What A Fuck!? – Lars von Triers Nymphomaniac I

nymphomaniac

Mit dem Nymphomaniac Zweiteiler kommt Lars von Triers so genannte Depressions-Trilogie zu einem Abschluss. Da es bei dem Dogma95-Initiator und Festival-Provokateur zuletzt nicht mehr unter existenzieller menschlicher Tragödie oder gleich dem Weltuntergang ging, durfte man gespannt sein, wie der letzte große Epiker des Arthaus-Kinos das Thema Sex auf die Leinwand bringen würde. Dass es pornographisch werden konnte war praktisch vorprogrammiert, nicht zuletzt auch weil Lars von Trier bereits mit seinen früheren Filmen, wie Idioten, Porno-Arthaus-Erfahrung sammeln durfte. Ebenso schien es vorprogrammiert, dass Sex von Trier nur als Leinwand dient, auf der er wieder einmal eine existenzielle, gewaltig gewalttätige, an den Rand des Ertragbaren gehende Geschichte zeichnen würde. Und nachdem die ersten Filmplakate das Licht der Welt erblickt hatten, auf denen der gesamte Cast in eindeutig orgastischer Pose zu sehen war, durfte erwartet werden, dass Lars von Trier auch in Nymphomaniac wieder zu allen möglichen, unmöglichen Mitteln der Provokationskunst greifen würde… Düster, tragisch, pornographisch, provokant, existenziell und gewaltig… das waren die Vorzeichen von Nymph()maniac (nur echt mit Klammer-O)… und Lars von Trier, der Schelm? Der hat uns alle ganz schön in die Irre geführt.

Die zusammengeschlagene, am Boden kauernde Joe (Charlotte Gainsbourg) wird von dem zurückhaltenden, schweigsamen Single Seligmann (Stellan Skarsgård) auf der Straße aufgelesen und – nachdem sie ein Krankenhaus oder die Polizei abgelehnt hat – von ihm zu sich nach Hause gebracht. Während sie sich dort bei Tee und Gebäck von den Ereignissen der letzten Tage erholt, erzählt sie Anekdoten aus ihrem Leben, welches sich schnell das Leben einer Nymphomanin entpuppt. Schon früh hat die junge Joe (primär gespielt von Stacy Martin) die Lust an ihrem Körper und die Freude am Experimentieren mit diesem entdeckt. Nachdem sie ziemlich brutal entjungfert wurde, wird Sex für sie mehr und mehr zu einem Sport, zuerst mit ihrer Freundin B (Wer schafft es auf einer Zugfahrt mehr Männer flachzulegen), später auch allein, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick und den optimalen Liebhabern. Eine besondere Rolle nimmt dabei ihre jugendliche Anti-Liebe Jerôme (Shia LaBeouf) ein, mit dem sie sich einen regelrechten Zweikampf um Verführung und Ablehnung liefert, bis es schließlich zu einem gemeinsamen Höhe- und gleichzeitigen Tiefpunkt kommt…

Es gilt wohl mit gleich mehreren, von der Erwartung getriggerten, Mythen um Nymph()maniac I aufzuräumen. Erstens: Nymphomaniac ist kein düsterer Film. Ganz im Gegenteil. Während Lars von Trier in seinen letzten Meisterwerken noch auf eine schwere Opulenz, auf tragischen Existenzialismus setzte, geht er das Leben der Nymphomanin Joe geradezu leichtfüßig an. Obwohl diese ihren Werdegang zu bereuen scheint und von Anfang an beteuert, ein schlechter Mensch zu sein, spiegelt sich ihre Reue keineswegs in den locker zusammengehaltenen Episoden ihrer Vita wider. Stattdessen inszeniert Nymphomaniac sein Sujet als leichte, geradezu lebensfrohe Charakterstudie, die mit ihrem hedonistischen und zugleich bildungsbürgerlichen Habitus an das europäische Kino des Post-Neorealismus, an Regisseure wie Federico Fellini und Marco Ferreri, erinnert. Tatsächlich ist Nymphomaniac ein lebensfroher Film, der sich vor dem Leben und dem Genuss verneigt; so viel durfte bei Lars von Trier noch nie geschmunzelt und gelacht werden; selbst vermeintlich düstere/tragische Episoden wie die Geschichte um Mrs. H (Uma Thurman) werden derart grotesk, humorvoll erzählt, dass ihre tragische Essenz in einem schelmischen Lachen niedergestreckt wird.

Zweitens: Nymphomaniac ist ein verdammt erotischer Film. Es scheint mitunter unter Filmkritikern und Feuilletonisten fast schon einem Sport gleichzukommen, erotischen Arthaus-Filmen ihr erotisches Flair abzusprechen, wahrscheinlich weil sie durch Entsexualisierung vermeintlich aufgewertet werden würden. Die Haltung dahinter: Erst wenn Sex düster, bedrohlich und schmutzig, ergo unerotisch, inszeniert wird, verdient er es, in unserem heiligen Medium Film dargestellt zu werden. Abgesehen davon, dass sich hinter dieser Einstellung zu “Erotik im Film” ein fast schon rührend verklemmter, konservativer Habitus verbirgt, ist der Gedanke einfach nur Blödsinn. Erotische Erotik im Film kann diesen enorm bereichern und zugleich kann der Film Erotik im universellen Sinne auf ein ganz neues Level heben. Beides gelingt von Trier in Nymphomaniac auf famose Weise. Die Lebensgeschichte von Joe zelebriert die Schönheit und Anziehungskraft des Körpers, selbst wenn der Sex auf den ersten Blick wie obsessive und zugleich mechanische Pflichterfüllung zu sein scheint. Dies ist vor allem den hervorragenden Bildern des Kameramanns Manuel Alberto Claro zu verdanken, der es versteht, auf Details zu ruhen, Hände, Brüste, Schwänze und Schambereiche ins rechte Licht zu rücken, der aus den sich aufrichtenden Haaren auf der Haut ein Fest der Sinne werden lässt und aus den einfachsten Blicken puren Sex zaubert. In diesen Momenten wird Nymph()maniac zum erotisierten Manifest, zum Liebesbrief an den menschlichen Körper und die Macht desselben, zu einem Film der Sinne und der Schönheit der Anatomie.

Drittens: Nymphomaniac ist kein kalter Film. Ja, es geht um Sex außerhalb der Liebe, es geht (lange Zeit zumindest) um Lust, um die Verführung jenseits der Emotionalität… was aber keineswegs gleichbedeutend damit ist, dass Emotionalität in dieser pittoresken Tragikomödie fehlen würde. Schon von Beginn an erscheint Joe dem Zuschauer als einerseits sich selbst geißelnde, andererseits aber auch rührend liebenwerte, liebenswürdige Protagonistin. Der etwas zum Stichwortgeber degradierte Seligmann ist in seinem Bildungseifer, in seiner bürgerlichen Gelehrtheit und gleichzeitigen optimistischen Hingabe an den Menschen einfach nur ein warmherziges Zentrum, das die einzelnen Episoden zusammenhält. In Joes Familiengeschichte offenbaren sich nuancierte, zwischenmenschliche Feinheiten, die dann auch zur Hälfte des Films ganz unerwartet ein humanistisches Tableau für ein ans Herz gehendes – fast schon klassisches – Drama bereitstellen. Und selbst zwielichtigere Charaktere wie Jerôme werden mit unheimlich viel Liebe bedacht, mit Sorgfalt gezeichnet. Schienen in den letzten Trier-Filmen irgendwie alle Figuren kaputt, vom Unglück gezeichnet, dem Wahnsinn verfallen oder einfach nur unmenschlich, findet hier das genaue Gegenteil statt: Unsympathische Charaktere stehen in Nymph()maniac nicht auf dem Plan. Stattdessen schrullige, exzentrische, teilweise einfach nur nette Personen, die man als Zuschauer nur sympathisch oder zumindest interessant finden kann. Fast schon ein Novum im Kino Lars von Triers, der sonst gerne die dunkelsten Seiten des Menschen nach vorne kehrt.

So viel Leichtigkeit, so viel Verspieltheit? Kann ein Film dann überhaupt noch Tiefe aufweisen? Oh ja, er kann! Lars von Trier zeigt sich wieder einmal auf der Höhe seiner Autorenfilmer-Kunst, legt seinen Protagonistinnen Dialoge in den Mund, den jeden feingeistigen Rezipienten mit der Zunge schnalzen lassen, verwebt Metaphorik um Metaphorik, um den Anekdoten Sinn und gleich mehrere sich in sich spiegelnde Beduetungsebenen zu geben. Das kommt mitunter ein wenig bildungsbürgerlich prätentiös daher, das akademische Moment wird aber immer wieder durch den nächsten Fick aufgefangen und in pure physische Lust verwandelt. Fellini war wohl der letzte Regisseur, der es vermochte, so gekonnt Genuss mit aufklärerischem Habitus und gleichzeitigem Augenzwinkern zu kreuzen. Ja, wir dürfen auch was über Mythologie lernen, über banales Alltagswissen, über das große Ganze, über das, was das Innerste des Menschen zusammenhält… und dennoch fühlen wir uns nie belehrt, nie gegängelt. Nymphomaniac macht auch so viel Spaß, weil er von seiner Quintessenz immer wieder zurück zum Episodischen, Lakonischen findet, weil er immer, wenn er Gefahr läuft, zu intellektuell zu werden, dem Zuschauer einen kleinen Cumshot verpasst, weil er, immer wenn er Gefahr läuft, zu pornographisch zu werden, das sexuelle Moment mit Bildern aus dem Konversationslexikon und Geschichten aus dem bourgeoisen Bürgerregal aufbricht; weil er, immer wenn er Gefahr läuft, zu bieder zu werden, die Sprengkraft des Kinos mit subversiven Reizen hervorhebt, und weil er immer, wenn er Gefahr läuft zu gewollt provokativ zu sein, sein Publikum mit Schätzen der Altersweisheit versöhnt.

In Nymph()maniac werden die Gegensätze von Pornographie und Kunst, von ironischer, konservativer Gediegenheit und provokanter Progression aufgelöst und zugleich in einem filmischen Ganzen vereint. Das liegt auch an der fantastischen narrativen Metabene zwischen Joe und Seligmann (beide ganz fantastisch gespielt, herausragend in Szene gesetzt), aber auch der locker-leichten Struktur des Gesamtfilms. Nymphomaniac macht tatsächlich Spaß… schlicht und ergreifend Spaß, so viel wie Lars von Trier noch nie. Und dennoch wirkt dieser P0rn-Blockbuster nie oberflächlich oder gehaltlos, sondern immer sein Sujet, seinen Inhalt und seine metaphorischen Ebenen treffend. Gut, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und am Ende zeigen sich bereits dunkle Wolken am Horizont. Teil 2 steht in den Startlöchern und nach diesem denkt man vielleicht auch über den ersten Teil wieder komplett anders. Bis dahin bleibt aber festzuhalten, dass Nymph()maniac wohl Lars von Triers leichtfüßigster, genussvollster und einfach auch mal schönster Film ist. Ein hedonistisches Meisterwerk, dass sich – im Gegensatz zu Joe – nicht für seine Lust und für seine Liebe, nicht für seine Triebgesteuertheit und Sinnlosigkeit schämt, sondern stattdessen die Sinne befeuert, anreichert, reizt, piesackt und versöhnt. Kudos, Herr von Trier, Sie haben es mal wieder geschafft, uns alle zu überraschen.

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