Über den schleichenden Wertegewinn der jungen Generationen…

conservatism

Eröffnungsrede zum Kongress der Gesellschaft zum Erhalt des Status Quo und der konservativen Gesinnung (April 2014):

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe konservative Mitstreiter,
seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten sehen wir uns dem schleichenden Wertegewinn der uns folgenden Generationen ausgesetzt. Nicht nur dass dies eine immense Gefährdung für unseren Konservatismus darstellt, auch rückt es uns ältere Generationen immer aufs Neue in ein schlechtes Licht, müssen wir uns doch jedes Mal damit konfrontiert sehen, auf der scheinbar falschen Seite der Geschichte zu stehen. Aber meine liebe Mitstreiter, Larmoyanz – auch wenn wir diese perfekt beherrschen – hilft an dieser Stelle nicht weiter. Viel mehr ist es mir darum gelegen, die Problematik in diesem Vortrag und den folgenden Arbeitsgruppen zu analysieren und Möglichkeiten aufzuzeigen, mit der wir sie nicht nur besser verstehen sondern im besten Falle auch effektiv bekämpfen können.

Wie äußert sich also dieser schleichende Wertegewinn, den wir seit Generationen ohnmächtig mitansehen müssen? Die Faktenlage ist leider eindeutig: Während unsere Groß- und Urgroßeltern-Generation noch voller Stolz in den Krieg zog, boshafte und unmenschliche Ideologien verbreitete und bemüht war, ganze Völker auszurotten, ist Gewalt spätestens seit unserer Elterngeneration mehr als verpönt und so durfte sich diese im Licht neugewonnener Werte sonnen. Und doch wollte auch an unseren Eltern der schleichende Wertegewinn nicht haltmachen. Sahen diese mitunter nach wie vor Rassismus, Sexismus und Ableismus als gängige, akzeptierte soziale Haltungen an, scheinen sich jene traditionellen Unwerte von Generation zu Generation abzubauen. Plötzlich gilt es nicht mehr als fein, “Neger” zu sagen, eine Frau in die Küche zu verbannen oder behinderte Menschen als “Spastis” oder “Mongos” zu bezeichnen. Das bis in unsere Generation hinein wohl gepflegte Mobbing wird plötzlich zum Schimpfwort, gesellschaftlich problematisiert und geächtet. Düstere Geschehnisse, über die früher noch der Mantel des Schweigens gehüllt werden konnte, werden mit dem Schlagwort der “Transparenz” ans Licht gezerrt, öffentlich gemacht und im Diskurs verarbeitet. Wo sind nur die guten alten Unsitten gelandet, Probleme zu ignorieren, Opfer zu Täter werden zu lassen und jeden progressiven gesellschaftlichen Ansatz zu diskreditieren? Oh ja, meine Freunde, ich weiß, auch heute noch sind viele Unsitten verbreitet, auch heute noch erfreuen wir uns oft genug an fehlenden Werten: Der Sexismus darf sich immer wieder – erfreulicherweise nach wie vor vor allem in der Wirtschaft (sowohl im ökonomischen als auch stammtischlichen Sinne) – unverblümt seinen Weg bahnen, Täter-Opfer-Umkehrungen sind immer noch in Mode und auch der Rassismus erlebt immer wieder sein ein oder anderes Comeback.

Aber ich frage Sie, wie lange wird dies noch so sein? Wenn auf diese Generation eine weitere Generation folgt, die noch sensibler für fehlende Werte ist? Wenn auf diese Generation wieder eine Generation folgt, die noch vehementer die fehlenden Werte der früheren Generation anprangert? Wenn wir uns durch Problematisierung, Differenzierung und Diskurse immer weiter in eine Spirale des schleichenden Wertegewinns begeben? Meine lieben konservativen Mitstreiter, ich befürchte, dann besteht die Möglichkeit, dass die Unwerte irgendwann vollends ausgerottet sind, dass Werte sich vollends durchsetzen und wir nie wieder von einer wertfreien Gesellschaft sprechen können. Der Wertegewinn wird immer mehr zum Problem, nicht nur für vergangene Generationen, nicht nur für unsere Generation, sondern auch für alle Generationen, die uns folgen… und schließlich, ehe wir uns versehen, ist der Konservatismus vollends zu Grabe getragen.

Aber ich sagte bereits vor einigen Minuten, ich bin nicht hier um zu lamentieren. Ich möchte Wege aufzeigen, wie wir diesen schleichenden Wertegewinn bekämpfen können, und ich denke, ich kann voller Stolz verkünden, die richtigen Werkzeuge dafür in der Hand zu haben: Das erste Werkzeug dürften Sie kennen. Es ist das Werkzeug, das sich schon lange gegen den schleichenden Wertegewinn der jungen Generationen bewährt hat, ein Werkzeug, auf das auch die Konservativen vor uns, die Konservativen davor und die Konservativen davor zurückgegriffen haben, bis hinein in die Antike:

“Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer.”

…Nein, ich weiß, dieses Zitat stammt höchstwahrscheinlich nicht von Sokrates und wahrscheinlich auch nicht von Platon, beide haben aber sehr gerne und sehr effektiv über die junge Generation hergezogen und eine antike Quelle dieser speziellen weisen, raffinierten Sätze liegt ebenfalls im Bereich des Möglichen. Wichtig an ihnen ist, welche großartigen taktischen Möglichkeiten sie uns aufzeigen: Während wir ohnmächtig dem sukzessiven Wertegewinn der künftigen Generationen zusehen müssen, können wir ganz einfach versuchen, im Kleinen einen Werteverlust zu geißeln. Greifen Sie dabei auf schwammige Begriffe wie “Anstand”, “Höflichkeit” oder “Respekt” zurück, in den seltensten Fällen müssen Sie dabei erklären, was Sie mit diesen Begriffen überhaupt meinen. Und, man kann es gar nicht oft genug sagen, generalisieren Sie! Sie haben beobachtet, wie ein Jugendlicher im Bus nicht für eine ältere Person Platz gemacht hat? Übertragen Sie dies einfach auf die gesamte Jugend. Erinnern Sie sich daran, wie es unsere Eltern getan haben. Auch diese haben uns vorgeworfen, keinen Respekt vor dem Alter zu haben. Auch diese haben uns vorgeworfen, verlottert, verroht und ohne Werte zu sein. Machen Sie es genau so mit künftigen Generationen. Keine Sorge, Sie brauchen dafür weder Statistiken, noch Studien. Behaupten Sie einfach. Geben Sie den Gesprächspartnern gar nicht erst die Chance, darüber nachzudenken, ob ihre Behauptungen eventuell falsch sein könnten. Einfach Behaupten. Sie werden mit Sicherheit ständig zustimmendes Kopfnicken ernten.

Dabei ist es auch wichtig, wirklich essentielle Werte außen vorzulassen. Wie ich bereits ausführte, erfahren wir bei diesen von Generation zu Generation einen schrecklichen Wertegewinn. Sie müssen die wesentlichen Werte in ihrer Larmoyanz ignorieren. Versuchen Sie gar nicht erst, die Jugend des Rassismus oder Sexismus zu bezichtigen. Denken Sie daran, dass Sie im Kampf um zentrale Werte wie Nächstenliebe, Respekt vor dem Anderen, Toleranz und Akzeptanz, Inklusion etc. pp. auf verlorenem Posten stehen. Ich sage es noch einmal: Ignorieren Sie diese deshalb einfach. Stürzen Sie sich auf Bagatellen, wie eben das Platz-Machen im Bus, das Einreihen in einer Schlange, das Sitzenbleiben bis jemand aufgegessen hat, die richtige Kleidung in entsprechenden Situationen, Höflichkeitsfloskeln und ähnliche Dinge. Wenn wir es schaffen, diese Bagatellen zu großen Werten zu stilisieren, werden die wahren, sukzessive steigenden, Werte vergessen und wir können uns wieder der jungen Generation gegenüber erhaben fühlen. Nicht die Menschenrechte sollen unser Wertmaßstab sein, sondern der Knigge, mit diesem haben unsere Elterngenerationen ebenfalls erfolgreich den Wertegewinn unserer Generation nivelliert.

Das zweite Werkzeug ist weniger bekannt, erfreut sich aber bei uns Konservativen steigender Beliebtheit. Ich möchte es “Pejoration” nennen. Wenn wir schon nichts gegen die Wertesteigerung der Jüngeren machen können, so lassen Sie uns einfach diesen Wertegewinn mit einem negativen Vorzeichen versehen. Wenn wir es schaffen, neu gewonnene Werte wie Anti-Rassismus, Toleranz, Anti-Sexismus und ähnliches, zu diskreditieren, dann können wir trotz Wertegewinn weiterhin über einen vermeintlichen Werteverlust lamentieren. Ich nannte das Verfahren dazu “Pejoration” und dieses liefert uns auch die richtigen pejorativen Reizwörter: “Political Correctness”, “Politische Korrektheit”, “Gutmenschentum”, “Linke Gleichmacherei”… benutzen Sie diese Begriffe, helfen Sie mit dabei, dass diese sich als Schimpf- und Reizwörter gegen den schleichenden Wertegewinn etablieren; helfen Sie dabei, dass die neuen Werte plötzlich als Unwerte erscheinen. Damit können wir vielleicht sogar junge Generationen auf unsere Seite ziehen, den Konservatismus auch bei den Coolen, bei den Hippen und bei den Trendsettern beliebt machen. Die gewonnenen Werte müssen einfach in negativem Licht dastehen und schon werden sie verfemt, während wir wieder in Ruhe auf unseren alten Bagatell-Werten beharren können.

Und damit komme ich auch schon zum letzten Punkt meine lieben Mitstreiter: Lassen Sie uns auch die künftigen Generationen, die an Werten gewonnen haben, mit ins Boot holen. Der Coolness-Faktor der Anti-“Political Correctness” und des damit einhergehenden vermeintlichen Anti-Establishment ist eine Möglichkeit. Eine andere liegt uns quasi vor den Füßen. Vergessen Sie niemals, ich betone es noch einmal, vergessen Sie NIEMALS die Vergesslichkeit der jungen Generation. Auch wir sind mit dieser Vergesslichkeit gesegnet, erinnern uns Gott sei Dank nicht mehr daran, wie wir uns damals über unsere Eltern und Großeltern ärgerten, als diese unseren Werteverlust anprangerten, und diese Vergesslichkeit ist heute unsere stärkste Waffe. Ja, liebe Schwestern und Brüder, wir können es schaffen auch die künftigen Generationen mit ins Boot zu holen. Sagen Sie zu jedem Zwanzigjährigen: “Auch Du wirst einst über vierzig sein!”, verpassen Sie nicht den Moment, ihn schließlich, wenn es so weit ist, auf unsere Seite zu ziehen. Lästern Sie dann nicht mehr über seinen Wertemangel, sondern raunen Sie ihm zu: “Siehst du auch diesen Werteverfall bei der jungen Generation?”. Er wird ihnen mit Sicherheit zustimmen, zum einen wegen seiner Vergesslichkeit (Er wird nicht mehr wissen, wie sehr ihn ihre Larmoyanz früher ärgerte; versprochen!), zum anderen, weil er sich plötzlich selbst erhaben, der verlotterten Jugend überlegen fühlen kann. Wenn Sie mit ihm gemeinsam den kulturellen Werteverfall anhand von Gangster Rap oder Ego-Shootern beweinen, wird er vergessen haben, dass Sie einst Heavy Metal als direkten Weg zum Satanismus gebrandmarkt, und Actionfilme der 80er Jahre als direkten Auslöser von Gewalt stigmatisiert haben. Wenn Sie gemeinsam mit ihm über die sozial verrohte und isolierte Jugend, die nur noch auf ihr iPhone glotzt, jammern, wird er vergessen, wie Sie einst seine Abschottung mittels Walkman und sein stundenlanges Sitzen vor dem Game Boy verurteilten. Dann wird er einer von uns sein, über den Werteverlust der jungen Generation lamentieren und zornen und zugleich den Wertegewinn derselben nicht mehr wahrnehmen. Und so kann der Konservatismus von Generation zu Generation bestehen bleiben.

Vergessen Sie bei all dem nicht – ich habe es mehrmals in meiner Rede erwähnt -, seien Sie larmoyant, seien Sie empört, ärgern Sie sich, fluchen Sie und tragen Sie ihre Geißelung des Verlusts der Bagatell-Werte mit großem Pathos vor. Sie werden damit mehr Menschen überzeugen, als Sie jetzt vielleicht glauben mögen. Sie werden damit erfolgreich sein, den Wertegewinn der jungen Generationen zu nivellieren, vielleicht sogar zu negieren. Und plötzlich sehen die, die Sie überzeugen wollen, keinen Fortschritt mehr, sondern nur noch einen Verfall der Werte und eine gleichzeitige Etablierung von falschen Werten, die uns von bösen Gutmenschen aufgezwungen werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe konservative Mitstreiter, wir werden nicht aufgeben, wir werden siegen. Und mit Hilfe der so eben genannten – in den Workshops gleich näher behandelten – Werkzeuge stehen dem Kulturpessimismus, dem Defätismus und dem Konservatismus glorreiche Zeiten bevor. Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>