Die neuen konservativen Publizisten – Versuch einer Typologie

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Thilo Sarrazin veröffentlicht ein neues Buch, Matthias Matussek legt sich zuerst mit den Homosexuellen, dann mit Stefan Niggemeier, dann mit dem gesamten Internet an, Harald Martenstein schreibt nicht mehr, dass ihm nicht mehr einfällt, worüber er schreiben soll, sondern über das harte Los der armen, weißen, männlichen Besserverdiener und Jan Fleischhauer entdeckt im schwarzen Kanal die Satire von rechts. Auch 2014 setzt sich ein Trend fort, der bereits in den Jahren zuvor begonnen hat: Der Konservatismus, die Rechte strebt zurück in die Feuilletons und die Publizistik, um den Political Correctness Enthusiasten, Gutmenschen und linken Tugendterroristen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Aber woher kommen plötzlich all diese konservativen Publizisten, was schreiben sie so, lohnt es sich sie zu lesen und wie am besten auf sie reagieren? Versuch einer Typologie*:

1. Der** Wutbürger

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  • Prototypischer Vertreter: Harald Martenstein
  • Herkunft: Die arme, unterdrückte, männliche, weiße Oberschicht
  • Ist konservativ weil… ihm eine Feministin auf der Straße mal die Vorfahrt genommen hat.
  • Vorbilder: HB-Männchen
  • Zielgruppe: Die Stammtischbrüder nach dem dritten Bier
  • Lieblingssatz: “Das ist der reine Wahnsinn!”
  • Die Linken sind alle…. “geisteskrank!”
  • Lesevergnügen: Durchaus vorhanden, allerdings nur in geringen Dosen. Zu viel Wut verursacht Magengeschwüre.
  • Empfohlene Reaktion: Selbst ein Entspannungsbad nehmen, dem Wutbürger die Schulter tätscheln

2. Der Scherzbold

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  • Prototypischer Vertreter: Jan Fleischhauer
  • Herkunft: Die entbehrungsreiche, spaßbefreite Erziehung eines 68er Elternhauses
  • Ist konservativ weil… das linke Kabarett in den 90er Jahren aufgehört hat, lustig zu sein.
  • Vorbilder: Die Koryphäen des linken Kabaretts, insbesondere Dieter Hildebrandt. Wäre  gerne Polemiker (s.u.)
  • Lieblingssatz: “Die Ironie bei der Sache ist,…”
  • Zielgruppe: Die Linken
  • Die Linken sind alle… “humorlos”
  • Lesevergnügen: Ausgesprochen hoch, vor allem wenn man auch über sich selbst lachen kann. Ansonsten hat das Ganze oft was von einem Hollywood-Blockbuster: Hirn ausschalten und von dem lustigen Geplauder davontragen lassen…
  • Empfohlene Reaktion: Schmunzelnd den Kopf schütteln

3. Der Dissident

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  • Prototypischer Vertreter: Thilo Sarrazin
  • Herkunft: Die deutsche Gesinnungsdiktatur
  • Ist konservativ weil… sich irgendwer gegen diese verordnete linke Gleichmacherei stellen muss.
  • Vorbilder: Alle christlichen Märtyrer, alle verfolgten und unterdrückten Minderheiten
  • Zielgruppe: Die Stammtischbrüder nach dem siebten Bier
  • Lieblingssatz: “In diesem Land darf man nicht mehr sagen, dass…”
  • Die Linken sind alle… “Gesinnungsdiktatoren und Meinungsunterdrücker”
  • Lesevergnügen: Äußerst gering. Spätestens nach dem zehnten Heulen über Zensur und dem Herbeizitieren eines Orwell’schen Neusprechs wünscht man sich den Wutbürger zurück.
  • Empfohlene Reaktion: “Heul doch!”

4. Der Ängstliche

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  • Prototypischer Vertreter: Birgit Kelle
  • Herkunft: Die wohlbehütete, katholische Bundesrepublik Deutschland
  • Ist konservativ weil… ein sicherer gesinnungstechnischer Schutzraum über alles geht.
  • Vorbilder: Der verrückte Typ auf der Straße mit dem “Das Ende ist nah!”-Pappschild.
  • Zielgruppe: Kirchgänger und Bibelleser
  • Lieblingssatz: “Wenn diese Werte auch noch in Frage gestellt werden…”
  • Die Linken sind alle… “eine Bedrohung für unser Leben”
  • Lesevergnügen: Bescheiden. Ein wenig Empathie vorausgesetzt eignen sich seine Texte allerdings sehr gut als Gruselgeschichten am Lagerfeuer.
  • Empfohlene Reaktion: (Falls dem anderen Geschlecht zugehörig) In den Arm nehmen.

5. Der DADA-Poet

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  • Prototypischer Vertreter: Franz Josef Wagner
  • Herkunft: Die Forschung ist sich noch sicher. Die Erde nicht, so viel steht schonmal fest.
  • Ist konservativ weil… die Drogen noch nicht aufgehört haben, zu wirken. Außerdem muss ja irgendwer beweisen, dass Konservative nicht nur schräg sondern auch lieb sein können.
  • Vorbilder: Die besten Dichter unter den Vogonen
  • Zielgruppe: Die Menschheit
  • Lieblingssatz: “Liebe… Herzlich…”
  • Die Linken sind alle… “furchtbar lieb”
  • Lesevergnügen: Ja. Doch. So lange man nicht versucht einen roten Faden zu finden, sondern einfach die außerirdische Sprache wirken lässt.
  • Empfohlene Reaktion: In Briefform antworten.

6. Der Aristokrat

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  • Prototypischer Vertreter: Matthias Matussek
  • Herkunft: 68er Feuilleton
  • Ist konservativ weil… Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch links ist, hat keinen Verstand.
  • Vorbilder: er selbst
  • Zielgruppe: er selbst
  • Lieblingssatz: “Wie Sokrates bereits wusste und Goethe bereits sagte…”
  • Die Linken sind alle… “einfach gestrickt”
  • Lesevergnügen: Eher gering. Wenn man sich durch tausend weltliterarische Zitate und Schachtelsätze gequält hat, stellt man früher oder später doch fest, dass der Autor selbst nicht so genau wusste, was er eigentlich schreiben wollte. Aber wie Platon bereits wusste und Leibniz bereits sagte…
  • Empfohlene Reaktion: Nach Fehlschlüssen, Recherchepannen und kleinen Rechtschreibfehlern suchen.

7. Der Polemiker

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  • Prototypischer Vertreter: Henryk M. Broder
  • Herkunft: Der Kriegsschauplatz von linken, konservativen und liberalen Publizisten
  • Ist konservativ weil… man sich so immer noch am besten Feinde machen kann.
  • Vorbilder: Kurt Tucholsky, Franz Josef Strauß
  • Zielgruppe: Alle, die nicht rechtzeitig in Deckung gehen
  • Lieblingssatz: Egal, so lange er sich mit einem guten Fluch und mindestens einem Schimpfwort unterlegen lässt, passt es.
  • Die Linken sind alle… “Nazis”
  • Lesevergnügen: Enorm, aber auch auf eigene Gefahr: Vor allem weil der Polemiker kampferprobt ist und am ehesten hin und wieder ins Schwarze trifft, wenn es um Kritik an der Linken geht. Das liegt aber auch einfach daran, dass er wirklich in alle Richtungen austeilt, da sind Treffer vorprogrammiert.
  • Empfohlene Reaktion: In Deckung gehen. Gegen den Polemiker hat keiner eine Chance.

8. Der Zwiegespaltene

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  • Prototypischer Vertreter: Frank Schirrmacher
  • Herkunft: Philosophie-Kolloquium
  • Ist konservativ weil… weiß er selbst nicht mehr so genau. Und überhaupt: Was heißt konservativ? Was sind Werte? Was ist…
  • Vorbilder: Paulus und Saulus; mal der eine, mal der andere
  • Zielgruppe: Leute die beim FAZ-Lesen gleichzeitig Twitter bedienen können. Leute, die kein Problem damit haben, das kommunistische Manifest im Bücherregal neben den Untergang des Abendlandes einzusortieren
  • Lieblingssatz: “Die Welt hat sich verändert.”
  • Die Linken sind alle… “doch mehr im Recht gewesen, als ich dachte.”
  • Lesevergnügen: Sehr hoch. Gerade auch weil der Zwiegespaltene unter Beweis stellt, dass sich konservative Denkmuster aufbrechen lassen, ohne sich gleich an die Linke anzubiedern. Dadurch gewinnen die Texte nicht nur Unterhaltungswert sondern auch Tiefe.
  • Empfohlene Reaktion: Diskutieren. Dieser Typus des konservativen Publizisten ist für Argumente offen.

9. Der Proll

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  • Prototypischer Vertreter: Philipp Burger
  • Herkunft: Die Straße und das echte Leben
  • Ist konservativ weil… das ist das Land der Vollidioten
  • Vorbilder: Böhse Onkelz
  • Zielgruppe: Die Stammtischbrüder nach dem zwölften Bier
  • Lieblingssatz: “Das ist das Land der Vollidioten!”
  • Die Linken sind alle… “Vollidioten”
  • Lese-/Hörvergnügen: Vernichtend gering, da sich zu dummen Texten auch noch dumme Musik gesellt
  • Empfohlene Reaktion: Ärzte

Anmerkungen:

*Natürlich sind die Grenzen zwischen den einzelnen Typen fließend. So weist ein Thilo Sarrazin sowohl dissidentische, aristokratische als auch wutbürgerliche und prollige Charakteristika auf. Eine Birgit Kelle tritt in der Öffentlichkeit auch gerne als Dissident in Erscheinung und ein Harald Martenstein kann sowohl der Larmoyanz als auch DADA-Poesie verfallen. 

**Zu Gunsten der Lesbarkeit für die konservative Fraktion wurde auf jegliche Genderisierung verzichtet.

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