#rp14

republica-360

Ich bin diese Woche mal wieder überhaupt nicht zum Bloggen gekommen, weil ich voll und ganz in der re:publica-Bubble gefangen war. Und wie jedes Jahr war ich vor allem mit Arbeit beschäftigt, sowohl vor/nach dem eigentlichen Event, als auch während der drei Tage in der Station Berlin, und wieder einmal konnte ich daher den Großteil der Vorträge leider nur am Rande, in den folgenden Gesprächen oder – ironischerweise direkt vor Ort – im Livestream verfolgen. Trotzdem an dieser Stelle schnell meine zwei Pfennige zur diesjährigen Netzkonferenz.

Die re:publica 2013 stand ja irgendwie primär unter dem Label “Jetzt auch für die ganze Familie”: Unzählige Erziehungs- und Bildungsthemen von iPad für die Schulen bis zum Netzgemüse, Sonnenschein, gut gelaunte Gesichter, und wenn dann auch noch die Netzprominenz mit Kind und Kegel vor Ort erschien, wähnte man sich tatsächlich als Teil der Netzgemeinde (*hüstel) im gemütlichen Vorort angekommen, wo jeder 2 1/2 Kinder hat, die Vorgärten gepflegt werden und man sich mit anderen netten Eltern über die neusten Erziehungsideen austauschen kann. Das hat sich 2014 geändert: Auch wenn die re:publica wie jedes Jahr gefühlt größer und vor allem Mainstream-anschlussfähiger geworden ist (Nicht nur Dank Hassel the Hoff), so herrschte doch eine Stimmung vor Ort, die ganz und gar nichts mit der Kuschelatmosphäre der letztjährigen Konferenz gemein hatte. Der Ton ist rauer geworden, die Stimmung ernster und daraus resultierend die Gesamtattitüde auch weitaus subversiver als auf den re:publicas zuvor.

Das geht los beim diesjährigen Motto Into the Wild und endet bei Sascha Lobos – wieder einmal herausragenden – traditionellen Abschlussvortrag zu Teil 1, der dieses Jahr den Titel Rede zur Lage der Nation trug. Und ich will mich jetzt nicht bei denen einreihen die sagen “Eigentlich mag ich den Lobo ja nicht, aber…”, denn schon im letzten Jahr waren seine Kommentare auf SPON zur NSA-Affäre einfach mal Gold wert und auch auf seinen letzten re:publica-Reden hat sich Lobo meiner Meinung nach immer als herausragender Analyst und Mahner erwiesen, was große Themen des Internets betrifft: Aber dieses Jahr ist seine Rede tatsächlich außergewöhnlich stark, überraschend ernst… und vor allem hat er mit jedem einzelnen fucking Wort recht. Das Internet ist kaputt und es liegt an uns, an jedem einzelnen, dass endlich zu ändern. Lobos Vortrag ist nicht nur ein Pamphlet über verpasste Chancen, sondern auch ganz konkret eine Handlungsaufforderung, die jeder, dem die Freiheiten des Netzes wichtig sind, hören und auch in die Tat umsetzen sollte.

Mit apokalyptischem Habitus, einem gewissen Ohnmachtsgefühl aber auch viel Wut im Bauch waren auch andere Vorträge ausgestattet: Sei es der Kampf Geheimdienste vs. Demokratie?, der Versuch den derzeitigen Status der Netz-Überwachung und die weltweite Überwachungsindustrie zu verstehen, oder ganz konkret die Zombie-Apokalypse der EU und die Frage, ob Überwachung impotent macht, so politisiert wie 2014 war die re:publica wahrscheinlich zuletzt vor ein paar Jahren, als es um die Rolle des Netzes im arabischen Frühling ging. Ebenfalls politisch – und alles andere als Nische – war der hervorragende, leider viel zu kurze, Vortrag von Anatol Stefanowitsch, in dem es um sprachpolizeiliche Ermittlungen ging. Hier habe ich mich besonders gefreut Anatol noch für ein Interview mit Philip abgreifen zu können, zum einen, weil sein Sprachlog einfach mal zu meinen liebsten Wissenschafts-Blogs gehört, zum zweiten, weil das daraus entstandene Interview sogar länger dauert, als der Vortrag selbst und einfach noch einmal ein schönes Exempel für die Auseinandersetzung von sprachprogressiv vs. sprachkonservativ darstellt. Schaut euch auf jeden Fall beides an.

So viel zur theoretischen Auseinandersetzung mit den politischen Problemen, mit denen wir uns derzeit beschäftigen müssen. Dass diese keineswegs nur zu Pessimismus führen müssen, durfte gleich eine ganze Reihe Vortragender unter Beweis stellen: Ja, Aktionismus ist gefragt, mehr denn je… und dieser kann verdammt viel Spaß machen. Bestes Beispiel sind natürlich The Yes Men, die hervorragend Aktion mit Kunst mit Satire mit Media Hacks mit performativem Irrsinn kreuzen und endlich mal auf der re:publica zu Gast waren. Auch zu deren Vortrag gibt es ein sehr amüsantes, sehenswertes Interview mit Philip. Wie public Hacks funktionieren können, bewies auch das Peng Kollektiv gleich live vor Ort mit ihrem großen Google Nest Hoax, der ganz nett die Möglichkeiten der aktionistischen, politischen Satire am Beispiel verdeutlichte. Und wenn wir schon bei Spaß sind… Vollkommen apolitisch, aber ein großes Vergnügen ist Johnny Haeuslers Live-Datenerhebung (Wer pinkelt unter der Dusche?)… und auch das Feiern der ersten zehn Jahre Bildblog sollte vor allem ein Grund zur Freude sein.

Sodele… ich bin immer noch total kaputt, deswegen bleibt es erst einmal bei dieser Kurzempfehlung der Beiträge, die bei mir am meisten Eindruck hinterlassen haben. Mehr zu sehen gibt es in der re:publica 2014 Playlist, außerdem haben wir mal wieder für die dctp insgesamt 23 Interviews gedreht, die es allesamt auf dctp.tv zu sehen gibt. Und ich mach jetzt erstmal Wochenende…


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