Virtueller Sex – Luxuria Superbia für Android, iOS & PC

superbia

Dafür, dass das Medium Spiel noch so jung ist, holt es derzeit mit erstaunlich großen Schritten gegenüber den etablierten Medien wie Film und Literatur auf. Dank der Entdeckung der Möglichkeiten des Kunst- und Independent Games in den letzten Jahren erleben die Spieler gerade eine Zeit, in der zahllose Entwickler beweisen, dass es durchaus möglich ist, auf dem Videospiel-Markt mit viel Experimentierfreude so etwas wie Avantgarde zu produzieren – und sogar zu verkaufen -, während die teuren Blockbuster-Produktionen beweisen, dass auch in Videogame-Land Hollywood-Standards möglich sind. Und doch, trotz dieser Entwicklung gibt es einige Sujets und Topoi, die im Medium derzeit nicht einmal ein Nischendasein führen, sondern schlicht und ergreifend gar keine Rolle spielen. Eines davon ist die Erotik: Weder infantile Fuck ‘em Adventures wie Leisure Suit Larry (1987) noch QTE-Bettakrobatik wie in den Quantic Dream Games konnten bisher diese Lücke füllen. Was bis dato maximal möglich schien, war es Sex zu thematisieren und – knapp vor explizit – im Spiel darzustellen. Von Erotik indes keine Spur. Der Independent Games Festival Gewinner Luxuria Superbia tritt nun an, diesen Missstand zu beheben.

Ja, ich weiß, auch hinter Luxuria Superbia steckt nur eine Software: Ein paar Zeilen Code, die ausgelesen von einer Maschine – in diesem Fall einem Nexus 4 – ein visuelles, auditives, interaktives Erlebnis simulieren. Und doch ist dieser Gedanke komplett zur Seite gekehrt, sobald ich mich in den virtuellen Tunnel begebe. Viel ist da nicht zu sehen, bis auf eine helle, organisch gekachelte Umrandung, die sich in unendlich lang in ein dunkles, unbekanntes Zentrum zu strecken scheint, auf welches ich mich langsam zubewege. Der einzige Anhaltspunkt für mein weiteres Vorgehen bildet das zuvor von der Software gehauchte “Touch me!”, und so berühre ich zaghaft die Blätter (?) dieser Blüte (?), die auch direkt auf meinen haptischen Input zu reagieren scheinen…

…und in diesem Moment hat mich dieses Spiel, besser gesagt dieses Erlebnis, gefangen. Denn durch die Reaktionen von Luxeria Superbia werden die einfachen Touchscreen-Berührungen zu mehr, werden zu einem sinnlichen Erlebnis, das ich der virtuellen Blüte schenke, ein sinnliches Erlebnis, das diese wiederum an mich zurückgibt, indem sie weiter auf meine Berührungen reagiert: Die zuvor blassen Blütenblätter füllen sich mit Farbe, die Fahrt in den Tunnel hinein wird schneller, die zuvor abstrakten Töne verwandeln sich in euphorisierten Sound, ein erregtes Hauchen ist zu hören und knappe Texteinblendungen, mal neckisch, mal erregt, mal sich hingebend, mal fordernd versprachlichen den virtuellen Bund zwischen Spiel und Spieler. Und dieser Bund hat seine ganz eigene Dynamik, die Musik wird höher, intensiver, die Reaktionen der Blütenblätter werden enervierter, die Soundeffekte und Texteinblendungen fordernder, bis schließlich der gesamte virtuelle Raum zu pulsieren scheint, auf die sich ebenfalls intensivierenden Berührungen des Spielers immer intensiver reagiert, immer sensitiver, angespannter, erregter, bis schließlich…

…Vielleicht braucht es einen gewissen Orgasmus-Fetischismus, vielleicht braucht es eine gewisse Freude daran, etwas Abstraktes zu konkretisieren, und vielleicht braucht es auch eine gewisse Freude daran, etwas nicht Konkretes durch Imagination in etwas Sinnliches zu transferieren… dann jedoch ist Luxeria Superbia tatsächlich eines der erotischsten Spielerlebnisse, die je das Licht der Welt erblickt haben. Ohne jemals zu explizit und zu pornographisch zu werden, ist spätestens am Ende der ersten Tunnelfahrt klar, wohin die Reise geht: Luxeria Superbia ist Sex im virtuellen Raum, ist eine erotische Beziehung zwischen Mensch und Maschine, die in der Umsetzung Gott sei Dank so wenig anthropomorph wie möglich ist und dadurch jede Gefahr eines abtörnenden Uncanny Valley umgeht. Die Software versucht niemals Mensch zu sein, bleibt trotz menschlicher Sprache und manchem kleinen anthropomorphen Geräusch stets in ihrer Rolle als abstrakte, sinnlich fühlende, empfangende und gebende App, versucht gar nicht zu verbergen, dass sie in erster Linie ein Programm, einen virtuellen Raum darstellt, und gerade dadurch wird die gesamte Interaktion mit ihr mit derart viel Sinnlichkeit, Erotik und Sex gefüllt, dass es für den Spieler eine wahre Freude ist.

Auch die Art, das Spiel zu “meistern”, entzieht sich dadurch einer klassischen Spiel-Logik. Natürlich gibt es durch den potentiellen Orgasmus der Simulation so etwas wie einen Erfolg des Spielers, und die Erregungsmesser erlauben gar eine Art Punkterichtlinie, inklusive High Score Vergleich, aber ich habe selten ein Spiel erlebt, bei dem es mir im Moment des Spielens so egal war, die Höchstpunktzahl zu erreichen. Ohnehin ist Luxeria Superbia diesbezüglich ziemlich konsequent, wenn es um die Gamification von Sinnlichkeit geht: Ein Spieler, der mit Gewalt so schnell wie möglich den virtuellen Höhepunkt erzwingen will, wird mit einem “Ooops!”, beziehungsweise einem “Kann ja mal passieren” abgestraft. Hier simuliert Luxeria Superbia tatsächlich perfekt eine (dann doch primär weibliche) Erregungskurve, immer auch mit der Gefahr im Hintergrund, dass diese abflacht oder zu früh überreizt wird. “Gelöst” wird das Spiel dann auch weniger durch einen klaren Fahrplan oder eine optimale Strategie, als viel mehr durch Intuition und Empathie für die Erregbarkeit der Blüte. An welchen Stellen “gefällt” es ihr, gestreichelt und berührt zu werden? Ab welchem Punkt sollten meine Bewegungen schneller, weitflächiger werden? Ab welchem Punkt nehme ich mehr als einen Finger zur Hilfe? Hier ist Luxeria Superbia nicht nur perfekt für Gestensteuerung auf Handy und Tablet ausgelegt (Keine Ahnung, wie das vernünftig auf dem PC mit Maus funktionieren soll), auch erweist es sich als perfekte Lehrmeisterin für die Wonnen von sinnlichem, langsamen, peu à peu intensiver werdendem Sex und damit als Kontrastprogramm zur Rein/Raus-Pornographie, die einem jeden Spaß an medialisiertem Sex verleiden kann.

Jetzt könnte man natürlich wieder die elende Diskussion vom Zaun brechen, ob es sich dabei überhaupt noch um ein Spiel handelt. Eins ist sicher: High Score Jäger, Game-Bezwinger und virtuelle Krieger, die es so realistisch wie möglich wollen, werden mit Luxeria Superbia nicht glücklich werden. Man muss allerdings keineswegs ein Fan surrealer, bizarrer und “akademischer” Anti-Spiele sein, um Freude an diesem sinnlichen Trip zu haben. Denn so “anders” das Erlebnis dieser erotischen Himmelfahrt auch ist, so wenig ist es intellektualisierte Kunstkunst, die nur zum Nachdenken anregen will. Ganz im Gegenteil, Luxeria Superbia ist ein durch und durch sinnliches, ja, physisches Erlebnis, kein prätentiöser Art-Game-Schinken sondern – die Freude am erotischen Kopfkino vorausgesetzt – eine erotische, intuitive, erotisierende – tatsächlich auch direkt körperlich erregende – Reise in die Welt der virtuellen Lust und des virtuellen sinnlichen Vergnügens. Oder konkret gesagt: Das erste Mal, dass Sex mit einer Software, mit einer Maschine nicht nur möglich scheint, sondern tatsächlich auch höchst befriedigend und beglückend ist.

Gespielt auf einem Android Nexus 4. Luxeria Superbia gibt es bei Google Play für 2,95 € und im iTunes App Store sowie bei Ouya für 3,99 $.

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