Full Nerd Jacket: Fail Compilation – Inszeniertes Scheitern und Kapitalismus

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Ist inszeniertes Scheitern Scheitern? Ist es nicht vielmehr etwas Geglücktes? Ein Anti-Fail? Spiegelt sich dieses Verhältnis nicht im Kapitalismus wieder? Sind geplante Obsoleszenz und Börsenblasen nicht Sinnbild für dieses Verhältnis? Erfolgreiche Geldakkumulation auf der einen Seite und Arbeitslose, Armut und Schrott auf der anderen. In einem interdisziplinären und kulturtheoretischen Move blicke ich zunächst  auf das (nicht-) Versagen in Kunst und Kultur. Davon dann ableitend wird deutlich, dass das Scheitern nicht nur ein weit größeres Ausmaß hat als uns lieb ist, sondern darüber hinaus uns alle angeht, weil das Failen nicht selten systemimmanent ist.

Aus Thomas Bernhards “Auslöschung”:

Wir müssen uns das Denken erlauben, uns getrauen auch auf die Gefahr hin, dass wir schon bald scheitern, weil es uns plötzlich unmöglich ist, unsere Gedanken zu ordnen, weil wir, wenn wir denken, immer alle Gedanken, die es gibt, die möglich sind, in Betracht zu ziehen haben, scheitern wir immer naturgemäß; wir sind ja im Grunde immer gescheitert und alle anderen auch, sie mögen geheißen haben, wie immer, sie  mögen die allergrößten Geister gewesen sein, auf einmal, an irgendeinem Punkte, scheiterten sie und ihr System ist zusammengebrochen, wie ihre Schriften beweisen, die wir bewundern, weil sie die am weitesten in das Scheitern vorangetriebenen sind. Denken heißt Scheitern, dachte ich. Handeln heißt scheitern. Aber wir handeln naturgemäß nicht, um zu scheitern, wie wir nicht denken, um zu scheitern, dachte ich. Nietzsche ist ein gutes Beispiel für ein Denken, das so weit in das Scheitern hineingetrieben ist, bis es nurmehr noch als wahnsinnig bezeichnet werden konnte,…

Nicht nur bei den Coen Brothers, auch in den Filmen von Roy Andersson trifft man immer wieder auf vorzüglich inszeniertes Scheitern. Während es bei den Coens meist ein individuelles Scheitern ist, gewinnt es bei Andersson, durch die Verbindung mit archetypischen Klassikern, wie “Der Tischtuchtrick”, eine gewisse Universalität und wird dadurch zu einem Ausdruck der Absurdität des Lebens.

Breaking Bad ist ja voller (nicht-)Fails. Man denke da nur an die, durch die Zimmerdecke ätzende, Leiche, an Jesses geistreichen Erkenntnissen: “A cowhouse…”, oder “A robot?”, an das Methylamin-Fass, das Walt und Jesse stehlen… Dann gab es aber auch diese Szene hier:

Auffällig bleibt zunächst, dass das Scheitern in US-amerikanischen Filmen, bzw. Serien, immer ein individuelles Scheitern ist. Im Werk Helge Schneiders dagegen (und nicht nur in seinen Filmen) dient das inszenierte Versagen dem Karikieren von Ästhetik und Narrativen.

Selbst Superman, um nicht aufzufallen, passt sich der Menschheit und ihrem Hang zum Versagen an, indem er in das Kostüm des trotteligen Clark Kents schlüpft. In der folgenden Szene jedoch, ist es Superman der Unsicherheit zeigt und nicht Clark Kent. Vielleicht hat Bill doch weniger Recht, wenn er meint, dass das Kostüm Clark Kent Supermans Kritik an der gesamten Menschheit ist.

Ich weiß nicht, was aus den Gewinnern der zehn vorhergehenden Staffeln “Deutschland sucht den Superstar” geworden ist, geschweige denn wie sie heißen. In diesem Sinne ist “DSDS” und seine Verwandten das Versprechen und Einhalten des Versprechens des Scheiterns. Denn eins sind alle “Gewinner” nicht geworden: Superstars. Es ist die großangelegte Ankündigung des Scheiterns, welche auf der systemimmanenten Ideologie des Individualismus á la “Auch-du-kannst-es-schaffen!” beruht. Es-Schaffen, das machen die Leute wie Bohlen, die Produzenten im Hintergrund und rtl. In diesem Feld verspricht Kapitalismus eine Berühmtheitsmaschine zu sein, ist aber doch wieder nur eine Geldmaschine. Die Leute von Dice Productions haben das mal in einem kurzen Video zusammengefasst: “Gregory is a Dancer” erzählt “The life to death story of a compulsive dancer who is born into poverty, sucked up by the fame machine and spat out the other end.”

Gregory Is A Dancer from Dice Productions on Vimeo.

Salvador Dali - Sleep

Salvador Dalis berühmte Stützen, wie im obigen “Sleep” oder im “Soft Self Portrait” sind Ausdruck der Angst vor dem Versagen. Interpreten sahen darin wiederholt Dalis Angst vor Impotenz. Auch die absurd dünnen und riesigen Beine der Elefanten aus “The Temptation Of Saint Anthony” bringen eine sorgenvolle Gebrechlichkeit zum Ausdruck. Dies lässt sich natürlich sexuell lesen, aber es ist auch ein Hinweis auf die Gebrechlichkeit des Menschen und seines Ichs. Hier zeigt sich eine Verwandschaft zu Kafka, der in seinem Werk Unsicherheit inszeniert.

Kafkas Figuren kämpfen in einer Welt, die sich ihrem Verständnis entzieht, einen aussichstlosen Kampf. Das Scheitern seiner Figuren ist nicht so sehr individualistisch, als vielmehr ein Scheitern an einem unverständlichen System. Josef K. aus Der Prozess findet weder heraus weshalb er angeklagt ist, noch findet er sich in seinem laufenden Prozess zurecht, geschweige denn aus denselben heraus. Ein ähnliches Setting gibt es im Roman(fragment) Das Schloss. Darin unternimmt Protagonist K. alle möglichen Anstrengungen herauszufinden was es mit dem Schloss auf sich hat, welches die Geschicke des Dorfes kontrolliert, in welchem sich K. aufhält. Anscheinend geht vom Schloss eine Herrschaft aus. Der Herrschaftsapparat, sehr wahrscheinlich eine Bürokratie, bleibt jedoch verborgen. K. kommt auch nicht nur in die Nähe des Schlosses. Beiden Protagonisten bleiben die Vorgänge, die ihre Existenz beeinflussen, verhüllt. Kafka lässt den Leser an dieser Verhüllung teilhaben, indem er mit einer äußerst klaren Sprache eine heillose Verwirrung stiftet. Kaum glaubt man einen Anhaltspunkt für ein mögliches Verständnis gefunden zu haben, scheitert man schon am nächsten Satz. Adorno meinte dazu einmal: “Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.”

Kafkas Beschreibungen des Verborgenen, das die Welt und ihre Bewohner unverständlich beeinflusst, kann aktueller nicht sein. Viele Interpreten weisen darauf hin, dass Kafka das anonyme Wirken von moderner Bürokratie zum Ausdruck bringt. Spätestens seit dem Jahr 2008 wurde für viele Menschen klar, dass es neben der Bürokratie noch einen anderen verborgenen und daher Nicht-Schauplatz gibt, der die Geschicke und die Existenz aller Menschen beeinflusst: die Börse. Dort werden unter anderem äußerst komplexe Finanzprodukte gehandelt, die sich äußerst intelligente Menschen ausdenken. (Das ist kein Witz.) Diese Produkte, zum Beispiel Finanzderivate, machen die Welt nicht nur unverständlicher, sondern ein paar Leute auch reicher. Weil ihr Kredit von Bankern in ein solches Produkt integriert wurde, dieses dann in der platzenden Immobilienblase unbezahlbar wurde, konnten viele US-Amerikaner ihr Darlehen nicht mehr tilgen. Im schlimmsten Fall und es gab viele schlimmste Fälle verloren sie ihr Haus. In seinem Buch Das Gespenst des Kapitals erörtert der Literaturwissenschaftler und Philosoph (u.a.) Joseph Vogl die Erzählbarkeit einer Welt, die vom Finanzkapitalismus strukturiert wird und mitunter unlesbar geworden ist. (Alexander Kluge fragt Joseph Vogl: Welchen Roman erzählt die Börse?) In dieser Unlesbarkeit, sehe zumindest ich den Grund, oder den Ausgangspunkt von verschwörungstheoretischen Blüten, die klare Feindbilder präsentieren, letztendlich aber nichts weiter sind als grobe Vereinfachungen einer komplexen Situation. Durch das Aufzeigen von vermeintlichen Akteuren entgeht den Verschwörungstheoretikern die komplexe Dynamik von Finanzmärkten, an denen sie letztendlich teilhaben, weil Kapitalismus nun mal alles assimiliert. Für jede rebellierende Subkultur gab es nach kurzer Zeit Shops, in welchen die Totems der jeweiligen Subkultur gekauft werden konnten. Hergestellt wurden und werden sie in Sweatshops, die als Phänomen der sogenannten Rationalisierung, Brutstätten der Produkte und Totems sind. Am prägnantesten sieht man das wohl hier.

An den Börsen dieser Welt raten Trader die Zeichen der Matrix. (M.F.)

börsenmatrix

Mit der Metaphorik der Matrix einher geht die Vorstellung des Auserwähltseins. Neo ist eigentlich eine vulgäre Jesus-Figur, mit welcher Messianismus reproduziert wird. Unsere westlich zivilisierte Kultur ist voll davon. Diese Figur ist das sublimierte Abbild der eigenen Individualität und dient als eine Art Archetyp der Individualismus-Selbstverwirklichungs-Ideologie.

Die Auswirkungen des Finanzsystems etwas lesbarer macht der erfolgreiche Studienabbrecher Nico Semsrott. Als Erfinder der Unglückskekse, macht er stand-up-tragedy und integriert das Scheitern in seine Arbeit. Im Abbruch seines Studiums zeigt sich auch, der anwachsende Druck einer Gesellschaft, in der Menschen möglichst schnell auf einen/ den Markt vorbereitet werden sollen. Zusammen mit Till Reiner gibt er einen “Bastelkurs für Kapitalismusliebhaber” mit dem Titel: “Wachstumsbremse Mensch”. Darin wird durch die Erörterung von Fragen wie: “Was ist Obsoleszens?”, auf den Zusammenhang von Fail und Kapitalismus verwiesen. Geplante Obsoleszens zeigt, dass der eingebaute Fail, das eingebaute Versagen, ein systemimmanentes Kalkül der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist, das diese Art zu wirtschaften aufrecht erhält und letztendlich zu einem weiteren Versagen führt: Die Vermüllung der Welt. 

Joseph Hellers Catch 22 ist ein Meisterwerk des Scheiterns. Es ist ein Buch über den Krieg, um genau zu sein: über eine amerikanische Bomberstaffel im Zweiten Weltkrieg. Durch die dargestellte Aberwitzigkeit und Verrücktheit, wird der Krieg als universelles Scheitern vor Augen geführt. Es sollte nicht vergessen werden, dass der Krieg der Allierten gegen Hitlerdeutschland der Befreiung von einem unmenschlichen Totalitarismus diente. (Heller schrieb das Buch allerdings unter dem Eindruck des Vietnamkrieges.) Heute aber dienen viele Kriege der Sicherung von Ressourcen, vor allem Öl und Gas, und damit der Aufrechterhaltung eines Geschäfts, welches zudem maßgeblich zum Treibhauseffekt beiträgt (ein weiterer Fail). Darin zeigt sich ein weiteres mal, neben der geplanten Obsoleszens, dass das Scheitern in Verbindung steht mit kapitalistischem Geschäftsgebahren. Immer wenn Menschen auf Menschen schießen freut sich die Rüstungsindustrie.

Das großartige an Catch 22 ist, dass Heller darin das Versagen in verschiedensten Weisen vorführt. Figuren reden konsequent aneinander vorbei, werden ob der ausweglosen Situation verrückt, oder bilden allerlei Neurosen aus. Yossarian, der durchaus so eine Art Protagonist ist, ich glaube er war Bombenschütze, ist panisch davon besessen, dass man ihn umbringen will, weil man doch auf ihn schieße. Deswegen versucht er einen Weg zu finden, nicht mehr an Feindflügen teilnhemen zu müssen. Kaum hat er zum Beispiel die Anzahl der Pflichteinsätze erreicht, sich freuend überlebt zu haben, wird diese Anzahl erhöht. Die einzige Möglichkeit unversehrt nach Hause zu kommen ist eine Krankschreibung auf Grund von Verrücktheit, die man selbst melden muss, verbunden mit dem Wunsch nach Hause zu dürfen. Wer sich aber angesichts der um ihn tobenden Verrücktheit des Krieges für verrückt erklärt und verlangt in die Heimat zurückzukehren beweist, dass er nicht verrückt ist. Im Umkehrschluss heißt das natürlich:

Yossarian war verblüfft darüber, dass Doc Daneeka nicht imstande sein sollte zu begreifen. “Verstehst du denn nicht, was das bedeutet? Du kannst mich jetzt fluguntauglich schreiben und mich nach Hause gehen lassen! Man wird doch schließlich keine Verrückten an die Front schicken.” “Wen denn sonst?”

Das ist das Setting des Romans, das zunehmend irrer wird. Der Roman ist angereichert mit allerlei Verdrehtheiten, die die verkehrte Welt des alles negierenden, alles auf den Kopf stellenden Krieges anzeigen. Meistens spielt Heller mit den Erwartungshaltungen der Rezipienten, um sie sehr unterhaltsam zu enttäuschen, oder invertiert die Invertierung, wodurch es ihm gelingt die Absurdität und den Wahnwitz eines Krieges einzufangen. Als der Geschwaderkaplan und Colonel Cathcart das Procedere des regelmäßig stattfindenden Gebets besprechen, heißt es:

“Ich möchte, dass Sie es frisch und munter machen und die Burschen in guter Stimmung hinausschicken. Nichts von solchem Zeug wie Reich Gottes oder Tal des Todes. Das ist alles zu negativ. (…) Haben Sie nicht ein bisschen was Lustiges, worin weder Gewässer noch Täler noch Gott vorkommen? Wenn irgend möglich, möchte ich die Religion überhaupt aus dem Spiel lassen.” Der Kaplan sagte schuldbewusst: “Es tut mir leid, Sir, aber alle Gebete, die ich kenne, sind ziemlich düster und erwähnen Gott mindestens am Rande.” (…) Ich finde es sehr angebracht, um ein engeres Bombenteppichmuster zu beten. General Peckem ist der Ansicht, dass es eine hübschere Luftaufnahme ergibt, wenn alle Bomben dicht beieinander explodieren.”

Wen ich nicht vergessen will, ist Jean-Luc Godard, vor allem sein Film Week End aus dem Jahr 1967, den ich bereits vor längerer Zeit genauer interpretierte. Godard erklärt darin, dass dieser Film auf dem Schrottplatz gefunden wurde, womit er auf die kapitalistische Konsumgesellschaft anspielt. Er führt uns in eine fast schon apokalyptische Welt, in der nicht nur herkömmliche Konsumprodukte und Dinge produziert werden, sondern auch Meinungen und ganze Weltanschauungen. Metaphorisiert wird dies in dem technischen Alltagsprodukt Auto, das in Week End eine eigentümliche Rolle spielt. Auch Kunst ist Bestandteil dieser Produktmaschinerie. Im westlich-zivilisierten Weltteil wird also fleißig produziert. Godard deutet an, dass dies nicht geschiet, weil es so erstrebenswert wäre Dinge zu produzieren, sondern Dinge werden produziert um Kapital zu akkumulieren. Die Dinge selbst sind überflüssig. Sie sind Schrott, zumindest aber auf dem Weg zu Schrott zu werden.

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Godard, der sich zumindest zeitweise als Maoist bezeichnete, formuliert das nicht aus, sondern geht einen Umweg. Er präsentiert uns die Collage einer irregewordenen Welt, in der auf der einen Seite mit Produkten und Ideologie ein well-living versprochen wird und auf der anderen Seite Krieg (damals: Vietnam, Algerien etc.) Hunger und Ausbeutung (Kongo) herrscht. Godard findet dafür ausdrucksstarke Bilder. Indem er seinen eigenen Film als Schrott deklariert, zeigt er, dass auch die Kunst diese Widersprüche nur aufzeigen, nicht aber auflösen kann. Er erklärt die Kunst sozusagen zum Wohlstandsmüll. Für mein Empfinden weist Godard damit auf ein totalitäres, weil alles erfassendes, alles assimilierendes Moment des Systems Kapitalismus hin, welches letztendlich für das Scheitern der Politik sorgt.

Ich bin alles andere als ein Antikapitalist. Ich schätze die Möglichkeiten die Kapitalismus Menschen bietet und seine Reformierbarkeit. Auch nicht das Geld ist Ursprung unserer Probleme. Die eigentliche Krise ist ethischer Natur und damit ein politisches Phänomen. Doch dazu ein andermal mehr.

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