemen, siehe Lady Gaga, aufgeladen? D4nny fehlt noch ein Partysong. Durch Imitation zum Erfolg. Doch seine Popmusik offenbart Grundlegenderes.

D4nny zeigt, dass Popmusik nicht durch Imitation, sondern durch Iteration und Permutation am Leben erhalten wird. Während die Musik in seiner Musik, sowie sein Text, Popmusik iteriert, ist seine Stimme das permutierte Element. An ihr zeigt sich Popmusik als Permutation. Sie ist das einzige Element, das neu ist, eingetauscht gegen eine herkömmliche Popstimme. Auf den ersten Blick passt sie gar nicht zu dem ganzen Rest, der Musik und der Überschrift “Pop”. Seine Stimme ist unsicher, flattert, trifft keine Töne, ist schräg. Im übertragenden Sinne lässt sich das Gleiche von seiner Körpersprache sagen. Fassen wir beide Phänomene, seine Stimme und seine Körpersprache als Idiolekt, oder wie de Saussure sagen würde als Parole (kommt auf die Perspektive an) zusammen. D4nnys Idiolekt ist der Grund weshalb sich überhaupt fragen lässt, ob er das ernst meint, der Grund weshalb Menschen seine Musik verlachen. Weil seine Parole, da sie schräg und unordentlich ist, zu dem ordentlichen Rest nicht passt, allein durch dieses Gefälle von Ordnung und Unordnung, hat seine Musik einen gewissen Anteil an der Ästhetik des Hässlichen. Durch dieses Beieinander von Ordnung und Unordnung gewinnt seine Musik außerdem Züge des Klassischen. Es gibt aber noch einen weiteren Punkt, der seine Musik großartig macht.

Etwas übetrieben formuliert ist die Transzendenz der Popmusik, die Iteration und Permutation von Liedern über Liebe, über “be strong” und “feel good”, die ledigliche Wiederholung und Neukombinierung der Elemente des Pops, welche in seinem Genpool (MemePool?) vorhanden sind, während dem Genpool selbst kaum etwas hinzugefügt wird. (Neues kommt, wie mir scheint, immer von Außen, durch Rock, Hip Hop, zuletzt Dubstep.) Weil das alles so ist, verkommt Pop zu einer Ausgeburt der Inzucht. Pop ist das immer wieder geliftete, mittlerweile zur Fratze gewordene Verprechen, dass alles gut wird. D4nnys Stimme ist die Stimme dieser Fratze. In diesem Sinne ist seine Musik die Quintessenz der Popmusik. Genau deshalb ist sie so genial. In D4nnys Stimme wird die Transzendenz der Popmusik zur Immanenz. Seine Stimme ist die Immanenz der Popmusik. Wenn D4nny diesem Gedankengang nachginge und aufhörte es ernst zu meinen, könnte aus ihm ein großartiger Künstler werden, so eine Mischung aus Zappa, Sacha Baron Cohen und Bicycle Repair Man.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>